Informationen zum Schwangerschaftsabbruch Die Abschaffung des Paragrafen 219a reicht nicht

In der Debatte über das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche sollte es weniger um Abtreibungen gehen als um Informationen über Abtreibungen. Und die dürfen in Hamburg nicht anders sein als in Bayern.

  Protest gegen Paragraf 219a
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Protest gegen Paragraf 219a

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Plötzlich wird wieder über Schwangerschaftsabbrüche diskutiert in Deutschland. Dabei ist die Sache geklärt: Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland verboten. Sie bleiben aber unter bestimmten Bedingungen straffrei - etwa, wenn sich die Frau beraten lässt, vor dem Eingriff drei Tage Bedenkzeit einhält und der Eingriff vor der 12. Schwangerschaftswoche stattfindet (lesen Sie hier mehr dazu). Vielleicht ist die Regelung holprig, aber geradezu genial.

Abtreibungsgegner bekommen darin ihr gewünschtes Verbot, Frauen aber trotzdem die Möglichkeit, einen Abbruch durchzuführen. Und selbst wenn die Berater angehalten sind, in eine bestimmte Richtung zu beraten, so bleibt das Gespräch doch "ergebnisoffen", wie es so schön heißt. Die Frau kann also danach selbst entscheiden. Und das ist vielleicht eine der schwierigsten Entscheidungen, die eine Frau treffen kann.

Umso überraschender ist es, dass manche Menschen glauben, für jeden Fall eine andere Lösung zu kennen - sogar ohne mit ihm vertraut zu sein. In Kommentaren und sozialen Medien werden ungefragt gute Ratschläge von Verhütung bis hin zu anonymer Geburt und Adoption verteilt, gern auch von Menschen, die selbst gar nicht schwanger werden können.

Je weniger Information, desto besser

Man könnte jedem Kommentar ein Szenario entgegensetzen. Man könnte berichten von Mädchen, die den Tod fürchten müssen, wenn sie schwanger nach Hause kommen. Von Krankheit, Verhütungsfehlern, Missbrauch, Armut, Gewalt, Verzweiflung, Pech und Hoffnungslosigkeit. Man sollte es lassen. Vielleicht trifft nichts von alldem zu, vielleicht will eine Frau einfach kein Kind bekommen. Warum sollten wir uns anmaßen, über uns unbekannte Beweggründe in uns unbekannten Lebensgeschichten zu urteilen?

Das müssen wir zum Glück auch nicht. Denn momentan geht es nicht darum, ob Abtreibungen okay sind. Es geht darum, wie sich Frauen über einen solchen Eingriff informieren können.

Die Debatte tobt, seit eine Ärztin dafür verurteilt wurde, auf ihrer Webseite über Schwangerschaftsabbrüche in ihrer Praxis informiert zu haben. Sie ist damit nur eine von vielen Medizinern, gegen die Abtreibungsgegner Anzeige erstatten. Die nämlich möchten § 219a aus dem Strafgesetzbuch streng durchgesetzt sehen. Er regelt die "Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft": Ärzte sollen ihre Leistungen auf diesem Feld nicht einmal "ankündigen" dürfen. Für Fans des Paragrafen gilt offenbar: Je weniger Information desto besser.

Strengere Gesetze sorgen nicht für weniger Abtreibungen

Dem scheint die Hoffnung zugrunde zu liegen, weniger Informationen führten zu weniger Abtreibungen. Oder die Befürchtung, eine Frau entschiede sich doch leichtfertiger gegen ein Kind und für eine Abtreibung, weil sie im Netz entsprechende Informationen gefunden hat.

Strengere Gesetze sorgen aber nicht grundsätzlich für weniger Abtreibungen, sondern auch für gefährlichere. Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden wollen, haben schon immer Informationen und Wege gefunden, das zu tun - sei es im Ausland oder mit Stricknadeln auf dem heimischen Küchentisch. Oft gingen sie für die Frauen tödlich aus, Grund dafür war unter anderem der Mangel an Informationen. Zum Glück sind die Zeiten vorbei. Nun gilt es, alles daran zu setzen, dass sie für immer vorbei sind.

Jeder Arzt sollte einer Hilfesuchenden sagen, wo sie Hilfe bekommt

Die Abschaffung eines Paragrafen ist dafür nicht genug. Von einem Land wie Deutschland ist zu erwarten, dass Frauen problemlos Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbruch bekommen, wenn sie das wünschen. Sowohl von staatlichen Stellen als auch von Ärzten - und zwar nicht nur von denen, die selbst Abbrüche vornehmen.

Es ist jedem Arzt zuzumuten, dass er - ganz ungeachtet seiner eigenen Haltung - Patientinnen über Rechtslage und Möglichkeiten informiert. Dass er etwa sagt: "Ich bin dagegen und mache es nicht. Aber Herr Müller im Nachbarort kann ihnen weiterhelfen." Wer es als Arzt nicht schafft, die Minimalinformation weiterzugeben, wo eine Hilfesuchende Hilfe bekommt, hat vielleicht den falschen Beruf.

Wichtig ist auch eine einheitliche Information: Wer beispielsweise nach Informationen zum Schwangerschaftsabbruch in Hamburg googelt, erhält von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz schnörkellos mitgeteilt, welche Methoden es gibt samt einer Liste von Ärzten, die den Eingriff vornehmen. Der erste Satz lautet:

"In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 12. Schwangerschaftswoche straffrei, wenn Sie zuvor eine Beratung in einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle in Anspruch genommen haben."

Googelt eine Frau in Bayern, landet sie auf der Seite des Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Hier beginnt der Text über die Rechtsgrundlagen mit einem anderen Satz:

"Grundsätzlich ist in Deutschland ein Schwangerschaftsabbruch nach § 218 des Strafgesetzbuches (StGB) für alle Beteiligten (Ärztin/Arzt und ggf. auch die schwangere Frau) strafbar."

In Landshut ist die Wortwahl bei der Beratungstelle am Gesundheitsamt noch einmal anders:

"Ein Schwangerschaftsabbruch nach der sogenannten "Beratungsregelung" bleibt Unrecht (tatbestandslos, aber rechtswidrig), ist aber straffrei, wenn ..."

Strafbar, straffrei, Unrecht - allein die unterschiedliche Wortwahl in der ersten Ansprache lässt erahnen, dass es Frauen unterschiedlich schwer gemacht wird, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch wünschen. Klar wird aber auch: Leicht gemacht wird es ihnen nirgendwo.

Dabei ist die Entscheidung für den Abbruch einer Schwangerschaft selbst schon schwer genug. Wir sollten den Frauen danach nicht noch mehr aufbürden, indem wir sie nur sporadisch informieren. Nichts wird besser, weil weniger darüber geredet wird.

insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
dasfred 25.03.2018
1. Das wir überhaupt diesen Paragraphen haben
ist der eigentliche Skandal. Keine Frau nimmt eine Abtreibung so leicht, wie eine Nasenkorrektur, die überall beworben wird. Gerade die ungewollt Schwangere benötigt besonders gute Informationen und zwar schnell, um die Frist nicht zu überschreiten. Erst wenn alle Infos vorliegen, kann auch die Entscheidung richtig getroffen werden. Vielleicht auch pro Kind. Die Zeiten, wo Frau heimlich nach Holland gefahren ist, ist Gott sei Dank vorbei. Aber von umfassender Aufklärung über den Abbruch und seine Möglichkeiten und Folgen sind wir in Deutschland meilenweit entfernt. Alles nur, weil einige Menschen noch in einer Welt leben, die nichts mit der Realität der Betroffenen zu tun hat. Ich bin sicher, die Fälle, in denen Neugeborene im Blumenkübel oder dem Gefrierschrank entdeckt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Alles, weil Frauen nicht früher dieses Problem lösen konnten.
spon_4_me 25.03.2018
2. Ein Grund für den 219a,
der in der angeblich tobenden Debatte selten erwähnt wird, ist, die Kommerzialisierung der Abtreibung zu verhindern. Der Paragraf nennt dies eine Werbung „seines Vermögensvorteils wegen“. Ich teile Ihre Meinung, dass die Information zum Schwangerschaftsabbruch so neutral und einheitlich wie möglich sein sollte. Mir wird dieses wirtschaftliche Argument aber zu wenig berücksichtigt. Sind Sie so sicher, dass hier kein Missbrauch und Schindluder getrieben werden wird? Wie würden Sie den verhindern oder eindämmen wollen? Nicht dass Sie sich - wie bei FB - plötzlich in ein paar Jahren die Augen reiben und schockiert sagen: Da hat das ja jemand zum Geldverdienen ausgenutzt.
muekno 25.03.2018
3. #1 genau so ist es
Ein Abbruch ist einzig und allein die Sache der Frau, da hat kein Staat, kein Kirche etc. rein zureden. Ein ordentliche Aufklärung ja, ein ordentlich Beratung ja, meinetwegen auch als Pflicht. Hilfestellung um nicht einen Abbruch nur wegen einer temporären Notlage ja. Aber sonst ist es eine Sache der Frau, Pasta.
haarer.15 25.03.2018
4. Abschaffung des Paragraphen 219a
Ja. Dieser Paragraph sollte verschwinden, weil er unterschiedliche Auslegung zulässt und Komplikationen erzeugt, für den Arzt wie für die betroffene Frau. Eine Beratung sollte auch nicht richtungsweisend sein, sondern u m f a s s e n d, sonst darf sich das nicht Beratung nennen. Und ja, ein Arzt soll natürlich seine Leistungen aufgliedern, und zwar transparent auch für den Fall eines Schwangerschafts-Abbruchs. Das hat mit Werbung gar nichts zu tun, sondern es ist seine Informationspflicht. Wenn er selbst keine Abtreibung vornehmen will, so ist er trotzdem verpflichtet, den betroffenen Frauen weiterzuhelfen. Claro - sonst hätte er seinen Beruf verfehlt.
xilraf 25.03.2018
5. Sehr richtig!
Kann dem Kommentar nur zustimmen. Frauen sollten dieselben, neutralen Informationen bekommen können, und eine Liste mit Ärzten, die Abbrüche durchführen.
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