S.P.O.N. - Der Kritiker Irrlichternd im Interview

Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sein Gebührengeld nicht dafür einsetzt, die Toleranz in unserer Gesellschaft zu fördern, sondern dafür, sie in Frage zu stellen, dann hat er seinen Auftrag verfehlt - so wie Claus Kleber jüngst im "heute journal".

Eine Kolumne von


Der Relativismus des Claus Kleber kam recht unvermittelt - eigentlich nehmen sie beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ihren von sich selbst immer wieder bestätigten gesellschaftlichen und politischen Bildungsauftrag ja ernst bis über die Grenzen der Langeweile hinaus.

Aber etwas war anders am Freitag vor einer Woche. Es ging um Hitzlsperger und Homosexualität, es ging um die Schule als Ort der Freiheit und der Selbstbestimmung, Kleber wollte darüber im ZDF-"heute journal" mit der Lehrerin und Publizistin Betül Durmaz sprechen - aber er wirkte unsicher, fast konfus, als das Interview begann. Christen und Moslems, sagte er als Einleitung seltsam pauschal, "lehnen homosexuelle Handlungen ab"; und als das Interview dann zu Ende war, sagte er erleichtert, danke, interessantes Gespräch, aber leider zu kurz: Dabei hatten die dreieinhalb Minuten gereicht, um ein paar wesentliche Grundlagen dessen, was eine liberale Gesellschaft ausmacht, in Frage zu stellen.

Was zum Beispiel, mal ganz unpathetisch, ist der Staat? Wie funktioniert er, wie lässt er sich begründen, wie kann er es rechtfertigen, dass er in die Freiheit des Einzelnen eingreift? Oder der Gruppe? Oder der Familie? Oder der Glaubensgemeinschaft? Was ist das Recht des Einzelnen, was ist das Recht der Gruppe oder der Familie oder der Glaubensgemeinschaft - und wie geht man mit den Konflikten um, die unweigerlich auftreten, wenn es um Werte geht, um Vorurteile und das gute, richtige Zusammenleben?

Die Toleranz kommt vor allen anderen Überlegungen

All das schwebte Kleber wohl im Kopf herum, all das wollte er mit Durmaz besprechen, all das sind wichtige Fragen etwa beim Streit um Kruzifixe in Klassenzimmern oder um Kopftücher bei Schülerinnen und, etwas überraschend im Jahr 2014, dann doch auch bei der Diskussion um die grundlegende Akzeptanz von Homosexualität - und die liberale, die bürgerschaftliche, die emanzipatorische Haltung kann dabei immer nur sein, dass die Toleranz vor allen anderen Überlegungen, Wertvorstellungen, Interessen kommt: Der Einzelne, der abstrakte Einzelne also, der weder Sohn ist noch Vater noch Linkshänder noch Muslim noch schwul, mit all seinen Rechten.

Kleber aber nahm im Gespräch die andere Haltung ein, eben die relativistische, die die Gruppe oder die Familie über oder wenigstens gegen den Einzelnen stellt - es ging am Anfang des Gesprächs auch um die Unterschriftenaktion eines Lehrers aus Baden-Württemberg, dem die Toleranz gegen Homosexuelle zu weit geht, und gerade deshalb war es mehr als unklar, warum Kleber diese illiberale Fragehaltung einnahm: Wen wollte er damit provozieren, wessen Gedanken wollte er propagieren, wessen Interessen vertreten, und warum sollte Durmaz den Zuschauern erklären, wie Liberalität geht?

"Was ist denn aber", so eine der gestelzten Kleber-Fragen, "wenn ein Kind selbst heterosexuell ist, aber dann von zu Hause beigebracht bekommt, dass die Homosexuellen zu verachten sind - in der Schule aber wird gesagt: Nein, das sind nicht nur auch anständige Menschen, sondern die sind absolut gleichberechtigt, ihre Art Sexualität zu leben ist genauso gut und so schlecht wie deine?"

Was soll dann sein, Claus Kleber? Dann hat die Schule ihren gottverdammten Job gemacht. Sie hat gezeigt, was die Werte einer offenen und toleranten Gesellschaft sind, und sie ist dabei unweigerlich in den Konflikt mit einer Familie geraten, die ihre Erziehung auf Verachtung aufbaut. Sie hat damit auch dem Kind die Möglichkeit gegeben, sich selbst zu entscheiden, was es denken und wie es leben will: Eine liberale Gesellschaft funktioniert in etwa genau so.

Wo ist der Schaden, wenn Freiheit unterrichtet wird?

Aber Kleber machte noch weiter. Es sei ja "durchaus eine offene Frage", sagte er, ob verschiedene sexuelle Lebensformen "gleichwertig" seien. Und als nächstes fragte er eher sich als die etwas bemitleidenswerte Betül Durmaz, ob es "nicht auch eine Art von Zwingen" sei, "wenn sie einem Kind, das von zu Hause eine andere Wertvorstellung bekommt, nun in der Schule die andere Wertvorstellung sozusagen aufzwingen" - wobei unklar blieb, worin er den Schaden sah, der geschehen könnte, wenn Freiheit und Toleranz unterrichtet werden, und wo genau der Zwang besteht.

Irgendwie erinnerte dieses irrlichternde Interview an Marietta Slomkas verunglücktes Gespräch mit Sigmar Gabriel: Und wenn sie beim ZDF nicht einen Gutteil der 7,5 Milliarden Euro bekommen würden, die zum Zweck der demokratischen Grundrettung eingezogen werden, könnten sie von mir aus dort auch machen, was sie wollen.

Weil sie aber dieses Geld bekommen, sind sie allerdings eben in einem sehr deutschen Sinn selbst eine Erziehungsanstalt. Das macht es für den Zuschauer ja auch nicht immer angenehm.

Sie können sich also beim ZDF gern ein paar Fragen stellen. Sie sollten nur wissen, warum sie diese Fragen stellen. Und was sie damit sagen wollen.

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insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
Selvbygger 17.01.2014
1. Danke, Herr Diez
Dann hat die Schule ihren gottverdammten Job gemacht. Danke, Herr Diez für diesen Satz.
hherbert2 17.01.2014
2. richtig
Aus irgendwelchen Gründen ist dies genau was ich schon damals sagen wollte. ...der Artikel beschreibt genau meine Gedanken zu dieser Sendung. .traute mich aber nicht dies zu sagen. .ist das schlimm ?Wie kann man
Higgsteilchen 17.01.2014
3.
Zitat von sysopWenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sein Gebührengeld nicht dafür einsetzt, die Toleranz in unserer Gesellschaft zu fördern, sondern dafür, sie in Frage zu stellen, dann hat er seinen Auftrag verfehlt - so wie Claus Kleber jüngst im "heute journal". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-georg-diez-ueber-claus-kleber-a-944085.html
Was sagt es über den werten Verfasser aus, dass er in jedem Satz die bedingunslose Toleranz allem und jedem gegenüber propagiert, nur um sich darüber zu echauffieren, dass es möglicher Weise noch eine andere Meinung als die seine gegen könnte? Man riecht dem Artikel förmlich an, dass der Verfasser eine abweichende Meinung idealer Weise verboten wissen möchte. Wo ist die Toleranz der selbsterklärten Toleranten?
badbroetchen 17.01.2014
4.
Danke @Higgsteilchen. Ich zähle mich selbst auch zu den sehr toleranten Menschen, die Intolleranz der Toleranten gegenüber Andersdenkenden geht mir allerding echt langsam auf die Nerven.
Bondurant 17.01.2014
5. Das Irrlicht
Zitat von sysopWenn ein öffentlich-rechtlicher Sender sein Gebührengeld nicht dafür einsetzt, die Toleranz in unserer Gesellschaft zu fördern, sondern dafür, sie in Frage zu stellen, dann hat er seinen Auftrag verfehlt - so wie Claus Kleber jüngst im "heute journal". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-georg-diez-ueber-claus-kleber-a-944085.html
flackert eben, wenn man gleichzeitig liberal und kultursensibel sein will. Man kann halt nicht alles haben.
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