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Krümmel-Krise Wut der Atomlobby zwingt Vattenfall zu Rauscher-Rauswurf

Täglich neue Pannen-Meldungen aus Krümmel und Brunsbüttel, Deutschlands Atomindustrie unter Generalverdacht: Am Ende hatte Vattenfall-Chef Rauscher keine Chance mehr. Sein Sturz ist vor allem der Wut der Atomlobby geschuldet - sie fürchtet eine neue Anti-AKW-Bewegung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es waren einmal vier Manager, die hatten den Strommarkt untereinander aufgeteilt. Der erste, Klaus Rauscher von Vattenfall, bekam Ostdeutschland und Hamburg. Der zweite, EnBW-Chef Utz Claassen, durfte sich über das schöne Land Baden-Württemberg freuen. Der dritte, Harry Roels, konnte sich mit seinem RWE-Konzern in Westdeutschland niederlassen. Und der vierte, E.on-Chef Wulf Bernotat, erhielt den Rest in der Mitte, von Schleswig-Holstein bis Bayern.

Heute ist von den vier Managern nur noch einer übrig: Bernotat. Die drei anderen wurden innerhalb kürzester Zeit hinweggefegt. Ein Ruck ging in den vergangenen Monaten durch die Führungsetagen der deutschen Energiewirtschaft.

Erst komplimentierte der RWE-Aufsichtsrat Roels heraus. Dann stürzte Claassen bei EnBW über einen Streit mit seinem Großaktionär. Heute trat schließlich Vattenfall-Chef Rauscher zurück. Bernotat dagegen, die verbliebene Nummer eins der deutschen Energiewirtschaft, hat bei E.on einen Vertrag bis April 2010.

Fast könnte man einen Zusammenhang zwischen den Personalien vermuten. Zu sehr hatte man sich an Bilder gewöhnt, auf denen die vier Strommanager gemeinsam auftraten, zuletzt beim Energiegipfel im Kanzleramt. Die mächtigen Konzerne schienen wie ein einziger Block, der seine Anliegen stets mit einer Stimme vorträgt, bei dem alles immer einheitlich geschieht.

Doch mit der Eintracht ist es nicht weit her, sobald die Interessen des einen die des anderen berühren - das hat der Fall Rauscher jetzt gezeigt.

Der Sturz von Roels und der Abgang von Claassen waren noch normale Einzelfälle, wie sie in der Industrie nun mal vorkommen. Doch beim Aus für Vattenfall-Chef Rauscher war es anders. Es war Verrat in den eigenen Reihen, der den Stromgiganten zu Fall brachte.

Rauschers Karriere verlief bisher steil nach oben. Mitarbeit im bayerischen Finanzministerium, Leiter der Staatskanzlei, Vorstand bei der Bayerischen Landesbank. 2001 wechselte der gebürtige Franke schließlich zu den Hamburgischen Electricitätswerken (HEW), kurz darauf begann der Aufstieg des Regionalversorgers zum heute drittgrößten Energiekonzern Deutschlands.

Die Gründung von Vattenfall Europe war Rauschers Werk. Das Unternehmen entstand durch die Zusammenführung der HEW mit der Berliner Bewag und den ostdeutschen Unternehmen Veag und Laubag. Unterstützt wurde der Manager dabei von seinem Mehrheitsaktionär, dem schwedischen Staatskonzern Vattenfall ("Wasserfall") - der ihn heute nun fallen ließ.

Ein Rekord nach dem anderen, mit rollendem fränkischen R

Der Name, den das neu geschaffene Gebilde bekam, sollte die Größe des Unternehmens symbolisieren. Sympathisch sollte er klingen - und vor allem modern. Geeinigt hat man sich schließlich auf "Vattenfall Europe" - eine Idee von Kommunikationschef Johannes Altmeppen, der nun im Zuge der Krümmel-Affäre ebenfalls zurückgetreten ist.

Vattenfall Europe ist mittlerweile größer als der Mutterkonzern in Schweden. 21.000 Menschen arbeiten für das Unternehmen, der Umsatz im vergangenen Jahr lag bei 11,1 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis bei 1,3 Milliarden Euro. In Ostdeutschland gehört dem Konzern das gesamte Stromübertragungsnetz und alle großen Kraftwerke, hinzu kommen die Endkundenmärkte in den beiden größten deutschen Städten, Hamburg und Berlin.

Vor allem die hohen Strompreise haben Vattenfall die Taschen gefüllt. Gleich mehrfach hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren seine Tarife angehoben - geschadet hat das Rauscher nicht. Die öffentliche Debatte über zu hohe Energiekosten steckte er einfach weg, gerne machte er sich mit seiner ironisch-schelmischen Art über seine Gegner lustig. Auch Ermahnungen aus der Politik ließen ihn kalt, ebenso wie seine Kollegen in den anderen Energieunternehmen.

Und das Geschäft lief ja auch gut, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Mit fränkisch gerolltem R konnte Rauscher einen Rekord nach dem anderen verkünden.

Sogar von der Kanzlerin gab es einen Rüffel

Erst die Atomdebatte brachte ihn nun zu Fall. Hohe Preise ließ man dem Manager durchgehen - unsichere Atomkraftwerke nicht. Nach dem Rausschmiss von Atom-Chef Bruno Thomauske und Kommunikationschef Altmeppen hatte Rauscher gar keine Wahl. Dass das Krümmel-Debakel nach zwei Bauernopfern vergessen sein würde, glaubte niemand mehr. Gegen all die Widerstände, die sich in den vergangenen Tagen auftaten, hätte er das Unternehmen nicht mehr führen können.

Zuletzt schien es, als hätten sich alle gegen ihn verbündet: SPD und Umweltschützer sowieso, aber deren Nörgeln hätte Rauscher, der selbst gerne mit derb-chauvinistischem Humor austeilte, mit links weggesteckt. Schwerer wogen da die Mahnungen von den Atomkraft-Befürwortern in CDU und CSU. Heute schließlich mischte sich selbst die Kanzlerin in die Debatte ein und schimpfte über das Krisenmanagement bei Vattenfall.

Doch auch das hätte Rauscher wohl noch überstanden - wenn ihm nicht die eigene Branche die Solidarität aufgekündigt hätte.

Erst meldete sich zaghaft der zweitgrößte deutsche Energiekonzern RWE zu Wort. Dann die Lobby vom Deutschen Atomforum. Am Wochenende schließlich Lars Josefsson, der Chef des schwedischen Mutterkonzerns. Und heute nun auch E.on-Chef Bernotat.

Sie alle eint eine große Sorge: Rauscher bringt die gesamte Atomkraft in Verruf. Oder, wie es der schwedische Vattenfall-Chef Josefsson heute formulierte: "Viel Vertrauen wurde in den zurückliegenden Wochen verspielt." Wodurch, auch das wurde klar benannt: "unzulängliches Krisenmanagement".

Widerstand wie seit den achtziger Jahren nicht mehr

Dass sich die Branche zu Recht Sorgen macht, wurde heute kurz nach Rauschers Rücktritt deutlich. "Thomauske weg, Rauscher weg, Brunsbüttel weg" - unter diesem Motto fordern Umweltschützer und Grüne einen vorzeitigen Ausstieg aus der Kernkraft. Und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will über eine Verkürzung der Laufzeiten älterer Kraftwerke verhandeln. Lautstark wie seit den achtziger Jahren nicht mehr formiert sich der Widerstand. Krümmel und Brunsbüttel drohten zu einem Image-GAU für die gesamte Branche zu werden.

Dabei hatte sich die Branche gerade im Aufwind gesehen. Vor den Pannen in Krümmel und Brunsbüttel ergaben Umfragen eine wachsende Zustimmung zu der früher ungeliebten Atomkraft. In Zeiten des Klimawandels haben die Betreiber von Kernkraftwerken schließlich ein wichtiges Argument auf ihrer Seite: Ihre Anlagen stoßen kein CO2 aus. Auf dem Energiegipfel im Juni verständigten sich Wirtschaft und Regierung sogar auf ein Abschlussdokument, in dem die Atomenergie als preiswert und klimaschonend gelobt wurde - mit Rücksicht auf die SPD wurde die Erklärung nur ein wenig verklausuliert.

Das alles schien nun auf einen Schlag zunichte gemacht. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte die aufgeregte Öffentlichkeit, als hätten die Medien Rauscher zu Fall gebracht. Tatsächlich jedoch waren es seine eigenen Kollegen, die ihn nicht mehr wollten - und sein Chef Josefsson, der das genau durchschaute.

Kein Treffen mit den Chefs der anderen Konzerne, kein Treffen mit der Regierung hätte Rauscher mehr absolvieren können, ohne dass das Ganze einen Beigeschmack gehabt hätte. Stets hätte es geheißen: Da steht er, der Vertuscher, seht her, wie unzuverlässig die Atomindustrie ist.

Rauscher musste gehen - nicht so sehr im Interesse der Öffentlichkeit, sondern vor allem im Interesse der Atomindustrie selbst.

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