Hambacher Forst Dutzende Braunkohlegegner schließen sich Baumhaus-Aktivisten an

Die Räumung der Baumhäuser im Hambacher Forst hat begonnen - ein Ende ist nicht absehbar. Die Aktivisten kündigten Massenmobilisierung und zivilen Ungehorsam an. Teilnehmer einer Demo liefen zu ihnen in den Wald.

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Mehrere Dutzend Braunkohlegegner sind am Donnerstagabend aus einer Demonstration am Hambacher Forst ausgeschert und zu den sich in Baumhäusern verschanzenden Aktivisten gerannt. Die Polizei schätzte ihre Zahl auf 40 bis 50. An der genehmigten Demonstration gegen die Räumung und für den Erhalt des Hambacher Forsts hätten mehr als tausend Menschen teilgenommen, darunter Familien mit Kindern.

Die in den Wald gestürmten Braunkohlegegner wurden lautstark von den teils in Baumhäusern lebenden Aktivisten begrüßt, wie eine dpa-Reporterin berichtete. Für den Polizeieinsatz habe dies keine Relevanz, sagte ein Sprecher der Aachener Polizei. Die Räumung von Hindernissen und Baumhäusern werde an diesem Freitag fortgesetzt. Auch nach Einbruch der Dunkelheit waren am Donnerstagabend viele Polizisten im Wald.

Mit einem massiven Polizeiaufgebot haben Behörden begonnen, den jahrelang von Umweltschützern und Braunkohlegegnern besetzt gehaltenen Hambacher Forst zu räumen. Am Donnerstag holten Spezialkräfte die ersten Aktivisten aus den Baumhäusern und zerstörten einige der jahrelang geduldeten Bauten. Der Energiekonzern RWE will im Herbst weite Teile des Waldes abholzen, um weiter Braunkohle abbauen zu können. Die Baumhäuser der Besetzer gelten längst als Symbol des Widerstands gegen die Braunkohle.

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Braunkohlerevier: Polizei startet Räumung im Hambacher Forst

Aktivisten kündigten als Reaktion auf die Räumung "zivilen Ungehorsam" und eine "bundesweite Massenmobilisierung" an. Das Verwaltungsgericht Köln gab den Behörden allerdings Recht und lehnte am Abend einen Eilantrag gegen die Räumung eines Baumhauses ab. Es sei davon auszugehen, dass bei den noch ausstehenden Eilanträgen ähnlich entschieden werde, sagte eine Gerichtssprecherin.

Bei dem Einsatz kam es zwischen Polizei und Aktivisten zu Auseinandersetzungen. Beamte seien mit Zwillen beschossen und mit Molotow-Cocktails beworfen worden, berichtete die Polizei. Ein Beamter sei dabei leicht verletzt und ein Dienstwagen beschädigt worden. An mehreren Stellen hätten sich friedliche Demonstranten auf Zufahrtswege gesetzt und diese blockiert. Nach Angaben der Polizei wurden drei Personen in Gewahrsam genommen. Eine Sprecherin des Aktionsbündnisses "Ende Gelände" machte hingegen die Polizei dafür verantwortlich: "Die Polizei eskaliert, die Polizei greift an, die Menschen setzen sich zur Wehr", sagte Karolina Drzewo.

Als Begründung für die Räumung führten die Behörden nicht den geplanten Braunkohleabbau an. Vielmehr argumentiert das NRW-Bauministerium mit dem fehlenden Brandschutz in den Baumhäusern - unter anderem fehlten Rettungsleitern. Deshalb seien die Baumhäuser zu räumen und anschließend "zu beseitigen", heißt es in der Weisung des Ministeriums.

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Die Umweltaktivisten, etwa von der Organisation "Ende Gelände", halten das für eine vorgeschobene Argumentation. "Wir kämpfen für eine klimagerechte Zukunft und fordern von der Landesregierung, sofort die Polizeikräfte aus dem Hambacher Forst abzuziehen", sagte Waldbesetzer Momo bei einer Pressekonferenz mehrerer Initiativen.

Der Einsatz begann am Donnerstagmorgen, nachdem Mitarbeiter der zuständigen Stadt Kerpen und des Kreises Düren die Baumbesetzer per Lautsprecher über den Räumungsbeschluss informiert und sie aufgefordert hatten, die Baumhäuser innerhalb von 30 Minuten freiwillig zu verlassen. Als die Aktivisten die Frist verstreichen ließen, rückte das Höheninterventionsteam der Polizei mit einer Arbeitsbühne und einem großen Luftkissen auf dem Boden vor. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wurde das dritte Baumhaus geräumt. Eine Frau wurde dabei heruntergeholt. Wie viele Menschen festgenommen oder in Gewahrsam genommen wurden, wollte die Polizei später mitteilen.

Aktivisten: Tausende Menschen werden Kohle-Infrastruktur blockieren

In den sozialen Netzwerken riefen die Baumbesetzer dazu auf, den Protest im Hambacher Forst zu verstärken und in den Wald zu kommen. "Wir werden deshalb ab diesem Wochenende mit Aktionen massenhaften zivilen Ungehorsams die Räumungen und Rodungen von Polizei und RWE verhindern. Durch diese Aktionsform nehmen wir unsere Zukunft selbst in die Hand", sagte Jan Pütz von der Aktion Unterholz. Das Aktionsbündnis "Ende Gelände" kündigte an, vom 25. bis 29. Oktober würden Tausende Menschen die Kohle-Infrastruktur, Schienen und Bagger blockieren.

Vor Beginn der Kohleförderung war der Wald 4100 Hektar groß; nach Angaben des Tagebau-Betreibers RWE Power wurden bislang 3900 Hektar für den Kohleabbau gerodet. Der Wald hat nach Angaben des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) eine 12.000 Jahre lange Geschichte. Es gibt dort Vorkommen streng geschützter Arten wie die Bechsteinfledermaus, den Springfrosch und die Haselmaus. Der Protest vor Ort richtet sich auch gegen den Abbau von Braunkohle allgemein.

SPIEGEL.TV: Umweltaktivisten gegen Braunkohle-Abbau

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Aus Sicht von RWE ist die weitere Rodung unvermeidbar, um die Stromproduktion in den Braunkohlekraftwerken zu sichern. Ein RWE-Sprecher betonte am Donnerstag, der Konzern sei nicht "unmittelbarer Veranlasser" des Einsatzes. "Die Rodungsarbeiten auf unserem widerrechtlich besetzten Grundstück sollen wie geplant erst im Oktober beginnen."

Die in der Kohleausstiegskommission vertretenen Umweltverbände DNR, BUND und Greenpeace sprachen von einer überflüssigen und gefährlichen Eskalation. Der Konflikt um den Forst könnte die Verhandlungen über den Kohleausstieg stören, da die Umweltverbände einen Rodungsaufschub fordern, bis ein Ergebnis vorliegt. Denkbar ist, dass ein oder mehr Umwelt-Vertreter die Kommission verlassen. Auch Grüne und Linke verurteilten die Räumung als Machtdemonstration und Provokation.

Die Polizei stellt sich im Hambacher Forst noch auf einen langen und schwierigen Einsatz ein. Die 50 bis 60 Baumhäuser liegen in bis zu 25 Meter Höhe - entsprechend kompliziert ist es, sie zu räumen.

lie/dpa

insgesamt 81 Beiträge
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dborrmann 13.09.2018
1. Eine überflüssige Eskalation
Ich schäme mich für das Land NRW. Die Polizisten tun mir leid. Ein wirklich undankankbarer Beruf, wenn man gegen Menschen vorgehen muss, die uns vor Schlimmerem schützen.
paysdoufs 13.09.2018
2.
So denn juristisch alles geklärt ist, würde ich eine klare Linie des NRW-Innenminister und der Polizei befürworten: Frist setzen und nach deren Ablauf mit der Fällung der Bäume beginnen. Wenn einige „Aktivisten“ dann immer noch glauben dabei in den Bäumen hocken bleiben zu müssen... Leider Pech gehabt! Aber das leistungsfähige deutsche Gesundheitssystem sollte sich um ein paar Knochenbrüche schon kümmern können. Denjenigen , die das zynisch finden möchte ich mit auf den Weg geben dass ein Rechtsstaat, der nicht in der Lage ist seine eigenen Entscheidungen durchzusetzen, nur noch auf dem Papier existiert.
kennke 13.09.2018
3. Und wieder die Märchen von Molotows
Wieso lernt SPON es nicht? Die Molotows sind erfunden wie auch ein Großteil der Zwillenangriffe. Dass die Social-Media-Teams der Polizei es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen sollte spätestens seit G20 bekannt sein. Und auch hier versucht man die Umweltschützer zu kriminalisieren. Nur gelingen wird das nicht, wer sich mal außerhalb der Polizeimedien informiert oder sich vor Ort ein Bild macht sieht, dass es keinen Grund zur Gewalt gibt.
peppi59 13.09.2018
4. Widerstand
Ich erinnere mich an ca. 50 000 Menschen, die eine Menschenkette von Neckarwestheim nach Stuttgart gebildet hatten um ihren Widerstand gegen die Atomlobby zu zeigen. Genauso viel Wucht und Unterstützung wünsche ich den Braunkohlekraftgegnern. Weil Braunkohle neben der Atomkraft die schmutzigste und dazu noch energieineffizienteste Technologie ist!
kahabe 13.09.2018
5. Mal was anderes
Ich hoffe doch sehr, das der Dienstherr der NRW-Polizei seiner Fürgsorgepflicht obwaltet. Und das ein oder andere zu begleitende Fußballspiel absagt. Herr Reul, das könnte Ihnen zugutegehalten werden in Causa RWE (nein, nicht Rot-Weiß Essen...). Wie das geht? Mal bei den roten Könnern in unserem Bundeshauptland Berlin erkundigen.
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