15.08.1962

FRANKFURTER ALLGEMEINEEin solches Unterdrücken

Mit gesträubtem Haar und böswilligen Augen liest er uns ... Er hält uns für eine faschistoide Bande. Er verachtet uns aus allen Kräften."
Die Beschwerde stammt von Benno Reifenberg, einem der sechs Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen - Zeitung für Deutschland". Sie erschien in der FAZ und richtete sich gegen den Poeten Hans Magnus Enzensberger, der in einem Essay unter der Überschrift "Journalismus als Eiertanz" die Redigiertätigkeit der FAZ-Herausgeber kritisiert hatte.
Enzensbergers FAZ-Essay ist Bestandteil eines Sammelbands, der auch eine Analyse der Sprache des SPIEGEL enthält*. Freilich ist Enzensbergers SPIEGEL-Spiegel nicht ganz neu. Was der Dichter über den SPIEGEL denkt, hatte er schon im Februar 1957 vom Süddeutschen Rundfunk ausstrahlen lassen.
Damals druckte der SPIEGEL "nicht faul" den Text ab - "und heute ist Enzensberger (zum Kummer vieler seiner alten Leser) Kolumnist des Deutschen Nachrichtenmagazins". So Dieter E. Zimmer in der "Zeit".
Enzensbergers FAZ-Fazit hingegen ist neu und hat die Herausgeber des Frankfurter Blattes offenkundig geärgert - zweifellos nicht zuletzt deswegen, weil Enzensberger den selbstgestrickten Ruhm der FAZ, sie sei ein Weltblatt, vergleichbar etwa der "New York Times", in Zweifel zieht.
Enzensbergers Vorwürfe gegen die FAZ reichen von der vergleichsweise harmlosen, aber doch für Redakteure ehrverletzenden Kritik an dem "miserabelsten Akten-Deutsch" bis zu den Behauptungen, die FAZ
- retuschiere, unterdrücke und entstelle mit einer ganz bestimmten Absicht Nachrichten,
- veröffentliche redaktionelle Texte,
die letztlich, wenn auch erst nach genauer Prüfung, auf eine "abgründige
Verachtung" demokratischer Grundsätze schließen ließen,
- übe die "hochgezüchtete Technik der Heuchelei und das tägliche Versteckspiel mit der Wahrheit",
- spreche eine Sprache der "Herrschaft", in welcher dem Leser nur das mitgeteilt werde, was ihr, der Herrschaft, "bekömmlich" sei.
Die Grundsätze, an Hand deren Enzensberger die FAZ kritisierte, bezog er aus der FAZ, nämlich aus der Spalte "Die Kunst des Zeitungslesens", in welcher die FAZ-Redaktion in regelmäßigen Abständen vertrauenheischende Erklärungen über ihr eigenes journalistisches Verhalten abgab oder sich sonst um eine ansprechende Selbstdarstellung bemühte.
Enzensberger ist erbarmungslos genug, eine Passage aus "Die Kunst des Zeitungslesens" vom 12. März 1960 wiederzugeben. Darin beschreibt die FAZ-Redaktion, wie es bei ihr zugeht, wenn die Redakteure aus dem täglich eintreffenden Informationsmaterial die wichtigsten Nachrichten aussuchen: "Das ist ein aufregendes, die Leidenschaften erhitzendes und die Köpfe auslaugendes Geschäft. Mancherlei Mühen und vielerlei Fertigkeiten sind vonnöten, vor allem: Urteilsvermögen, Jägerinstinkt, Fingerspitzengefühl für Gewicht und Wirkung einer Neuigkeit."
Enzensberger kann sich nicht enthalten, diese "atemberaubende Schilderung der Treibjagd als ein Zeugnis unfreiwilligen Humors zur Kenntnis" zu nehmen und für die FAZ-Redaktion eine respektlose Bezeichnung zu erfinden: "Frankfurter Schützengilde".
Grimmiger noch ist das Interesse Enzensbergers an einem anderen Stück der "Kunst des Zeitungslesens". Am 25. Februar 1961 erforschte die FAZ das Gewissen der FAZ: "Unterdrückt sie Nachrichten, oder gibt sie diese vielleicht nur in homöopathisch abgemessenen Dosen?' - und antwortete ziemlich ehrpusselig auf die an sich selbst gestellte Frage: "Ein solches Unterdrücken gibt es nicht."
Zwar verzeichnet Enzensberger diese Proklamation als "wohlgesprochen", indes: Er glaubt nicht an sie und begründet sein Mißtrauen mit einer minuziös anmutenden Analyse von zehn FAZAusgaben (vom 7. bis zum 16. Dezember 1961).
An den Aufmacher-Schlagzeilen der FAZ in diesem Zeitraum bemäkelt Enzensberger, sie hätten "äußerst geringen Informationswert" und die wichtigsten Ereignisse außer acht gelassen.
So habe die FAZ am 14. Dezember mit der Schlagzeile "Weihnachtsgeld nur für aktive Beamte und Soldaten" aufgemacht - während in anderen Tageszeitungen der Schuldspruch gegen Eichmann das Hauptthema war. Enzensberger übersah - und Reifenberg verzeichnet es -, daß die FAZ zwei Tage zuvor auf der ersten Seite einen Leitartikel über den Eichmann-Prozeß gebracht hatte. Reifenberg: "Was soll das?"
Gegen die FAZ-Schlagzeile vom 8. Dezember 1961 "Dänemark weist die sowjetischen Angriffe gegen Bonn zurück" macht Enzensberger geltend, sie müsse bei dem deutschen Leser den Eindruck erwecken, es sei damals eine "Welle der Deutschfreundlichkeit" in Dänemark aufgekommen. In Wirklichkeit jedoch habe der dänische Außenminister Krag nur die Gründung eines deutsch-dänischen Nato-Kommandos verteidigt - und zwar gegen starken inneren Widerstand.
Enzensbergers Deutung: Die FAZ habe die taktisch bedingte Äußerung Krags "hochgespielt" und als Vorwand benutzt, "dem eigenen Land, und letzten Endes sich selber, auf die Schulter zu klopfen". Enzensbergers Kommentar: "Das ist kein graziöser Anblick."
Anhand des FAZ-Berichts über das deutsch-dänische Nato-Kommando erläutert Enzensberger auch das, was er das "Informations-Defizit" der FAZ nennt. In dem fraglichen Bericht habe nichts darüber gestanden,
- daß oppositionelle Demonstrationen vor und in dem dänischen Parlamentsgebäude stattfanden, und
- daß sowohl der Chef als auch der
Stabschef des Kommandos Dänen sein sollen.
Enzensberger: "Alle diese Manipulationen haben etwas Kleinliches, so sehr, daß man zögert, den von der Redaktion selber vorgeschlagenen Ausdruck ,Unterschlagungen' auf sie anzuwenden."
Enzensberger zählt sieben, seines Erachtens wichtige Nachrichten auf, die in der Test-Zeit von anderen deutschen Zeitungen veröffentlicht, von der FAZ aber nicht gedruckt wurden, nämlich Meldungen über
- einen Vortrag der Staatsanwältin Dr. Just-Dahlmann, wonach die deutsche Kriminalpolizei mit Beamten durchsetzt sei, die in Kriegsverbrechen verwickelt waren,
- die Verurteilung eines ehemaligen
SS-Standartenführers wegen Kriegsverbrechen,
- die Forderung des linken CDU-Flügels nach gerechter Beteiligung der Arbeitnehmer am Volkseinkommen,
- die Einrichtung von Lebensmittellagern In der Bundesrepublik für den Kriegsfall,
- den Bau eines unterirdischen Ausweichquartiers für die Bundesregierung,
- Vorschläge der Bundesregierung für
die politische Konföderation der EWG-Länder,
- Meinungsunterschiede zwischen Paris
und Bonn in der Berlin-Frage. Verstümmelt oder retuschiert hat laut Enzensberger die FAZ Meldungen über
- die Abberufung des jugoslawischen
Konsuls Grabovac aus München,
- ein Gespräch zwischen Innenminister Höcherl und dem SPD-Chef Ollenhauer über das Notstandsrecht,
- das neue Zivilrecht der Sowjet-Union.
Regelrecht irreführender Berichterstattung bezichtigt Enzensberger die FAZ im Falle der Nato-Ministerrats-Sitzung, die am 13. Dezember 1961 in Paris begann. Es ging bei dieser Tagung unter anderem um die Pläne des Bundesverteidigungsministers Franz-Josef Strauß, wonach im Verein mit den USA eine europäische Atom-Streitmacht aufgebaut werden sollte. Berichterstatter der FAZ bei dieser Konferenz war der Militärexperte des Blattes, Adelbert Weinstein.
Von Beginn bis zum Höhepunkt der Konferenz vertrat die FAZ, gestützt auf die Berichte Weinsteins, eine Auffassung, die mit der Berichterstattung anderer führender deutscher und ausländischer Zeitungen keineswegs übereinstimmte. Die FAZ am 16. Dezember auf ihrer ersten Seite: "Der Atlantikrat hat sich in seiner Militärdebatte weitgehend über den Plan geeinigt, die Nato zur vierten Atommacht zu erheben. Auch die von Bundesverteidigungsminister Strauß vorgetragenen konkreten Vorschläge für das geeignete Verfahren, um dieses Ziel zu erreichen, sind angenommen worden."
Demgegenüber hatte die Hamburger "Welt" schon am 13. Dezember gemeldet: "Alle Teilnehmer (der Konferenz) sind überzeugt davon, daß die Vereinigten Staaten gegenwärtig keine Entscheidung in dieser Frage wünschen." Es sei den Amerikanern auch gelungen, diesen Standpunkt durchzusetzen.
Enzensberger folgert: "Die Berichterstattung der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' läßt sich mit der anderer Presseorgane nicht vereinbaren" - und klagt die FAZ an, sie habe "im Verlauf von sechs Tagen und im Hinblick auf eine einzige Sache
1. verschwiegen die ablehnende Haltung Englands und der Vereinigten Staaten in der Frage einer atomaren Nato-Streitmacht;
2. verschwiegen den Zusammenhang dieser Haltung mit den in Aussicht genommenen Ost - West - Verhandlungen;
3. verschwiegen die Rede des französischen Ministerpräsidenten Debré, aus der hervorgeht, daß Frankreich eine solche Streitmacht nicht wünscht;
4. verschwiegen, daß Strauß seine Vorschläge gegen den Wunsch der Alliierten auf die Tagesordnung der Pariser Konferenz gesetzt hat;
5. verschwiegen die Differenz zwischen dem bedingten Angebot Kennedys, der Nato fünf Polaris-U-Boote zu unterstellen, und der Forderung von Strauß, die sich auf Mittelstreckenraketen für den Einsatz zu Lande bezog..."
Enzensbergers Kommentar zu einem vorangegangenen Pro-Strauß-Artikel Weinsteins: "Der Zweck dieses Artikels bliebe unverständlich, wüßte man nicht, daß sich Adelbert Weinstein herzlicher Beziehungen zu dem Verteidigungsminister Strauß erfreut."
Indes, Enzensbergers Kritik an der FAZ geht keineswegs dahin, die Herausgeber und Redakteure des Blattes als "Hörige, Sklaven von Bonn, von Kapitalisten der Industrie und Rüstungssüchtigen" abzumalen, wie FAZ-Herausgeber Benno Reifenberg argwöhnt. Vielmehr stellt Enzensberger ausdrücklich fest: "An einer solchen Zeitung ist nichts zu entzaubern; sie bedarf keiner Hintermänner; jeder ihrer Verantwortlichen ist sein eigener Hintermann."
Enzensberger möchte die FAZ als Beweisstück für eine Zeiterscheinung entlarven, die er "Bewußtseinsindustrie" nennt. Zweck und Absicht dieses Industriezweiges sei "die Zementierung der etablierten Herrschaft".
Die FAZ fühlte sich mißverstanden, und Benno Reifenberg entschloß sich, den Mißversteher Enzensberger zu "bemitleiden": "Er erinnert an den kleinen Karl aus Andersens Schneekönigin', dem von dem zerschlagenen Teufelsspiegel ein winziger Splitter ins Herz gefahren ist. Von da an sah der kleine Karl alles falsch."
Freilich war dem FAZ-Herausgeber Reifenberg bei seinem Märchen-Exempel ein Fehler unterlaufen: Es gibt bei Andersen keinen "kleinen Karl" - nur einen kleinen Kay.
Begriffsstutzigen FAZ-Lesern, die Reifenbergs Anspielung auf Andersens Geschichte vom "kleinen Karl" und dem "Teufelsspiegel" nicht verstanden hatten, kam die "Zeit" zu Hilfe. Sie referierte die Passage und setzte hinter das Wort "Teufelsspiegel" in Klammern und kursiv: "Spiegel" - mit Ausrufezeichen.
* Hans Magnus Enzensberger: "Einzelheiten", Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 368 Seiten; 15,80 Mark.
FAZ-Herausgeber Reifenberg
An einer solchen Zeitung ...
FAZ-Leser Enzensberger
... ist jeder sein eigener Hintermann

DER SPIEGEL 33/1962
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