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Jobdoppel Der Sprayer und der Wegwischer

Beide arbeiten mit Sprühfarben. Der eine wird bezahlt, um weiße Wände in bunte Bilder zu verwandeln, der andere, um die Farbe wieder wegzuwischen. Kayo Natez ist Sprayer, Dirk Schilling Reinigungsfachmann. Was sie vereint: Beide finden, dass es gar nicht genug Graffiti geben kann.

Eine weiße Wand ist für Kayo Natez wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Für Dirk Schilling ist sie das Ergebnis guter Arbeit. Erst wenn keine Tupfen und Kleckse mehr da sind, ist der Reinigungsfachmann zufrieden. Er beschäftigt sogar sogenannte Graffitiscouts, die für ihn nach den Straßenkunstwerken suchen - damit er sie wieder wegwischen kann. Wie es ist, wenn sich das ganze Leben um Sprühfarbe dreht, berichten beide hier.

  • Kayo Natez, 30: "Es ist doch nur Farbe!"

Kayo Natez verdient mit dem Malen von Graffiti seinen Lebensunterhalt Zur Großansicht
Kayo

Kayo Natez verdient mit dem Malen von Graffiti seinen Lebensunterhalt

"Ich war 16 Jahre alt, als ich im Keller meines Großvaters eine Sprühdose entdeckte. Zwei Tage später konnte man in der örtlichen Tageszeitung von 'türkisfarbenen Sprayerspuren' in der Innenstadt lesen. Seitdem sind vierzehn Jahre vergangen. Heute sprühe ich nicht mehr heimlich, sondern für große Firmen wie Mercedes, Deutsche Bahn, Esprit, MTV, Daihatsu, Jung von Matt oder Congstar - weltweit. Für das Goethe-Institut war ich bei einem Kulturprojekt in Indien, gerade bin ich von einem Job aus Sankt Petersburg zurückgekommen. In drei Wochen fliege ich nach Moskau, eine Reise nach China ist geplant.

Erwischt wurde ich nie. Das Schlimmste, was mir passiert ist: Man malt, geht nach Hause, freut sich darauf, das Bild zum ersten Mal bei Tageslicht zu sehen und zu fotografieren - und dann ist es einfach entfernt. Das ist niederschmetternd, gehört aber dazu. So lernt man, ein Auge für Wände zu entwickeln, die niemandem gehören oder in einem schlechten Zustand sind.

Fotostrecke

8  Bilder
Von Beruf Sprayer: Ich bin immer noch echt
Eine Farbdose kostet rund vier Euro. Bei einem normalen Bild benötigt man acht bis zwölf Dosen. In der Anfangszeit habe ich bei kleineren Aufträgen mehr Dosen bestellt als ich brauchte, eine Art 'Stylesteuer'. Mein größter Auftrag, zumindest was die Fläche angeht, war der Mülheimer Hafen in Köln. Dort habe ich 1000 Quadratmeter bemalt. Den größten Zeitaufwand hatte ich beim Besprühen des Solinger Heizkraftwerks. Das habe ich zusammen mit einem Kollegen gemacht, in 20 Metern Höhe.

Ich kann vom Sprayen leben, aber es ist ein saisonal abhängiges Geschäft. Manchmal kommen viele Aufträge rein, die ich nicht bewältigen kann. Dann passiert Wochen gar nichts, Auftraggeber melden sich nicht oder das Wetter ist zu schlecht.

Auftraggeber mit schlechtem Geschmack

Von den anderen Sprayern werde ich akzeptiert, auch wenn ich nicht mehr illegal arbeite. Sie wissen, dass ich einfach 'echt' bin. Schlimm finde ich, wenn Verwandte nur wissen wollen, wie ich bezahlt werde, sich für das Bild aber gar nicht interessieren. Das ist frustrierend.

Am liebsten habe ich es, wenn mir die Auftraggeber bei der Auswahl des Motivs freie Hand lassen. Teilweise ist ihr Geschmack sehr schlecht. Fußballclub-Logos, Tribals oder Kitsch möchte ich eigentlich nicht malen, das würde sich negativ auf meine Leidenschaft auswirken. Ich habe deshalb einen Plan B: Wenn ich nicht als Sprayer arbeite, studiere ich Kommunikationsdesign in Köln.

Aber ganz egal, was ich irgendwann machen werde: Auf Graffiti verzichten kann ich nicht. Ich identifiziere mich damit, es ist ein Teil von mir. Dass illegales Sprühen in Deutschland so stark verfolgt wird, kann ich nicht verstehen. In Ländern wie Brasilien oder Indien herrscht eine ganz andere Akzeptanz. Man darf schließlich nicht vergessen: Es ist nur Farbe!"

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Es ist doch nur Farbe ...
leonn 02.10.2012
korrekt! Und die gehört an deine (!) Wand und nicht an meine! Du kannst es nicht verstehen, warum es verfolgt wird? Neeee? Ich schon. Denn es ist mein Geld (!) was ich immer und immer wieder ausgeben muss, um sinnentartete Schmierereien pupertierender grenzdebiler Möchtegernmachos zu entfernen. Und es macht ja auch nur dort Spaß wo es verboten ist. Welcher Komplex dahinter stecken mag. Sprüh doch deine Bude voll. Ganzjährig und immer wieder. Sieht keiner? Lad zu Partys ein. Bei dir und in deiner Wohnung. Respekt vor anderen und anderen Meinungen und Empfindungen liegt euch doch angeblich so, ihr Pseudoanarchisten mit Herzchenbrille. BTW: das gilt für jede nicht bestellte Farbe egal worauf.
2. Nicht sehen wollen
seenoevil 02.10.2012
Immer wieder die gleiche bescheuerte Argumentation jenseits der Realität. Ungefähr 0,1111111% der Schmierereien auf Privatbesitz haben näherungsweise künstlerisches Niveau. Der Rest erschöpft sich im talentfreiem Gekrakel-Contest, wer den Dicksten hat. Abgesehen davon, dass man 1. über Kunst streiten kann und 2. Privateigentum immer noch Privateigentum ist.
3. Graffiti Ja...
Liquid 02.10.2012
Schmiererei NEIN! aber leider gibts zu viel von der zweiten kategorie. und auch das schönste graffiti hat auf denkmalgeschützten fassaden nichts verloren
4. Das Bild mit dem Anhänger
ein_wanderer 02.10.2012
ist echt gut... das kann ich auch ;-) Mit Graffiti linke Seite gezeigt... und die rechte Seite als gesäuberte Seite zeigen... sieht man an der Deichsel... toller Trick ;-)
5. Geschmackssache
Talan068 02.10.2012
Zitat von sysopBeide arbeiten mit Sprühfarben. Der eine wird bezahlt, um weiße Wände in bunte Bilder zu verwandeln, der andere, um die Farbe wieder wegzuwischen. Kayo Natez ist Sprayer, Dirk Schilling Reinigungsfachmann. Was sie vereint: Beide finden, dass es gar nicht genug Graffiti geben kann. Jobdoppel: Graffiti sprayen und entfernen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/jobdoppel-graffiti-sprayen-und-entfernen-a-858074.html)
Das Meiste ist doch einfach nur Schmiererei und selbst wenn es 'schön' ist, welche Frabe an meine Wand .. kommt entscheide ich und nicht irgendein daher gelaufener Künstler. Und die armen Cleaner (sehen irgendwie alle gelich aus), die Fraben werden immer aggressiver, aber leider dürfen se die ätzenden alten Reinigungsmittel nicht mehr benutzen.
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