»Ich habe manipuliert, selbstverständlich!«
SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, für Päpste gibt es keinen Ruhestand - für Literaturpäpste doch?
REICH-RANICKI: Durchaus nicht. Der Begriff Literaturpapst ist ziemlich sinnlos. Mit dem Begriff Papst ist die Unfehlbarkeit assoziiert. Unfehlbare Literaturkritiker hat es noch nicht gegeben, und wenn es sie gab, dann waren es die allerschlechtesten, weil sie nie ein eindeutiges Urteil riskiert haben, sich nie pro oder contra entschieden haben.
SPIEGEL: Sie haben in den letzten 15 Jahren bei der »FAZ« einen Literaturteil geleitet, in dem pro Jahr über 1000 Bücher besprochen werden, mehr als in jedem anderen Blatt, und mit diesem Literaturteil haben Sie Rang und Marktwert von Büchern ganz wesentlich bestimmt. Daher die Bezeichnung Papst, daher jetzt, da Sie bei der »FAZ« abtreten, die Frage nach dem Ruhestand.
REICH-RANICKI: Ich werde weiterhin für die »FAZ« Kritiken schreiben, vielleicht noch häufiger als bisher. Ich werde in der »FAZ« weiterhin die Rubrik »Frankfurter Anthologie« betreuen und die Reihe »Romane von gestern - heute gelesen« zu Ende führen. Ich werde aber nicht mehr das Literatur-Ressort leiten.
SPIEGEL: Werden Sie in der »FAZ« noch ein Büro haben?
REICH-RANICKI: Ja.
SPIEGEL: Ob nun Literaturpapst oder, wie einer Ihrer Kollegen mal geschrieben hat, wenigstens Weihbischof des literarischen Lebens . . .
REICH-RANICKI: Das ist nun doch ein bißchen wenig.
SPIEGEL: Kardinal?
REICH-RANICKI: Lassen wir lieber die kirchliche Nomenklatur.
SPIEGEL: Der Begriff Literaturpapst meinte ja die Dreieinigkeit, die Sie verkörperten: prominentester Literaturkritiker der Bundesrepublik, Redakteur des größten Literaturteils einer deutschen Zeitung und der Mann, der in sehr vielen Jurys über literarische Preise entscheidet. Diese Verbindung schaffte zweifellos Macht. Und davon geben Sie doch jetzt etwas ab?
REICH-RANICKI: Es gab einen Fernsehfilm über mich. Der war natürlich betitelt »Der Literaturpapst« und begann mit der Feststellung, ich hätte aus dem »FAZ«-Literaturteil das größte Machtzentrum geschaffen, das je in der Geschichte der deutschen Literatur existiert habe. Es stimmt schon, daß ich eine Anzahl von Jahren hindurch eine große Macht in meinen Händen vereint habe.
SPIEGEL: Machte das Spaß?
REICH-RANICKI: Offen gesagt: ja. Im Grunde bereitet mir beinahe alles, was Literatur betrifft, viel Spaß, immer noch. Ich bin, mit Verlaub, wie ein Gynäkologe, der den ganzen Tag über mit Frauen zu tun hat und dessen privates Interesse für Frauen gleichwohl nicht nachläßt. Aber vergessen Sie nicht, daß ich schon seit längerer Zeit bemüht bin, diese Macht zu reduzieren. Ich bin aus manchen Jurys freiwillig rausgegangen - aus der Klagenfurter Bachmann-Preis-Jury, ferner aus den Jurys des Heine-Preises und des Thomas-Mann-Preises. Ich habe die Einladung, in der Goethe-Preis-Jury zu sein, erst unlängst abgelehnt.
SPIEGEL: Es bleiben noch . . .
REICH-RANICKI: Dennoch bleibt übrig, daß ich eine große Macht konzentriert habe in meinen Händen, weil keine deutsche Zeitung oder Zeitschrift so viele Rezensenten beschäftigte wie die »FAZ«.
SPIEGEL: Wie viele?
REICH-RANICKI: Bis zu 100. Darf ich Sie fragen, ob ich diese Macht zugunsten oder zuungunsten der Literatur verwendet habe?
SPIEGEL: Die Literatur, das ist so ein Allgemeinbegriff, ein sehr weites Feld. Anders gefragt: Hat Ihnen Ihre Machtausübung mehr Freunde oder Feinde eingetragen?
REICH-RANICKI: Sehr viele Feinde, aber auch einige gute und dankbare Freunde. Aber Ärger und Kummer gab es immer.
SPIEGEL: Wie sieht der Kummer aus?
REICH-RANICKI: Ich bekam immer wieder den Haß von Autoren, gelegentlich von Verlegern oder Übersetzern zu spüren, über deren Bücher ich kein einziges Wort geschrieben habe. Aber andere Rezensenten schrieben über sie in der »FAZ« negativ oder skeptisch, und die Betroffenen machten mich in vielen Fällen für jedes Wort, das im Literaturteil zu lesen war, verantwortlich.
SPIEGEL: Redakteursschicksal.
REICH-RANICKI: Der Kummer bestand auch darin, daß immer wieder behauptet wurde, ich würde die Mitarbeiter manipulieren, ihnen also zu verstehen geben, es sei angebracht, dieses Buch zu tadeln oder jenes zu loben. Ich finde diesen Vorwurf subaltern. Was ist das für eine Mentalität von Menschen, die glauben, daß die bedeutendsten deutschen Kritiker, Germanisten, Schriftsteller sich gängeln lassen und auf einen Wink hin eine Rezension in dieser oder jener Richtung schreiben!
SPIEGEL: Nun ist der Einfluß der Literaturkritik in der »FAZ« schon deshalb so groß, weil es in Deutschland fast keine bedeutenden literarischen Zeitschriften mehr gibt. Literarische Zeitschriften waren ja auch parteiische Organe für Gruppen, für Richtungen. Man kann sich vorstellen, daß selbst ein angesehener Rezensent bei der »FAZ« zumindest überlegt, in welche Richtung Sie, Marcel Reich-Ranicki, die Literatur haben wollen, und daß er sich ein bißchen danach richtet. Würden Sie das auch noch als subaltern begreifen, oder verstehen Sie nicht auch ein Literaturblatt so, daß es irgendwelche Tendenzen beflügeln, andere bekämpfen will?
REICH-RANICKI: Gewiß, aber welche Richtung der Literatur habe ich denn eigentlich so voll unterstützt? Ich habe in diesen Jahren auf meine Weise unterstützt und gefördert: Wolfgang Koeppen und Karl Krolow, Thomas Bernhard, Peter Rühmkorf und Hermann Burger, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Ulla Hahn und viele Debütanten von Peter Maiwald, Karin Reschke bis zu Patrick Süskind. Wollen Sie diese Autoren unter einen Hut zwängen? Das wäre doch barer Unsinn. Ich höre oft, manchmal schon gelangweilt, ich sei ein Verfechter des Realismus. Ich weiß sehr wohl, was Realismus im 19. Jahrhundert war; wozu dieser Begriff heute, da manche nicht zu Unrecht Kafka und Beckett für die größten Realisten halten, nützlich sein soll, weiß ich nicht.
SPIEGEL: In den ersten Jahren Ihrer Kritiker-Tätigkeit in der Bundesrepublik haben Sie in Ihren Rezensionen wie ein Ceterum censeo immer wieder die Forderung erhoben, die junge, die zeitgenössische deutsche Literatur solle sich mit der Gegenwart der Bundesrepublik befassen, und zwar möglichst realistisch, möglichst sozialkritisch. Eine solche Art Literatur ist heute gewiß nicht mehr tonangebend. Kann Ihnen die heutige Literatur eigentlich noch gefallen?
REICH-RANICKI: Das ist nicht ganz richtig. In den ersten Jahren meiner Tätigkeit in diesem Lande habe ich keineswegs eine realistische Literatur gefordert, wohl aber eine, die sich mit der Gegenwart beschäftigt. Ich habe damals oft ein Wort verwendet, das ich später konsequent gemieden habe, nämlich: Ich erwartete und wünschte eine gesellschaftskritische Literatur. Dies hielt ich in Deutschland in den späten fünfziger und den frühen sechziger Jahren für dringend erforderlich. Um 1968, als jeder von Gesellschaft und Gesellschaftskritik sprach und der bare Unsinn in Sachen Literatur postuliert wurde, konnte ich nur sagen: Das habe ich nicht gewollt.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Ansichten gar nicht so sehr geändert?
REICH-RANICKI: Ich stand auf einer Bühne, und die hat sich gedreht, und plötzlich war meine Position eine andere als früher.
SPIEGEL: Also doch eine gewisse Unfehlbarkeit?
REICH-RANICKI: Nein, gar keine! Nicht alles, was ich vor 30 Jahren geschrieben habe, war richtig. Nicht zu allem stehe ich heute. Aber das, was ich damals im Prinzip gewollt habe, will ich auch heute, nämlich eine Literatur, die sich mit der Gegenwart, der deutschen Gegenwart auseinandersetzt. Nur, die Frage ist: Womit erreicht man Gesellschaftskritik - mit welchen künstlerischen Mitteln? Damals, vor 30 Jahren, sah ich, daß viele deutsche Autoren, auch der jüngeren Generation, die deutsche Realität eher umgehen als darstellen wollten. Ich habe mich nicht zufällig damals für bestimmte andere Autoren mit größtem Engagement eingesetzt.
SPIEGEL: Für Heinrich Böll zum Beispiel.
REICH-RANICKI: Jawohl. Nur habe ich über Böll auch sehr kritisch geschrieben, was er mir verübelte, aber ich hielt ihn immer für eine ganz wichtige Figur. Und ich habe zugleich gegen einen Autor geschrieben, der damals stark im Gespräch war, heute schon beinahe vergessen ist: Gerd Gaiser.
SPIEGEL: Autor der Romane »Die sterbende Jagd« und »Schlußball«.
REICH-RANICKI: Sie dürfen nicht vergessen, daß es bedeutende Kritiker in diesem Land gab, die Gaiser zur Galionsfigur des deutschen Romans machen wollten. Ich wollte eine andere Galionsfigur machen: Wolfgang Koeppen. Leider ist es mir nicht gelungen.
SPIEGEL: Sie waren als Literaturchef der »FAZ« ein Nachfolger des konservativen Friedrich Sieburg. Die »FAZ« ist eine Zeitung, in der Gesellschaftsbestätigung eigentlich größer geschrieben wird als Gesellschaftskritik. War es für Sie als liberaler Literat, als Freund der »Gruppe 47«, die gegen die westdeutsche Restauration kämpfte, nicht schwer, das Erbe von Sieburg zu übernehmen?
REICH-RANICKI: Nein. Ich habe ja das Erbe von Sieburg nicht direkt übernommen. Nach ihm kam Rolf Michaelis und dann Karl Heinz Bohrer. Mir hat das Literaturblatt, das Bohrer gemacht hat, überhaupt nicht gefallen. Das hatte aber nichts zu tun mit Gesellschaftsbestätigung oder Gesellschaftskritik. Der Haupteinwand: Die meisten Kritiken waren nur für Kollegen und Eingeweihte bestimmt, viele waren unverständlich.
SPIEGEL: Sie haben dann erst mal für Verständlichkeit gesorgt?
REICH-RANICKI: Es hat mich gereizt, diesen Literaturteil von Grund auf zu ändern. Es war mir von der Zeitung zugesagt, daß ich dabei ganz und gar freie Hand haben sollte. An diese Vereinbarung hat sich die »FAZ« immer gehalten. Es gab in diesen 15 Jahren keinen einzigen Artikel, den ich in der »FAZ« gedruckt sehen wollte, der nicht erschienen wäre. Es gab kein einziges Gedicht, das unterdrückt wurde. Es gab keinen einzigen Mitarbeiter, den ich bei uns publizieren wollte und den ich nicht hätte publizieren können. Das ist eine große Sache - und für diese Toleranz bin ich der »FAZ« außerordentlich dankbar.
SPIEGEL: Was waren Ihre Neuerungen außer Verständlichkeit?
REICH-RANICKI: Ich mußte neue Kritiker finden. Ich habe gehofft, daß sich unter deutschen und ausländischen Hochschulgermanisten doch nicht wenige finden lassen, die schön, gut, verständlich schreiben können. Ich wußte gleich, es wird nicht leicht sein. Aber es ist gelungen.
SPIEGEL: Was noch?
REICH-RANICKI: Um einen Literaturteil attraktiv zu machen, muß man Namen von berühmten Autoren haben, die das Publikum kennt. Ich mußte zu einem etwas fragwürdigen Mittel greifen, nämlich prominente Schriftsteller finden, die bereit waren, Kritiken zu schreiben.
SPIEGEL: Fragwürdig warum?
REICH-RANICKI: Wir wissen, daß bedeutende und sogar mittelmäßige Schriftsteller eher bereit sind, kleine Nachahmer ihrer Produktion zu rühmen als starke Talente, die in eine andere Richtung gehen. Jeder weiß, daß Goethe für Zacharias Werner viel übrig hatte und für Kleist wenig.
SPIEGEL: Gilt »Eine Krähe wäscht die andere« auch im Literaturbetrieb?
REICH-RANICKI: Eben. Romanciers oder Lyriker, die Romane oder Gedichtbände rezensieren, neigen oft dazu, die Gegenstände ihrer Betrachtung ganz einseitig zu sehen. Sie prüfen mehr oder weniger automatisch, ob das Werk, das sie beurteilen, ihrem eigenen ähnelt. Dann wird es gelobt. Ferner: Niemand ist so bereit, Gefälligkeitskritiken zu schreiben wie Nicht-Kritiker, also eben die Romanciers oder Lyriker. Die Kritiker sind nicht edlere Menschen als die Romanciers oder Lyriker. Nur: Der Kritiker weiß, daß jede Kritik, die er veröffentlicht, eine Art öffentliche Prüfung für ihn ist. Das gibt es doch ganz selten, daß ein Kritiker sich blamiert, indem er etwas lobt, was er nur lobt, weil es aus der Feder eines Freundes stammt.
Anders ist es mit jenen Rezensenten, die nicht im Hauptberuf Kritiker sind, den Sonntagsjägern der Kritik. Wenn die ein- oder zweimal jährlich was schreiben, deren Ruf hängt doch nicht von den Buchbesprechungen ab, vielmehr von der Qualität ihrer Romane, Gedichtbände, Dramen. Daher sind sie nicht selten bereit, Gefälligkeitskritiken zu schreiben. Das muß man als Redakteur von vornherein einkalkulieren. Aber ich habe auch sehr gute Erfahrungen mit Schriftstellern als Kritiker gemacht - ich denke etwa an Böll, Siegfried Lenz, Kunert, Peter Härtling.
SPIEGEL: Sie waren verantwortlicher Redakteur nicht nur für Literatur, sondern auch, was ein Unikum ist in der deutschen Presse, für »Literarisches Leben«. Was heißt das? Ist das nicht ein Euphemismus für Literaturbetrieb?
REICH-RANICKI: »Literarisches Leben« ist alles, was geschieht, um Literatur zu ermöglichen, und was getan wird, um die Kluft zwischen der (anspruchsvollen) Literatur und dem Publikum zu verringern.
SPIEGEL: Alles, was getan wird, um Literatur ins Gerede zu bringen?
REICH-RANICKI: Ihre abschätzige Formulierung kann mich nicht beirren. Jawohl, das ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kritik: dafür zu sorgen, daß Literatur ins Gespräch kommt und im Gespräch bleibt. Darauf kommt es an: die Literatur, wie utopisch ein solcher Versuch hierzulande auch sein mag, zu einer öffentlichen Sache zu machen. Und mitunter tröste ich mich, daß mir das in diesen 15 Jahren beinahe gelungen ist. Heine schrieb einmal, der Haß seiner Feinde dürfe als Bürgschaft gelten, daß er sein Amt nicht ganz schlecht verwaltet habe - oder so ähnlich.
SPIEGEL: Schopenhauer hat gesagt, der Kritiker hat nur eine Macht, nämlich die des Totschweigens. Haben Sie Autoren totgeschwiegen?
REICH-RANICKI: Nein, auf keinen Fall! Natürlich habe ich viele Schriftsteller nicht besprochen, aus einem einzigen Grund: Sie haben mich nicht interessiert. Es gibt auch Autoren, die mir, was nicht gegen ihre Bedeutung spricht, irgendwie zuwider waren. Ich mochte mich über die nicht äußern.
SPIEGEL: Beispielsweise?
REICH-RANICKI: Ich habe nie im Leben eine Kritik über Ernst Jünger geschrieben. Das ist nicht meine Welt. Aber es gibt keinen einzigen Autor, der in dem von mir geleiteten Literaturteil totgeschwiegen worden wäre. Ich habe immer dafür gesorgt, daß diese Autoren, über die ich persönlich nicht schreibe, von anderen, möglichst guten Kritikern besprochen werden. Wo sonst hat es so lobende, hymnische Artikel über Jünger gegeben, wie während meiner Ära sozusagen, in der »FAZ« von Gert Ueding?
SPIEGEL: Kann es nicht auch sein, daß es Literatur gibt, für die Ihnen einfach der Nerv fehlt?
REICH-RANICKI: Aber ja! Selbstverständlich! Und dann habe ich mich gehütet, darüber zu schreiben.
SPIEGEL: Nun gibt es Opfer von Ihnen, die behaupten: Er hat sich immer mit mir beschäftigt, aber er hat einfach keinen Nerv für mich. Der berühmteste Fall ist der Dauerclinch zwischen Ihnen und Martin Walser.
REICH-RANICKI: Es gibt eine Fama in der Bundesrepublik, daß ich jedes Buch von Martin Walser verreiße. Die Wahrheit ist: Über die meisten Bücher von Martin Walser habe ich kein Wort geschrieben. Ich habe, seit ich bei der »FAZ« bin, wenn ich mich nicht irre, drei Kritiken über Walser-Bücher geschrieben.
SPIEGEL: »Jenseits der Liebe« . . .
REICH-RANICKI: . . . hab' ich verrissen.
SPIEGEL: Total.
REICH-RANICKI: Jawohl, aber damals hat ein Kollege geschrieben, man müsse blind und taub sein, so ungefähr, um nicht zu sehen, daß dieser Verriß in pädagogischer Absicht verfaßt wurde, in der Hoffnung - einer Hoffnung, die immer eine Illusion ist -, auf den Autor einen Einfluß ausüben zu können. Ich habe dann Walsers Buch »Das fliehende Pferd« sehr gelobt.
SPIEGEL: War es gut als ein Ausfluß Ihrer pädagogischen Bemühung?
REICH-RANICKI: Ob das »Fliehende Pferd«, das mir sehr gefallen hat, unter Einfluß meiner pädagogischen Bemühungen im Totalverriß über »Jenseits der Liebe« entstanden ist, das weiß niemand auf Erden - nicht einmal Martin Walser selber. Sie können mir gleich sagen, ich hätte bei »Jenseits der Liebe« im Minus übertrieben und beim »Fliehenden Pferd« im Plus. Ja, aber ich hab' gelernt: Man soll übertreiben, überspitzen, um sich verständlich zu machen.
SPIEGEL: Haben Sie sich öfter mit Tadel geirrt oder mit Lob?
REICH-RANICKI: Gar kein Zweifel, viel häufiger mit Lob als mit Tadel.
SPIEGEL: Sie haben sich also geirrt?
REICH-RANICKI: Selbstverständlich. Aber wenn ich vor 25 Jahren ein Erstlingsbuch gelobt habe und Sie mich jetzt fragen, ob das vielleicht ein Fehlurteil war, muß ich Ihnen antworten: Ich weiß es nicht. Ich habe das Risiko auf mich genommen, das erste Buch dieses Autors zu loben. Er hat dann drei, vier Bücher veröffentlicht, die nicht viel wert sind. Das bedeutet noch gar nichts. Es gibt viele Autoren, die mit dem ersten Buch etwas Hervorragendes geliefert haben und dann nie wieder - aus einem einzigen Grund: Es hat ihnen die Energie gefehlt, diese unerhörte Energie, die nötig ist, um sich selber ein gutes Buch abzuringen.
SPIEGEL: Wenn wir von Irrtümern sprechen: Finden Sie nicht heute die »Blechtrommel« doch etwas besser, als Sie sie damals kritisiert haben?
REICH-RANICKI: Nicht nur heute. Ich habe mal in einer Funkreihe des WDR mit dem Titel »Mein schlimmstes Fehlurteil« zwei Bücher genannt: die »Blechtrommel« von Günter Graß, die ich zu negativ, und »Billard um halbzehn« von Böll, das ich zu positiv beurteilt habe. Das war etwa drei Jahre, nachdem die Kritiken erschienen waren. Aber was ich damals geschrieben habe über die Schwächen der »Blechtrommel«, finde ich bis heute richtig. Die Kritik war falsch aus einem anderen Grund: Ich habe die positiven Seiten der »Blechtrommel« ganz kurz erwähnt, die hätten breiter behandelt werden müssen.
SPIEGEL: Nun gibt es einen Vorwurf gegen Sie, und auch damit hängt der Begriff Literaturpapst zusammen. Man sagt, Sie hätten sich auch Autoren erfunden, aus dem Boden gestampft, und die beiden Namen, die genannt werden - Sie können sie inzwischen sicher mitbeten -, die heißen Hermann Burger und Ulla Hahn. Man wirft Ihnen vor, Sie hätten auf mehreren Schienen des Literaturbetriebs dafür gesorgt, daß Burger zum bedeutenden Autor emporgepriesen und emporgeredet wurde.
REICH-RANICKI: Sehr treffend! Dazu war ich da in diesen 15 Jahren. Aber selbstverständlich! Ich halte Burger für einen äußerst originellen Erzähler und einen Meister der Sprache, er ist einer der besten Stilisten unserer Jahre. Und auf wie vielen Schienen habe ich Wolfgang Koeppen gepriesen und gefördert! Wenn ich mich für einen Autor entscheide, wenn ich an sein Talent glaube, halte ich es für meine Pflicht, mit allen mir zugänglichen Mitteln diesen Autor in der deutschen Öffentlichkeit durchzuboxen. Ich habe mitunter auch manipuliert, selbstverständlich! Aber immer nur zugunsten eines Buches, nie zuungunsten.
SPIEGEL: Und wie manipulieren Sie?
REICH-RANICKI: Ich bin einer der Juroren - bis heute - der »Bestenliste« des Südwestfunks, wo jeder, der dazugehört, Punkte gibt, und nachher wird veröffentlicht, wer auf Platz eins steht und wer auf Platz zwei. Ich habe im Falle von Koeppens Buch »Jugend« einen Juror nach dem anderen angerufen und jeden beschworen: Koeppens Buch ist ein Glanzstück. Guckt es euch an und gebt dem Buch Punkte! Wir müssen was tun, damit das Buch an die Spitze kommt. In der Tat stand dann das kleine Buch, das in einer Reihe erschienen war und sonst vielleicht untergegangen wäre, auf Platz eins.
SPIEGEL: Also doch ex cathedra gesprochen?
REICH-RANICKI: Nein! Ich habe Kollegen gebeten. Sie wissen doch: Meist leisten die Kollegen Widerstand. Sie sagen: Es muß nicht so sein, wie er es will; gerade ihm zum Trotz machen wir's anders.
SPIEGEL: Man hat ja schon erlebt, daß Sie in einer Literaturpreis-Jury so geschickt taktiert haben, daß Sie gegen einen Autor stimmten, um ihn durchzusetzen - weil Sie die Abneigung der anderen Juroren gegen Ihre Dominanz ins Kalkül zogen.
REICH-RANICKI: In der Tat ist bisweilen etwas List nötig, damit jener den Preis erhält, der ihn verdient hat. Als ich 1965 in der Jury des Lessing-Preises war, entstanden bald zwei sich hart bekämpfende Parteien. Die eine wollte unbedingt Graß preiskrönen, die andere, glaube ich, Rudolf Hagelstange. Ich hütete mich, die eine oder die andere Seite zu unterstützen, und wartete ab, bis Ratlosigkeit dominierte und alle mittlerweile ans Essen zu denken begannen. Erst jetzt rückte ich mit meinem Kandidaten heraus. Es war Peter Weiss. Die Juroren hatten ihn kaum gelesen und stimmten rasch zu, um nur nicht den Kandidaten der Gegenpartei durchzulassen. So hat Peter Weiss den ersten deutschen Preis erhalten. Das freut mich noch heute.
SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, wir gehen davon aus, daß Sie ein unbestechlicher Kritiker sind . . .
REICH-RANICKI: Das hat Reinhard Baumgart mir angetan. Er hat im SPIEGEL in der Kritik meines ersten in diesem Land erschienenen Buches geschrieben: Ich sei ein Unbestechlicher. Seitdem sind alle davon überzeugt, und ich kann es gar nicht beweisen, weil ich keine Bestechungsangebote kriege.
SPIEGEL: Sie haben vorhin gesagt, daß Sie in den 15 Jahren bei der »FAZ« immer den nötigen Freiraum hatten. Haben Sie manchmal an der »FAZ« gelitten?
REICH-RANICKI: Den Menschen möchte ich sehen, der noch nie an der »FAZ« gelitten und nie den SPIEGEL beschimpft hätte. Und was den Freiraum betrifft: Ich habe in der »FAZ« bis zum letzten Tag Autoren gedruckt, die als Linke bekannt sind, auch DKP-Mitglieder, also beispielsweise Wolf Biermann, Peter Härtling, Walter Jens, Peter Maiwald, Peter Rühmkorf. Es gab einen Fall, da wären Schwierigkeiten entstanden, aber ich habe rasch vorgebeugt.
SPIEGEL: Den Fall Fried?
REICH-RANICKI: Ja, es ging um meinen alten Freund Erich Fried. Der hat einmal - übrigens nicht nur einmal in seinem Leben - ein törichtes Gedicht geschrieben. Es war im Herbst 1977, auf dem Höhepunkt des RAF-Terrorismus. Fried schrieb da sinngemäß, seine Muse habe ihm gesagt, es sei ein Fehler gewesen, Buback zu ermorden; man hätte Friedrich Karl Fromme von der »FAZ« ermorden sollen. Wer Fried kannte, wußte, daß dies ein Scherz war, wenn auch ein geschmackloser. In Wirklichkeit hätte er, ein gütiger Mensch, dem Fromme nicht einmal ein Haar gekrümmt.
Wie auch immer: Dieses Gedicht hat in der »FAZ« verständlicherweise Empörung ausgelöst. Ich habe sofort erklärt: Unsere Zusammenarbeit mit Erich Fried wird einstweilen abgebrochen. Einer der Herausgeber beanstandete das Wort »einstweilen«. Aber ich habe ihm damals brieflich mitgeteilt, daß die Literaturgeschichte lebenslängliche Urteile nicht kenne. Nach einem gewissen Zeitabschnitt, das war etwa ein Jahr, habe ich Erich Fried angerufen und ihm gesagt: »Schick mir wieder mal 'n paar Gedichte.« Wir haben im Feuilleton ein Gedicht von ihm gedruckt - seitdem immer wieder, sobald was da war. Niemand in der »FAZ« hat das Wiederauftauchen des Namens Erich Fried in dieser Zeitung beanstandet.
Im übrigen muß ich Ihnen sagen, wenn mir manchmal mißfiel, was ein »FAZ«-Herausgeber oder ein politischer Redakteur geschrieben hatte - da dachte ich mir im stillen, wenn der liest, was ich von linken Autoren so drucke oder wenn er meine eigenen Artikel liest, dann ist er ebenfalls nicht glücklich. Die Toleranz - sie ist doch kein leerer Wahn.
SPIEGEL: Ihr Nachfolger im Amt des Literaturchefs wird Frank Schirrmacher sein. Er ist beinahe 40 Jahre jünger als Sie. Haben Sie sich Ihren Nachfolger ausgesucht? Ist er Ihr Schüler?
REICH-RANICKI: Schüler wäre stark übertrieben. Richtig hingegen ist, daß ich ihn ausgesucht habe. Und zwar, weil er mir von den deutschen Kritikern der jüngeren Generation der begabteste scheint. Es stand aber in den Zeitungen, daß die Literaturansichten von Schirrmacher und mir weit auseinandergehen. Das ist Unsinn und Wunschdenken zugleich. Denn die Figur, die für ihn eine enorme Rolle spielt, ist Franz Kafka.
SPIEGEL: Und für Sie Thomas Mann.
REICH-RANICKI: Ja. Aber beide lieben und schätzen wir sowohl Kafka als auch Thomas Mann. Ob er vielleicht Kafka etwas mehr bewundert und ich Thomas Mann eine Spur mehr, das ist nun wirklich nicht entscheidend. Ich sehe nicht die gewaltigen Unterschiede, so als würde er jetzt, wie manche meinen, etwa Herbert Achternbusch zur Galionsfigur der deutschen Literatur machen wollen.
SPIEGEL: Welches war in all den Jahren für Sie das schönste Buch, das Sie zu rezensieren hatten, und welches das schlechteste?
REICH-RANICKI: Das kann man gar nicht beantworten. Ich will lieber einen Augenblick aus der redaktionellen Arbeit erwähnen, der mir unvergeßlich ist: Ich erhielt per Post, mit einem Begleitbrief, drei Zeilen lang, vier oder fünf Gedichte. Ich las sie und wußte: ein Talent, eine Entdeckung! Ich gab diese Gedichte meinem damaligen Kollegen Ulrich Greiner und bat ihn um sein Urteil. Er sagte: »Alle sofort drucken! Hervorragend!« Das waren Gedichte von Ulla Hahn. Das war einer der großen Augenblicke in diesen 15 Jahren.
SPIEGEL: Es gibt Kritiker, die diesen Augenblick für einen Unglücksfall halten.
REICH-RANICKI: Was haben diese Kritiker für die deutsche Lyrik getan? Ich habe immerhin im Feuilleton der »FAZ« ein Publikationszentrum der deutschen Poesie installiert und nicht nur die Repräsentanten der älteren Generation - Krolow, Sarah Kirsch, Kunert - gedruckt, sondern immer wieder auch Anfänger.
SPIEGEL: Sie haben einmal geschrieben, daß wir heute in einer, vorsichtig ausgedrückt, nicht sehr glanzvollen Literaturepoche leben. Haben Sie das Gefühl, daß Sie eine Sisyphusarbeit geleistet haben, weil die Literatur nicht besser geworden ist, oder meinen Sie, daß Literatur durch Kritik nicht gebessert werden kann?
REICH-RANICKI: Einen direkten Einfluß auf Autoren, die was taugen, kann der Kritiker nicht ausüben. Überspitzt gesagt: Wenn sich ein Schriftsteller von einem Kritiker erziehen läßt, dann lohnt es sich nicht, ihn zu erziehen. Wohl aber kann der Kritiker das Publikum erziehen und somit zum Erfolg bestimmter Autoren beitragen - und der Erfolg oder Mißerfolg ihrer Bücher übt immer einen gewissen Einfluß auf die Autoren aus.
SPIEGEL: Wir erinnern uns gern an einen Satz von Ihnen: Einer der verbreitetsten Irrtümer über Schriftsteller sei der, daß sie allesamt intelligent wären. Sind Kritiker intelligenter als Schriftsteller?
REICH-RANICKI: Kritiker müssen eine ganz andere Begabung haben als Schriftsteller. Es ist eine bestimmte Sensibilität notwendig beim Romancier, beim Lyriker, und eine bestimmte Ausdruckskraft. Und beim Kritiker? Ja, Sensibilität für Literatur, das ist etwas anderes. Was ist Kritik? Ich glaube, eine Kreuzung von Journalistik und Wissenschaft. Die Kritik ist keine Begleiterscheinung der Literatur. Es hat Jahrhunderte und Jahrtausende Literatur gegeben ohne Kritik. Die Kritik ist eine Begeiterscheinung der modernen Presse. Ohne Gutenberg keine Kritik.
SPIEGEL: Man hat von Ihnen oft - es gibt darüber auch Anekdoten - gesagt, daß Sie Wirklichkeit nur wahrnehmen, wenn sie sich auf Papier niederschlägt, zu Literatur geworden ist.
REICH-RANICKI: Das hat Hans Werner Richter in seinen Erinnerungen an die »Gruppe 47« geschrieben. Er meinte, daß ich mich auf dieser Erde nur für Literatur interessiere und daß ich in meinen Adern vermutlich nicht Blut, sondern Druckerschwärze habe. Aber Richter kennt mich überhaupt nicht, obwohl wir uns unzählige Male gesehen haben. Er weiß nicht, daß einige Jahre lang (gleich nach 1945) die Politik im Vordergrund meines Lebens stand. Und daß es einen Bereich gibt, der mich genauso fasziniert wie die Literatur. Es ist die Musik.
SPIEGEL: Die Musik ist aber auch wieder eine vermittelte Form. Sie haben Brechts »Arbeitsjournal« besprochen und ihm vorgeworfen, daß er sich so wenig für die Wirklichkeit interessierte, daß er sich in Chicago nicht die realen Schlachthöfe angesehen habe, die er durch Upton Sinclairs Roman »Der Sumpf« kannte. Geht es Ihnen manchmal ähnlich? Kommen Sie in irgendeine Gegend, gucken da hin und sagen, die muß ich mir gar nicht angucken, die hab' ich bei Tolstoi viel besser gelesen?
REICH-RANICKI: Ich habe mein ganzes Leben lang diese Angst gehabt, von der Sie jetzt sprechen, und zu den großen Augenblicken meines Lebens - ich war damals Gymnasiast in Berlin - gehört die erste Lektüre des »Tonio Kröger« mit dem Bekenntnis, daß er, Tonio Kröger, sterbensmüde sei, »das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben«. Schon damals habe ich gefürchtet, es könne mir das reale Leben entgehen, weil ich zu sehr unter dem Eindruck des »Hamlet« war oder der »Meistersinger« oder des »Don Carlos« - immer nur Literatur und Musik.
Ein kluger Mann hat mir damals, weil ich es wünschte, Gundolfs Goethe-Monographie geschenkt und hat mir die Stelle aus »Faust« zitiert: »Ein Kerl, der spekuliert, ist wie ein Tier, auf dürrer Heide von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, und ringsumher liegt schöne, grüne Weide.«
Sie haben völlig recht, daß ich an dieser Furcht, die grüne Weide könne mir versagt bleiben, gelitten habe. Ich habe einiges getan, damit sie mir nicht entgeht.
SPIEGEL: Herr Reich-Ranicki, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.