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Der Schauspieler als Büßer

Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 51/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Minetti strahlt. »Schön, daß Sie gekommen sind, es wird Zeit, daß wir die Wahrheit herausfinden.« Seine Augen leuchten blau, doch eine Spur zu eifrig. Sein Lächeln ist freundlich, doch eine Spur zu breit. Alle, die mit ihm zu tun hatten, erinnern sich an diese Augen, dieses Lächeln. »Er hat niemandem direkt die Knochen gebrochen«, sagte ein junger DDR-Regisseur, »aber er hat einen ausbluten lassen, und er war immer gutgelaunt.«

Es ist ein trüber deutscher Dezember. In deutschen TV-Wohnzimmern erscheinen wieder einmal die Schuldigen und die Schuldlosen, die Sünder und Büßer, die Täter und die Opfer, die Gangster und die, die nichts gewußt hatten. Jetzt werden Rechnungen beglichen, neidisch Datschen besichtigt, Schlafzimmer vermessen, Markennamen notiert. Das Volk legt los. Hans-Peter Minetti ist darauf vorbereitet. Schon am Telefon hatte er dramatisch geflüstert: »Gorbatschow hatte recht: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.«

Zu spät hatte er sich die Brust geöffnet, damals im »Deutschen Theater«, als seine Theaterkollegen die Demonstration zum 4. November vorbereiteten. Er wollte sich mit vorsichtigen Phrasen an die Wende herantasten. Da wurde er niedergebrüllt, von den gleichen Mitläufern, die er, als ZK-Mitglied und Präsident des mächtigen Theaterverbandes in Ämter gehoben hatte. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stand er auf der falschen Seite.

Er trägt ein blütenweißes Hemd und einen blauen Anzug. Ein zuvorkommender älterer Herr. Seine rechte Hand knetet an einem Taschentuch herum. Das ist ein Tick von ihm - er wischt sie sich oft verstohlen ab, wenn er jemandem die Hand geschüttelt hat. Ängstlich hat er sich an die Linie gehalten die letzten Jahrzehnte, hat den Kontakt zu sozialistischen Ruhestörern gemieden. Ja, er hat buchstäblich Angst vor Infektionen. Hans-Peter Minetti, 63, Sohn des Schauspielers Bernhard Minetti.

Schon als Student, kurz nach dem Krieg, war er der KPD beigetreten, aus idealistischem Protest gegen die Väter, gegen die Nazi-Mitläufer, gegen ein Volk, das schnell vergessen wollte. Und irgendwann ist die Falle zugeschnappt, für Minetti und Millionen andere. Irgendwann kippte die pubertäre Euphorie für den »besseren Menschen« um in eisiges Durchhalten, in die intellektuelle Selbstverleugnung. Der Kalte Krieg trieb Ost und West in barbarische Versimpelungen. In Gut und Böse. Rot und Schwarz. Minetti hatte sich entschieden, hatte sich eingerichtet, und bevor er merkte, daß seine Begeisterung für »die Sache« zur Phrase und er selber zur Marionette erstarrt war, hatte er sich im Parteiapparat nach oben deklamiert.

Er hatte Schauspielerei studiert und hatte den Instinkt für den dramatischen Auftritt, das tönende Wort, die richtige Wendung. Er war der Psalmodist der Parteilinie, die rhetorische Nebelkanone der Macht. Als blitzender Feuerkopf organisierte er Thälmann-Gedenktage, war bald im Zentralrat der FDJ und kurz darauf Kandidat des ZK. Eine Karriere, die in der Erinnerung klingt wie eine sozialistische Heldenschnulze - nie vergißt er, wie er »damals in Kiel von Arbeitern vor Übergriffen der Reaktionäre beschützt wurde«, nie diese »ehrlichen, offenen Proletariergesichter«. In zahllosen Interviews hatte er sich in dieser Heldenvita verpuppt - und nun plötzlich soll sie genau die falsche gewesen sein? Nun soll er unter gesamtdeutschem Triumphgeheul »Reue« zeigen?

Für ihn ist es zu spät, das eigene Leben ganz neu anzuschauen, aber ein paar Retuschen möchte er noch vornehmen. Noch gibt es die Chance dazu. Noch ist ein anderer Lächler, noch ist Egon Krenz an der Macht - es ist die Woche vor dem Sonderparteitag. Noch könnte sich der Versuch lohnen, den Schaden durch das Volk abzuwenden. Ist nicht Hermann Kant, dieser oberlaue Mitläufer im Schriftstellerverband, Kant, sein Freund, gerade als Präsident bestätigt worden?

Bereichert, sagt er, hat er sich nie. Im Gegenteil. Durch seine unentgeltliche Verbandstätigkeit ist ihm manche Rolle, manche Gage entgangen. »Nennen Sie das hier etwa Luxus?«

Nein. Da ist zumindest nichts, was einen westdeutschen Bühnenarbeiter, ganz zu schweigen von einem Rampenstar, erblassen lassen könnte. Er wohnt im neunten Stock eines Neubaurings im Rücken des ZK. Vom Balkon aus sieht er Axel Springers Verlagshochhaus. Mit seiner Frau Irma Münch, einer bekannten DDR-Fernsehschauspielerin, lebt er in einer engen, zweigeschossigen Etagenwohnung, einem vollgerümpelten Delirium aus Zinktellern und Eßnische »rustikal«, braunen Cordsesseln mit Häkeldeckchen und Topfpalmen. In der kleinen Einbauküche, in der seine Frau Gulasch zubereitet, hängen Verse aus Schillers »Glocke«, in weißes Leinen gestickt: »Die Hausfrau füllet mit Schätzen die Laden/ und dreht um die schnurrende Spindel den Faden/ und sammelt im reinlich geglätteten Schrein/ die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein.« Auch Irma Münch ist SED-Mitglied.

In zehn Jahren wird niemand mehr begreifen, warum diese kirchenfrommen, sauberen Besitzbürger, die Angst vor jeder Art von Neuerung haben, in der SED statt in der CSU gelandet sind. Wahrscheinlich begreifen sie es selbst nicht. Strauß und Honecker, darauf kommt Minetti immer wieder zurück, haben sich prächtig verstanden. »Er hat Honecker bescheinigt, daß er ein großer Staatsmann ist.«

Minettis Sprache hat gelernt, nichts mehr zu transportieren. Ihre Heimat ist das Ungefähre. Die Briefe der Krupskaja waren für ihn stets »ein reiner Quell, der half, den Schmutz abzuwaschen«. Und zu den nun aufgedeckten Schiebereien im Politbüro steuert er den Wandtellerspruch bei: »Wahrscheinlich verdirbt Macht doch.«

An diesem Nachmittag noch glaubt er an die schützende Wirkung wolkiger Erklärungen. Am Abend jedoch hat er einfach Angst. Da trifft er im Fahrstuhl die Genossin Karin. Und die sagt: »Kommst du mit, den Generalsekretär stürzen?«

Vor dem düsteren rechteckigen Klotz des ZK-Gebäudes haben sich mehrere tausend wütender SED-Mitglieder versammelt. Mit überschnappender Stimme kreischt die Rektorin der linientreuen Krupskaja-Schule ins Mikrofon: »Was soll ich den Kindern sagen, wenn sie mit großen Augen sehen, wie die Fotos von den Wänden genommen werden? Ich muß diesen Kindern sagen: Das waren Banditen, die uns verführt haben.« Kinder sind beliebt bei Demagogen. Keiner kommt auf die Idee zu fragen, warum sie ihren Kindern jahrelang mit »Staatsbürgerkunde« gequirlten Mist vorgesetzt hat. Köpfe müssen rollen, um den eigenen zu retten. Karin hat die Zeichen der Zeit begriffen. Sie johlt mit den anderen.

Minetti hat nichts begriffen. Er steht mit glasigen Augen abseits. Als habe er Angst vor der Berührung mit der Menge, als fürchte er die Infektion. Irgendwann erscheint Egon Krenz im Portal und beschwört die Einheit. Er wird niedergebrüllt. Minetti wendet sich um und geht durch die Nacht nach Hause.

Am nächsten Tag treffen sich Künstler, Wissenschaftler, Schauspieler im Friedrichstadtpalast unter dem Lenin-Motto »Was tun?« Volker Braun will eine neue Räte-Demokratie ausrufen, ein Ökologe spricht von der verheerenden Umweltbilanz, und ein marxistischer Wirtschaftswissenschaftler faselt von Akkumulation und Konsumtion, bis oben im Saal einer die Tür aufreißt und brüllt: »Der Schalck-Golodkowski hat sich in die Schweiz abgesetzt.«

Alle zartgesinnten Überlegungen zu einem »besseren« Sozialismus sind plötzlich nur noch Phrasen von gestern. Ein Aufschrei geht durch den Saal, und der klingt wie: Rache. Plötzlich wissen alle, was zu tun ist. Auch Daniel, der Sohn von Hans-Peter Minetti, ebenfalls ein Schauspieler, der mit im Saal sitzt.

Mit eilig gepinselten Plakaten stürmt er, gemeinsam mit den anderen, vor das * Mit dem heutigen Ministerpräsidenten Hans Modrow (2. von links). ZK-Gebäude. Drinnen sitzt sein Vater. Draußen fordert »das Volk« die Köpfe der Bonzen. Bald darauf erscheint Politbüromitglied Günter Schabowski und verkündet die Auflösung von ZK und Politbüro. Mit den anderen Genossen hatte sich Hans-Peter Minetti schon vorher, durch einen Hinterausgang, nach Hause geflüchtet.

Dort sitzt er nun, ein ratloser, alter Mann und schaut auf den Fernseher, auf dem, inmitten einer gehäkelten Pfütze, ein napoleonischer Porzellanoffizier strammsteht. In den »heute«-Nachrichten verliest die Sprecherin die Meldung vom Rücktritt Krenz' und von der Auflösung des ZK. Und der Schauspieler Minetti weint.

Als ob er erst jetzt, da die Vorgänge vom Nachmittag eine Nachricht im westdeutschen Fernsehen geworden sind, begreift, daß für ihn alles zu Ende ist - der reale und jede andere Form von Sozialismus. Er weint um seinen Sitz im ZK, für den er Jahrzehnte gebuckelt und geschuftet hatte, und er weint um sein Leben.

Eine Treppe verbindet die beiden Etagen der Wohnung. Sie führt in einem Bogen hinauf, und jeder, der sie betritt, stößt auf das lebensgroße Ölbildnis eines alten Mannes: Schlohweißer Schädel, blaue durchdringende Augen, aristokratisch gekerbte Falten - mißmutig blickt der alte Theaterfürst Bernhard Minetti auf seinen Sohn herab, wenn immer er in sein Arbeitszimmer strebt, um Texte zu lernen. Wenn er allerdings wieder herabsteigt, sieht Hans-Peter Minetti niemanden als sich selbst - an der Stirnseite, in Höhe der oberen Stufen, hängt ein schwerer, mannshoher, goldgerahmter Spiegel.

Eine Woche lang hat er sich jetzt dort oben eingebunkert. Er hat eine neue Rolle gefunden und mit ihr eine neue Religion - sie heißt Reue, heißt »Tannhäuser«. Während unten in der Wirklichkeit, zu der er früher mit Siegerlächeln herabzusteigen pflegte - nicht ohne einen prüfenden Blick in den Spiegel zu werfen -, die Genossen auf dem Sonderparteitag um eine Neugeburt der SED ringen, übt der Schauspieler Minetti oben den Büßer, paukt er das Hohelied des Sünders, der um Vergebung bittet.

Unten werden die ersten Übergriffe auf Stasi-Beamte gemeldet, die ersten Selbstmorde, Verhaftungen. Dort unten wächst die Angst vor Pogromen - und oben deklamiert der Schauspieler Minetti: »Ich bringe, Herr, meine Klage vor dich und will dir, gütiger Vater, ganz vertrauen.«

Heute möchte er nicht mehr über realsozialistische Fehler reden, sondern nur noch über metaphysische Schuld. Was heißt reden: Herausflüstern, wimmern und schreien möchte er sie, mit Inbrunst und Versmaß und Wirkung.

Er schließt die Augen, hebt die Linke an den schlohweißen Schädel und stößt hervor: »Ich habe zeit meines Lebens gesündigt und bisher nur selten bereut.« Demnächst wird er mit dem Text auf Tournee gehen, die ersten Verträge sind schon unterschrieben. »Dein Martyrium und deine Gottheit mögen mir helfen« - mit diesem »Tannhäuser«-Abend wird er wiedererstehen als Schauspieler, liefert die Geschichte nicht wunderbares Material? - »daß ich mich hier und jetzt der Buße stelle und für sie entgelte«.

Hat nicht auch der heute 84jährige Sippenfürst Bernhard Minetti, der »Chef«, wie ihn die Familie ehrfürchtig nennt, nach dem Kriege schwere Zeiten durchgemacht, jahrelang kaltgestellt, weil er ein Theaterstar der Nazis war? »Da ich auf deine Gnade hoffe, so hilf mir, daß sich mein Verlangen erfülle.« Auch der »Chef« kam erst hochbetagt, in einem glänzenden Comeback, in den Theaterolymp, und gute alte Schauspieler werden immer gebraucht, egal, was früher war. »Gib mir einen so starken Geist, daß mich der Teufel nicht verführen kann . . .« Es klingelt, unten geht eine Tür, Stimmengewirr im Flur, und Minetti sagt: »Scheiße, ausgerechnet jetzt.«

Sein Sohn Daniel ist gekommen und liefert sein dreijähriges Töchterchen ab, das die Großeltern nur »Glückle« nennen - ein kleines Bündel Glück in diesen schweren Zeiten. Daniel, der im »Maxim Gorki Theater« spielt, war schon vor anderthalb Jahren aus der Partei ausgetreten - während der Januar-Demonstrationen war er nur knapp Prügeln und der Verhaftung entronnen. Noch deutlich hat er im Ohr, wie ein Stasi-Beamter rief: »Die beiden greifen wir uns heraus«, und er hatte auf ihn und seine Frau gewiesen. Sein Vater hat ihn damals beschworen, mit dem Austritt zu warten. Er hatte gefleht und gedroht. Und schließlich resigniert erkannt, daß eine neue Generation herangewachsen ist, die, wieder einmal, den Vätern die Schuldfrage stellen wird. Über Politik sprechen die beiden nicht. Statt dessen über »Glückle«, über Rollen. Daniel liebt seinen Vater.

Daniel, 31, hat die blauen Minetti-Augen. Sie sind nicht grandios umdüstert wie die des Sippenfürsten, nicht sentimental schwimmend wie die des Vaters, sondern - nachdenklich. Ihn reut die Unterschrift, die er spontan unter den Aufruf Stefan Heyms gegen die Wiedervereinigung und für einen »besseren« Sozialismus gesetzt hat. Die Revolution hat nicht nur Zaren gestürzt, sondern auch die Heilserwartung dahinter zertrümmert. »Bisher dachten wir, der Sozialismus sei ein verzauberter Prinz, der nur befreit werden muß. Jetzt haben wir den Frosch an die Wand geknallt. Und ich befürchte, daß der Sozialismus doch nur ein schrumpeliges Männchen aus dem 19. Jahrhundert ist.« Das neue Jahrtausend wird ohne Ideologien, ohne Theologie auskommen müssen, und die Menschheit ohne Paradies. Minetti schaut in ratlosem Stolz auf seinen Sohn. Ihm imponiert diese Gradlinigkeit, und ihm dämmert, daß er sich selbst vor langer Zeit als Geisel genommen hat, sich und andere unter ein Joch gekrümmt hat, das »Kaderdisziplin« hieß.

Oft hatte der Parteisoldat in ihm den Schauspieler im Würgegriff. Vielleicht hätte er ein ganz Großer werden können. Einer wie der »Chef«. Es gab immer wieder diese schizophrenen Brüche. Etwa, als ihm Frank Beyer in seinem Film »Spur der Steine« eine Rolle anbot. Ein hinterhältiges Angebot: Er sollte einen dogmatischen Parteisoldaten selber spielen.

Minetti griff damals zu. Und spielte den Karrieristen Heinz Bleibtreu so gut, so charakteristisch, daß sich viele SED-Genossen in ihm wiedererkannten. Der Film verschwand aus den Kinos. Erst heute, nach 23 Jahren, wird er wieder gezeigt. Und in sämtlichen Vorstellungen im ausverkauften »Kosmos«-Kino gibt es Szenenbeifall, wenn Bleibtreu von einem Arbeiter »Arschloch« genannt wird. Minetti hat sich den Film bis heute nicht angeschaut.

Am Abend steht er als Feldprediger in Brechts »Mutter Courage« auf der Bühne. Er muß sich vorbereiten. »Lesen Sie meine Rede vor dem 7. Plenum«, sagt er und legt einen roten Folianten mit Sitzungsprotokollen auf den Tisch, »da müssen Sie einfach erkennen, daß ich schon vor einem Jahr Kritik geübt hatte.« Als ob es darauf jetzt noch ankäme.

Das Buch ist ein Kompendium der rhetorischen Spagate, der greisenhaften Barrikadenromantik eines vergangenen Jahrhunderts. Und dazwischen, immer wieder, Rituale der Selbsterniedrigung, der schäumenden Entschuldigungen, etwa des einstigen Kulturministers Hoffmann, der den Redakteuren von Theater heute ein allzu freimütiges Interview gegeben hatte.

Aus dem Buch fällt ein Zettel - Anweisungen Kurt Hagers an den Genossen Hans-Peter für seine Rede. Was für ein Hundeleben - soviel Krummbuckelei für eine kleine Einbauküche und Cordsessel mit Häkeldeckchen? Ohne einen Rest von fernen Erlösungserwartungen geht das kaum. Minetti ist stolz darauf, daß er in seiner Rede Volker Brauns Theaterstück »Die Übergangsgesellschaft« verteidigt hatte. In diesem Stück sinniert der alte Revolutionär Höchst darüber nach, ob sich das Kämpfen gelohnt habe - und Zweifel ist ein Sakrileg für Stalinisten. Minetti jedoch argumentierte scholastisch für das Stück: Erst der Zweifel befeuere doch den Glauben.

Ihm, tönte er im ZK, sei es ergangen wie vielen Zuschauern. Er wollte »diesem Wilhelm Höchst am liebsten noch mitten im Spiel zurufen: ,Ja, glaube mir, das hat sich gelohnt: Alles was du für uns erkämpft, wie du für uns gestritten und gelitten hast . . . ich verstehe sehr gut, daß du dir diese quälende Frage stellen mußt. Hab Dank dafür, daß du das tust - denn deine Frage hilft mir, meine Antwort zu finden.'« Es ist die Offensive der Selbstentleibung, die der Schauspieler im ZK vorführte, die Geschmeidigkeit des kritischen Opportunisten.

Ein gespenstisches Protokoll in dieser bürgerlichen Nippes-Höhle. Aus dem Nebenzimmer dringt ein Aufschrei: »Unser König hat nur die Freiheit im Aug' gehabt!« Der Schauspieler übt den Feldprediger, übt eine andere Rolle ein, neue große Worte, und irgendwann ähneln sie sich alle. »Man müßte eine neue Sprache erfinden«, hatte Daniel Minetti am Nachmittag gesagt, ohne allen Zusammenhang, ganz leise, wie zu sich selbst.

Die alte Sprache, die hohl-belehrende, die Sprache als Kathederstock, wird am Abend im Berliner Ensemble geschwungen - in Bert Brechts »Mutter Courage«. Das »Theater am Schiffbauerdamm«, ein reichverzierter Puttentempel, ist längst zum Museum verkommen, bespielt von gehätschelten Staatsschauspielern, die dem Publikum den sozialistischen Reißbrett-Menschen entwerfen.

Kaum ein Mitglied dieses sozialistischen Establishments ohne Auszeichnungen - selbst kokettes Dissidententum wird hier in Maßen geduldet, wenn es der Sache dient. Schatrows Stück »Blaue Pferde auf rotem Gras« etwa, in dem Lenin in einer fürchterlich sentimentalen Kolportage gegen die Bürokratie kämpft, war über die Jahre ein frivoler Renner - am Abend zuvor galoppierten die »Pferde« vor halbleeren Rängen. Wen interessieren noch Aufbauprobleme beim Sozialismus, wo das Volk bereits mit dem Abriß beschäftigt ist?

Auch die »Courage«-Inszenierung stammt aus dem Friedhof der sozialistischen Theatralik. Peter Kupke, heute im Westen arbeitend, hatte sie vor elf Jahren eingerichtet, streng nach den Modellen, die Bertolt Brecht bereits vor 40 Jahren für die Berliner Premiere entworfen und anschließend kanonisiert hatte.

Auf dem Weg zur Garderobe, vorbei an dem edlen Armutskrempel, dem Planwagen und den Helmen und anderen Reliquien dieser erstarrten Theaterliturgie, grüßt Minetti seine Kollegen fast anbiedernd freundlich. Die Karten sind neu gemischt. Gestern noch war er ein mächtiger Funktionär. Heute ist er nur noch Schauspieler. Andere Mitspieler haben sich der Wende geschmeidiger angepaßt. Sie gehen auf Distanz.

Nur widerwillig läßt sich der Maskenbildner herbei, Minetti zum Feldprediger zu schminken. »Er ist die Number One bei uns«, sagt Minetti mit kindlicher Bewunderung, und der Maskenbildner nickt gönnerhaft. Dann bleibt Minetti allein zurück, vor dem großen Spiegel, und legt die Hand auf sein Textbuch. In letzter Zeit, sagt er, habe er einen Alptraum, der immer wiederkehre. Er steht auf der Bühne und will zu einem großen Monolog ansetzen. Doch der Text fehlt ihm - er hat sich in ein Stück verirrt, das er gar nicht kennt.

Eine Gruppe dänischer Touristen verliert sich im halbleeren Parkett. Und wieder schiebt die Marketenderin Anna Fierling ihren Planwagen, und wieder kreist die Bühne, und wieder bewegen sich Schauspieler wie Figuren einer Schachpartie, wie Beweisstücke für Thesen über »den Menschen« und »den Krieg« und »das Geld«.

In dieser müde-abgetakelten Routine-Inszenierung gibt es jedoch ein unerwartetes Leuchten. Es kommt nicht von der Mutter Courage der Diseuse Gisela May. Es ist der Feldprediger, der fasziniert. Ein schmaler, alter, weißhaariger Mann, der sich in den Troß der Courage geflüchtet hat. Da ist einer, der lacht und stottert und sich windet. Der schüchterne Annäherungsversuche unternimmt und abgewiesen wird. Der nichts beweist. Der Angst hat. Kurz: ein Mensch.

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