S.P.O.N. - Der Kritiker Merkel wiegt Deutschland in den Schlaf
Wolken der Mickrigkeit über dem Land: Nicht nur die politischen Akteure schrumpfen, sondern auch die Art, wie man über sie redet. Vielleicht ist es das Wesen des Skandals, dass sich am Ende alle mit dem besudeln, was sie dem anderen vorwerfen. Aber hier geht es längst nicht mehr allein um die Glitschigkeit von Christian Wulff. Es geht um das Vakuum, das die Kanzlerin geschaffen hat.
Sie hat diesem Land die Luft ausgelassen. Sie hat ihm den Geist abgedreht. Sie hat es in den Schlaf geschwiegen. Sie hat einfach das Gespräch verweigert, wie seit Jahren schon auf atemberaubende Weise. Sie ist die stille Kanzlerin in einem Land, in einer Zeit, in der Migration, Zuwanderung, Demografie, Energie, Umwelt, Europa, Euro, die Zukunft der Industriegesellschaft, das Wesen des Kapitalismus, die Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen, so große Fragen an uns, an alle, aber auch an die Politik stellen. Das Vakuum ist ihr Machtmittel.
Hier kann sie agieren, hier kann sie ihre Marionetten spielen lassen. Es gab ein bedrückendes Foto auf Seite eins der "FAZ" am Donnerstag, das all das noch einmal deutlich machte. Merkel war da zu sehen, wie sie vor einem übelgelaunten orangefarbenen Hintergrund einem Typen die Hand schüttelt, der von hinten an Jürgen Prochnow erinnert, nur mit einem Kassengestell auf der Nase. Daneben klammert sich der kleine Herr Rösler an eine Frau, er versucht, so zu wirken, als ob er sie umarmt, und dabei doch jeden Körperkontakt zu vermeiden, und nur die wuchtige Föhnfrisur erinnert daran, dass von Ursula von der Leyen auch schon lange nichts mehr gekommen ist.
Als wäre Wulff ein Sträfling
Das "Kabinett" ist also wieder aus der "Winterpause" da, danke für die Nachricht. Wir hätten ja fast nicht mitgekriegt, dass sie überhaupt weg waren, wäre da ausnahmsweise mal zwei Wochen lang kein FDP-Generalsekretär zurückgetreten. Sie wirken wie eingeschneit, egal ob sie in Berlin sitzen oder in den Bergen sind. Stehen die alle unter Baldrian? Haben sie was unterschrieben, dass sie sich nicht mehr öffentlich zu Regierungsfragen äußern dürfen? Redet nur noch Peter Altmaier mit uns über Twitter und sagt, dass er sich nun "vom Acker" macht? Ist das schon die präsidiale Kanzlerschaft, wie "FAZ"-Feuilleton-Chef Nils Minkmar das bei "Beckmann" nannte.
Diese Sendung war ein weiterer Hinweis darauf, was passiert, wenn es so weiter geht: Aus welchen Kellern kamen die denn alle gekrochen? Vor allem Heinz Rudolf Kunze ist eine Figur, die man sich gar nicht ausdenken kann. Ein Schlagersänger, der so redet wie eine Laubsäge, also wie ein Politiker, der so lächelte, als wisse er etwas, das er nicht sagen darf, der in dieser Sendung sitzt wie ein Strippenzieher, der "du" sagt zu Björn Engholm (genau, Björn Engholm, der vor knapp 20 Jahren mal zurückgetreten ist und immer noch so arrogant und gestelzt daher redet wie damals) und natürlich mit Christian Wulff eng "befreundet" ist.
Oder Patricia Riekel, die kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs Chefredakteurin der "Bunten" wurde und sich in dieser Funktion besonders gut mit den psychomoralischen Befindlichkeiten von Politikern auskennt - sie ist eine echte Instanz, wenn es darum geht, die Verhältnisse zu kritisieren, die sie und ihr Blatt ja selbst geschaffen haben. Sie sprach davon, wie sehr die Privatsphäre, die die "Bunte" doch wöchentlich perforiert, bei Wulffs gelitten habe und dass der Mann doch bitte eine "zweite Chance" verdiene, als wäre Wulff ein Sträfling oder ein Kandidat für das Programm "No Child Left Behind", das sich der Sozialphilosoph George W. Bush ausgedacht hat.
Diskussionsstoff für demokratiemüde Abendgesellschaften
Aber das passiert eben, wenn Politiker so konsequent ihren Job verweigern, auch mal mit der Bevölkerung, mit der Presse, mit sich selbst auf eine erwachsene Art und Weise zu reden. Da sie das verweigern, wirkt es, und das ist das Perfide an der Merkel-Taktik, als ob nicht sie das Problem hätten, sondern die, die einen Dialog wollen, in diesem Fall die Medien.
Besonders unverständlich ist es in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet die moralische Wochenschrift "Die Zeit", die sonst gern nach neuen Werten forscht, politische Populismuswochen veranstaltet und erst den Schwindler Guttenberg rehabilitiert und dann die Journalistenkollegen in einem Leitartikel dafür verprügelt, dass sie ihren Job machen.
Aber "Die Zeit" druckt ja in dieser Ausgabe auch einen Text des Wohlfühl-Reaktionärs Byung-Chul Han, ein Autor, der in Karlsruhe Philosophie lehrt und schon mit dem Buch über die "Müdigkeitsgesellschaft" aus antikapitalistischen Gemeinplätzen den Diskussionsstoff für demokratiemüde Abendgesellschaften lieferte. Jetzt schreibt er in der "Zeit" also über Transparenz, ein weiteres Wort, das Opfer der Wulff-Affäre geworden ist, so wie "Freunde" oder "Mensch" oder "Emir" - und schafft es, aus diesem herabgewulfften Wort, das einer der ambivalenten Schlüsselbegriffe unserer Zeit ist, ein "Instrument der Kontrolle und Überwachung" zu machen.
Es ist wie im Karneval, alles geht durcheinander. Auch das ist ein Ergebnis dieses Merkel-Vakuums, dieser Tage mit Wulff und seiner Frau und dem Chefredakteur von "Bild" mit seinen gegelten Haaren. Hell ist dunkel, dunkel ist hell, transparent ist böse, undurchschaubar ist gut. Byung-Chul Han ist der Denker unserer Tage, weil er die Reste der Laubsägearbeiten aufklaubt, die vom Diskurs auf den Boden gefallen sind, und dadurch etwas Links-Rechtes bastelt, das nur Raum findet, wenn der Platz in der Mitte unbesetzt bleibt - etwa von der Kanzlerin.