Vergessener Freizeitpark Traumland im Dornröschenschlaf

Vergessener Freizeitpark: Traumland im Dornröschenschlaf Fotos
Florian Seidel

Paradies in Trümmern: Vor 50 Jahren wurde der Erlebnispark "Nara Dreamland" als Japans Antwort auf Disneyland eröffnet. Nach der Schließung blieben verrottende Ruinen. Eine Nacht lang schlich Florian Seidel über das abgesperrte Gelände - und bannte den Verfall auf spektakuläre Bilder. Von Florian Seidel

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Das Land der Träume beginnt nur 60 Autominuten von der Millionenstadt Osaka entfernt - hinter Stacheldraht. Ein fröhlicher Schriftzug empfängt den Besucher am Eingang des einstigen Vergnügungsparadieses mit den Worten "Willkommen im Dreamland!". In den sechziger Jahren reihten sich hier lange Menschenschlangen auf, um sich in den Achterbahnen, Karussells und anderen Attraktionen des berühmten Parks zu vergnügen. Heute sind die kunterbunten Kassenhäuschen verrammelt. Der Sicherheitszaun, der einst zahlungsunwillige Besucher fernhalten sollte, dient nur noch dazu, Vandalen und Fotografen auf der Jagd nach Ruinenfotos, am Betreten des Dreamland zu hindern.

Hinter der Barriere liegt das, was Verfall und mutwillige Zerstörung vom Traum übrig ließen: Die einst leuchtend bunten Häuser links und rechts der Paradenprachtstraße sind verblichen, in ihren Fenstern gibt es kaum noch eine intakte Scheibe. Die Einrichtung der Kontrolleurshäuschen der meisten Fahrgeschäfte ist zertrümmert, und die ehemalige Pachinko-Halle auf dem Ostparkplatz ist inzwischen von Graffiti bedeckt. Die Steigungen und Kurven der alten Holzachterbahn, der früheren Hauptattraktion, sind im Sommer von Schlingpflanzen überwuchert.

Als ich 2009 zum ersten Mal das Nara Dreamland besuchte, war ich fasziniert von der Größe des früher berühmten Parks. Zu dieser Zeit begann ich Urban Exploration als Hobby und hielt mich vom ersten Tag an den Urbex-Ehrenkodex: Nichts mitnehmen außer Erinnerungen und Fotos, nichts zurücklassen außer Fußspuren. Wenn eine Tür klemmt oder verschlossen ist, dann bleibt sie eben zu. Doch die meisten anderen Besucher des geschlossenen Parks kannten diesen Kodex offensichtlich nicht. Das führte dazu, dass sich der Zustand in den nächsten zwei Jahren rapide verschlechterte.

Das Paradies von nebenan

Die Geschichte des Dreamland ist eng verwoben mit dem Aufstieg der japanischen Wirtschaft: Mit amerikanischer Hilfe nach 1945 als Bollwerk gegen den Kommunismus wieder aufgebaut, erlebte Japan ab den sechziger Jahren einen gewaltigen Boom. In den achtziger Jahren war das Land gar zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt nach den USA herangewachsen.

Bald erkannten Geschäftsleute den Bedarf an Reiseattraktionen im Inland, die den Bedürfnissen der Kurzurlauber entgegenkamen - und so wurde 1961 in der einstigen japanischen Hauptstadt Nara der für damalige Verhältnisse riesige Freizeitpark Nara Dreamland eröffnet. Die Ähnlichkeit des Nara Dreamland mit dem legendären Disneyland Resort im kalifornischen Anaheim war geradezu frappierend.

Wie im 1955 eröffneten amerikanischen Park thronte auch über dem Dreamland eine dem Schloss Neuschwanstein nachempfundene Märchenburg. Wie in Anaheim führte auch in Nara von dem Schloss aus eine Prachtstraße für Paraden durch den Park. Und auch viele der Fahrgeschäfte und Attraktionen wären Disneyland-Besuchern bekannt vorgekommen: Etwa die Einschienenbahn, ein dem Matterhorn nachempfundener Berg mit kleiner Achterbahn und eine durch den Park führende Hochseilbahn oder eine Autorennbahn für Kinder. Nur eines fehlte dem Abbild: die beliebten Disney-Figuren - und das aus gutem Grund.

Disneyland ohne Disney

Die Idee für den Park stammte von einem Mann namens Kunizo Matsuo, Präsident der Matsuo Entertainment Company. Im Rahmen einer Amerika-Reise hatte Matsuo das Disneyland Resort besucht - und sofort entschieden, dass Japan ebenfalls einen so atemberaubenden Freizeitpark haben müsse. Und so trat er als Vermittler der Japanese Dream Sightseeing Company (JDSC), die den Park aufbauen wollte, in Verhandlungen mit Walt Disney persönlich. Gemäß der wenigen Informationen, die heute noch über die Entstehung des Nara Dreamland bekannt sind, wurde das japanische Unternehmen beim Bau sogar großzügig mit Informationen von Disneyland-Ingenieuren versorgt.

Die harmonische Zusammenarbeit nahm bald ein jähes Ende: Als gegen Ende des Bauprojekts die Lizenzgebühren für den Park verhandelt wurden, zeigte sich die japanische Seite deutlich weniger großzügig. Sie brach die Verhandlungen ab - und entwickelte einfach eigene Maskottchen für den Park. Wie die Verhandlungen von Disney und der JDSC weiter verliefen, darüber ist wenig bekannt. Doch irgendwie einigten sie sich - andernfalls wären die Tore des Dreamland 1961 geschlossen geblieben.

Doch das Glück der JDSC währte nur zwei Jahrzehnte. Nachdem der Park erfolgreich angelaufen war, beschloss das große amerikanische Vorbild, selbst auf den offenbar vielversprechenden japanischen Markt zu gehen und eröffnete 1983 in Tokio das offizielle Tokyo Disneyland. Danach gingen die Besucherzahlen des Dreamland in Nara immer weiter zurück. 1993 wurde JDSC samt ihrem Park an das Unternehmen Daiei verkauft - eine japanische Supermarktkette. 2001 versetzte der im nur 40 Kilometer entfernten Osaka eröffnete Freizeitpark Universal Studios Japan dem bereits deutlich heruntergekommenen Nara Dreamland den Todesstoß: Am 31. August 2006 wurde das Land der Träume endgültig geschlossen - und sein zweites Leben begann.

Vollmondnacht im toten Traumland

Während geschlossene Freizeitparks für gewöhnlich ausgeschlachtet, die Attraktionen an andere Parks verkauft werden und das Land mit schmucken Einfamilienhäusern bebaut wird, wurde das Nara Dreamland einfach nur stillgelegt. Noch heute steht der komplette Freizeitpark samt Fahrgeschäften, Kassenhäuschen, mehrstöckigem Parkhaus und Multifunktionshotel so an seinem Platz, wie er vor einem halben Jahrzehnt aufgegeben wurde - und wird zunehmend zum Anziehungspunkt für Ruinenliebhaber aus aller Welt.

So pittoresk der verfallene Park auch wirkt, so sehr die rostigen Achterbahnen und Karussells auch den morbiden Charme eines geplatzten Traums versprühen - beim Besuch ist Vorsicht geboten. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen ähnlichen verwaisten Orten ist das Nara Dreamland nur geschlossen, nicht aufgegeben. Das Gelände gehört noch immer dem früheren Inhaber Daiei, und Besucher werden auf Schildern unter Androhung hoher Geldbußen (derzeit umgerechnet knapp 900 Euro) vor dem Betreten gewarnt. Anwohner sind angehalten, sofort die Polizei zu alarmieren, wenn sie verdächtige Aktivitäten bemerken. Dennoch tauchen immer wieder Bilder auf - fotografiert von Menschen wie mir, die der Zauber des alten Parks einfach nicht losließ.

Im Spätsommer 2010 hatte ich die Gelegenheit, eine ganze Nacht im Nara Dreamland zu verbringen und Fotos zu machen - von etwa 1 Uhr bis 8 Uhr in der Früh. Es war eine Erfahrung, die ich einerseits nicht missen, andererseits auch nicht wiederholen möchte: In der Nachbarschaft bellten Hunde, vorbeifahrende Autos hätten von der Lautstärke her genauso durch den Park donnern können - und wer konnte mit Sicherheit sagen, dass der Wachdienst nicht auch nachts seine Runde machte?

Aber ich wurde reich belohnt für diese sieben nervenaufreibenden Stunden - und erlebte die einzigartige nächtliche Stimmung im Dreamland, als der Vollmond den Park erhellte. Mit 250 Aufnahmen verließ ich das Gelände am Morgen und wusste genau: Das Traumland mochte von den meisten vergessen sein - für mich würde es immer unvergesslich bleiben.

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1.
Alexander Hohmann 26.10.2011
Sie bezeichnen das Schloss als "Kopie einer Kopie", genauer sollte es als "Kopie einer Kopie einer Kopie" bezeichnet werden da Neuschwanstein wiederum von Carcassonne in Südwestfrankreich inspiriert war.
2.
Florian König 26.10.2011
"1961 - Dreamland" ...dieses Steinpflaster würde auch auf den Berliner Mauerstreifen gut passen.
3.
Tobias Bader 26.10.2011
Das sind also "spektakuläre Bilder". Wie gut, dass ich für diesen Begriff endlich eine Referenz gefunden habe.
4.
Oliver Haarhaus 26.10.2011
Zitat "zu viel Schaden hatten in den vergangenen Jahren Vandalen und Graffiti-Sprayer angerichtet" Wo ist das Problem? Der Park verfällt doch seit 2006 ohnehin. Was von der Ruine soll denn wofür noch bewacht und beschützt werden?
5.
Tanja Dovens 27.10.2011
Toller Artikel und sehr interessante Bilder! Bin begeistert von diesem Ort!
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