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Polen: Robert Biedrons Wahlkampf in Slupsk

Foto: Dumitru Doru/ picture alliance / dpa

Schwuler Bürgermeisterkandidat Toleranztest in der polnischen Provinz

Im Parlament sitzt Robert Biedron schon, jetzt kämpft er um das Amt des Bürgermeisters von Slupsk. Er wäre der erste offen Schwule auf einem solchen Posten im konservativen Polen. Im Wahlkampf darf er nicht zimperlich sein.
Von Joanna Bidler und Christina Hebel
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie kommen zu acht. Junge Männer, kurze Haare, dunkle Kapuzenpullover. "Schwuchtel", brüllen sie und "Schwuler Wichser". Gemeint ist Robert Biedron. Er steht am Rand des Spielfeldes beim Fußballklub von Slupsk (Stolp), einem 100.000-Einwohner-Ort rund 20 Kilometer von der polnischen Ostseeküste entfernt. Biedron gibt dort einem Team des öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals TVP ein Interview.

Der Politiker sitzt seit drei Jahren im Parlament und hat sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Jetzt will er Bürgermeister von Slupsk werden - eine Premiere für das immer noch sehr konservative Polen.

Biedron zieht seit Tagen durch die Stadt, besucht Geschäfte, das Schwimmbad, das Obdachlosenheim. Er wirbt für sich und seine Liste Nareszcie Zmiana (Endlich Wechsel). Am Sonntag sind Kommunalwahlen in Polen.

"Warum filmt ihr das nicht?", fragt er den Fernsehredakteur ruhig und zeigt auf die Hooligans am Spielfeldrand. Der winkt ab: "Ach, die sind nur betrunken." So wirken sie allerdings nicht. Die jungen Männer grölen weitere Beleidigungen und ziehen dann ab.

"Polen braucht noch Zeit"

Der 38-jährige Politiker schaut ihnen nach: "Es war klar, dass Pöbeleien kommen." Warum ist er dann überhaupt hierhergekommen? "Als Bürgermeisterkandidat muss ich auch an Orte, die nicht angenehm sind. Schließlich ist es meine Aufgabe zu verbinden und nicht zu spalten." Doch für die Fußballfans ist Biedrons selbstbewusstes Erscheinen eine Provokation. Er trägt Gel im grauen Haar, ein blaues Jackett und einen Dreitagebart. Als er sich zu zwei Zuschauern setzt, stehen die auf. Biedron versucht zu lächeln, schaut aufs Spielfeld.

"Polen braucht noch Zeit", bilanziert Pawel Kryszalowicz, Vizepräsident des Fußballklubs. Es klingt wie eine Entschuldigung. Der 40-Jährige hat für Eintracht Frankfurt und die polnische Nationalmannschaft gespielt, seit einigen Jahren ist er zurück in seiner Heimatstadt.

Die Fußballfans, überwiegend Männer, beobachten Biedron und lachen. Angesprochen auf den schwulen Politiker sagt einer: "Wir wollen jemanden, der von hier kommt - nicht aus Warschau." Dabei hat Biedron auch ein Abgeordnetenbüro in Slupsk. Doch das zählt für sie nicht.

"Hättest du nichts gesagt, hättest du es einfacher"

Biedron sagt, er wolle ein Vorbild sein und aufklären. Er spielt damit auf den "Biedron-Effekt" an, von dem in polnischen Medien die Rede ist. Die Zeitschrift der Stiftung Replika (Erwiderung) rief auf ihrer Facebook-Seite Kommunalpolitiker auf, sich ebenfalls zu outen. 30 schwule und lesbische Kandidaten taten das daraufhin - bei insgesamt 240.000 Bewerbern.

Outing hat seinen Preis. Das hat der Bürgermeisterkandidat selbst erfahren: Drohungen, Schmierereien an seinen Büros, körperliche Angriffe. "Hättest du nichts gesagt, hättest du es einfacher" - die Worte seiner Mutter hat er nicht vergessen. Schweigen kam für ihn jedoch nicht infrage.

Er gehörte 2001 zu den Gründern der Kampagne gegen Homophobie in Polen. Als er 2011 als erster bekennender Schwuler für die linksliberale Partei Twoj Ruch (Deine Bewegung) ins Parlament einzog, war das ein wichtiger Schritt. Seine Arbeit - insbesondere in der Kommission für Gerechtigkeitsfragen - wird geschätzt, das linksliberale Nachrichtenmagazin "Polityka" wählte ihn unter die zehn besten Abgeordneten des Sejm.

Die Angst vor den anderen

"Robert Biedron ist sehr fleißig", lobt der ebenfalls schwule Politiker Radomir Szumelda von der konservativ-liberalen Regierungspartei Platforma Obywatelska (Bürgerplattform). Der 42-Jährige sitzt rund hundert Kilometer östlich von Slupsk in seiner Galerie im Ostseeort Sopot. Er hat sich vor zwei Jahren geoutet.

Gemeinsam mit Biedron kämpfte er für ein Partnerschaftsabkommen für Homosexuelle - erfolglos. Im Januar 2013 lehnte das Parlament den Gesetzentwurf ab. "Der Einfluss der Kirche ist enorm. Dort ist die Angst vor den anderen, den Nicht-Heterosexuellen, sehr groß", sagt der Noch-Katholik. "Erzkonservative wie Erzbischof Stanislaw Gadecki sehen in uns die bösen Hedonisten, die sich nur sexuell vergnügen wollen."

Szumelda glaubt nicht, dass Biedron eine Chance in Slupsk hat. Die Menschen würden immer nur den Schwulen in ihm sehen, alles andere interessiere sie nicht. Zum Beispiel seine Pläne für die Haushaltssanierung oder seine Ideen für Langzeitarbeitslose. Biedron will die zweite Runde der Bürgermeisterwahl erreichen, die mögliche Stichwahl. Sie steht dann an, wenn im ersten Wahlgang keiner der acht Kandidaten mehr als 50 Prozent erreicht. Wenn ihm das nicht gelingt, will er in vier Jahren wieder antreten. "Aufgeben ist nicht."