Die letzten Kapitalisten
Odol im Volksmund
Die behäbige Wirtin im »Goldenen Löwen« zu Meerane (Sachsen) hat alle Hände voll zu tun. 40 prominente Gäste müssen bewirtet werden. Mit eleganten Kabrioletts und Limousinen kamen sie aus Berlin, SED-Parteifunktionäre, Kriminalisten, Kontrolleure und Revisoren der ostzonalen »Zentralen Kontroll-Kommission« der Wirtschaftskommission. Sie überprüfen die »Plan-Disziplin der Privat-Textilindustrie von Glauchau und Meerane.«
Der »Goldene Löwe« wurde ihr Standquartier. Hier knüpfte man die Fäden zum feinmaschigen Netz. Ueber 50 Textilfabrikanten, Betriebsleiter, Großhändler und Parteifunktionäre verstrickten sich darin. Einige rote Direktoren fielen auch. Ueber 50 Beschuldigte flüchteten rechtzeitig westwärts. Bei 13 größeren Firmen fehlten 1,3 Millionen Meter Plansoll-Textilien, Wert: 6,8 Millionen Mark.
»Korruptionsskandal« schrie die SED- und sonstige Presse von Sachsen bis Mecklenburg. »Unterschlagungen, wirtschaftsschädigende Handlungen wie Sabotage, Schiebertum und unzulässige Kompensationsgeschäfte« lautete der »ZKK-Spruch«. Er lief über den Draht nach Berlin. Endpunkt: Zimmer 2293, 2. Stock im Haus der »Wiko«, Leipziger Straße 5-7.
Dort, in Görings einstigem Luftfahrtministerium, residiert seit einiger Zeit ZKK-Chef Oberbürgermeister a. D. Fritz Lange, ein radikaler SED-Linksaußen. SED-Ulbricht, der Zweijahresplan-Initiator, hat ihn aus Brandenburg nach Berlin kommandiert. Er wurde Chefkontrolleur der Sowjetzone. Selbst Ministerpräsidenten müssen ihm Rede und Antwort stehen.
Vom Volksschullehrer zum Berufsrevolutionär machte der NS-KZler seinen Weg. Die Brandenburger werden ihn in Erinnerung behalten. Ihm verdanken viele einen Nachkriegs-KZ-Aufenthalt. »Odol« (Opfer des Oberbürgermeisters Lange) taufte sie der Volksmund.
Bei schweren Repräsentationszigarren macht er mit seinen Assistenten jetzt in SED-Schulung. »Die Rolle der Partei im gegenwärtigen Stadium des Klassenkampfes« heißt sein Hauptthema. Darin will er beweisen, daß die letzten Kapitalisten in Sowjet-Deutschland sich gegen die wirtschaftliche Verplanung der SED verschworen hätten.
Fritz Lange verweist auf Parallelen der volksdemokratischen Balkanentwicklung. Walter Ulbricht, Drehpunkt aller SED-Politik, hat bereits im »Neuen Deutschland« deutliche Richtlinien gegeben. Die Privatindustrie müsse zerschlagen werden. Das beweise erneut der »Fall« Glauchau-Meerane.
Bisher konnten alle Betriebe der Ostzone Waren gegen Rohstoffe kompensieren. SMA-geduldet, »mündlich« empfohlen. Ohne Kompensationen wäre die Industrie arbeitsunfähig gewesen.
Von den Glauchau-Meeraner Kompensationen - Ursache für die fehlenden 1,3 Millionen Meter - wußten Dutzende von Regierungsbeamten und Parteifunktionären. Inklusive des einstigen Sachsen-Wirtschaftsministers Fritz Selbmann. Zum stellvertretenden Wiko-Vorsitzenden avanciert, war er noch oft Textilempfänger.
Mit Stachanow-Ehrgeiz wollte der 49jährige Allround-Kommunist Selbmann Sachsen zum Sowjetzonen-Musterland machen.
Vier Fünftel der Textilindustrie kamen dabei zum Erliegen. Demontage, Ersatzteilmangel, leistungsunfähige Maschinen, schlechte Erzeugnisse waren die Hemmschuhe. Die Balkanstaaten schickten sächsische Strumpfsendungen zurück. Sie wollten Qualität und keinen Ausschuß.
»Man muß die Kapitalisten vor den sozialistischen Wagen spannen«, überlegte Selbmann.
Vor Privatunternehmern entwickelte er ein profitverheißendes Kompensationsprogramm. »Nowa«-Strumpffabrikant Pfotenhauer machte mit. Ein Ministerialratsposten honoris causa im sächsischen Wirtschaftsministerium war der Lohn. Selbmann stiftete ihn.
Die legalisierte Kompensation kompensierte Textilien über die grüne Grenze, zurück kompensierte sie nichts. Es kam raus. Pfotenhauer tötete sich selbst.
Fall Glauchau-Meerane zieht täglich weitere Kreise. Das Sächsische Textil-Kontor gerät in den Strudel. Betriebsleiter und 20 Angestellte werden verhaftet.
Die belasteten Privatunternehmen können keine schriftliche Kompensationsgenehmigung vorweisen. Selbmann kann sich an nichts mehr erinnern. Er gestattete nur mündlich.
Prominenten Textilnutznießern, wie der Gattin des korpulenten Wiko-Stellvertreters Professor Kastner (LDP, »Primadonna« mit Spitznamen), rettete er die Stoffballen. Die einheitssozialistische Dresdener Ministerialdirektorin Erna Trübenbach, Strumpfgroßverbraucher, setzte sich in die Wiko ab.
Uebrig blieben nur die Privatunternehmer. Sie sind die »Schädlinge«. Bei ihrem Verhör filmte die Defa mit Jupiterlampen und Sowjetlizenz die Angstschweißtropfen auf ihren Stirnen. Die Häftlinge verschwiegen nichts. Sie seien von Mitgliedern der sächsischen Landesregierung zum illegalen Warenumtausch angestiftet worden.
Der junge Volksstaatsanwalt Erich Trotz, Nachfolger des westgeflüchteten Nicht-Volks-Vorgängers Großmann, hat schlaflose Nächte. Das Drehbuch zum Schauprozeß Glauchau-Meerane ist eine Sisyphusarbeit: die neuralgischen Punkte der beteiligten volkseigenen Betriebe müssen wegmassiert werden.
30000stimmig forderten die SED-Funktionäre des Kreises Grimma schon »die Todesstrafe für die Wirtschaftsverbrecher von Glauchau-Meerane«.