18.04.1994

StadtkunstEchse im Nieselregen

Internationales Avantgarde-Design für niedersächsische Bushaltestellen: In Hannover wird Kunst überraschend brauchbar.
Wer seiner Liebsten gern zärtliche Geheimnisse zuraunt, muß sich an der Straßenbahnhaltestelle Nieschlagstraße in Hannover-Linden in acht nehmen. Dort hat der Designer Wolfgang Laubersheimer gerade riesige Klangscheiben angebracht, die jedes Wispern laut und klar bei denen ankommen lassen, die auf der gegenüberliegenden Seite der Schiene ihrer Bahn harren.
Durch seine Lauschattacke, sagt Laubersheimer, 39, soll das Warten "einen anderen Inhalt" bekommen: weniger Langeweile, weniger muffelig-stummes Absitzen der Wartefrist. Spontanflüstereien über die Bahngleise hinweg, so der Kölner Design-Professor, seien doch unterhaltsamer.
Insgesamt neun Wartehäuschen an Bahn- und Buslinien hat die Hannoveraner Verkehrsgesellschaft Üstra dem Tatendrang international bekannter Designer und Architekten überlassen: eine pfiffige und weltweit einmalige Aktion, die als Alternative zur meist tristen Stadt-Möblierung mit Denkmälern und Skulpturen Schule machen könnte.
Die Hannoveraner jedenfalls schwärmen. Fast 20 000 Menschen feierten am vorletzten Sonntag die Inbetriebnahme ihrer "Busstops" mit einem Volksfest. Rudelweise strampelten Radler von Halt zu Halt und begutachteten den Gebrauchswert der Designer-Unterstände.
Vor norddeutschem Nieselregen können sich Freunde des öffentlichen Nahverkehrs nun am Braunschweiger Platz unter eine vom amerikanischen Star-Architekten Frank O. Gehry, 65, entworfene Kuppel aus schimmernd-buntem Metallgeflecht flüchten; sie trägt dank ihrer Ähnlichkeit mit einem Echsenpanzer schon den Spitznamen "Frank''s Dino".
Ein schnittiges, quietschgrünes Betonboot, das bald von Kletterpflanzen umrankt sein wird, hat der Italiener Massimo Iosa Ghini, 34, am Friedrichswall verankert. Sein Landsmann Ettore Sottsass, 76, trumpfte mit einem elegant-erhabenen Warte-Tempelchen am Königsworther Platz auf.
"Eine neue Dimension von Kunst im öffentlichen Raum" erkennt der Kulturfachmann Lothar Romain, 49, in der Haltestellen-Aktion, "nämlich ihre Benutzbarkeit". Als künstlerischer Projektleiter der Stiftung Niedersachsen, von der die imageträchtige "Busstops"-Initiative ausgeht, zeichnet Romain verantwortlich für den Gedanken, die Stadtlandschaft nicht einfach aufzuputzen, sondern funktionale Kunst an bürgernahen Standorten einzuschmuggeln.
Trotz dieses verbraucherfreundlichen Grundgedankens plagte die Verantwortlichen im Vorfeld "höllische Angst", so Romain-Partner Peter Ruthenberg, 42. Sie bangten, die Bürger der rezessionsgeplagten Kommune würden angesichts der 1,5 Millionen Mark teuren Kunst-Stops rebellieren - obwohl Sponsoren und Stiftung alle Kosten tragen und die Teilnehmer nur mager entlohnt wurden.
Daß die Toleranzschwelle der Hannoveraner höher als erwartet lag, führt Ruthenberg auf den "heilsamen Nana-Schock" zurück: Vor 20 Jahren hatten sich Tausende von Bürgern zunächst gegen die Aufstellung von drei großen, bunten Nana-Figuren der Bildhauerin Niki de Saint-Phalle gewehrt. Mit der Zeit aber schlossen sie die drallen Deerns so ins Herz, daß heute "jedes Großmütterchen seinen Besuch hinführt".
Auf solche Popularität hoffen nun auch die Häuschenbauer. Für sie lag der Reiz des Unterfangens darin, daß Bushaltestellen "für Architektur ein bißchen zu klein und für Design ein bißchen zu groß sind", sagt Wolfgang Laubersheimer.
Der Gattungszwitter Wartehäuschen zwang die Gestalter dazu, besonders präzise zu planen, zumal sie sich mit praktischen Vorgaben wie Witterungsschutz, Sitzgelegenheiten und Fahrplantafeln herumzuplagen hatten. Wie lang der Weg vom ersten Entwurf zur fertigen Haltestelle manchmal war, läßt sich in einer Ende April erscheinenden Dokumentation nachblättern*.
Besonders elegant hat der spanische Allround-Entwerfer Oscar Tusquets Blanca, 52, die Herausforderung gemeistert. Sein langgestreckter Stop mit transparentem Spitzdach wird in einigen Jahren unter rauschenden Lindenkronen liegen - Tusquets Blanca hatte verlangt, daß die Bäume am Ende einer alten Allee, einst für ein Wartehäuschen abgeholzt, nun wieder aufgeforstet würden. Y _(* Lothar Romain (Hrsg.): "Busstops". ) _(Verlag Th. Schäfer, Hannover; 224 ) _(Seiten; 79 Mark. )
Von Alessandro Mendini
Von Heike Mühlhaus
Von Ettore Sottsass
Von Frank O. Gehry
Künstler-Haltestellen in Hannover: "Warten mit Kletterpflanzen"
Designer Laubersheimer, Werk
* Lothar Romain (Hrsg.): "Busstops". Verlag Th. Schäfer, Hannover; 224 Seiten; 79 Mark.

DER SPIEGEL 16/1994
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