01.03.2010

ENTSORGUNGDer Unrat der Camorra

Abfälle aus Italien beschäftigen die Justiz: Mehr als 100 000 Tonnen Müll sollen illegal nach Ostdeutschland gelangt sein - und retteten eine zu große sächsische Deponie vor der Pleite.
Plastiksäcke, prall gefüllt mit Unrat, bedeckten Neapels Piazza del Plebiscito. In den Vorstädten wucherten Müllhaufen wie Geschwüre die Ausfallstraßen entlang, nachts lag der Pesthauch abgefackelter Halden über den Häusern. Jeden Tag kamen über 1100 Tonnen Abfall hinzu.
Der Müll musste weg. Aber wie? Und wohin? Das war die Frage, die Lorenzo Miracle umtrieb, den Manager einer italienischen Logistikfirma.
Blitzblank sah es im sächsischen Großpösna aus, wo die Zentraldeponie Cröbern steht; ein Monument deutscher Gründlichkeit, mindestens 100 Millionen Euro teuer, mit Sickerwasserpolder und Schönungsteich; eine der leistungsfähigsten Anlagen Europas, eine Müllkippe fürs 21. Jahrhundert.
Aber wohl überdimensioniert. Denn die Sachsen machten nicht genügend Dreck. Müll musste her. Aber von wem? Das war das Problem von Konrad Doruch, dem Chef-Akquisiteur der Deponie.
Und so fanden Signore Miracle und Herr Doruch zusammen. Fast täglich ließen sie ab April 2007 Güterzüge mit Müll aus Neapel nach Großpösna fahren.
Es schien ein guter Deal, für beide Seiten. Doch manches spricht dafür, dass er einen entscheidenden Nachteil hatte. Er verstieß offenbar gegen eine ganze Reihe von Strafparagrafen. Vom unerlaubten Umgang mit gefährlichen Abfällen über Bestechung bis hin zur Bildung einer kriminellen Vereinigung.
Der sächsische Müllbeschaffer Doruch hatte Pech und geriet in eine Großfahndung der italienischen Polizei, in die "Operation Ecoballe". Hunderte Telefonate hörten die Ermittler ab, um der neapolitanischen Mafia auf die Schliche zu kommen. Firmen, die der Camorra zugerechnet werden, organisieren den Transport und die kriminelle Beseitigung von Müll, auch ins Ausland.
Ende November hatten die Ermittlungen die deutsche Grenze überschritten. Staatsanwälte und Kriminalbeamte durchsuchten den Deponiebetrieb in Großpösna und weitere Müll- und Recycling-Unternehmen in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Beamten interessierten sich für alles, was mit Abfall aus Italien in Verbindung stand, Frachtpapiere, Verträge, Rechnungen. Es ging um 150 000 Tonnen Abfall, in 200 Güterzügen, die wohl nie die Alpen hätten überqueren dürfen.
Die italienisch-deutschen Müllschiebereien gewähren Einblick in eine Branche, die boomt. Nach Untersuchungen des Bundeskriminalamts (BKA) wurden auf deutschen Gruben und Altdeponien bereits bis zu zwei Millionen Tonnen Hausmüll illegal abgekippt. "Das Ausmaß der Abfallverschiebungen ist quantitativ und qualitiv bisher einmalig" und werde von Behörden und der Politik vollständig unterschätzt, heißt es in einer internen Studie des BKA, das die dunklen Geschäfte mit dem Müll auf der nächsten Konferenz der Umweltminister im Juni zum Thema machen will.
Der Fall der Zentraldeponie Cröbern zeigt, dass es eben nicht nur halbseidene Abbruchunternehmer und Kiesgrubenbetreiber sind, die mit dem Abfall auch gleich Recht und Gesetz entsorgen. Selbst halbstaatliche Betriebe setzen sich - wenn die Not groß ist - dem Verdacht aus, illegal zu handeln.
Und die Not war ziemlich groß im April 2006, als sich Leipziger Kommunalpolitiker trafen, um die Krise des Deponiebetreibers, der Westsächsischen Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (WEV), zu beraten. Das Unternehmen, an dem Leipzig und der umliegende Landkreis die Mehrheit hält, sei "in akuten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die letztlich existenzgefährdend sein könnten", heißt es in der Tischvorlage.
Allein im Jahr 2005 hatte die WEV 4,5 Millionen Euro Verlust gemacht. Das Management der WEV musste sich etwas einfallen lassen. Macher waren jetzt gefragt, Männer wie Konrad Doruch, ein Sachse mit ausgeprägtem Dialekt, der im Müllgeschäft Karriere gemacht hatte: Erst war er für Sicherheit und Brandschutz auf der Deponie zuständig, später wurde er Vertriebschef.
Mit Erfolg hatte er allein zwischen 2003 und 2006 mehr als 200 000 Tonnen Müll aus Italien organisiert, allerbeste Ware für Großpösna, Schlacken aus einem Aluminiumwerk in Novara zum Beispiel oder asbesthaltiges Dämmmaterial aus Verona. Die Entsorgung des giftigen Sondermülls hatten sächsische Behörden der Deponie ausnahmsweise erlaubt.
Nun, als Geld und Müll knapp waren, schickte die WEV Doruch wieder los nach Italien. Doch jetzt beschaffte er nicht mehr Industrieabfälle aus dem Norden, sondern Hausmüll aus dem Süden - aus Neapel und Kampanien, wo bei diesem schmutzigen Geschäft so gut wie nichts ohne die Camorra läuft.
Wenn die Vorwürfe der Ermittler zutreffen, verstießen die Methoden der WEV in diesem Moment gegen das Gesetz. Unrat aus Kampanien darf nicht einfach nach Deutschland exportiert werden so wie Olivenöl oder Wein.
Selbst hiesiger Hausmüll darf seit 2005 nicht mehr deponiert werden. Er muss verbrannt oder einer komplizierten Prozedur unterzogen werden: sortiert, zerkleinert und möglichst von Bakterien zersetzt. Müllimporte genehmigen die Behörden nur, wenn der Abfall entsprechend vorbehandelt ist.
Die sächsischen und italienischen Müllgroßhändler versuchten es offenbar dennoch. Ab April 2007 starteten die Züge im Güterbahnhof Maddaloni-Marcianise, rund 30 Kilometer nördlich von Neapel, um tags darauf im 1500 Kilometer entfernten Großpösna entladen zu werden.
Kleine Zwischenfälle wie jener am 26. April, als eine Carabinieri-Spezialeinheit im Bahnhof besonders übel riechende Container öffnen ließ, konnten die deutsch-italienische Müll-Connection nicht stoppen.
Aus den Frachtpapieren geht hervor, dass die Container vorbehandelten Abfall hätten enthalten müssen, eben Zwischenprodukte aus der Recyclingkette. Stattdessen fand man stinknormalen Hausmüll aus süditalienischen Küchen; acht Container wurden beschlagnahmt. Doch schon am nächsten Tag rollten die Züge wieder.
So landete der Inhalt von 7500 Containern in Ostdeutschland. Offenbar ein glänzendes Geschäft für die WEV: Die Rede ist von 16 Millionen Euro, 86 Euro pro Tonne. Die Politiker aus Leipzig und Umgebung konnten zufrieden sein, endlich rechnete sich ihr Prestigeprojekt. Ihr Unternehmen, ein Jahr zuvor fast pleite, kam in die schwarzen Zahlen.
Mit welcher Ware sich ihre Abfallhändler sanierten, interessierte die Verantwortlichen im Freistaat Sachsen dem Anschein nach nicht. Die Ermittler glauben belegen zu können, dass Vertriebschef Doruch den Großteil der italienischen Lieferung einfach umdeklarierte und den größten Teil des Unrats, insgesamt 107 000 Tonnen, gleich weiterschickte ins benachbarte Sachsen-Anhalt, zu den Müllbetrieben von Andreas Böhme. Der gelernte Kfz-Schlosser hatte zwar keine Genehmigung, Müll aus Italien zu entsorgen, aber einen Abfallschredder. Dort soll die Ware aus Neapel noch einmal ihre Identität gewechselt haben - zum "mineralischen Sortierrest" und damit entsorgungsfähig.
Ein Teil landete in Freyburg-Zeuchfeld in Sachsen-Anhalt auf einer Müllkippe, die im Frühjahr 2009 de facto stillgelegt wurde. Umweltkontrolleure des Landes hatten dort 300 000 Tonnen illegal deponierten Müll entdeckt.
Die Strafverfolger glauben zu wissen, wer hinter den Abfallbewegungen steht. "Eine feste Tätergruppe deutscher und italienischer Staatsbürger", so ein Ermittler, habe von Beginn an geplant, den Müll aus Kampanien "illegal, weil zum größten Teil unbehandelt, im Raum Sachsen-Anhalt zu entsorgen".
Böhme bestreitet das. Er habe den von der WEV übernommenen Müll "ordnungsgemäß" behandelt, sagt sein Anwalt Steffen Segler. Auch Konrad Doruch weist Vorwürfe entschieden zurück, in illegale Müllschiebereien verwickelt zu sein. Doruch ist, wie auch sein damali-ger Chef bei der WEV, inzwischen ausgeschieden.
Der neue Mann an der Spitze des Deponiebetriebs hat eigene Ermittlungen durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Auftrag gegeben. Mitte März sollen die Ergebnisse dem WEV-Aufsichtsrat präsentiert werden. Ob und wann die Staatsanwälte in Leipzig und Halle Anklage erheben werden, ist derzeit nicht absehbar.
Ihre Kollegen in Neapel scheinen bei der Strafverfolgung weiter zu sein. Bereits im Herbst 2008 präsentierten sie Lorenzo Miracle einen Haftbefehl, zwei Dutzend weitere Müllmanager und Beamte wurden vorläufig festgenommen. Sie alle, so der Vorwurf, sollen in die illegalen Abfallschiebereien verwickelt sein.
Fast schien es, als sei den internatio-nalen Müllhändlern damit das Handwerk gelegt. Doch der Eindruck täuscht. Im Dezember wurden in einer Grube in Sachsen-Anhalt wieder 100 Tonnen frischer Unrat entdeckt - aus Italien.
Von Alexander Smoltczyk, Andreas Ulrich und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 9/2010
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