Folgen der Finanzkrise Russlands Wirtschaft droht der Absturz
Hamburg - Die Angst geht um in Russland. Angst vor einer dramatischen Schieflage wie 1998. Damals zogen Anleger massiv Kapital aus dem Land ab, der Rubel geriet unter Druck, russische Banken standen vor dem Bankrott. Fieberhaft versuchte die Regierung, mit kurzfristigen Krediten auszuhelfen - vergeblich: Das Land geriet in eine tiefe Krise.

Bauboom in Moskau: Massenweise Kredite vergeben
Foto: DPAZehn Jahre später wankt die russische Wirtschaft erneut. An den Börsen ist blanke Panik ausgebrochen: Der Leitindex RTX fiel ins Bodenlose - der größte Kursrutsch seit dem Crash 1998. Die russische Finanzbehörde wusste sich nicht zu helfen und schloss die Börse bis mindestens Freitag.
Wenn sie wieder öffnet, steht Russland das Schlimmste erst bevor: Die Anleger sind stark verunsichert. "Es wird vermutlich einen Ansturm auf die Banken geben, die Anleger werden aus Aktien und aus dem Rubel rausgehen", sagt Wolfram Schrettl, Wirtschaftsprofessor und Russland-Experte an der FU Berlin.
Dann, so Schrettl, gibt es kein Halten mehr: "Im Prinzip könnte sich die Krise von 1998 in anderer Form wiederholen". Auslöser ist der Crash an der Wallstreet, der wegen des international verflochtenen Finanzsystems auch auf andere Länder der Welt übergreift. Die alleinige Ursache für den Zusammenbruch des russischen Finanzwesens ist die Krise in den USA jedoch nicht.
Daran hat Schrettl zufolge die russische Politik erheblichen Anteil: Jahrelang profitierte das Land von einem rasanten Wirtschaftsaufschwung. Die russische Zentralbank überschwemmte die Märkte mit Geld - schließlich war die Nachfrage groß und das Vertrauen der Anleger in den Rubel auch. Als Nebeneffekt stieg jedoch die Inflationsrate - zuletzt lag sie bei satten 15 Prozent.
Die Regierung sah tatenlos zu, wie Banken massenweise Kredite vergaben - auch an Abnehmer, die gar nicht über genug Eigenkapital verfügten, und die ihr Geld in Märkte investieren, die durch Spekulation angeheizt wurden. So grassierte in Russland ein beispielloser Bauboom, in Moskau schossen die Immobilienpreise in die Höhe.
Allein seit 2005 ist das Kreditvolumen in Russland jedes Jahr um mehr als die Hälfte gestiegen. Da das Geld allerdings auf dem heimischen Markt nicht aufzutreiben war, verschuldeten sich Banken und private Unternehmen im Ausland - auf insgesamt fast 500 Milliarden Dollar summiert Schrettl die Verbindlichkeiten. "Es wurde ein Kartenhaus errichtet, das nun zusammenfällt", sagt der Experte. Auch der russische Georgien-Feldzug trug zur Krise bei, in dessen Folge Investoren Milliarden aus dem Land abzogen.
Hinzu kommt: Der russische Aktienmarkt ist stark abhängig vom Öl. Sinken - wie zuletzt - die Preise für den Rohstoff, ist die gesamte russische Wirtschaft in Gefahr. Schon bei einem Ölpreis unter 70 Dollar reichen die Öl-Einnahmen nicht mehr aus, um den russischen Staatshaushalt auszugleichen.
Mittlerweile sind erste russische Großbanken in Zahlungsschwierigkeiten, ebenso Kleinere und Mittlere. Die russische Politik muss dagegensteuern, meint der Experte: "Wie andere Notenbanken ist sie gezwungen massiv Geld in das System pumpen, um die Liquidität wieder herzustellen".
Präsident Dmitrij Medwedew beschloss am Donnerstag, den Finanzmärkten rund 500 Milliarden Rubel (13,8 Milliarden Euro) aus dem Staatshaushalt zur Verfügung zu stellen, um Liquiditätsengpässen der Banken entgegenzuwirken. "Wir haben genügend Reserven und eine starke Wirtschaft", beteuerte Medwedew im Staatsfernsehen. Dies sei Garantie genug, dass es in Russland nicht zu einem Finanzschock kommen werde. Die Stabilisierung des Finanzsystems sei zurzeit aber die vorrangige Aufgabe der Regierung.
Ob der Rubel-Regen indes reicht, um den Absturz der russischen Wirtschaft zu bremsen bezweifelt Schrettl. Zu gravierend sind die Probleme des Landes. "Es sieht nicht gut aus." Wenn die Wall Street die Wende nicht schafft, gelingt sie Russland erst recht nicht.