Stilkritik Krisenhilfe in Stilettos

Zu modisch, das geht gar nicht, finden viele Menschen und spotten über Melania Trumps Outfit für den Besuch im Katastrophengebiet. Dabei ist das Outfit der First Lady nur authentisch - und obendrein irrelevant.

Melania und Donald Trump auf dem Weg zur Marine One
DPA

Melania und Donald Trump auf dem Weg zur Marine One

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Wie konnte sie nur? Melania Trump hat viel Kritik geerntet für ihr Outfit, in dem sie in die von Tropensturm "Harvey" zerstörten Gebiete in Texas unterwegs war. Besonders ihre hohen Schlangenleder-Stöckelschuhe brachten der First Lady viel Spott ein. Dazu trug sie eine schwarze Caprihose, ein schwarzes Shirt und eine armeegrüne Bomberjacke. Auf der Nase saß eine getönte Pilotenbrille.

Dieses Maß an Stilsicherheit war für einige zu viel. "Hilfe ist unterwegs, Texas! Keine Sorge, Melania hat ihre speziellen Sturm-Stilettos", schrieb der Drehbuchautor Brad Wollack im Kurznachrichtendienst Twitter. Die Komikerin Jessica Kirso twitterte ebenfalls spöttisch: "Super Idee, First Lady. Mit deinen Absätzen kannst du die Trümmer aufsammeln."

Doch nicht nur im Lieblingsmedium ihres Mannes - der eine schwarze Regenjacke, eine khakifarbene Hose und braune Stiefel trug - brach ein Sturm der Entrüstung über Melania Trump herein. Auch einige der einflussreichsten US-Modejournalistinnen waren empört angesichts der trendigen Kombination. Für Vanessa Friedman von der "New York Times" war sie ein Sinnbild für die Abgehobenheit der Trumps. In der "Vogue" war zu lesen: "Warum, warum nur, bekommt diese Regierung einfach nichts hin, nicht einmal ein Paar Schuhe?"

Zunächst einmal sei bemerkt, dass die Präsidentengattin diese Aufmachung nur auf dem Hinflug anhatte. In der Marine One tauschte sie die Stilettos gegen ein paar weiße Turnschuhe, wahrscheinlich auf Anraten ihrer PR-Berater. Das schwarze Shirt wich einem weißen Hemd mit hochgeklapptem Kragen und auf dem Kopf trug Trump nun eine lächerliche Schirmmütze mit dem Schriftzug "FLOTUS", was für "First Lady of the USA" steht. Nur die Hose und die Pilotenbrille waren noch übrig vom Ursprungslook.

Donald und Melania Trump in Corpus Christi, Texas
AP

Donald und Melania Trump in Corpus Christi, Texas

Keine Frage, Stil beinhaltet immer auch Respekt und Einfühlsamkeit gegenüber den Mitmenschen. Diese Eigenschaften sprechen die Kritiker der First Lady pauschal aufgrund ihrer Kleiderwahl ab. Besorgt sein und gut dabei aussehen gehen offenbar nicht. Ob Melania Trump ernsthaft vom Schicksal der Menschen in den überfluteten Gebieten bewegt ist, weiß nur sie selbst. Den Betroffenen jedenfalls dürfte es vermutlich egal sein, wie hoch ihre Absätze sind, wenn sich die First Lady vor Ort nach ihnen erkundigt.

Für die Menschen in Texas zählen gerade andere Dinge: schnelle Hilfe, die der Präsident natürlich versprochen hat - in einer noch nie dagewesenen Schnelligkeit und Form. Wie er halt ist, der Superlativ-Präsident. Neben Unterstützung erwarten diese Menschen von Politikern vielleicht außerdem noch eine gewisse Glaubwürdigkeit. Genau das vermittelt die Kleidung der First Lady. Das Outfit ist authentisch. Gummistiefel und eine Regenjacke vom US-Katastrophenschutz wären es in ihrem Fall nicht.

Es wäre genau jene Form der Inszenierung, die viele Menschen peinlich finden: George W. Bush in voller Bomberpiloten-Macho-Montur an Deck eines Flugzeugträgers war beispielsweise genauso unglaubwürdig wie seine "Mission Acomplished"-Rede, die er darin 2003 an Bord des Flugzeugträgers USS "Abraham Lincoln" hielt.

Dass Melania Trump im Anschluss an ihren Besuch nur ein dünnes Statement hat veröffentlichen lassen - "...ich möchte nicht nur durch Worte, sondern durch meine Taten helfen..." - ist dagegen schon schlimmer und setzt die Präsidentengattin unter Zugzwang. Genug Privatvermögen, um zu helfen, hätte sie. Mehr als genug. All jenen, die sich angesichts so großer Hilflosigkeit nun Michelle Obama zurückwünschen, sei noch in Erinnerung gerufen, dass auch sie schon ordentlich ins Fettnäpfchen getreten ist: In 540-Dollar-Turnschuhen war sie 2009 zur Armenspeisung erschienen.



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