Einteilung in Domänen Riesenviren sind doch Lebewesen

Ohne einen Wirt gehen Viren zu Grunde, deshalb gelten sie nicht als Lebewesen. Forscher haben Riesenviren nun mit Bakterien verglichen - und fanden erstaunliche Ähnlichkeiten. Das Ergebnis legt nahe, die Schmarotzer doch in den Stammbaum des Lebens aufzunehmen.

Megavirus chilensis: Besitzt das größte bislang bekannte Virengenom
AFP/ IGS-CNRS/ C. Abergel

Megavirus chilensis: Besitzt das größte bislang bekannte Virengenom


Eukaryonten, Bakterien und Archaeen - alle Lebensformen werden bislang in diese drei Gruppen eingeteilt. Viren nicht, denn sie gelten nicht als Lebewesen. Das soll sich ändern: In einer Studie im Fachmagazin "BioMed Central - Evolutionary Biology" fordern Wissenschaftler eine eigene Domäne für Riesenviren.

Grund für ihre Forderung: Die Forscher hatten untersucht, wie Proteine in 1000 verschiedenen Lebewesen gefaltet sind - darunter Bakterien, Archaeen und Eukaryonten. Tatsächlich gibt es zahlreiche Proteinfaltungen, die in fast allen Organismen vorkommen, diese gelten evolutionär als sehr alte Strukturen. Im direkten Vergleich fanden die Forscher viele dieser Merkmale auch in Riesenviren. Daher gehen sie davon aus, dass diese den zellulären Lebensformen ähnlicher sind als bislang gedacht.

Viren können sich nicht selbständig fortpflanzen und sind daher stets auf den Wirt angewiesen den sie befallen, um ihre Funktionen aufrecht zu erhalten. Deshalb gelten sie bislang auch nicht als Lebewesen. Im Gegensatz zu ihren durchschnittlich großen Verwandten besitzen Riesenviren jedoch große Genome, mit denen sie sogar Enzyme herstellen können. Diese sind unerlässlich, um eigenständig überlebenswichtige Proteine zu erzeugen.

"Riesenviren verbindet offenbar vieles mit zellulären Lebewesen", sagt Forschungsleiter Gustavo Caetano-Anollés von der University of Illinois. Die aktuelle Untersuchung zeige, dass die großen Viren ursprünglich wesentlich mehr Tätigkeiten selbst übernehmen konnten, als heute. "Doch mit der Zeit passten sie sich an das Leben als Parasiten an und verloren zahlreiche Gene und Fähigkeiten." Die Forscher plädieren nun dafür, Riesenviren neben den Eukaryonten, Bakterien und Archaeen einer eigenen Domäne zuzuordnen. Sie seien ihren frühen zellulären Verwandten ähnlicher als den kleinen Viren.

Größter Vertreter der Viren war bis Ende 2011 das Mimivirus (Acanthameoba polyphaga). Es erreicht einen Durchmesser von bis zu 750 Nanometern und besitzt über 1000 Gene. Damit ist es größer als zahlreiche parasitäre Bakterien. Übertrumpft wird Mimi nur noch vom Ende 2011 in Chile entdeckten Magavirus chilensis, dessen Erbgut über 1100 Gene enthält.

jme

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