Weltkriegswracks vor Helgoland Das letzte Gefecht des Torpedoboots V-187

Am 28. August 1914 sanken in der Nordsee vier deutsche Kriegsschiffe im Gefecht gegen die britische Marine. Raubtaucher plündern die Wracks - was Unterwasserarchäologen nun verhindern wollen.

Florian Huber

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Irgendwann wusste niemand mehr, auf wen er eigentlich feuert. Kurz vor Helgoland trafen am 28. August 1914 deutsche und britische Kriegsschiffe aufeinander - bei extrem schlechter Sicht. Der Erste Weltkrieg hatte gerade erst begonnen, beide Länder bekämpften sich zum ersten Mal in einem Seegefecht. Für die kaiserliche Marine wurde die Schlacht zum Desaster.

Britische U-Boote hatten am Morgen des 28. Augusts mehrere deutsche Zerstörer und Torpedoboote, die vor Helgoland stationiert waren, in einen Hinterhalt hinaus auf die Nordsee gelockt. Die deutschen Schiffe waren den britischen deutlich unterlegen - und mit Hilfe konnten sie nicht rechnen: Die deutschen Schlachtkreuzer steckten in Wilhelmshaven fest, weil sie bei Ebbe nicht auslaufen konnten.

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Wrack vor Helgoland: Das Torpedoschiff V-187

Als noch dichter Nebel aufzog, herrschte Chaos. Die Briten zielten wegen der schlechten Sicht sogar auf ihre eigenen Schiffe. Doch im letzten Moment bemerkten sie ihren Irrtum und konnten schließlich das deutsche Torpedoboot V-187 in die Zange nehmen und versenken. Kurz danach gingen auch die deutschen Kleinen Kreuzer "Mainz", "Ariadne" und "Cöln" nach Torpedotreffern unter. 760 Soldaten kamen auf den vier deutschen Kriegsschiffen ums Leben.

Für die untergegangenen Schiffe interessierte sich seither kaum jemand. Vermutlich wäre das bis heute so, wenn Florian Huber nicht ein Video der Wracks bei YouTube gesehen hätte - gut hundert Jahre nach ihrem Untergang.

"Die Wracks sind extrem gefährdet"

In dem Video ist zu sehen, wie niederländische Taucher die Wracks plündern, sogar ein vier Meter langes Flakgeschütz montieren sie ab. "Das hat mich total geärgert", sagt Huber. Er ist Unterwasserarchäologe und weiß, wie wertvoll untergegangene Kriegsschiffe für die Forschung sind, weil sie geschichtliche Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg bezeugen. "Außerdem handelt sich um Kriegsgräber. Ich würde ja auch nicht auf einem Soldatenfriedhof die eisernen Kreuze von den Grabsteinen schlagen", empört sich Huber.

Gemeinsam mit Kollegen erstattete er Anzeige. Rechtlich gesehen gehören die Schiffe noch immer Deutschland, und es ist illegal, sie auszuschlachten. Raubtaucher interessiere das aber wenig, moniert Huber. Das Video bei YouTube zeige deutlich, welche Schäden sie bereits angerichtet hätten. Huber und sein Team beschlossen deshalb, den Zustand der untergegangenen Kriegsschiffe vor Helgoland zu dokumentieren und sammelten dafür Geld bei Sponsoren ein. "In diesem Jahr haben wir das Torpedoboot V-187 untersucht", erzählt Huber.

Im Video: Wie ein Tauchroboter einen Milliardenschatz fand

REUTERS/ Colombian Ministry of Culture

Mithilfe von Schallmessungen tasteten die Forscher zunächst den Meeresboden ab und stießen tatsächlich auf ein Wrack, dessen Fundort und Ausmaße genau zu dem Torpedoboot V-187 passten. Um sicherzugehen, dass es sich um das gesuchte Schiff handelt, mussten die Archäologen jedoch zu der Fundstelle in gut vierzig Meter Tiefe tauchen - eine schwierige Aufgabe.

Durch die Gezeiten haben die Forscher nur jeweils eine Stunde pro Tauchgang, sonst ist die Strömung zu stark. Außerdem ist die Sicht in der Nordsee extrem schlecht. "Meistens können wir nur ein oder zwei Meter weit gucken - wenn überhaupt", sagt Huber.

"Erst da waren wir uns sicher"

Während der Tauchgänge dokumentierten die Forscher den Zustand des Wracks mit hochauflösenden Kameras. Außerdem bargen sie mehrere Artefakte wie einen Porzellanteller und die Hülse einer Signalpatrone aus dem Ersten Weltkrieg. "Erst da waren wie uns sicher, dass wir das richtige Wrack gefunden haben", sagt Huber.

Die V-187 ist in der Mitte auseinandergebrochen und stark beschädigt. Von den ursprünglich drei Torpedorohren an Deck ist nur noch eines vorhanden. Die anderen wurden vermutlich gestohlen.

Auf Knochen sind die Archäologen bisher nicht gestoßen. "Die liegen wahrscheinlich im Innern des Schiffs, und da reinzutauchen wäre viel zu gefährlich", sagt Huber. Die Taucher müssten ohnehin höllisch aufpassen. Die Nordsee vor Helgoland sei voll mit alten Fischernetzen, in die sie sich leicht verfangen können.

Wie ein Heizer als Einziger überlebte

Die Archäologen gleichen ihre Forschungsergebnisse auch mit schriftlichen Überlieferungen ab. Dabei stoßen sie immer wieder auf persönliche Geschichten wie die von Adolf Neumann, der als Heizer diente und als Einziger von 500 Soldaten den Untergang der "Cöln" überlebte.

Neumann trieb drei Tage lang in der Nordsee, bevor man ihn rettete. Er hatte sich mit anderen Überlebenden an das Wrack eines Beiboots geklammert, erzählte er nach seiner Rettung. Doch einer nach dem anderen seien die anderen Soldaten schließlich untergegangen, bis nur noch Neumann übrig blieb.

"Unsere Aufgabe ist es, die Wracks und die mit ihnen verbundenen Geschichten zu bewahren", sagt Unterwasserarchäologe Huber. Deshalb werden er und sein Team im kommenden Sommer wiederkommen. Und auch über einen weiteren Erfolg können sich die Archäologen freuen: Die Polizei hat die Häuser der niederländischen Raubtaucher durchsucht und dabei mehrere Funde sichergestellt, die von den Kriegswracks vor Helgoland stammen. Sie gehen jetzt an das Militärmuseum in Dresden.

Zusammengefasst: Während des Ersten Weltkriegs sanken vor Helgoland am 28. August 1914 vier Kriegsschiffe der deutschen Kaiserlichen Marine. Immer wieder wurden sie von Raubtauchern geplündert. Nun dokumentieren Unterwasserarchäologen den Zustand der Wracks, um so viele Informationen zu sichern wie möglich.



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Grummelchen321 30.08.2018
1. Leider
muss man immer wieder lesen wie rücksichtlos Taucherkollegen vorgehen.Sie plündern Schiffe die Grabstätten sind.Mitverantwortlich Sammler die mitunter horende Preise für diese Art von Militaria zahlen.Es fehlen rechtliche Vorraussetzungen um diese Menschen mit hohen Strafen zur Verantwortung zu ziehen.Das Problem der Plünderung ist jedoch nicht auf die heimischen Gewässer beschrenkt weltweit verschwinden sogar ganze Schiffe vom Meeresgrund.Es ist offensichtlich zu lukrativ.
Nelkenghetto 30.08.2018
2. nur frage ich mich
was so etwas in einem Museum in Dresden zu suchen hat? Es gibt nähere Museen wie das Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven die so etwas sicher auch gut ausstellen könnten als ein tristes Militärmuseum
JJOOLL 30.08.2018
3. Nelkenghetto
Museen sind nicht einfach nur Sammelplätze für Artefakte, es geht um thematische Einordnung – und natürlich auch um Platz.
Nelkenghetto 30.08.2018
4. @ jjooll
habe ich mit dem genannten Museum nicht genug Argumente geliefert warum Schiffsteile in einem Schiffahrtsmuseum landen sollten? In Dresden, also weitab jeglicher grösseren Wasserflächen kann gerne alles andre ausgestellt werden wie Panzer, Schusswaffen usw usf was halt im ländlichen Bereich dazu gehörte. Aber soll wohl nicht so sein
Hamberliner 30.08.2018
5. so verbrennt man Geld
Wenn die Taucher das Material verkauft hätten, um ihre Abschreibungen und Betriebskosten zu decken und eine Rendite für das investierte Kapital zu erwirtschaften, dann könnte ich das noch nachvollziehen. Stattdessen haben sie es einfach nur zuhause gehortet. Wie kann man nur so dumm sein.
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