Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Kritiker: Keine Demokraten, keine Christen

Eine Kolumne von

Schwulenfeinde haben wieder Konjunktur. Man könnte sie belächeln als alte Männer, die gegen ihre Zeit kämpfen. Doch ihr Ressentiment ist mehr als ein ärgerlicher Anachronismus: Es trägt bei zu einem allgemeinen Klima der Ausgrenzung.

Schwulenfeindlichkeit ist also der neue Salonsport - im Jahr 2014 werden die Fragen, die spätestens 1974 geklärt waren, mit den Worten von 1954 diskutiert.

Das Ganze ist ein Lehrstück über unsere manipulativ entgleiste Mediendemokratie. Da wird eine frömmlerische Initiative, die das Christentum missbraucht, indem sie es direkt gegen Menschen richtet, zu einem Talkshow-Thema - und auf einmal wirkt es so, als wäre es eine reale, relevante Frage, die dieses Land beschäftigen sollte: Ob in Baden-Württemberg bald heterosexuelle Kinder zur Homosexualität "umerzogen" werden.

Klar, wenn man sich nicht mit den Herausforderungen der Gegenwart abgeben will, mit Klimaerwärmung, Kriegen, Krankheiten, Armut, dann sollte man unbedingt dafür kämpfen, dass die Bibel wörtlich zu nehmen ist und die Erde in sechs Tagen erschaffen wurde und nur Mann und Frau zu wirklicher und wertvoller Liebe fähig sind, weil nur sie sich vermehren können.

Wie eine Reise in die Vergangenheit

Man kann die Räder ja kaum noch zählen, die da alle zurückgedreht werden sollen, mit solch biologistischem, fundamentalistischem, bedrückendem Unsinn - und das Trübsinnigste daran ist, dass das alles im halbseidenen Gewand eines Konservatismus geschieht, der seine eigene Überlebtheit mit der Verteidigung von angeblich christlichen Werten camoufliert.

Da versuchen sie mit biederen Mitteln Tea Party, Bible Belt, Heartland America nachzuspielen, wo zum Beispiel Abtreibungsbefürworter schon mal erschossen werden.

Da machen sie sich darüber lustig, dass in Russland Familien, die Kinder adoptiert haben, kriminalisiert, auseinandergerissen oder zur Flucht ins Ausland gezwungen werden, nur weil die Eltern zwei Frauen sind, die sich lieben.

Da wettern sie wie der baden-württembergische Realschullehrer Gabriel Stängle in seiner Petition gegen die Akzeptanz Homosexueller, behaupten wie der Evangelikale Hartmut Steeb bei Sandra Maischberger, Schwulsein sei ein Grund für psychische Krankheiten, und amüsieren sich wie Matthias Matussek auf "Welt.de" über die "defizitäre Liebe" der Homosexuellen.

Eigentlich sind all das Rückzugsgefechte und Angstschlachten - außer für ein paar Krachmacher, die das Label reaktionär wie eine Auszeichnung tragen: alte Männer im Kampf gegen ihre Zeit.

Aber das Ganze ist mehr als ein ärgerlicher Anachronismus: Was den Widerstand gegen Schwulenehe, gegen Adoption, gegen eine ganz natürliche Gleichbehandlung von Schwulen, Lesben, Transsexuellen, was die religiös aufgeladene Homophobie an sich so unangenehm macht, das ist die Tatsache, dass hier eine Stellvertreterdiskussion geführt wird, bei der auf privatester Ebene Menschen Verletzungen zugefügt werden.

Sexualität ist Privatsache - und Religion übrigens auch

Und so fragt man sich: Wie viel Blut muss eigentlich noch fließen im Namen der Religion, wie viele Leben müssen noch ruiniert werden, wie viele Menschen müssen noch gebrochen werden?

Denn das antiliberale Ressentiment addiert sich - die Homophobie trägt zu einem generellen Gefühl von Abgrenzung und Ausgrenzung bei, sie verbindet sich etwa leicht mit Ausländer- und Fremdenhass, weil sie auf ähnliche Ängste und Aggressionen rekurriert: Es entsteht so eine diffuse, trübe Gemengelage von Verachtung, die sich wahlweise ihre Opfer sucht.

Sexualität ist Privatsache - und Religion übrigens auch: Keines von beidem sollte politisiert werden, weil die Folgen nur Hass, Häme, Verletzungen sein können - mit gutem Grund regelt das unsere Verfassung so.

Wenn man also davon ausgeht, dass in der Demokratie alle Menschen gleich sind und alle Menschen die gleichen Rechte haben - dann gibt es keine homophoben Demokraten.

Und wenn man davon ausgeht, dass das Christentum mehr ist als ein Glaubenssystem aus Ritualen und Ressentiments, sondern ein Wertesystem der Toleranz und der Nächstenliebe - dann gibt es auch keine homophoben Christen.

Im Kino läuft gerade "The Dallas Buyers Club", ein ziemlich großartiger Film über einen texanischen Schwulenhasser, Matthew McCounaughy ist für diese Rolle als ausgemergelter, aidskranker White-Trash-Slob für den Oscar nominiert.

Der Film beschreibt das Klima der Angst, der Unsicherheit, der Feindschaft um die Krankheit Aids und die Homosexuellen - er beschreibt auch, welche Folgen es haben kann, wenn Irrationalität und Manipulation diese Fragen beeinflussen: Tausende von Toten, die sterben, weil der Mainstream sie verdammt, schon bevor sie tot sind, und die Medizinindustrie sie behandelt wie Laborratten ohne Rechte und ohne Würde.

Es ist ein trauriger, wütender, verzweifelter Film. Er spielt im Jahr 1985.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, im Heartland America würden "Abtreibungsgegner schon mal erschossen"; richtig muss es "Abtreibungsbefürworter" heißen, die Formulierung wurde entsprechend geändert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Newsletter
Kolumne - Der Kritiker
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 461 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
gog-magog 14.02.2014
Zitat von sysopSchwulenfeinde haben wieder Konjunktur. Man könnte sie belächeln als alte Männer, die gegen ihre Zeit kämpfen. Doch ihr Ressentiment ist mehr als ein ärgerlicher Anachronismus: Es trägt bei zu einem allgemeinen Klima der Ausgrenzung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-homophobie-a-953454.html
Lieber Herr Dietz, im Bible Belt der USA werden nicht die Abtreibungsgegner erschossen, sondern die Abtreibungsbefürworter. Das wollen wir doch mal festhalten. Danke!
2. Sehr schöne und
provocator 14.02.2014
treffende Kolumne. Besonders gut gefällt mir der Seitenhieb auf den unsäglichen Matussek.
3. --------------
brux 14.02.2014
Der Autor macht es sich dann doch etwas zu einfach. Natürlich gibt es diese Sektierer, die hier noch einmal versuchen, die Schlachten von früher zu schlagen. Es gibt aber auch eine zunehmend militante LGBT Szene, die politischen Einfluss gewinnen will. In Frankreich behaupten deren Exponenten, dass Homosexualität das normale Sexualverhalten ist, und finden dafür Unterstützung bei der regierenden Partei. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn sich diejenigen, die die Gesellschaft modernisieren wollen, deutlich von solchen Gruppen abgrenzten, die ihre eigene Norm anderen aufzwingen wollen. Mein Kind soll in der Schule weder nach der Bibel noch nach dem Programm des Christopher Street Day erzogen werden. Mir genügen die biologischen Fakten.
4.
gog-magog 14.02.2014
Zitat von sysopSchwulenfeinde haben wieder Konjunktur. Man könnte sie belächeln als alte Männer, die gegen ihre Zeit kämpfen. Doch ihr Ressentiment ist mehr als ein ärgerlicher Anachronismus: Es trägt bei zu einem allgemeinen Klima der Ausgrenzung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-homophobie-a-953454.html
Wenn man im 21. Jahrhundert eines unterschreiben sollte, dann doch wohl den Satz: Sexualität und Religion sind Privatsachen. Das regelt in der Tat jeder Mensch für sich selbst. Sämtliche Vorschriften diesbezüglich sind unzulässige Eingriffe in die Privatsphäre, sofern keine Gesetze verletzt werden.
5. Matussek
blowup 14.02.2014
Ist das jetzt die Retourkutsche für Matussek? Sorry, das, was der geschrieben hat, war viel nachvollziehbarer und logischer. Das hier ist nur Geschwurbel!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

Facebook


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: