»Da hört die Christlichkeit auf«
Warum eigentlich, wundert sich Waltraud Bier, Bürgerin des mecklenburgischen Städtchens Goldberg, werde sie in letzter Zeit immer wieder nach ihrer Christlichkeit gefragt? »Natürlich bin ich christlich«, beteuert die Besitzerin des Hotels »Seelust«, wann immer sie anderen Goldbergern von solcher Fragerei erzählt.
Die Gastwirtin Waltraud Bier, 60, wird von Goldbergs Bürgermeister Dieter Wollschläger, 43, gern als Vorbild für die Bürger der kleinen Stadt gelobt. In dem 5000-Seelen-Ort, malerisch an einem See gelegen, gibt es nicht viele Menschen ihres Schlages - fleißig, schlau, selbstbewußt und zupackend.
Goldberg erlebt schlechte Zeiten. Seit die frühere Kaserne der Nationalen Volksarmee (NVA) geschlossen wurde und die Filiale des Güstrower Taschenwerkes dichtgemacht hat, sind 30 Prozent der Einwohner arbeitslos. Ebenso viele schulen um oder schlagen sich auf ABM-Stellen durch.
Waltraud Bier gehört nicht dazu. Bald nach der Wende hat sich die resolute Frau 1,5 Millionen Mark geliehen und die ehemalige HO-Gaststätte »Seelust«, die sie seit 1972 verwaltet, zu einem Hotel für Feriengäste umgebaut. Das Geschäft lief gut, bislang.
Auch der parteilose Bürgermeister träumt, wie Waltraud Bier und fast ganz Mecklenburg-Vorpommern, vom »sanften Tourismus« als Quelle künftigen Wohlstands. Er begann, Hoffnung für Goldberg zu schöpfen.
Als Arbeitgeber hatte er zunächst nur eine Firma aus Solingen nach Goldberg locken können. Doch dann interessierte sich die Hotelgesellschaft »Skan« aus Gifhorn für den Ort. Die plant ein 200-Betten-Haus am Goldberger See. Das seien mindestens sechs Millionen Mark Investitionen und 25 Dauerarbeitsplätze, schwärmt Wollschläger.
Doch nun droht die Landesregierung, glaubt man den Goldbergern, alles kaputtzumachen. Warum nur mußte Lothar Kupfer (CDU), seit März Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, ausgerechnet in ihrer ehemaligen NVA-Kaserne eine Zentrale Anlaufstelle (ZASt) für 300 Asylbewerber einrichten und den armen Goldbergern Zigeuner sowie in deren Gefolge womöglich auch noch rechte Krawallmacher und Chaoten auf den Hals schicken?
Ihre Gäste werden ausbleiben, schwant es schon Frau Bier, deren Hotel an das ZASt-Gelände grenzt. »Unser Investor« (Wollschläger) gab es dem Bürgermeister bereits schriftlich, daß er auf sein Hotel verzichten wolle, falls deutsche Sanft-Touristen von flinken Zigeunern gestört würden.
Die Goldberger schalteten auf stur. Um ihren Zigeuner-Haß zu kaschieren, verschanzten sie sich hinter Formalien. Hatte der Minister sie etwa um ihr Einverständnis gebeten, seine ZASt in dieser Idylle errichten zu dürfen? Hatte er sich um »die sensible Wirtschaftslage des Standortes« gekümmert? Natürlich nicht, sagt jedenfalls Frau Bier, und deshalb sei das »Diktatur«.
Ähnlich platt sprach der Bürgermeister, der sich von den Schweriner Ministerialbürokraten überfahren fühlt. Beide organisierten den Widerstand im Ort, viele Bürger schlossen sich an.
Allen voran Waltraut Müller, 53, die neben der ZASt wohnt. »Nichts gegen Ausländer«, impft sie ihren Mitbürgern immer wieder ein. Doch die traurigen Erfahrungen des Nachbarortes Plau hätten gezeigt, daß die nun zu erwartenden Roma aus Rumänien »alle beklauen« würden, daß sie »wie die Heuschrecken« und »nicht zu integrieren« seien.
Tatsächlich waren Roma aus dem Plauer Asylantenheim durch Diebstähle aufgefallen, einem der neun Müller-Kinder soll dabei ein Bootsmotor entwendet worden sein.
Von Fremden leben möchten die Goldberger schon, aber an Zigeuner haben sie dabei nicht gedacht. Gegen die und gegen Kupfers Pläne, wettert die Roma-Gegnerin Müller in ungelenken Sprachbildern, helfe nur »ein großer und ehrlicher Versuch, etwas von unten zu bewirken, damit die Politiker das Ohr am kleinen Mann haben, sonst brechen sie sich bei den nächsten Wahlen das Genick, und dann räumen die hier auf, die wir hier nicht wollen«.
Der Minister in Schwerin sieht das genau andersherum. »Wenn wir nur einmal dem Druck der Bevölkerung in dieser Frage nachgeben«, sagt Kupfer, »dann protestieren die anderen auch.«
Als am Montag voriger Woche tatsächlich 104 meist rumänische Zigeuner in Goldberg ankamen, hatten sich zwei Wochen Romaphobie aufgestaut und die Goldberger sich mit Mahnwachen und Verkehrsblockaden an den Rand einer Hysterie gesteigert. Sie empfingen die unerwünschten Fremden mit Geschrei und Fäusteschütteln, einer der Demonstranten: »Da kommen die Schweine. Los, hol die Kalaschnikow.«
Eine Hundertschaft Polizisten mußte die Unterkunft, drei armselige NVA-Baracken, und die Ankunft der Asylbewerber schützen. Waltraut Müller triumphierte: »Was wir mit unserem kleinen Scheiß-Goldberg in die Wege geleitet haben, das geht für ganz Deutschland nicht mehr wegzuwischen.«
Aber anders, als sie sich das denkt: Bereits einen Tag später hatte die Hetze gegen die Roma Neonazis aus Brandenburg, Berlin und Sachsen sowie internationale Presse angelockt. Der Reporterin der linksliberalen französischen Zeitung Liberation diktierten am letzten Dienstag vier Skinheads in den Block: »Zigeuner sind keine Menschen, sind Schweine, aber keine Menschen.«
In der Bürgerversammlung am selben Abend läßt sich Minister Kupfer von rund 800 aufgeputschten Goldbergern zur Ordnung rufen, niederbrüllen, auslachen. Kupfer, schlecht vorbereitet und stammelnd, hat keine Chance. Selbst als er »im Namen der Landesregierung« verspricht, daß die ZASt bis April nächsten Jahres »wieder geräumt wird«, erntet er nur Hohngeschrei.
Kupfer läßt sich alles gefallen. Er entschuldigt sich, biedert sich an, dankt den Goldbergern sogar, daß sie so »friedlich« protestieren. Er redet und haspelt so lange, bis sich der Bürgersaal einfach leert. Niemand hört mehr hin.
Im Hotel »Seelust« bittet Kupfer Wirtin Bier um Verständnis: Die Landesregierung sei nun mal per Gesetz verpflichtet, insgesamt 2,76 Prozent der Asylbewerber aufzunehmen. Auch müsse sie begreifen, daß »wir in unserem Staat die Asylbewerber nicht einfach einsperren können«. »Leider«, fügt Kupfer hinzu.
Dafür garantiert er ihr: Bis zum 1. April 1993 seien die Asylanten alle wieder fort. Und mit dem Wirtschaftsminister werde er ein Wort sprechen, damit das Land für ihre Schulden bürge.
Mit dem Minister Kupfer, deucht es Frau Bier hernach, scheine »man doch reden« zu können. Trotzdem gibt sie ihm zur Sicherheit mit auf den Weg, ihr Geschäft werde sie sich weder von ihm noch von Zigeunern kaputtmachen lassen. »Da hört bei mir«, sagt Waltraud Bier, »die Christlichkeit auf.«