22.12.1949

Wenn man den Drang in sich spürt

Zwei Kriminalbeamte sollten Mannheims Bischofssitz ausheben. Als sie an der Gartenpforte des leicht bombenbeschädigten Zweifamilienhäuschens in der Wotanstraße 1 schellten, hielt ihnen Bischof Paulus Maria seinen Ring unter die Augen: "Sehen Sie denn nicht, ich bin Bischof!"
Die Beamten veranlaßten Paulus Maria jedoch, ein Zivilgewand anzulegen. Dann führten sie ihn in Untersuchungshaft ab, um ihm sein Sündenregister vorzuhalten.
"Bischofsweihe in Mannheim" hatte der Mannheimer "Morgen" noch vor wenigen Wochen geschmeichelt notiert. Seit der 60jährige Mariaviten-Bischof Fê}time im Oktober eigens aus Nantes gekommen war, um Bruder Paulus Maria die Weihen zu geben, war Mannheim plötzlich Bischofssitz geworden.
Dr. Dr. h. c. Helmut Norbert Maas, mit geistlichem Namen Paulus Maria, zelebrierte fortan vor der 18köpfigen Mariaviten-Gemeinde*) Mannheims sonntags die Messe.
Die geistliche Tätigkeit ernährte die fünfköpfige bischöfliche Familie (außer Paulus Maria das Elternpaar Maas und zwei Kinder einer verstorbenen Tochter) nur mäßig Was an Geld hereinkam, wurde zu einem großen Teil in Altarkerzen und sonstigem Kirchengerät angelegt.
Ein Freudentag herrschte im bischöflichen Hause, wenn eine Beerdigung telephonisch (Ruf 5 95 83) bestellt war. Ob Katholik, Protestant oder Dissident, Paulus Maria beerdigte alle. "Die 25 Mark hätten wir wieder", schmunzelte er, wenn er im geistlichen Schmuck das Haus verließ. Von einfachen Beerdigungen für fünf Mark riet er ab.
Parterre-Bewohner Rihm, Schulmeister, KPD-Funktionär, und im Verdacht des Titoismus, wurde wohl oft durch Harmoniumspiel und fromme Gesänge beim Studium kommunistischer Pandekten gestört, stellt aber der Bischofsfamilie ein gutes Zeugnis aus.
Nie ging jemand ohne einen Teller Suppe aus dem bischöflichen Hause. Wer in Not war, fand Hilfe, obwohl die Bischofsfamilie meist selber nur Pellkartoffeln mit Hering aß. Wenn einmal ein Care-Paket kam, wurde extra das "Sanctum fixum" gesungen.
Stutzig wurde KP-Rihm erst bei der Weihe des ungarischen DPs Tiburcz zum Diakon. Der Ungar lag am anderen Morgen in seiner schwarzen geistlichen Tracht mit aufgenähtem weißem Kreuz am bischöflichen Gartenzaun, nicht tot, sondern betrunken. Es stellte sich weiter heraus, daß der neue Diakon vorbestraft war (§ 175). Darauf annullierte Bischof Paulus Maria die Weihe.
Zuweilen sagte aber Bischof Paulus Maria in gehobener Stimmung selber: "Es ist ja doch alles Schwindel."
Dieser Ansicht war Mannheims Kriminalpolizei-Chef Rietschert schon lange. Oberstaatsanwalt Mühlenfels griff jedoch zunächst nicht ein. ("Solange einer in seinen vier Wänden Sonne oder Mond anbetet, kann er das tun.")
Erst als Generalvikar Dr. Rösch von der Erzdiözese Freiburg darauf hinwies, daß Maas in der Oeffentlichkeit in der Kleidung eines katholischen Geistlichen auftrete und damit das Reichskonkordat vom 30. Juni 1933 verletze, erließ er Haftbefehl.
Es stellte sich heraus, daß Paulus Maria sowohl ein Zeugnis der mittleren Reife als auch ein Abiturientenzeugnis gefälscht hat. Auch eine Bescheinigung über die erfolgreiche Teilnahme an dem Reichssonderlehrgang zur Ausbildung römisch-katholischer Theologen in Speyer war falsch.
Der zweifache Doktor ehrenhalber war angeblich von einer mexikanischen Universität verliehen. Auch wenn es stimmte, war Maas nicht berechtigt, diese Titel in Deutschland zu führen.
Bei Durchsicht der Geschäftsbücher des "Bauvereins des Mariaviten-Ordens" war außerdem ein größerer Betrag nicht aufzufinden.
Von klein auf war Helmut Norbert Maas besessen, Geistlicher zu werden. Ein unglücklicher Sturz, von dem er einen Körperfehler behielt, verdarb ihm die Karriere. Die katholische Kirche, die auf gutgewachsene, stattliche Priester hält, hatte ihm von geistlichen Aemtern abgeraten.
Maas wurde daraufhin Protestant, dann neuapostolischer Bekenner und schließlich Mariavit. Er wollte auch ohne Theologie-Studium Geistlicher werden. "Wenn man nur den Drang in sich spürt".
"Auch die Apostel haben schließlich keine Universität besucht", argumentiert er. Außer einer kurzbefristeten kaufmännischen Tätigkeit bei der Mannheimer Firma Brown, Boveri & Co. war er nie etwas anderes als Geistlicher, zuletzt Bischof.
"Er ist ein kleiner Schwindler", setzt sich KP-Funktionär Rihm für seinen Obermieter ein. "Man sollte ihn laufen lassen, nachdem man nicht einmal den großen Schwindlern etwas getan hat."
*) Mariaviten, eine in Deutschland staatlich nicht anerkannte Sekte mit Ursprungssitz in Tschenstochtu. 1906 vom Papst exkommuniziert. Ehe der Priester mit Nonnen erlaubt.

DER SPIEGEL 52/1949
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