Eine weiße Wand ist für Kayo Natez wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Für Dirk Schilling ist sie das Ergebnis guter Arbeit. Erst wenn keine Tupfen und Kleckse mehr da sind, ist der Reinigungsfachmann zufrieden. Er beschäftigt sogar sogenannte Graffitiscouts, die für ihn nach den Straßenkunstwerken suchen - damit er sie wieder wegwischen kann. Wie es ist, wenn sich das ganze Leben um Sprühfarbe dreht, berichten beide hier.
"Ich war 16 Jahre alt, als ich im Keller meines Großvaters eine Sprühdose entdeckte. Zwei Tage später konnte man in der örtlichen Tageszeitung von 'türkisfarbenen Sprayerspuren' in der Innenstadt lesen. Seitdem sind vierzehn Jahre vergangen. Heute sprühe ich nicht mehr heimlich, sondern für große Firmen wie Mercedes, Deutsche Bahn, Esprit, MTV, Daihatsu, Jung von Matt oder Congstar - weltweit. Für das Goethe-Institut war ich bei einem Kulturprojekt in Indien, gerade bin ich von einem Job aus Sankt Petersburg zurückgekommen. In drei Wochen fliege ich nach Moskau, eine Reise nach China ist geplant.
Erwischt wurde ich nie. Das Schlimmste, was mir passiert ist: Man malt, geht nach Hause, freut sich darauf, das Bild zum ersten Mal bei Tageslicht zu sehen und zu fotografieren - und dann ist es einfach entfernt. Das ist niederschmetternd, gehört aber dazu. So lernt man, ein Auge für Wände zu entwickeln, die niemandem gehören oder in einem schlechten Zustand sind.
Ich kann vom Sprayen leben, aber es ist ein saisonal abhängiges Geschäft. Manchmal kommen viele Aufträge rein, die ich nicht bewältigen kann. Dann passiert Wochen gar nichts, Auftraggeber melden sich nicht oder das Wetter ist zu schlecht.
Auftraggeber mit schlechtem Geschmack
Von den anderen Sprayern werde ich akzeptiert, auch wenn ich nicht mehr illegal arbeite. Sie wissen, dass ich einfach 'echt' bin. Schlimm finde ich, wenn Verwandte nur wissen wollen, wie ich bezahlt werde, sich für das Bild aber gar nicht interessieren. Das ist frustrierend.
Am liebsten habe ich es, wenn mir die Auftraggeber bei der Auswahl des Motivs freie Hand lassen. Teilweise ist ihr Geschmack sehr schlecht. Fußballclub-Logos, Tribals oder Kitsch möchte ich eigentlich nicht malen, das würde sich negativ auf meine Leidenschaft auswirken. Ich habe deshalb einen Plan B: Wenn ich nicht als Sprayer arbeite, studiere ich Kommunikationsdesign in Köln.
Aber ganz egal, was ich irgendwann machen werde: Auf Graffiti verzichten kann ich nicht. Ich identifiziere mich damit, es ist ein Teil von mir. Dass illegales Sprühen in Deutschland so stark verfolgt wird, kann ich nicht verstehen. In Ländern wie Brasilien oder Indien herrscht eine ganz andere Akzeptanz. Man darf schließlich nicht vergessen: Es ist nur Farbe!"
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