Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Demos gegen Finanzindustrie: Proteste weltweit

Foto: ALESSANDRO BIANCHI/ REUTERS

Aufstand gegen Finanzindustrie Randalierer in Rom zünden Autos an

Weltweit sind die Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Macht der Geldindustrie zu demonstrieren. Meist blieben die Märsche friedlich. Doch in Rom eskalierte der Protest - Krawallmacher legten Feuer, es gab Verletzte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rom/London - Im Internet wurde massiv für die Proteste getrommelt - und die Bürger folgten: Tausende Menschen haben in ganz Deutschland gegen die Macht der Banken und die Auswüchse an den Finanzmärkten protestiert. Auch in anderen Ländern gingen viele auf die Straße: Die aus den USA stammende Bewegung "Occupy Wall Street" hat damit Europa erreicht. Auch in Asien demonstrierten Menschen gegen die Macht der Finanzindustrie.

In Frankfurt demonstrierten laut Polizei etwa 5000 Menschen vor der Europäischen Zentralbank (EZB). "Es geht gegen die Banken, gegen die finanziellen Machthaber im System, es geht darum, dass Profite vor den Menschen stehen", sagte Wolfram Siener, Sprecher der Frankfurter Protestbewegung.

Der 15. Oktober war weltweit zum Aktionstag ausgerufen worden. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac sprach von einem Erfolg: "Der Funke ist übergesprungen, die Bewegung ist da." In mehr als 900 Städten in 82 Ländern hätten Teilnehmer "ihre Wut über die Macht der entfesselten Finanzmärkte auf die Straße getragen".

In Berlin zogen laut Attac 8000 bis 10.000 Menschen zum Bundeskanzleramt. Auf Transparenten hieß es "Gegen die Diktatur der Banken" und "Wäre die Erde eine Bank, hättet ihr sie längst gerettet". Am Abend räumte die Polizei ein Zelt, das Demonstranten vor dem Reichstagsgebäude aufgestellt hatten. Einige der rund 50 Personen, die eine Sitzblockade errichtet hatten, wurden weggetragen. Auf dem Platz vor dem Reichstag hielten sich zu dem Zeitpunkt mehrere hundert Menschen auf - obwohl die angemeldete Demonstration eigentlich am frühen Abend vor dem Bundeskanzleramt enden sollte.

In Köln gingen etwa 1500 Menschen durch die Innenstadt, mit Transparenten forderten sie mehr soziale Gerechtigkeit. Auch in München kamen Hunderte Menschen friedlich zusammen. Die Kapitalismuskritiker forderten "Jagt die Zocker vom Börsen-Hocker" und "Zwingt die Banken in die Schranken". Einige streckten nach dem Vorbild arabischer Proteste Schuhe wurfbereit in die Höhe. Unter den Teilnehmern waren etliche Familien mit Kindern.

Demonstrationen gab es laut Attac in 50 deutschen Städten, die Zahl der Teilnehmer lässt sich jedoch immer nur grob schätzen. Generell fallen die Angaben der Polizei meist geringer aus als die der Veranstalter. Auf dem Rathausmarkt in Hamburg versammelten sich laut Attac 5000 Menschen, in Stuttgart seien es 3000 gewesen, in Leipzig 2500 und in Bochum 400.

Assange beteiligt sich am Protest in London

International war die Beteiligung an der Aktion sehr unterschiedlich: In Rom versammelten sich Zehntausende, die Veranstalter rechneten sogar mit mehr als 100.000 Teilnehmern. Allerdings dürften hier vor allem innenpolitische Gründe eine Rolle gespielt haben - Ministerpräsident Silvio Berlusconi steht derzeit massiv unter Druck.

Unter dem Motto "People of Europe, rise up!" (Völker Europas, steht auf) startete der für 14 Uhr angesetzte Demonstrationszug durch Rom früher als geplant. Wenig später begannen auch die Krawalle: Vermummte Demonstranten zündeten Autos an, warfen Fensterscheiben von Banken ein, griffen Kamerateams an, verbrannten italienische und europäische Fahnen. Schwarzer Rauch stieg über der Innenstadt auf.

Die geplante Kundgebung auf der Piazza San Giovanni fand nicht statt. Dort lieferten sich Randalierer Kämpfe mit der Polizei. "Die Situation ist außer Kontrolle", sagt SPIEGEL-Korrespondentin Fiona Ehlers, die den Protest vor Ort beobachtet. Bei den Randalierern handele es sich nicht nur um eine kleine Gruppe. Friedliche Demonstranten versuchten, die gewalttätigen zu stoppen und zu isolieren - das gelang aber nicht.

Auch ein Anbau des Verteidigungsministeriums wurde in Brand gesetzt. Aus dem Gebäudeteil in der Via Labicana schlugen Flammen aus den Fenstern und aus dem Dach. Eine Gruppe Vermummter drang in eine der abgesperrten archäologischen Stätten in der Nähe des Kolosseums ein. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein.

Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa seien 70 Menschen verletzt worden, drei von ihnen schwer.

In London versammelten sich die Finanzmarktkritiker an der Saint-Paul's-Kathedrale und der Börse. Auch WikiLeaks-Gründer Julian Assange nahm an der Demonstration teil. Assange plane, bis 22 Uhr zurück auf dem Landsitz im ostenglischen Suffolk zu sein, um seine Kautionsauflagen nicht zu verletzen, sagte sein Kompagnon Vaughan Smith.

Auch in London kam es zu Rangeleien mit den eingesetzten Polizeikräften, als einige der etwa 800 Demonstranten sich in Richtung der abgesperrten Börse bewegten. Aus Angst vor Ausschreitungen wie im August war in der britischen Hauptstadt ein riesiges Polizeiaufgebot im Einsatz.

In Schwedens Hauptstadt Stockholm beteiligten sich etwa tausend Demonstranten an den Protestaktionen. In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen erwarteten die Veranstalter einige hundert Teilnehmer, ebenso im norwegischen Oslo.

Auch im asiatisch-pazifischen Raum wurde gegen die Macht der Banken demonstriert. Im Bankenviertel von Hongkong versammelten sich rund 500 Menschen. Etwa hundert Tokioter demonstrierten in der japanischen Hauptstadt unter dem Motto "Occupy Tokyo".

In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul versammelten sich je nach Schätzung 70 bis 200 Demonstranten bei strömendem Regen vor dem Hauptquartier der Finanzaufsicht. Auch sie riefen "Besetzt den Finanzdistrikt" und "Wir sind die 99 Prozent" - in Abgrenzung zu den wenigen extrem Reichen auf der Welt.

In Sydney demonstrierten 600 Menschen vor der australischen Zentralbank.

hut/dpa/AFP/dapd