Entlassung von van Gaal Machtdemonstration mit Makel
In der Pressekonferenz des FC Bayern sollte es am Sonntagvormittag eigentlich um die Entlassung von Trainer Louis van Gaal gehen. Im Mittelpunkt stand dann aber jemand anderes: Bayern-Präsident Uli Hoeneß.
Wortgewaltig versuchte er zu begründen, warum der Schritt alternativlos war. Warum die Bayern-Führung handeln musste. Wütend wirkte er. Wie jemand, bei dem sich viel Ärger angestaut hat, dem er jetzt Luft verschaffen muss. Er spricht von einer Zwangsjacke der Mannschaft, Märchen über die Team-Stimmung, nimmt sogar Kraftausdrücke in den Mund. Es ist jetzt keine Erklärung mehr, es ist eine Abrechnung.
Hoeneß, als Präsident eigentlich nicht mehr unmittelbar am operativen Geschäft beteiligt, ist wieder mittendrin. Lange Zeit schien es, als wäre ihm die Macht im Club entglitten, als wäre der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge der starke Mann. Rummenigge und der Manager Christian Nerlinger hatten van Gaal lange Zeit gestützt. Trotz des Aus im DFB-Pokal. Trotz des Aus in der Champions League. Und trotz Problemen in der Bundesliga, wo der Club nur auf dem vierten Platz steht und damit die Champions-League-Qualifikation verpassen würde. Selbst Alleingänge wie van Gaals Torwartwechsel von Hans-Jörg Butt zum jungen Thomas Kraft kommentierten die beiden für Bayern-Verhältnisse recht zurückhaltend.
Hoeneß hat sich endgültig durchgesetzt
Hoeneß hatte sich hingegen mit Kritik in der Öffentlichkeit an van Gaal nie zurückgehalten. So auch im Oktober des vergangenen Jahres, als er den Egoismus des Holländers und dessen Personaleinschätzungen kritisierte. Nun hat er sich endgültig durchgesetzt. Und es wird deutlich, wie viel Gewicht das Wort des ehemaligen Managers noch immer hat - und wie wenig das des aktuellen, Christian Nerlinger.
Der blieb während der gesamten Saison recht farblos, obwohl es genügend Anlässe gegeben hatte, sich zu inszenieren und Profil zu gewinnen. Doch dafür war wieder einmal sein Vorgänger Hoeneß zuständig, mit dessen Worten nun die Trennung von van Gaal verbunden sein wird. Wäre es nach Hoeneß' Willen gegangen, wäre der eigenbrötlerische Coach schon viel schneller weg gewesen.
Für den neuen Trainer ein ungünstiger Zeitpunkt
Die Chance dazu hatte der Club nach dem desaströsen 1:3 in Hannover Anfang März, als die Bayern auch spielerisch am Boden waren. Man entschied sich mangels Alternativen, an van Gaal festzuhalten. Jetzt ist der Wechsel, so sinnvoll er für Hoeneß erscheinen mag, rein sportlich betrachtet schwer nachvollziehbar - und ein großes Risiko. Für den neuen Trainer kommt die unerwartete Verantwortung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Am kommenden Sonntag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gastiert ausgerechnet Bayer Leverkusen in München.
Louis van Gaal: Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Der Tabellenzweite, der seinen Vorsprung auf den FC Bayern durch 2:1-Sieg über den FC St. Pauli auf neun Punkte ausbaute, ist das derzeit beste Rückrunden-Team. Unter dem kommenden Bayern-Trainer Jupp Heynckes holte die Mannschaft bisher acht Siege und zwei Remis aus elf Spielen.
Gegen Leverkusen haben in dieser Saison schon Mannschaften verloren, die deutlich stabiler waren, als es der FC Bayern derzeit ist. Der nachträgliche Platzverweis von Arjen Robben in Nürnberg zeigt, wie angespannt die Nerven bei den ehemals Unbeirrbaren aus München sind. Damit wird der mit neun Treffern in der Rückrunde erfolgreichste Bayern-Spieler dem Team fehlen. Das gilt auch für Holger Badstuber, der in Nürnberg die fünfte Gelbe Karte der Saison sah.
Fraglich, ob Jonker es wagt, an Kraft festzuhalten
Und dann wird sich Jonker auch noch mit der Torwartfrage beschäftigen müssen. Thomas Kraft verschuldete mit seinem schweren Fehler im Spiel gegen Nürnberg den Ausgleich. Es war nicht der erste Patzer des 22-Jährigen, der nach der Saison wohl von Schalkes Manuel Neuer abgelöst wird.
Van Gaal deutete nach dem Spiel in Nürnberg bereits an, dass seine Geduld mit dem jungen Keeper nicht unendlich sei. Hans-Jörg Butt stünde als Ersatz bereit. Es ist fraglich, ob es Jonker in dieser entscheidenden Saisonphase wagt, an Kraft festzuhalten.
Für den Interims-Coach und den FC Bayern geht es um sehr viel. Selbst ein 1:1, das Ergebnis aus dem Hinspiel, wäre unter Umständen zu wenig. Gewinnt Hannover am nächsten Spieltag beim Hamburger SV, würde der Rückstand auf Rang drei weiter wachsen, bei dann nur noch vier ausstehenden Partien. Die gewünschte Wirkung des Trainerwechsels wäre nach nur 90 Minuten dahin, die Teilnahme an der Champions-League-Qualifikation von anderen Resultaten abhängig. Und die Situation wäre damit genau dieselbe wie nun unter van Gaal. Der war zuletzt übrigens auf einem guten Weg, das Minimalziel noch zu erreichen.
Die zweitbeste Rückrundenmannschaft nach Leverkusen heißt: Bayern München.