Feierabendregel in Frankreich "Die Kommunikation ist für elf Stunden abzuschalten"
Hier noch schnell eine Firmenmail beantworten, da noch eine kurzes Gespräch mit dem Kollegen führen - auch in der Freizeit bleibt das Diensthandy keinen Augenblick unbeobachtet. Man könnte ja etwas Wichtiges verpassen, und den Chef darf man doch nicht warten lassen. Oder? In Frankreich haben Unternehmerverbände der IT- und Beratungsbranche mit französischen Gewerkschaften Anfang April ein Abkommen geschlossen: "Aus Respekt vor den Mindestruhezeiten verpflichten sich die Angestellten, die Kommunikation abzuschalten", heißt es dort in Artikel 4.8.1.
Knapp 200.000 Beschäftigte sollen nun eine Ruhezeit von täglich elf Stunden einhalten - und so lange ihr Diensthandy ausschalten. Wenn das Abkommen vom Arbeitsministerium grünes Licht bekommt, tritt die Regelung zum Jahresende in Kraft.
"Wir passen auf die Gesundheit unserer Angestellten auf, denn schließlich besteht das Risiko eines Burnouts", sagt Frédéric Lafage, Chef einer Beratungsfirma für Akustik und Vize-Präsident von Cinov, der das Abkommen zusammen mit dem zweiten Verband Syntec unterzeichnet hat. In den Genuss der Regelung sollen vor allem hochqualifizierte Außendienstler kommen: Informatiker, Ingenieure, Manager.


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Für Cinov-Vize Lafage geht es vor allem um eine neue Kultur, die langsam in die französischen Unternehmen einziehen soll. "Hier ist nur hoch angesehen, wer lange arbeitet", sagt Lafage. Ausgerechnet Deutschland sieht er als Vorreiter: "In Deutschland gilt als effizient, wer früh nach Hause geht. In Frankreich ist das Gegenteil der Fall." Lafage hat vor allem das Beispiel Volkswagen, wo abends die Mail-Server abgeschaltet werden, beeindruckt. Das könnten Hunderte kleine Unternehmen, die seinem Verband angehören, nun auch so handhaben. Zwingen will er dazu aber niemanden.
"French bashing" von der Insel
Ganz so streng wollen die Unternehmerverbände Syntec und Cinov das neue Abkommen ohnehin nicht verstanden wissen. "Wenn man in einem Projekt steckt, kann es Ausnahmen geben", sagt Syntec-Geschäftsführer Max Balensi. "Das sollten aber auch Ausnahmen bleiben."
"Es geht nicht darum, das Telefon um 18 Uhr abzuschalten", sagt auch Marie Buard von der Gewerkschaft CFDT. Das wäre auch kaum möglich, schließlich haben viele der betroffenen Unternehmen wie der IT-Dienstleister Atos oder die Beratungsfirma Capgemini Geschäftspartner in anderen Zeitzonen.
Das Abkommen sei auch keine Aufforderung, sich sklavisch an die 35-Stunden-Woche zu halten, wie es die britische Presse aufgefasst hatte, sagt Balensi. "Frankreich ist das einzige Land in der Welt, das eine 35-Stunden-Woche verabschiedet hat und die auch noch verschärft", schrieb der "Independent". "Es ist, als ob das Smartphone nie erfunden worden wäre." Für Balensi ist das böses "french bashing", das von der anderen Seite des Ärmelkanals kommt.
Charta zum Respekt des Privatlebens
Für die großen Industriebetriebe wie den Volkswagen-Konkurrenten Peugeot ist das Abkommen ohnehin nicht gedacht. "Das ist nur eine Einigung für eine Branche", betont Lafage. Aber klar: "Es könnte andere Zweige natürlich inspirieren, etwas Ähnliches zu beschließen."
Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ifop sind 56 Prozent der Franzosen der Ansicht, dass ihr Unternehmen ihnen nicht genug hilft, Beruf und Privatleben zu trennen. 16 große Unternehmen wie Bouygues oder Michelin haben deshalb eine vom Frauenministerium vorangetriebene Charta unterzeichnet, um Mails am Wochenende einzuschränken und abends ab 18 Uhr möglichst keine Konferenzen mehr abzuhalten.
Auch Allianz France schloss sich der Initiative an. "Wir haben viele positive Reaktionen von Mitarbeitern erhalten, die glücklich sind über mehr Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben", teilt die französische Filiale des Versicherungskonzerns in Paris mit. Das Unternehmen hat bereits erste Erfolge zu vermelden: Die Besprechungen seien nun kürzer, und die Zahl der Mails am Abend und am Wochenende habe um 60 Prozent abgenommen.
Das Mutterhaus in Deutschland hat auch ohne entsprechende Charta eine ähnliche Praxis eingeführt. "Im vergangenen Jahr hat der Vorstand den Mitarbeitern ausdrücklich versichert, dass von ihnen nicht erwartet wird, im Urlaub oder an Wochenenden Mails zu lesen und zu bearbeiten", sagt Sprecher Ulrich Hartmann.

Christine Longin (Jahrgang 1964) berichtet seit vier Jahren aus Frankreich. Zunächst als Korrespondentin für die Nachrichtenagentur Agence France-Presse und seit einem Jahr als freie Journalistin.