»Morgen werden wir alle zusammen hungern«
Pausbäckig und mit blitzenden Augen lacht die kleine Raquel Herrero in die Kamera des Photographen, stolz wie eine Prinzessin in ihrem langen weißen Kleid, vor sich eine mehrstöckige Festtagstorte. Das Photo stammt von Raquels Kommunion im vorigen März.
Heute ist die Zehnjährige zum Skelett abgemagert - sie wiegt noch vierzig Pfund. Lachen und weinen kann sie nicht mehr, auch kaum noch den Mund bewegen, denn in dem ausgezehrten Gesicht spannt sich die blutleere Haut so schmerzhaft, als könnte sie einreißen wie Papier. Raquels Finger, die einen rosa Plüschlöwen halten, sehen aus, als seien sie von Gicht gekrümmt, ihre Arme und Beine vermag die Kleine nur unter heftigen Schmerzen zu bewegen.
Einem leblosen Bündel gleich, kauert sie in dem Rollstuhl, den ihr Vater von der Kinderstation des Madrider Provinzialkrankenhauses in das Rehabilitationszentrum S.180 schiebt, vorbei an anderen Vätern mit Rollstühlen, in denen Kinder wie Raquel sitzen.
Nach der einstündigen Bewegungstherapie, mit der die Ärzte die Qualen der Kranken zu lindern versuchen, rollt Juan Herrero seine Tochter wieder auf die Kinderstation zurück. Die letzten paar Schritte versucht das Kind, schwankend und unsicher, allein zu gehen - bis es der Kinderschwester in die Arme sackt, kraftlos wie eine Stoffpuppe. Juan Herrero dreht sich um, damit seine Tochter nicht sieht, daß er weint.
Die Chancen, daß Raquel je wieder gesund wird, stehen schlecht, denn gegen ihre Krankheit gibt es noch keine Medizin: Die Tochter von Juan Herrero ist Opfer der Speiseöl-Vergiftung, die seit mehr als sechs Monaten in Spanien wütet und bis jetzt rund 16 000 Menschen getroffen hat.
In der Familie Herrero sind außer Raquel auch deren Mutter und Bruder Eduardo, 5, erkrankt, wenn auch nicht so schwer wie das Mädchen. Aus dem siebenstöckigen Haus in dem besonders schlimm betroffenen Madrider Arbeitervorort Leganes, wo die Herreros wohnen, mußten noch fünf weitere Nachbarn ins Krankenhaus eingeliefert werden; insgesamt 3800 Einwohner von Leganes haben oder hatten unter der Ölkrankheit zu leiden.
Fast 200 Menschen erlagen der unheimlichen Epidemie bislang, mehr Menschen, als die Attentäter der baskischen Untergrundorganisation Eta in den vergangenen drei Jahren umbrachten - eine »nationale Katastrophe« (so der sozialistische Oppositionsführer Felipe Gonzalez), die alle anderen europäischen Umwelt-Desaster der letzten Zeit in den Schatten stellt, eine Katastrophe zudem, deren Ausmaß noch nicht im geringsten abzusehen ist:
Denn wohl sind inzwischen drei Millionen Liter verdächtiges Öl aus dem Verkehr gezogen worden; Neuerkrankungen sollen in den letzten Wochen nicht gemeldet worden sein.
Doch mit beklemmender Regelmäßigkeit fordert das Todesöl weiter seinen Tribut unter Patienten, die bereits als genesen aus dem Krankenhaus entlassen worden waren oder doch auf dem Wege der Besserung schienen.
Rund vierzig Menschen starben allein innerhalb der vergangenen vier Wochen, und manche spanischen Ärzte fürchten, daß sich die Zahl der Toten, wird nicht endlich ein wirksames Gegenmittel gefunden, schließlich auf ein paar tausend steigern könnte. Bei 50 000 weiteren Personen, die das giftige Öl, wenn auch in geringeren Mengen, zu sich genommen haben, sind gleichfalls Gesundheitsschäden zu fürchten.
Die Zeitbombe, die da tickt, könnte für die ohnehin gefährdete spanische Demokratie mehr Sprengkraft entwickeln als Putschversuche und Bombenterror S.181 zusammen. Schon jetzt enthüllt das »sindrome toxico« - das toxische Syndrom, wie die Behörden den Ölskandal umschreiben - auch ein Krankheitsbild der spanischen Gesellschaft, zeigt es Schwäche und Anfälligkeit dieses quasi übergangslos aus einer Diktatur hervorgegangenen Staatswesens.
Statt den »Massenmord« der Ölpanscher (so die Madrider Tageszeitung »El Pais"), der täglich schrecklichere Ausmaße annimmt, konsequent zu ahnden, erschöpft sich die Regierungspartei UCD in internen Richtungskämpfen; seit dem Austritt von 15 Abgeordneten ihres liberalen Flügels Anfang November steht sie praktisch vor der Spaltung; Regierungschef Calvo Sotelo hat, der neuesten Umfrage zufolge, nur noch 18 Prozent der Spanier hinter sich.
Die ohnmächtige linke Opposition jedoch unterläßt es, die angeschlagene Regierung wegen des Ölskandals in gebotener Schärfe zur Verantwortung zu ziehen, weil sie befürchtet, der Sturz der Regierung könnte das Eingreifen der Militärs provozieren. Denn die Nation leidet nicht nur an einem toxischen Syndrom, sondern seit dem fehlgeschlagenen Staatsstreich des Oberstleutnants Tejero vom vergangenen Februar auch unter einem Putschsyndrom.
Für die Wirtschaft schließlich zeichnen sich, weil Staaten wie Frankreich, Italien, die Schweiz, Dänemark und Japan nun Einfuhrsperren für spanisches Olivenöl und zum Teil auch für Lebensmittelkonserven verhängt haben, »unabsehbare, verheerende Folgen« ab, wie der Präsident der spanischen Handelskammern klagt.
Und bei allem ist fast noch ein Wunder, daß das Desaster nicht schon früher geschah, denn vorprogrammiert war es seit langem - Ölpanschen hat Tradition in Spanien.
Die Wurzeln dieser Tradition reichen bis in die frühen Jahre der Franco-Herrschaft zurück, als der Diktator sich für die finanzielle Unterstützung durch die andalusischen Großgrundbesitzer im Bürgerkrieg mit einer streng protektionistischen Politik für den heimischen Olivenanbau revanchierte.
In den sechziger Jahren wurde dieser Protektionismus zwar ein wenig gelockert, doch das teure spanische Olivenöl blieb weiterhin hoch subventioniert, die Einfuhr billiger anderer Speiseöle unterlag nach wie vor strengen Beschränkungen. Und »wo der Staat regulierend und restriktiv eingreift«, so der Staatssekretär für Verbraucherfragen, Martinez de Genique, »wird Schmugglern und Fälschern Tür und Tor geöffnet«.
So kam es denn auch. Seit mit dem sprunghaften Anschwellen des Touristenstromes auch der Verbrauch von Speiseöl jäh nach oben schnellte und die heimische Olivenproduktion weit überforderte - also seit etwa fünfzehn Jahren -, strecken skrupellose Panscher das teure Olivenöl mit billigen minderwertigen Fetten.
Rund 50 000 Tonnen verfälschtes Öl, so schätzt der frühere Präsident der Verbraucherorganisation, S.183 Antonio Garcia Pablos, werden jährlich in Spanien verkauft. Die Zeitung »El Pais« errechnete sogar eine fünfmal so große Menge und einen Reingewinn von 75 Milliarden Peseten (1,75 Milliarden Mark) allein innerhalb der letzten zehn Jahre.
Schon 1970 flog erstmals eine solche Ölmanipulation großen Stils auf - 24 spanische Firmen wurden beschuldigt, mit Hilfe von Glyzerin und tierischen Fetten Öl hergestellt und als Olivenöl verkauft zu haben. Doch als ein mutiger Rechtsanwalt versuchte, auch Francos damaligen Handelsminister Fontana Codina wegen Mitwisserschaft vor Gericht zu bringen, wurde die Sache schleunigst niedergeschlagen.
Eine der schon damals beschuldigten Firmen, die »Industrial Trianera de Hidrogenacion«, hat auch jetzt wieder kräftig mitgepanscht. Und Mitwisser in Ämtern und Behörden gibt es auch diesmal genug - etwa all jene, die allzu freigebig mit Einfuhrlizenzen für Rapsöl umgingen.
Das nämlich darf seit Jahren nur in beschränkter Menge - rund 500 Tonnen jährlich - und nur für Industriezwecke, vorwiegend zur Kühlung bei der Stahlproduktion, nicht aber als Speiseöl, eingeführt werden. Seit Jahren wird es deshalb durch Zusatz von Rizinusöl vergällt, also als Speiseöl unbrauchbar gemacht.
Seit Jahren ist aber auch bekannt, daß clevere Geschäftsleute mit Hilfe einer »Kaltwäsche« das Rizinusöl herausfilterten und das für 46 Peseten (1,07 Mark) pro Liter auf dem Weltmarkt erstandene Rapsöl danach in Spanien als Olivenöl für 120 Peseten pro Liter verkauften.
Und obwohl den zuständigen spanischen Behörden nicht entgangen sein konnte, daß für die in den letzten Jahren ohnehin stark abgesunkene Stahlproduktion heute zur Kühlung fast nur Mineralöl, aber kaum noch vergälltes Rapsöl verwendet wird, vergaben sie nach Angaben des Handelsministeriums allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres Einfuhrlizenzen für 771 Tonnen angeblich für Industriezwecke bestimmtes Rapsöl (im ganzen Jahr 1980: 443 Tonnen).
Der baskische Ölimporteur Fernando Bengoechea von der Firma Rapsa etwa, der angab, »neue Kundschaft« gefunden zu haben, bekam vom Handelsministerium in diesem Jahr ohne weitere Nachprüfung die Erlaubnis, dreimal soviel Öl zu importieren wie bisher. Diesmal freilich war das Rapsöl nicht mit dem teuer gewordenen Rizinusöl, sondern durch den Zusatz von zwei Prozent Anilin denaturiert worden.
Und da, so scheint es, beginnt die Todesspirale. Um das Anilin wieder aus dem Rapsöl zu entfernen, ließen einige der Rapsa-Kunden, so etwa die Madrider Abfüllfirma Raelca, unter anderem das Rapsöl auf 200 Grad erhitzen - ohne daß bis heute irgend jemand genau nachvollziehen kann, welche chemischen Prozesse sich bei der Erhitzung abspielten. Am wahrscheinlichsten gilt, daß der im Rapsöl ohnehin sehr hohe Anteil an Erucasäure sich in Verbindung mit dem Anilin durch die hohe Temperatur in ein bislang unbekanntes Gift verwandelte.
Allerdings könnten sich giftige Ölsäure-Anilide, so der renommierte barcelonesische Chemiker Pedro Bernadich, auch schon vor dem Erhitzungsprozeß gebildet haben - Genaues haben auch ausländische Wissenschaftler, die sich in der ganzen Welt mit dem Problem beschäftigen, noch nicht herausbekommen.
»Dies ist die tragische Geschichte des Zauberlehrlings«, so Martinez de Genique. »Jemand hat mit der Chemie herumgespielt S.185 und einen Moloch geschaffen, der nun hier wütet und den niemand in den Griff bekommt.«
Besonders tragisch ist die Geschichte in einem Land, das sich »in der schizophrenen Situation« befindet, so der Wissenschaftler Angel Pestana, innerhalb weniger Jahre unter die zehn wichtigsten Industrienationen aufgestiegen zu sein, in Wissenschaft und Forschung aber so wenig zu investieren »wie Dahomey oder die Elfenbeinküste«.
So wurde denn der Moloch erst mal verharmlost: Der Gesundheitsminister Sancho Rof erklärte, die Krankheit sei »ungefährlicher als eine Wintergrippe«, und auch als schon 25 Menschen an der geheimnisvollen Epidemie gestorben waren, redete der Pressesprecher der Regierungspartei, Diez Nicolas, immer noch von einem »unglücklichen Zwischenfall« und rügte die Presse, sie wolle die Regierung nur verunglimpfen.
Als der Kinderarzt Jose Manuel Tabuenca, in dessen Klinik »Nino Jesus« heute rund 100 erkrankte Kinder liegen, Anfang Juni das Gesundheitsministerium von seinem Verdacht unterrichtete, die Krankheit könne durch vergiftetes Speiseöl ausgelöst worden sein, bekam er keine Antwort. Er mußte selbst ein geeignetes Labor ausfindig machen. Und als sich sein Verdacht bestätigte, hielt die Regierung das Ergebnis noch weitere fünf Tage geheim.
Unterdessen wurde die Öffentlichkeit in dem Glauben gelassen, bei der Epidemie handele es sich um eine »atypische Lungenentzündung« oder eine andere Infektion, zumindest um etwas, das durch Ansteckung übertragbar war. Folge: Die Kranken wurden teilweise wie Aussätzige behandelt, so etwa in dem Dorf Cerezo de Arriba in der Provinz Segovia, dessen 60 Einwohner fast ausnahmslos erkrankt waren.
Der Arzt des Nachbarortes erklärte, in Cerezo herrsche die Pest, und verbot jeglichen Kontakt. Bäcker, Gemüse- und Fischhändler durften das Dorf nicht mehr betreten, nur der Bäcker hielt sich nicht daran.
Auch als dann feststand, daß die Erkrankungen etwas mit denaturiertem Rapsöl zu tun hatten, brauchte die Regierung noch runde acht Wochen, bis sie dem auf diesem Gebiet spezialisierten Institut für Fette in Sevilla die erste Ölprobe zukommen ließ.
Erst nach der Sommerpause, Mitte September, beraumte schließlich das Parlament eine dreitägige Sonderdebatte zum Thema Ölvergiftung an und beschloß konkrete Maßnahmen, so etwa
* staatliche Hilfe für die von der Krankheit Betroffenen, wie rückwirkende Zahlungen der Arbeitslosenversicherung auch für nicht versicherte Patienten, die durch die Krankheit arbeitslos geworden sind;
* Entschädigungen an Angehörige von Todesopfern - so etwa 17 500 Mark für ein totes Kind, 37 000 Mark für ein totes Familienoberhaupt;
* eine Verwaltungsreform mit dem Ziel eines besseren Verbraucherschutzes und schärferer Lebensmittelkontrollen und
* die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission, welche die Hintergründe des Debakels aufklären soll.
Ein Tadelsantrag der Kommunisten gegen das gesamte Kabinett wegen kollektiver Verantwortlichkeit für den Ölskandal wurde jedoch vom Vorsitzenden des Parlaments gar nicht erst zur Abstimmung zugelassen. Und als die Sozialisten daraufhin einen Tadelsantrag gegen die fünf verantwortlichen Fachminister stellten, wurde der von der Regierungsmehrheit zurückgewiesen.
Die Regierung sorgte auch dafür, daß die staatlichen Rundfunk- und Fernsehsender die Debatte nicht live übertrugen - »um den normalen Programmablauf nicht zu stören«, so die offizielle Begründung. Statt dessen wurden, wie zu Francos Zeiten, Flamenco-Shows und Fußball übertragen.
»Das gesamte System von oben bis unten hat versagt«, schimpfte der Verbraucheranwalt Garcia Pablos, der 3800 Ölopfer vertritt, »und wir sind dabei, die S.187 Glaubwürdigkeit der Demokratie aufs Spiel zu setzen.«
Kredit verlor die demokratische Regierung nicht nur bei den Ölopfern, sondern auch bei den sauberen Ölherstellern. »Wenn unsere Regierung entschlossen und rasch gehandelt hätte,« so der Präsident der Vereinigung der Olivenöl-Exporteure, »wären wir nicht in diese Krisensituation gekommen.«
Die Situation sieht in der Tat düster aus:
Schon ist der Export spanischen Olivenöls von 123 080 Tonnen im November 1980 auf 47 760 Tonnen im September dieses Jahres zurückgegangen - eine Minderung von 61 Prozent. Schon der Importstopp, den Frankreich verhängt hat, wird Spaniens Ölhersteller rund 1,5 Millionen Mark kosten. Die Arbeitsplätze von 600 000 im Olivenanbau Beschäftigten geraten in Gefahr.
Auch die Konservenindustrie mit über 100 000 Arbeitsplätzen schlittert durch das Giftöl in die roten Zahlen. Allein auf dem heimischen Markt, für den 60 Prozent der Produktion bestimmt sind, ging der Verkauf um 80 Prozent zurück. »Viele Hersteller haben seit August keine einzige Pesete mehr in ihre Kassen gebracht«, klagte Antonio Macedo, der Sprecher des Verbandes der spanischen Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Mindestens 80 der 600 Konservenhersteller, so schätzt er, werden in nächster Zeit Bankrott anmelden müssen.
Dabei haben die etwa 10 000 Laborproben von Konserven, die inzwischen vorgenommen wurden, in keinem einzigen Fall giftiges Öl nachweisen können. »Aber die Aufschrift 'made in Spain'«, empörte sich ein Tomatenkonserven-Produzent aus Extremadura, »wird ja schon fast als Zumutung angesehen.«
Wohl am härtesten werden die Hersteller von Fischkonserven (373 Firmen mit rund 40 000 Arbeitern, Jahresproduktion im Wert von 39 Milliarden Peseten) betroffen sein, die wegen der schon vor dem Öldebakel zurückgegangenen innerspanischen Nachfrage ohnehin auf Lagerbeständen im Gegenwert von über sieben Milliarden Peseten sitzen.
»Heute haben wir alle noch was zu essen«, warnte denn auch bereits der Präsident der spanischen Fischereiverbände, deren 100 000 Fischer 70 Prozent ihres Fangs in der Fischkonservenindustrie abliefern, »aber morgen werden wir alle zusammen hungern.«
So prekär ist die Lage an der Fischfront inzwischen, daß kürzlich der spanische Rundfunk als Spitzenmeldung brachte, im Hafen von Vigo lade ein libyscher Frachter Sardinenkonserven.
Daß Frankreich und andere EG-Staaten gegenwärtig keine spanischen Konserven abnehmen, werteten manche Spanier ohnehin als schiere Schikane. »Unser Gift-Syndrom hat sich zu einer tödlichen Handgranate entwickelt«, schrieb die Madrider Tageszeitung »Diario 16«, »die dazu benutzt wird, den Dialog zwischen Spanien und der EG auch in den nächsten Monaten zu blockieren.«
Die rechtsradikale Partei Fuerza Nueva rief bereits zu einem Boykott aller französischen und italienischen Waren in Spanien auf. Und Francisco Moreno, Wirtschaftsattache an der spanischen Botschaft in Paris, gab der Presse die Schuld daran, daß die Franzosen überhaupt gemerkt haben, mit den spanischen Konserven könnte etwas nicht in Ordnung sein. »Ja, wenn wir eine Regierung wie früher hätten«, so sinnierte er, »oder so eine wie in der Türkei ...«
Die gegenwärtige Regierung versucht derweil zu retten, was noch zu retten ist: Mit zusätzlichen Subventionen in Höhe von 300 Millionen Peseten (7 Millionen Mark) will sie der Olivenöl-Industrie unter die Arme greifen, 70 Millionen Mark an zinsfreien Krediten soll die Konservenindustrie bekommen - verbunden mit der Auflage, keine Arbeiter zu entlassen.
Millionenbeträge wird die Regierung zusätzlich für die Rehabilitation der vom vergifteten Öl Geschädigten zur Verfügung stellen müssen - denn die Opfer sind fast ausschließlich arme Leute, zumeist aus den Arbeitervierteln rund um Madrid, die froh waren, von ambulanten Händlern billiges »Olivenöl« erstanden zu haben. Auch wenn sie wollten, könnten sie die Kosten für ihre Behandlung und Rehabilitation nicht selbst tragen.
Die Last, unter der sie nun zu leiden haben, ist ohnehin für viele schon unerträglich schwer.
»Sie haben mir gesagt, sie würden eine Sozialarbeiterin schicken, um mir bei der Hausarbeit zu helfen«, berichtet Maria Luisa Ganga, Mutter zweier kranker Töchter und selbst von der Ölkrankheit gezeichnet. Doch nach zwei Wochen war immer noch niemand gekommen, und so mußte die Familie täglich 23 Mark für eine Haushaltshilfe zahlen, obwohl sie sich dergleichen nicht leisten kann.
»Ich würde es ja gern selber machen«, sagt Frau Ganga, »aber ich habe keine Kraft mehr. Ich kann mich nicht einmal nach vorn beugen. Jedesmal, wenn ich es versuche, habe ich das Gefühl, mir zerreißen die Eingeweide.«
Und Juan Herrero, dessen Tochter Raquel schwerkrank im Provinzialkrankenhaus von Madrid liegt, muß tagtäglich in umständlicher Fahrt per Bus und U-Bahn aus Leganes anreisen, um sein Kind im Rollstuhl in das Rehabilitationszentrum zu schieben. Das Krankenhaus hat dafür nicht genügend Personal, ein Auto besitzen die Herreros nicht.
Sie haben auch nicht genügend Geld, um die Verursacher ihres Unglücks in einer Privatklage zu belangen. Als Juan Herrero und andere Leidtragende Klage gegen die 26 inzwischen dingfest gemachten Panscher-Firmen erheben wollten, setzte der Richter dafür eine Sicherheitsleistung von 233 000 Mark fest. Soviel Geld können die Kläger jedoch nicht aufbringen.
»Freiheit haben wir ja nun«, sagt Juan Herrero bitter, »aber keine Gerechtigkeit. Die ist nur für die Reichen.«