Wahlkampf: Berlusconis Aufholjagd schockiert Italiens Linke

Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom und Massa Marittima

Es ist kaum zu glauben: Zwei Wochen vor den Wahlen schart Silvio Berlusconi mit viel Klamauk und abenteuerlichen Versprechungen immer mehr Italiener hinter sich. Der Vorsprung der Linksallianz schrumpft, bei ihren Strategen macht sich Panik breit. Was, wenn der Cavaliere wirklich zurückkommt?

Wahlkämpfer Berlusconi: Mann der unmöglichen Versprechen Fotos
REUTERS

Wahlkampf im Toskana-Städtchen Massa Marittima. Zwei Dutzend Männer und Frauen warten in der kalten Mehrzweckhalle auf Luca Sani, den lokalen Parlamentskandidaten der sozialdemokratischen Partei PD (Partito Democratico). Leise, fast flüsternd, diskutieren einige das Unvorstellbare, schier Undenkbare: "Was wird, wenn er es wieder schafft?".

"Ich habe Angst, es könnte passieren", gesteht ein Mann um die Fünfzig. "Ich auch", stimmt eine Frau zu. Eine andere sagt trotzig: "Pah, wenn die Italiener Berlusconi wählen, dann sollen sie ihn eben haben und ertragen!"

Wieder einmal steht der große Zampano Silvio Berlusconi im Zentrum der politischen Debatte Italiens - und der Rest der Welt fragt sich entsetzt und ratlos, wie das sein kann. Schmählich wurde er aus dem Amt gejagt, nachdem er Italien an den Rand des Bankrotts regiert hatte. Peinliche Sexskandale, diverse Prozesse vor Gericht, der Mann schien wirklich erledigt. Seine Partei zerbröselte. Aus und vorbei, die Ära Berlusconi! Und jetzt das.

Berlusconi kommt, er holt gewaltig auf, vermelden die Wahlforscher. Mitte Januar noch lag er mit seiner Rechtskoalition abgeschlagen zwölf Punkte hinter der Linksallianz des PD-Vormanns Pier Luigi Bersani. Jetzt ist der Vorsprung auf magere fünf Punkte geschrumpft. Die Linke hat vier Punkte verloren, Berlusconi drei gewonnen. Und wenn der Trend sich fortsetzt? Zwei Wochen sind es noch bis zum Urnengang. Und weitere Umfragen wird es nicht geben. Das ist gesetzlich verboten. Erst am Abend des 25. Februar gibt es die Antwort.

Viele der kürzlich noch so selbstsicheren PDler hat längst Panik erfasst. Aber keiner weiß, so scheint es, was er gegen das drohende Unheil tun soll. Auch Luca Sani nicht. Er redet lang und kompliziert über Industriepolitik. Die dramatische Aktualität bleibt außen vor.

Mancher seiner 25 Zuhörer blättert in dem 150 mal 105 Millimeter kleinen Heftchen, das auf jedem Stuhl liegt. Bersanis nachdenkliches Gesicht prangt darauf, und drinnen steht auf zehn kleinen Seiten, warum man "am 24./25. Februar PD wählen" soll: weil es auch Migranten gutgehen soll, weil Frauen und Männer im PD-Italien gleichberechtigt und Schulen und Krankenhäuser wichtig sind. Am Tisch vorne am Podium klebt ein einsames, buntes, kleines Plakat, auf dem steht "PD" und "Partito Democratico" - schließlich ist Wahlkampf.

Wahlkampf ist anderswo

Wahlkampf? Nein, hier ist kein Wahlkampf. Hier ist Langeweile. In der ganzen Stadt gibt es so gut wie keine Plakate, keine Flugblätter, keine Riesenschirme, unter denen die Parteien für sich Werbung machen. Nichts. Auch in den Nachbarstädten: nichts. Hier ist kein Wahlkampf. Der ist anderswo.

Der ist dort, wo der ehemalige TV-Komiker Beppe Grillo Tausende Menschen auf die Plätze großer Städte lockt und gegen die etablierte Politik polemisiert. 16 Prozent der Stimmen sagen ihm die Auguren voraus, mindestens so viel wie Noch-Regierungschef Mario Monti erwarten kann.

Und im Fernsehen ist Wahlkampf, wenn Silvio Berlusconi auftritt. Oder auch im Saal, vorigen Donnerstag zum Beispiel, im Auditorium della Conciliazione in Rom. Da hat Berlusconi fast zwei Stunden lang Witze erzählt, seinen Kontrahenten Bersani in dessen emilianischem Heimatdialekt imitiert und ihn über "Berlusconis Scheißideen" schimpfen lassen. Etwa tausend Menschen haben viel gelacht und geklatscht, fast wie im rheinischen Karneval. Zur Krönung verspricht Berlusconi den Italienern bei solchen Events immer das Blaue vom Himmel. Jede Woche kommt ein neues Knallbonbon dazu.

Angefangen hat er mit dem Versprechen, die von Monti wieder eingeführte Steuer fürs eigene Haus oder die eigene Wohnung erneut abzuschaffen. Und - Superidee! - die voriges Jahr bezahlten Immobiliensteuern werde der Finanzminister zurückzahlen. Das würde rund 70 Prozent der Italiener bares Geld bringen. Berlusconi brachte es die Wende: den Stimmungsumschwung im Wahlvolk.

Seither legte er weitere Geschenke nach: Die Gewerbesteuer kommt weg, vier Millionen neue Jobs könne er kreieren, Zuschüsse fürs Schulgeld wird es geben, und wer das Finanzamt betrogen oder illegale Schwarzbauten in Beton gegossen hat, wird von einer Berlusconi-Regierung umgehend amnestiert. Bestimmt. Versprochen. Gewiss wird er auch in den noch verbleibenden zwei Wochen supertolle Geschenke annoncieren.

Und das glaubt ihm noch jemand? Der Mann hat in zwei Jahrzehnten alles versprochen und wenig gehalten. Noch schlimmer waren freilich die Wahlgeschenke, die er tatsächlich verteilt hat: Die haben Italien immer tiefer in den Schuldensumpf getrieben. Kann so einer die Wähler immer wieder umgarnen?

Yes, he can

Ja, kann er, sagt der Politikwissenschaftler Ilvo Diamanti. Die meisten Menschen wissen, dass Berlusconis Verheißungen nicht zu halten sind. Und trotzdem punktet er in Teilen der Wählerschaft damit, hat Diamanti ermittelt. Hinzu kommt der in Italien weitverbreitete Glaube, dass alle Politiker im Wahlkampf sowieso lügen, zumindest heftig übertreiben. Und wenn man bei Berlusconis Wahlversprechen die Hälfte abzieht oder auch drei Viertel, bleibt immer noch ein positiver Rest: weniger Steuern, mehr Jobs - wie viele es am Ende auch genau sein werden, ist zweitrangig. Wenn man dagegen bei den ohnehin knapp bemessenen Wohltaten, die der amtierende Premier Mario Monti und der PD-Kandidat Pier Luigi Bersani ankündigen, die Hälfte abzieht, bleibt gar nichts Schönes mehr. Da stehen nur neue Belastungen an.

Ein Viertel oder sogar ein Drittel der Italiener - da sind die Wahlforscher sich nicht ganz einig - sind noch unentschlossenen, ob und wen sie wählen werden. Zu dieser Gruppe gehören vor allem Mitglieder der sogenannten bildungsfernen Schichten. Möglicherweise ist das noch ein großes Reservoir für den Wahlkampfmeister Berlusconi.

Die Linke dagegen schleppt eine zentnerschwere Bürde durch den Wahlkampf: den Milliarden-Skandal um die Banca Monte dei Paschi di Siena - das im toskanischen Siena beheimatete älteste Geldhaus der Welt. Denn die Verbindungen der "roten Banker" mit roten Politikern waren eng. Und jeden Tag zeigt sich in neuen Einzelheiten, dass manche der Beteiligten extrem dämlich oder extrem korrupt gewesen sein müssen.

"Bersani, reg dich doch mal auf!"

Deshalb ist die Lust der Linken, sich dem Volk zu präsentieren, offenbar gering ausgeprägt. Wahlkampf ? Lieber nicht. Aussitzen war angesagt. Bis jetzt jedenfalls. Das müsse sich schleunigst ändern, versuchen jetzt etliche PD-Granden, darunter Ex-Ministerpräsident Massimo D'Alema, die Genossen aufzurütteln. Auch Mario Monti, derzeit noch Wahlkampfkontrahent, demnächst vielleicht Koalitionspartner, warnt, wenn Bersani darauf baue, seinen Vorsprung "nur zu verwalten", könne das gewaltig schiefgehen.

Dabei ist Bersani durchaus populär. Wenn der etwas hölzerne, zur leisen Ironie neigende PD-Chef sich präsentiert, wie am Samstag in Turin auf dem Kongress "Renaissance für Europa", ist auch bei ihm der Saal voll. Und als er anschließend, auf dem Weg ins Fußballstadion, eine Markthalle durchquerte, drängelten sich die Menschen, klatschten, feierten ihn. Aber er ist eben nur selten präsent. Und selbst wenn er unter Menschen geht, muss man ihn zum Jagen tragen. "Bersani, du musst aggressiver sein", rief ihm ein Fan im Rentenalter zu. "Avanti! Reg' dich doch mal auf!"

Fast verzweifelt appellierten jetzt im "Finale eines für unser Land dramatisch gefährlichen Wahlkampfs" der Bestseller-Autor Umberto Eco und der einstige Verfassungsgerichtspräsident Gustavo Zagrebellksky an ihre Landsleute, bei der Wahl gegen Berlusconi zu votieren. Berlusconis mögliche Rückkehr betrachte "die ganze Welt mit Schrecken".

"Sie haben Angst, " kommentiert Berlusconi die Aufregung genüsslich und setzt in kaiserlicher Pose hinzu: "Ich, der mutige und heldenhafte Krieger, lebe nur für das Wohl meines Landes." Da mögen ihn die "roten Roben" an diesem Montag wieder einmal mit dem Ruby-Prozess behelligen. Das nimmt er locker. Das Urteil wird ja erst nach den Wahlen verkündet.

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1. sollen sie doch diese knallcharge zum häuptling machen...
spargel_tarzan 11.02.2013
Zitat von sysopEs ist kaum zu glauben: Zwei Wochen vor den Wahlen schart Silvio Berlusconi mit viel Klamauk und abenteuerlichen Versprechungen immer mehr Italiener hinter sich. Der Vorsprung der Linksallianz schrumpft, bei ihren Strategen macht sich Panik breit. Was, wenn der Cavaliere wirklich zurückkommt? Wahl in Italien: Berlusconi hat immer mehr Italiener hinter sich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wahl-in-italien-berlusconi-hat-immer-mehr-italiener-hinter-sich-a-882563.html)
dann können sie wirtschaftlich auch alleine klar kommen, schließlich haben sie ja einen großkapitalisten zum chef, der bekommt das land wieder wirtschaftlich auf die beine, ganz bestimmt man muß nur ganz fest daran glauben...
2. optional
Octavio 11.02.2013
Wie wird denn die Europäische Gemeinschaft reagieren,wenn dieser Clown in Italien an die Macht kommt.Mein Vorschlag:Das Österreichische Beispiel erneut anwenden und vielleicht mal den Italienern bereits vorher diese Möglichkeit andeuten,Es kann ja nicht angehen,daß 26 Länder mit einem Land Solidarität üben das es dann mit diesem möglichen Wahlausgang nicht verdient.Berlusconi ist ein Abklatsch von Mussolini, da muß endlich Kante gezeigt werden.
3. Hallo? Italiener?
enivid 11.02.2013
Wenn der Vogel nochmal an die Regierungsmacht kommt ist es amtlich, dass die Italiener wirklich extrem dämlich sind. Sorry aber so ist es. Ich würde Schettino doch auch nicht wieder das Ruder in die Hand geben. Ein Beweis das die Demokratie nur die zweitbeste Regierungsform ist, die erstbeste kenne ich leider nicht :)
4. klare kante zeigen
tauschspiegel 11.02.2013
Zitat von sysopEs ist kaum zu glauben: Zwei Wochen vor den Wahlen schart Silvio Berlusconi mit viel Klamauk und abenteuerlichen Versprechungen immer mehr Italiener hinter sich. Der Vorsprung der Linksallianz schrumpft, bei ihren Strategen macht sich Panik breit. Was, wenn der Cavaliere wirklich zurückkommt? Wahl in Italien: Berlusconi hat immer mehr Italiener hinter sich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/wahl-in-italien-berlusconi-hat-immer-mehr-italiener-hinter-sich-a-882563.html)
*** was passiert wenn der verbrecher zurückkommt? italien fliegt dann hoffentlich hochkant aus der EU. man kann niemand hier in deutschland mehr erklären, warum wir unser geld via rettungsschirm einer regierung berlusconi hinterherwerfen sollten...
5. Die Italiener sind zu beneiden!
internetwitcher 11.02.2013
Immerhin haben die die Möglichkeit Berlusconi zu wählen. Bei uns in Deutschland haben wir nur noch faktsich Blockparteien, die ein und dieselbe Politik machen. Die Italiener sind zu beneiden. Ich würde Berlusconi sofot wählen. Und ich denke der hätte in Deutschland aus dem Stand 20 Prozent und mehr!
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Wahlkampf in Italien: Die große Berlusconi-Parade

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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