01.03.2014

ESSAYSeine Liebe macht keinen Unterschied

Der Schriftsteller Navid Kermani über eine Annäherung von Islam und Christentum und den Jesuiten-Pater Paolo Dall'Oglio, der im vergangenen Juli in Syrien vom Qaida-Ableger Isis entführt wurde
September 2012
Von einer Sekunde auf die andere werden der Fahrer und auf der Rückbank die zwei Nonnen nervös. Ich merke es an den Hälsen, die sich aus den Fenstern recken, merke es an den furchtsamen Blicken und selbst am Atem, der das Pochen ihres Herzens verrät. Aber der Parkplatz des Klosters Mar Mussa, auf den wir zufahren, ist leer, steil aufragend die kahlen, zerklüfteten Berge dahinter, um uns herum flaches wie entkleidetes Land. Ich strecke selbst meinen Hals aus dem Beifahrerfenster und entdecke unterhalb des Klosters, das zwei-, dreihundert Meter über uns in eine Senke zwischen lehmbraunen Felsen gemeißelt zu sein scheint, einige dunkle Gestalten mit weißen Tüchern um den Kopf. Und ja: Sie haben Gewehre, die Gestalten. Ich weiß, dass uns im Kloster drei Mönche erwarten - erwartet haben? Womöglich sind die Bewaffneten bereits ins Kloster eingedrungen. Wir hätten keine Möglichkeit, ihnen zu helfen, das ist auch mir klar, mitten in der syrischen Wüste, wo schon vor beinah 2000 Jahren Eremiten die Welt flohen, mitten im Krieg, in dem Armee und Aufständische je verschiedene Motive haben könnten, die Angehörigen eines christlichen Ordens zu entführen oder zu töten, vollständig schutzlos sie, und in einer Rechtlosigkeit, in der Kriminelle eine noch größere Bedrohung sind.
Es könnten auch Jäger sein, flüstert mir von der Rückbank eine der beiden Nonnen zu.
Der Fahrer hält direkt vor dem Tor und prüft bei laufendem Motor, ob das Schloss aufgebrochen ist. Nein, ist es nicht, beruhigt er uns. Das spricht für Jäger, erklärt die Nonne, Jäger aus der Umgebung, weil Kämpfer oder Räuber mit einem Wagen gekommen wären, um die letzten Habseligkeiten abzutransportieren. Dreimal ist das Kloster Mar Mussa überfallen worden, obwohl es kaum noch etwas zu stehlen gibt, das Vieh, die Geräte, sogar viele Möbel geklaut. Ich weiß schon: Die Frage nach der Polizei, nach Ermittlungen oder gar Schutz, stelle ich besser nicht.
Der Gründer der klösterlichen Gemeinschaft, Pater Paolo Dall'Oglio, ist einer der wenigen christlichen Führer in Syrien, die die Massaker des Staates angeprangert und die Menschen verteidigt haben, die für Freiheit demonstrieren. Seine eigene Kirche beschwor er, ihr Schicksal nicht getrennt vom Schicksal des gesamten Volkes zu sehen: Hinge die Zukunft der Christen wirklich davon ab, dass sie sich mit der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung gemeinmachten, sei ihre Zukunft schon vorbei.
Wenn ich etwas am Christentum bewundere, oder vielleicht sollte ich sagen: an den Christen, deren Glauben mich mehr als nur überzeugte, nämlich bezwang, aller Einwände beraubte, wenn ich nur einen Aspekt, eine Eigenschaft zum Vorbild nehme, zur Leitschnur auch für mich, ist es die Liebe, insofern sie sich nicht nur auf den Nächsten bezieht. In anderen Religionen wird ebenfalls geliebt, es wird zur Barmherzigkeit, zur Nachsicht, zur Mildtätigkeit angehalten. Aber die Liebe, die ich bei vielen Christen und am häufigsten bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben, den Mönchen und Nonnen, geht über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keinen Unterschied.
Gewiss findet sich der Gedanke, dass die Menschenkinder alle Brüder sind, "aus einem Stoff wie eines Leibes Glieder", wie es bei dem klassischen persischen Dichter Saadi heißt, durchaus im Islam und geht das tätige Erbarmen zumal im Sufismus über die Grenzen der eigenen Gemeinschaft hinaus. Bezeichnend allerdings ist, dass selbst die Sufis die Hinwendung zum Fremden, zum Andersgesinnten, zu den Angehörigen anderer Gemeinschaften - und die sind mit der Feindesliebe schließlich gemeint, die nicht die Liebe des Schafes zum Schlachter ist - christlich konnotieren und ausdrücklich das Vorbild Jesu anführen. Auch wenn sie keine Christen sind, nehmen sie ihre Liebe als "christlich" wahr.
Und doch bleibt ein Rest, der mir unerklärlich ist, auch theologisch, weil keine andere Religion einen so absoluten Anspruch - niemand kommt zum Vater denn durch diesen einen Sohn - und damit ausschließenden Zug wie das Christentum aufweist. Die harten, unversöhnlichen Sätze, mit denen der Erlöser, als der Jesus auch im Koran genannt wird, die große Mehrheit der Menschen verdammt, ihnen das ewige Höllenfeuer prophezeit, gehören genauso zum Evangelium wie seine Güte. Wäre ich misstrauisch, dächte ich, die Christen wollten mit ihrer Liebe in dieser Welt darüber hinwegtrösten, dass in der anderen Welt nur sie selbst auf Gnade hoffen dürfen. Allein, ich bin nicht mehr misstrauisch, sondern jedes Mal dankbar, wenn ich Liebe erfahre, die keinen Unterschied macht.
Die Liebe, die Pater Paolo den acht Mönchen und vier Nonnen seiner Gemeinschaft gelehrt hat, geht über das Universale hinaus und wendet es zurück ins Besondere, in eine Besonderheit: Es ist die Liebe zum Islam, die das Kloster Mar Mussa kennzeichnet. Das klingt verrückt, ja, widersinnig, aber genau so sieht Pater Paolo die Aufgabe, die ihm vor bald vierzig Jahren im Gebet offenbar wurde. In Rom geboren, war er mit zwanzig in den Orden der Jesuiten eingetreten und sah während seiner spirituellen Exerzitien das Wort Islam am Horizont geschrieben. Er war selbst überrascht, hatte keine rechte Vorstellung vom Islam und wusste nicht, was die Vision bedeutete. Jedoch der General des Ordens, mit dem er sich besprach, schickte den jungen Jesuiten in den Orient, damit er Arabisch lerne und den Koran studiere. Paolo Dall'Oglio wurde Mitglied der jesuitischen Provinz des Vorderen Orients und promovierte über die Hoffnung im Islam.
Anfang der achtziger Jahre hörte Paolo Dall'Oglio von einem verfallenen Kloster in der syrischen Wüste und machte sich auf, seine Exerzitien dort zu verrichten, im Sommer, zehn Tage lang. In den Gebeten und Meditationen spürte er, dass hier seine Bestimmung liege, in dieser Ruine. Zurück in der Stadt, motivierte er andere Christen, mit ihm das Kloster wiederaufzubauen und mit neuem Leben zu füllen. Eine Gemeinschaft entstand, zunächst von Mönchen, später auch von Nonnen; die Freundschaft mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer wuchs, regelmäßig fanden christlich-muslimische Seminare statt, junge Christen aus aller Welt, aber in noch größerer Zahl syrische Muslime nahmen die Einladung an, das klösterliche Leben eine Zeitlang zu teilen; erst ein kleines, dann ein großes Gästehaus wurde gebaut, weil die Besucherzahlen zunahmen, zuletzt auf 50 000 pro Jahr. So wurde Mar Mussa ein Ort nicht nur des Gespräches, sondern des gemeinsamen Lebens und Betens der Religionen: "In der Liebe zum Islam, im Glauben an Jesus", wie Pater Paolo eines seiner Bücher genannt hat.
Bei laufendem Motor öffnet der Fahrer das Tor und winkt den Gestalten zuerst zu, bevor er hupt, um auf uns aufmerksam zu machen. Die Gestalten winken zurück und beginnen, den Berg herabzusteigen. Sie könnten uns täuschen, ist mein erster Gedanke, aber nun scheinen sich auch die Nonnen zu beruhigen. Und tatsächlich, es sind Jäger, Beduinen wohl, mit schwarz-weißen Tüchern um den Kopf, unrasierten, wie gegerbten, dabei sehr freundlichen Gesichtern. Die Nonnen laden sie ein, auf einen Tee, einen Imbiss mit ins Kloster zu kommen, gern auch für ein gemeinsames Gebet.
In geisterhafter, selbst von Vögeln nicht unterbrochener Stille steigen wir den Pfad zum Kloster hoch. Oben angekommen, geht es kaum lebhafter zu: Obwohl niemand da ist, den ich stören könnte, der Gästetrakt, der Versammlungsraum und die meisten Zimmer leerstehen, senke ich die Stimme, als ich die Mönche begrüße, flüstere fast. Der Natur so nah, fürchte ich wohl instinktiv, dass Gott gestört werden könnte. Dann trete ich auf die Terrasse und finde links und rechts schroffes Gebirge wie eine Klippe, unter mir das bräunlich flimmernde Meer der Wüste, über mir der dunkelblau strahlende Himmel, im Nacken die Wärme der bereits westlichen Sonne. Mir ist, als stünde ich mitten in der Bibel, so erhaben und grandios - tauchte eine Menschengruppe am Horizont auf, ich hielte sie unbesehen für das Volk Israel, das von Gott verstoßen oder zurückgerufen wurde.
Ich ziehe meine Schuhe aus und trete durch einen niedrigen Eingang allein in die Kapelle, die um das Jahr 600 herum in den Fels geschlagen oder in eine Höhle gebaut worden ist. Der von winzigen Deckenöffnungen und sonst nur von Kerzen erleuchtete, nach oben gewölbte und mit orientalischen Teppichen ausgelegte Raum sieht auf den ersten Blick wie eine Moschee aus und ist doch zugleich urchristlich, wie die Nonne erinnert - im siebten Jahrhundert standen schließlich auch keine Bänke in den Kirchen und waren die Linien der sakralen Architektur rund. Die Wände sind vollständig mit berückend schönen, sorgfältig restaurierten und deshalb vielfarbig leuchtenden Fresken bedeckt - alle Wände bis auf eine, die bilderlos ist. Bismillah al-rahman al-rahim steht darauf, die ersten Worte des Korans: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen können hier die muslimischen Pilger genau in Richtung Mekka beten.
Juli 2013
Pater Paolo ist sichtlich bewegt. Es ist der Abend des 28. Juli 2013, 22.34 Uhr, wie eine Zeitleiste auf dem Video verrät, er ist in der syrischen Stadt Rakka, die von Aufständischen beherrscht wird. Im Hintergrund sieht man eine Menschenmenge und syrische Fahnen, man hört einen Redner und chorisch gerufene Parolen, untermalt von Jubel, von Klatschen, von Autohupen. Pater Paolo, der im Vordergrund mit lauter Stimme in die Kamera spricht, damit ihn seine Zuschauer trotz des Lärms verstehen, beginnt mit dem islamischen Gruß und appelliert in perfektem Arabisch an die Einheit der Opposition und überhaupt aller Syrer. Dass diese Einheit nicht die Unterschiede der Volksgruppen und Religionen nivellieren darf, deutet er mit einem Wortspiel an: Rakka kimmatu l-rikka - Rakka sei der Gipfel der Sanftmut. So Gott wolle, werde von hier aus, vom sanftmütigen Rakka, die Entstehung eines neuen, des endlich freien Syriens ausgehen, in dem alle Menschen ungeachtet ihrer kulturellen und religiösen Unterschiede friedlich zusammenleben. Von links und rechts greifen Hände ins Bild und klatschen. Pater Paolo schaut sich lächelnd, ja beinah verlegen um, bevor das Video abbricht, das ich bei YouTube ein ums andere Mal anklicke, weil es das letzte Lebenszeichen von ihm ist.
Pater Paolo verkörperte die Utopie, die Syrien sein konnte, an manchen Orten, zu manchen Zeiten sogar war. Wahrscheinlich gibt es keinen Christen auf der Welt, der sich mehr für Muslime eingesetzt, ihnen mit größerer Loyalität, tieferem Verständnis und auch genauerer Kenntnis des Korans begegnet wäre als ihn. Ich wüsste nicht einmal, welcher Muslim die Botschaft des Korans überzeugender und glaubwürdiger vertrat als er. Als in Syrien die Revolution ausbrach, stellte sich Pater Paolo gegen die eigenen Kirchen, stellte sich gegen die Mehrheit der Christen im Land, die seine Sympathie für den Islam bestenfalls belächelten, größtenteils verachteten, und solidarisierte sich mit der Mehrheit des Volkes, die wegen ihres Strebens nach Freiheit unterdrückt, gefoltert, massakriert wurde. Pater Paolo hat eben nicht nur den Nächsten geliebt, sondern auch jene, die seinen Nächsten als Fremde, als Andersgesinnte, mindestens als Angehörige einer anderen Gemeinschaft und heute als Feind gelten. Indem sie ihn entführt haben, ausgerechnet ihn, geben diese Muslime den Christen allen Anlass, mehr noch: zwingen sie geradezu, den Islam erst recht zu fürchten.
Dabei hatte Pater Paolo selbst die Entwicklung prophezeit. Immer wieder hatte er die Weltgemeinschaft aufgefordert, die friedlichen Demonstranten und vor allem auch die sunnitischen Wohngebiete zu schützen, in die das Regime gezielt alawitische Milizen zum Morden schickte. Denn der konfessionelle Hass, den es deshalb selbst systematisch schürte, diente dem Regime, sich selbst als die einzig denkbare Ordnungsmacht zu gerieren. "Der ethische Code Assads lautet schlicht: Entweder bleibt er an der Macht, oder das Land wird zerstört", sagte Pater Paolo nach Ausbruch der Revolution und rief die Vereinten Nationen auf, Beobachter zu schicken, nicht nur ein paar hundert, sondern 50 000, über das Land verteilt, damit die Massaker endlich aufhörten. Ansonsten werde sich der friedliche Aufstand für Demokratie in einen Krieg der Konfessionen verwandeln. 2012 wurde er wegen seiner Kritik des Landes verwiesen.
Pater Paolo hat auch das Recht der Menschen verteidigt, sich notfalls mit Waffengewalt zu schützen, und mitangesehen, wie die Freie Syrische Armee mit eroberten Maschinengewehren und selbstgebauten Katapulten kämpfte, während die Islamisten, viele von ihnen Ausländer, Geld und die neuesten Waffensysteme aus den Golfstaaten bezogen, von den Verbündeten des Westens also. Anfang 2013 resümierte er bitter: "Von dem Moment an, als das syrische Regime und dessen Anhänger auf die islamistische Gefahr hinwiesen, die von den Aufständischen ausgehe, fühlte sich die internationale Gemeinschaft legitimiert, eine abwartende Haltung einzunehmen, nach dem Motto: Wenn es keine Demokratie in Syrien geben wird, gibt es auch keinen Grund, sich für eine Demokratie im Land einzusetzen. Wir stehen also vor einem Paradox, denn genau diese Haltung ist es, die die Bedingungen für das Erstarken des radikalen Islamismus schuf." So recht er mit seinen Warnungen und Appellen behalten hat, dient Pater Paolo nun jenen als Beleg für ihre Rechthaberei, die auf die Freiheit der Syrer nichts gaben und mit dem Islam schon gar keine Hoffnung verbinden.
Pater Paolo war mulmig zumute, als er vom irakischen Sulaimanija, seinem Exil, wo er und die ausländischen Mitglieder der Gemeinschaft nach ihrer Ausweisung ein neues Zuhause gefunden haben, zurück nach Syrien fuhr. Freunde aus Rakka, muslimische Freunde, hatten ihn gebeten, sich für zwei Verwandte einzusetzen, die vom Isis ("Islamischer Staat im Irak und in Syrien") entführt worden waren, dem Ableger von al-Qaida im Irak und in Syrien. Schon einmal hatte Pater Paolo erfolgreich mit Dschihadisten verhandelt, allerdings zu einer Zeit, als die Entführten noch zu zählen waren. Inzwischen hatte allein der Isis in Rakka 1500 Menschen in seine Gewalt gebracht, und zwar nicht etwa Soldaten oder Regierungsvertreter, vielmehr säkulare Oppositionelle, Mitglieder der Freien Armee, christliche Bischöfe, gemäßigte Islamisten. Bis heute greift der Isis selten Regierungstruppen an, sondern reißt die Kontrolle in jenen Gebieten an sich, die von anderen Rebellen bereits erobert worden sind. Umgekehrt bombardieren die Regierungstruppen so gut wie nie Stellungen des Isis, etwa ihr Hauptquartier im Zentrum von Rakka, das jeder Einwohner kennt. Stattdessen kommen die Bomben in den Wohnvierteln herab. "Ohne die Dinge zu simpel darzustellen", meinte Pater Paolo in dem bereits zitierten Interview, "möchte ich behaupten, dass die Aktionen der islamischen Extremisten von Beginn an ins Kalkül des Regimes passten, nach dem der gesamte Aufstand nichts weiter als von ausländischen Mächten geförderter Terrorismus sei."
Pater Paolo sagte den Freunden zu, nach Rakka zu kommen, sofern der Isis ihn als Verhandlungspartner akzeptiere. Dass auf ein Wort von Dschihadisten kein Verlass war und Lüge, Verstellung, Betrug von ihnen sogar theologisch gerechtfertigt werden, wenn es ihrem heiligen Krieg nützt, wusste er. Am Samstag, dem 27. Juli 2013, schickte er von Rakka aus eine Mail nach Sulaimanija, dass er die Abgesandten des Isis morgen Nacht treffen werde. Er traf die Dschihadisten offenbar tatsächlich: Unmittelbar nach der Videoaufnahme, noch in derselben Nacht, wurde Pater Paolo entführt. Er hat den Gipfel der Sanftmut erklommen.
Dezember 2013
Er kannte die Gefahr, sagt Schwester Carol, die mich vor Mar Mussa beruhigt hat, dass die bewaffneten Gestalten einfach nur Jäger sein konnten. Ihm war bewusst, dass er sein Leben aufs Spiel setzt. Aber für einen wie ihn lag das Leben ohnehin in Gottes Hand - liegt, korrigiert sich Schwester Carol, weil sie nicht glauben kann, dass Pater Paolo tot ist. Es ist kurz vor Weihnachten, Rom, die Päpstliche Universität Gregoriana, wo wir in einem der oberen Korridore zwei Stühle an einen langen, altmodischen Holztisch mit Lederbezug gerückt haben. In der Eingangshalle spielt jede Stunde eine andere Kapelle mit festlichen Melodien auf, mal klassisch, mal Jazz.
In Sulaimanija ging Schwester Carol einmal allein in die Kirche und traf Pater Paolo ins Gebet versunken an. Kurz vor der Reise nach Rakka war das, als er noch auf die Nachricht wartete, ob die Dschihadisten ihn als Vermittler akzeptierten. Sie spürte, dass etwas passieren würde. Aber er lächelte sie nur aufmunternd an, als er gebetet hatte. Er schien sich schon auf den Weg gemacht zu haben.
Ich dürfe mir Pater Paolo nicht als einen vergeistigten, weltabgewandten Asketen vorstellen, fügt Schwester Carol an:
Er war, nein: ist ein Mensch, der mit ganzem Herzen liebt, den Menschen und der Welt also zugetan ist. Es war unglaublich, wie er zuhören konnte, und jedes Mal die Verblüffung: dass er mehr hört, als man zu sagen geglaubt hat.
So hat Pater Paolo auch in Carol schon seine Schwester gesehen, als sie es noch nicht war: Sie ist Libanesin, im Bürgerkrieg mit allen Vorurteilen aufgewachsen, die Christen und Muslime gegenseitig hegten. Noch bevor die Waffen endlich ruhten, entschloss sich Carol, nach Europa auszuwandern. Denn wie immer der Frieden aussehen würde - klar schien, dass die Christen im Libanon ihre Dominanz nicht aufrechterhalten könnten. Politisch sah sie das ein, nur sie selbst, sie wollte als Christin nicht mit einer muslimischen Mehrheit leben. Nachdem sie in Deutschland studiert hatte, beschloss sie, ihr Leben Jesus zu widmen. Zur Vorbereitung auf die Weihe saß sie allein in einer bayerischen Kapelle, um die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams niederzuschreiben. Ohne dass sie es merkte, schrieb ihre Hand ein viertes Gelübde. Als sie das Papier besah, las sie: "Herr Jesus, ich opfere dir mein Leben und mein Sterben auf für das Heil meiner muslimischen Brüder und Schwestern."
Das sei ein Schock gewesen, sagt Schwester Carol, ich konnte das überhaupt nicht begreifen: ausgerechnet ich.
Damals beruhigte sie sich noch damit, dass ihr aufgetragen war, Muslime zu lieben, nicht den Islam selbst. Das schien ihr als Christin noch plausibel zu sein. Später stieß sie auf das Werk von Pater Paolo und beschloss, nach Mar Mussa zu reisen. Nach der Abendmesse bat sie Pater Paolo um eine Widmung. "Für Carol", schrieb Pater Paolo der Unbekannten in sein Buch: "Liebe, Freundschaft und der gemeinsame Weg in Jesus, der dich zur Leidenschaft für den Islam führen wird und zu noch festerem Glaube an Jesus, den Erlöser aller Menschen." Da war es nicht mehr nur die Liebe zu den Muslimen, mit der sich Schwester Carol beruhigt hatte; da hatte ihr Pater Paolo die Leidenschaft für den Islam prophezeit.
Anfangs dachte ich, meine Berufung liege darin, eine Brücke zwischen Christentum und Islam zu bilden, sagt Schwester Carol. Aber inzwischen ist der Islam zu meinem eigenen Leib geworden - der Leib der Christin, die ich nach wie vor bin. Der Islam ist für mich Bruder und Schwester, ist Freund und Mann, ist Vater und Sohn. Ich spüre mich mit seinem Schicksal total eins.
Selbst auf manche Mitglieder der Gemeinschaft von Mar Mussa wirke ihre Identifikation mit dem Islam extrem, geschweige denn auf gewöhnliche Christen. Aber jene, die sie von früher kannten und über die Jahre ihren Weg verfolgten, hätten nie einen Zweifel geäußert, dass ihre Berufung von Gott komme.
Manchmal hadere sie mit Gott, wenn sie all das Leid sehe, das über das syrische Volk gekommen sei, aber dann ermuntere sie sich jedes Mal, die Realität anzunehmen, also auch die äußerliche Zerrissenheit ihrer eigenen Gemeinschaft. Sie selbst nutze die Zeit des Exils, um den Islam nun auch wissenschaftlich zu studieren, und den Ordensmitgliedern in Sulaimanija habe der chaldäische Patriarch aufgetragen, die christlichen Flüchtlinge aus dem Zentralirak anzuleiten, mit den Muslimen wieder als Brüder und Schwestern zu leben, trotz der Bitterkeit, der Vertreibung und so vieler quälender Erfahrungen. Diese Mission sei nicht unwichtiger als ihre Aufgabe in Syrien. Und in Syrien selbst beherberge die Gemeinschaft die Menschen aus den umliegenden Städten, die erst von Dschihadisten terrorisiert und danach vom Staat zurückerobert worden sind, allein in Nabak, 16 Kilometer von Mar Mussa entfernt, zuletzt 335 Tote. Nur zwei der Toten seien Christen, fügt Schwester Carol hinzu und kann nicht fassen, dass ihre Glaubensgeschwister im Westen so oft nur an die eigenen Opfer dächten.
Vom Christentum habe ich gelernt, dass man niemals nur die eigenen Toten zählen darf, merke ich an.
Dass Pater Paolo lebt, ist mehr als nur ein Gefühl. Der Isis scheint zumindest die prominenten Gefangenen bislang nicht umbringen zu wollen, hat auch keine Forderungen gestellt, kein Lösegeld gefordert, sie nicht zum Austausch angeboten. Offenbar betrachtet er die Entführten als Schutzschild, um andere Rebellengruppen von Angriffen abzuhalten. Außerdem hätten sich Entführte geäußert, die vom Isis freigelassen worden sind, gerade erst am 30. November die Meldung eines Aktivisten aus Rakka auf Facebook, wonach Pater Paolo im Gefängnis der Dschihadisten gesehen worden sei, es gehe ihm gut.
Schwester Carols Handy klingelt. Nachdem wir die ganze Zeit Deutsch gesprochen haben, höre ich auf dem Korridor der Gregoriana nun das weiche, dunkle Arabisch der Levante, und zwar ziemlich laut, weil unten wieder eine Kapelle Weihnachtslieder spielt. Pater Paolo sei im Herzen ebenfalls ein Araber, sagt Schwester Carol beinah stolz, als sie aufgelegt hat.
Februar 2014
Aus den Texten Pater Paolos möchte ich einen Vortrag herausgreifen, den er zu Zeiten des Friedens vor Jesuiten in Rom hielt. Darin verteidigt er etwas, was abzulehnen wir alle gewohnt sind, die wir ebenfalls zwischen den Religionen zu vermitteln meinen: den Synkretismus. "Könnte man überhaupt eine Tradition finden, die vollständig originär ist und nicht das Resultat von Gärungsprozessen, schmerzlichen Erfahrungen, Anstößen von außen, Übernahmen, wechselseitigen Befruchtungen?" Natürlich gebe es Formen der Vermischung, die mit gutem Grund auf Skepsis stießen, da sie auf Gleichmacherei, Beliebigkeit, die oberflächliche Übernahme einer dominanten Kultur und schlechten Geschmack hinausliefen. Allein, die Reaktion auf solche Ausformungen einer banalen Globalisierung sei in vielen Fällen nicht minder fragwürdig, nämlich das krampfhafte Bemühen um Reinheit, um Ursprünglichkeit, um Abgrenzung, um eindeutige Identität. Und dann führte Pater Paolo vor seinen italienischen Glaubensbrüdern eine arabische Redensart an: Laissa haraman illa l-haram - Es gibt nichts Verbotenes außer dem Sündhaften selbst.
"Es geht um nichts weniger als die radikale Eingemeindung des christlichen Glaubens in ein muslimisches Umfeld", erklärte Pater Paolo: "Und mit radikal meine ich etwas, das über Folklore, Kleidung, Teppiche auf den Böden der Kirchen, nackte Füße und den regelmäßigen Gebrauch muslimischer Ausdrücke hinausgeht. Es geht um den Versuch, den Islam mit dem Jesus von Nazaret zu vermählen, der in der Kirche lebt, und zwar just inmitten der dramatischen, widersprüchlichen und schmerzerfüllten muslimischen Welt von heute. Es geht um das Bemühen, die Segnungen zu erneuern, die Abraham für seinen Sohn Ismail erhielt, Segnungen, die in Mohammed aufs Neue eingeholt, aufs Neue verkündet und aufs Neue verwirklicht worden sind, dem arabischen Propheten, dem Nachfahren Ismails."
Gewiss würden seine christlichen Brüder fragen, wie sie sich zur strikten Ablehnung der Trinität verhalten sollten. Die Antwort müsse Liebe sein: "Das christliche Herz besitzt Argumente, die die menschliche Logik nicht kennt." Es sei eine Tatsache, fuhr Pater Paolo fort, dass viele, auffallend viele Muslime sich in der christlichen Gemeinschaft von Mar Mussa zu Hause fühlten. Diese Sympathie und Annäherung beruhe nicht darauf, dass die Mönche und Nonnen ihre Überzeugungen leugneten. An der katholischen Lehre hielten sie im besten Sinne orthodox und mit ganzem Herzen fest. Nein, die Muslime fühlten sich im Kloster zu Hause, weil es sich kulturell, sprachlich und symbolisch in ihre, die islamische Welt einfüge. Die Nonnen und Mönche von Mar Mussa wünschten sich, an dieser Welt teilzuhaben und sie zu lieben, beginnend mit Mohammed selbst, Friede und Heil auf ihn und seine Gemeinschaft.
"Betrachte ich mich selbst als Muslim?", fragte Pater Paolo gegen Ende seines Vortrags. "Ich denke ja, vermittels der evangelischen Gnade und des Gehorsams. Ich bin Muslim aufgrund der Liebe Gottes zu den Muslimen und zum Islam. Ich kann nicht anders als Muslim sein auf dem Wege des Geistes, nicht des Buchstabens." Bereits jetzt sehe er, dass das Mysterium des lebendigen Gottes mit Maria als seiner Mutter in die religiöse Welt des Islam wirke. Er sehe, dass viele Muslime ihn, Pater Paolo, als das akzeptieren, was er ist, ein Mönch, ein Schüler Jesu, der in den Islam verliebt sei. Nicht, dass es den Muslimen leichtfiele, seinen Glauben zu verstehen. Aber sie nähmen die Begegnung mit der Gemeinschaft von Mar Mussa als Ankündigung der endgültigen Harmonie in Gott wahr. "Es wirkt auf uns nicht so, als hätten wir Christus verloren. Eher haben wir den Eindruck, dass wir für Ihn und in Ihm verloren sind."
Kermani, 46, lebt in Köln. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Große Liebe".

DER SPIEGEL 10/2014
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