Superkleber Syndetikon Hauptsache, es leimt dich

Superkleber Syndetikon: Hauptsache, es leimt dich Fotos
Dirk Schindelbeck

Er leimte aufdringliche Liebhaber, kittete Herzen und klebte sogar Planeten: Ein Berliner Kaufmann machte im Kaiserreich aus Fischleim den Superkleber Syndetikon. Mit innovativer Reklame und lustigen Reimen wurde das Ur-Uhu zum Welterfolg - bis es an seinem Geruch zu Grunde ging. Von Dirk Schindelbeck und Christoph Gunkel

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Plötzlich saß der ungeliebte Verehrer in der Falle. Wochenlang hatte er der Komtesse Käthe den Hof gemacht, nun konnte er sich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weiblicher List hatte die Komtesse den aufdringlichen Mann nämlich auf ihren Sessel gelockt - den sie freilich zuvor mit einem starken Klebstoff präpariert hatte. Jetzt saß der "geleimte Liebhaber" fest - während sich seine Verehrte ungestört mit ihrem wahren Liebhaber versalustieren konnte.

Diese groteske Erzählung von 1894 stammt aus der Feder Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, einer der beliebtesten deutschen Schriftstellerinnen des Kaiserreichs. Das Bemerkenswerte aus heutiger Sicht ist der Titel der Humoreske: "Syndetikon". Das war der Name des Klebstoffes, mit dem die Komtesse ihren Liebhaber fixierte. Heute völlig in Vergessenheit geraten, kannte ihn im Kaiserreich jedes Kind - und sein Aufstieg in die Unterhaltungswelt war nur ein weiterer Triumph einer damals beispiellos erfolgreichen Werbestrategie.

Denn zum ersten Mal in der deutschen Literaturgeschichte war ein Markenprodukt zum Titel eines literarischen Werkes gewählt worden, das im Kaiserreich reißenden Absatz fand. Damit nicht genug: Mehrfach legte Autorin Adlersfeld-Ballestrem ihren Figuren gar den offiziellen Werbeslogan "Syndetikon klebt, leimt, kittet alles" in den Mund. Eine bessere Gratis-Werbung hätte sich Syndetikon-Erfinder Otto Ring kaum wünschen können. Ganz ungetrübt war der PR-Coup allerdings nicht: Denn in der Erzählung lästerten die Protagonisten immer wieder über den penetranten Geruch des Allesklebers.

Kleber aus Eingeweiden und Schwimmblasen

Nicht zu Unrecht: Denn Syndetikon war ein Fischleim. Seine genaue Rezeptur ist heute nicht mehr bekannt. Das "Handbuch der Drogeristen-Praxis" von 1893 schreibt unter dem Kapitel "Thiere, Thierteile und Thiersekrete", Syndetikon werde "durch Auskochen von allerlei Fischtheilen, Eingeweiden, Schwimmblasen" bereitet. Das Lexikon merkt allerdings an, dass Syndetikon neuerdings nur eine "dicke Zuckerkalklösung" sei.

Zusammengebraut wurde der erste deutsche Alleskleber in der "Fabrik chemisch-technischer Spezialitäten", die der Kaufmann Otto Ring 1878 in Berlin-Schönefeld gegründet hatte. Rings erstes Produkt, ein Fleckenwasser, floppte noch. Doch mit seinem Fischleim gelang dem Unternehmer zwei Jahre später der Durchbruch - auch dank einer konsequent durchgeführten Reklamestrategie.

Dabei war der Markenname zwar wohlklingend, aber sperrig. Kaum jemand wusste im Kaiserreich, was er eigentlich bedeutete. Und doch: Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gelang es Otto Ring, Syndetikon als Begriff in den Duden zu hieven. Wer nachschlug, konnte sogar noch bis ins Jahr 1973 nachlesen, wofür das aus dem Griechischen abgeleitete Kunstwort stand: "Bindender, flüssiger Leim, gesetzlich geschützter Name".

Die Macht der Wiederholung

Das hatte einen riesigen Vorteil: Der Name war schon 1880 international einsetzbar - seinerzeit ein Geniestreich, heute eine Selbstverständlichkeit bei einer Markeneinführung. Der Werbeslogan "....klebt, leimt, kittet alles" wurde in mehrere Sprachen übersetzt und pries dem Käufer ein Produkt mit scheinbar magischen Kräften an.

Konsequent setzte Otto Ring auf die Kraft der Wiederholung: Über ein halbes Jahrhundert hin warb er stets demselben Slogan. Daneben war er wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen offen für werbegrafische Innovationen. Das Motiv "Festkleben als Missgeschick", wie es Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem in ihrer Humoreske angeschlagen hatte, sollte zum Markenzeichen werden.

Schon 1899 hatte Ring damit begonnen, als er dem Maler Ferdinand Schultz-Wettel den Auftrag für ein Plakat erteilte. Dessen Jugendstil-Entwurf zeigte eine engelsgleiche Frauenfigur, die mit Hingabe und Syndetikon zerbrochene Herzen wieder zusammenklebte. Kurz nach der Jahrhundertwende machte Ring dann die Bekanntschaft dreier Studenten der "Unterrichtsanstalt am Königlichen Kunstgewerbe-Museum zu Berlin": Fritz Helmuth Ehmcke, Georg Belwe und Friedrich Wilhelm Kleukens.

Ein Werbepionier des Kaiserreichs

Die drei Männer hatten im Herbst 1900 ihre "Steglitzer Werkstatt" gegründet und suchten nun Aufträge. Schnell entwickelte sich eine rege Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmer, den sie bald liebevoll "unseren guten Onkel Ring" nannten: "Herrn Rings große Bestellungen auf Rundschreiben, Bilderbogen, Schachtelausstattungen und allerlei Geschäftspapieren, die zumeist in Massen hergestellt wurden, waren willkommenes Futter für unsere Druckmaschinen", erinnerte sich Fritz Helmuth Ehmcke später.

Vor allem bei ihren drei mal fünf Zentimeter kleinen Reklame-Briefmarken, damals ein noch recht neues Werbemedium, entpuppten sich die jungen Grafiker als sehr innovativ. Brüllende Tiger und verblüffte Elefanten blieben an dem zähen Teufelsleim hängen und konnten seiner Klebekraft nichts entgegensetzen. Sogar zerbrochene Planeten konnten, so suggerierten die Werbemarken, mit Syndetikon flugs wieder zusammengebaut werden.

Ring ging auch beim Absatz ungewöhnliche Wege. Als erster deutscher Unternehmer kam er auf die Idee, Einwickelpapier von Versandpackungen mit Reklame bedrucken zu lassen, um so den Zwischenhandel für sich zu einzunehmen. Zudem erkannte er früh die Rolle des Spielwarenhandels und dachte über Komplementär-Artikel nach, für die Syndetikon unverzichtbar war. So entstand in Zusammenarbeit mit dem Grafiker August Hajduk das Syndetikon-Bauspiel - ein angeblich "pädagogisch wertvoller" Ausschneidebogen für Kinder, der auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 ausgezeichnet wurde.

Reimen für den Superkleber

Nachdem die große Zeit der Reklamemarke nach dem Ersten Weltkrieg vorbei war, verlegte sich Ring in den zwanziger Jahren verstärkt auf Zeitungsannoncen. Durch eine Reihe von lustigen Bilderserien in Versform, ganz im Stil von Wilhelm Busch gehalten, wurde die sagenhafte Klebekraft von Syndetikon weiterhin sinnfällig gemacht - so etwa in der Geschichte "Die verschlossene Tür":

Der Fritz muss heute Einkauf machen,

und neben andern guten Sachen

trägt er in seinem Korb davon

`ne Tube mit Syndetikon.

Jedoch er nimmt sich nicht in acht,

denn, als er zu die Haustür macht,

verliert aus seinem Korb der Bube

die eben eingekaufte Tube.

Da liegt sie und wird auf der Stelle

gefesselt zwischen Tür und Schwelle.

Doch was ist das? Nach kurzer Zeit

das ganz Haus nach Hilfe schreit.

Hier sieht man auch den Grund dafür:

Verrammelt ist des Hauses Tür!

Und Hilfe ruft das Telefon,

bald weiß die ganze Stadt es schon.

Es rast heran ein wildes Heer,

zuletzt kommt gar die Feuerwehr.

Die ist nicht müßig lang geblieben:

Sie sprengt die Tür mit wuchtgen Hieben.

Der Detektiv mit seinem Hund

geht gleich der Sache auf den Grund.

Nach kurzem Suchen hat er schon

die Spuren vom Syndetikon.

"Ha, ruft er, jetzt ist alles klar,

Syndetikon im Spiele war!

Wo dieses einmal haftet fest,

sich’s ewig nicht mehr lösen lässt."

1937 starb der heute nahezu unbekannte Werbepionier Ring. Und schon kurz nach seinem Tod war es mit der bis dahin unangefochtenen Marktführerschaft von Syndetikon in Deutschland vorbei. Nun drängten auf Kunstharzbasis entwickelte Alleskleber auf den Markt. Sie leimten nicht nur besser, ohne dass die Klebestellen mit der Zeit spröde und fleckig wurden, sondern hatten einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie stanken einfach nicht nach Fisch.

Binnen weniger Jahre wurde nun Uhu in Deutschland das, was Syndetikon ein halbes Jahrhundert lang gewesen war - ein Synonym für Klebekraft - und drängte seinen Vorgänger damit endgültig in die Vergessenheit.

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1.
M. Kraner 13.03.2011
Syndetikon ist vergessen? Nein. Jedenfalls nicht ganz und gar. Denn eine winzige Schar von Zeitgenossen verwendet den Leim auch weiterhin: Von einigen Entomologen (Insektenkundlern) wird er auch heute noch benutzt, um kleinste Insekten zu präparieren. Die benötigten Mengen sind, ebenso wie die Präparate, winzig. Zu klein jedenfalls, um eine Leimfabrik damit zu finanzieren. Eine Tube reicht für Jahre.
2.
helmut becker 13.03.2011
Der Leim wird auch heute noch hergestellt und in groesseren Mengen verwendet, als bei den Insektenkundlern. Zum fixieren von Edelsteinen und Diamanten beim Schleifen. Entweder ist er besonders schonend zu den teuren Steinen und kann danach einfach entfernt werden oder/und aus Handwerkertradition. www.syndetikon.com
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