Schnickschnack statt Literatur Haus der traurigen Bücher

Wo bekommt man aztekische Traumpüppchen und Lavendelseife in Blumenform? Natürlich im Buchladen! Die großen Filialketten haben unsere Tempel der Lesekultur in Ramschrampen für Flitter und Firlefanz verwandelt. So etwas haben Bücher nicht verdient.

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Buchhandlung: Massenware in riesigen Stapeln
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Buchhandlung: Massenware in riesigen Stapeln


Wenn der 14-jährige Sohn meines Nachbarn auf den (seltenen) Umstand hinweisen will, er habe einen Film auch in gedruckter Fassung konsumiert, dann sagt er: "Das hab' ich auf Buch." Da muss ich als Bücherwurm nach Luft schnappen. Ich könnte ohne Literatur nämlich nicht leben. Kracht, Franzen, Chabon - ich hab' die alle auf Buch. Dafür fehlen mir die DVDs, falls es welche gibt.

Nichts beschleunigt meinen Puls so sehr wie ein ganzer Laden voller Bücher. Denn wie der Philosoph Andrew Ross einmal bemerkt hat, "enthält selbst der kleinste Buchladen mehr wertvolle Ideen als das gesamte versendete Fernsehprogramm der Geschichte". Es gibt kaum etwas Erbaulicheres, weshalb über dem Eingang der legendären Bibliothek des antiken Theben stand: "Medizin für die Seele".

Medizin. Seele. Meine Fresse. Die Inschrift beweist: Die alten Griechen kannten keine Buchhandelsketten.

Wenn ich im tiefen Münchner Westen Druckerzeugnisse erstehen möchte, komme ich an diesen Buchkaufhäusern nicht vorbei. Denn schnuckelige kleine Buchläden, die gibt es hier nicht mehr.

Eine der wesentlichen Eigenschaften eines guten Buchladens ist, dass man dort andauernd tolle Bücher findet, ohne nach ihnen gesucht zu haben. Warum? Weil ein versierter Buchhändler den Inhalt seiner Regale regelrecht komponiert. Er liest viel, und er leistet sich eine eigene Meinung. Er wählt aus, er leistet sich den Luxus, den elften bayerischen Provinzkrimi ("Blutspeckknödel") ebenso zu ignorieren wie den 27. nordschwedischen Frauenzerstückler-Thriller ("Verdösung").

Mittelmaß und Firlefanz

Beim örtlichen Buchkaufhaus liegt diese Massenware hingegen überall in riesigen Stapeln herum. Ferner gibt es Schmachtliteratur für Unerfüllte ("Rosa Tiefenrausch") und Historienschinken ("Die Tochter der Lebkuchenhexe"). Und sonst nichts.

Nein, das ist unfair. Es gibt durchaus andere Dinge. Zum Beispiel das Primavera Duftspray "Ganz entspannt", Burt's Bees Honig-Lippenbalsam oder aztekische Traumpüppchen aus Guatemala. Der Laden ist voll mit diesem Tand. Und jedes Mal, wenn ich herkomme, ist es ein bisschen mehr geworden. Hinter dem Aufsteller mit den bereits zweimal reduzierten Welpenkalendern stöbere ich nach Gedichtbänden. Stattdessen finde ich handbemalte Hartplastik-Tierfiguren von Schleich. Auch schön.

Ich frage einen Verkäufer nach Gedichten, nach Benn und nach Neruda. Sind beide aus. Er winkt vage in Richtung der Yogamatten und sagt, da hinten in der Ecke gebe es vielleicht ein bisschen Poesie. Ich laufe an einem Point-of-Sale-Display mit Gartenschaufeln und Designergießkannen vorbei, kann aber nichts finden.

Kein Wunder. Dieses Buchkaufhaus ist sehr schlecht sortiert. Ich erwähnte eingangs, in guten Buchläden könne man überraschende Entdeckungen machen. Etwas Entropie ist also durchaus wünschenswert. Aber in guten Buchläden herrscht nur scheinbar Unordnung. Dahinter steckt ein kluger Kopf, der sich mit Literatur auskennt. Jemand, der weiß, dass ein Lovecraft-Liebhaber auch "Gegen die Welt" lesen möchte, obwohl die Einbände nicht die gleiche Farbe haben.

Diktatoren und Duftlampen

Hier hingegen dominiert wurstige Ahnungslosigkeit. "Tiere essen", Jonathan Safran Foers philosophische Betrachtung der industriellen Massentierhaltung, haben sie kurzerhand in die Wellness-Ecke gesteckt, zwischen Atkins-Diät und Weightwatchers-Kochbuch. Viele Bücher türmen sich wahllos auf einem halben Dutzend Grabbeltischen. Dort finde ich auch den ersten und einzigen Poesieband: "Gedichte & Balladen", eine "Sonderleistung" für 3,99. Er liegt neben dem "Großen Buch der Alpenblumen". Dahinter blickt Hitler dräuend vom Band "Anschluss. Ich hole Euch heim".

Das alles ist unfreiwillig komisch, aber auch schrecklich traurig. Die armen Bücher! Von all dem Flitter und Firlefanz entwürdigt und entwertet, auf einer Stufe mit Duftlampen und Lillifee-Figürchen. Und in der Ladenmitte steht eine Pyramide aus Mängelexemplaren, das Stück zu 1,99 Euro.

Für Bücherliebhaber ist das nichts. Und für Gelegenheitsleser, die für ihren Jahresurlaub ein paar Schmöker benötigen, ist es auch nichts - denn auch sie wollten eigentlich in einen Buchladen und finden sich nun plötzlich in einer Woolworth-Filiale wieder.

Erinnern Sie sich noch an Woolworth? Das waren diese etwas schäbigen Kaufhäuser, die ein seltsames Mischmasch aus Popelinklamotten, Bauchwegtrainern und Kurzwaren offerierten. Die Firma Woolworth hatte irgendwann vergessen, was eigentlich ihr Konzept war. Und auch die Kunden wussten bald nicht mehr, warum sie dort eigentlich hineingehen sollten.

Ich glaube, den großen Buchketten droht ein ähnliches Schicksal. Thalia taumelt bereits, auch andere Filialisten stecken in der Krise. Aber wer Bücher so lieblos behandelt, der hat es nicht besser verdient.

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insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
Pyr 26.05.2012
1. kT
Zitat von sysopDPAWo bekommt man aztekische Traumpüppchen und Lavendelseife in Blumenform? Natürlich im Buchladen! Die großen Filialketten haben unsere Tempel der Lesekultur in Ramschrampen für Flitter und Firlefanz verwandelt. So etwas haben Bücher nicht verdient. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,832704,00.html
Danke, der Artikel hat meinen Tag gerettet. Ja, vielleicht ein stellenweise leicht überzogen und ein bisschen weniger "ich-liiieeeebe-Bücher" hätte es auch getan, egal. Nunja, den gut sortierten Buchhandel gibt es durchaus noch, man muss nur wissen, wo man ihn findet. Meistens eben nicht (mehr) direkt in der Innenstadt... ein wenig schade, ja, aber gut.. so ist das halt. Ich gehe schon seit Ewigkeiten nicht mehr zu Thalia (und wie sie nicht alle heißen), um Bücher zu kaufen, sondern um mich nach reduzierten CDs umzuschauen. Mit ein wenig Glück findet man die ein oder andere Platte von "Deutsches Grammophon", "Naxos" etc. zu wirklich guten Preisen. Achso... früher gab es dort wenigstens noch eine Mini-Abteilung von "Zweitausendeins"... aber die wurde auch irgendwann eingestampft. Jaja, echte Liebhaber... undso. Aber ich kann das Geld nun einmal auch nicht ka****.
thevicar 26.05.2012
2. Recht gesprochen
Zitat von sysopDPAWo bekommt man aztekische Traumpüppchen und Lavendelseife in Blumenform? Natürlich im Buchladen! Die großen Filialketten haben unsere Tempel der Lesekultur in Ramschrampen für Flitter und Firlefanz verwandelt. So etwas haben Bücher nicht verdient. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,832704,00.html
Aber wer Bücher so lieblos behandelt, der hat es nicht besser verdient. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
ti-ana 26.05.2012
3. Wer braucht Bücher?
Weltbild machts vor, Thalia machts nach und demnächst gibts gar kein gedrucktes Buch mehr. Die gibt's dann nur noch als ebook von amazon... Ich schlage Wiederverwertung der Buchläden als 1 Euro Ramschverklopper vor...
d_schnock 26.05.2012
4. wie wahr
Toller Kommentar - der leider Gottes der Wahrheit entspricht. Große Buchläden, gerade Thalia, verdienen den Titel "Buchladen" wirklich nicht mehr! Hoffen wir mal, dass ein Umdenken stattfindet. Aber ansonsten gibt es auch in großen Städten noch wunderbare kleine Buchläden fernab von Amazon, Thalia und Konsorten. Man muss allerdings ein wenig stöbern...
tetaro 26.05.2012
5.
Zitat von ti-anaWeltbild machts vor, Thalia machts nach und demnächst gibts gar kein gedrucktes Buch mehr. Die gibt's dann nur noch als ebook von amazon... Ich schlage Wiederverwertung der Buchläden als 1 Euro Ramschverklopper vor...
Es gibt Bücherliebhaber und Leseliebhaber. Letztere haben irgendwann einfach keinen Platz mehr für das ganze Papier.
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