Neues Morrissey-Album: Ein Ekel badet im Weltschmerz

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Morrissey: Mag weder Mensch noch Fleisch Fotos
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Er beleidigt Bräute, verhöhnt den kleinen Mann von der Straße und massakriert verbal Tierquäler: Morrissey gibt auf seinem neuen Album souverän den charmanten Widerling. Hören Sie "World Peace Is None Of Your Business" hier komplett vorab!

"I am not a man!/ I'd never kill or eat an animal/ And I never would destroy this planet I'm on/ Well ... what do you think I am... a man?" Ganz klar: Morrissey ist zurück, und mit ihm eine neue Ladung Aphorismen, die zwischen Larmoyanz und Anmaßung, Selbsthass und Weltekel schwingen.

Fünf Jahre ließ sich der in Kalifornien lebende Brite Zeit, um ein neues Album aufzunehmen. Eingespielt wurde die Platte mit dem apodiktischen Titel "World Peace Is None Of Your Business" zusammen mit seiner aktuellen Tourneeband in Südfrankreich. Es ist kein Meisterwerk, aber musikalisch vielschichtiger als der protzmuskulös gitarrenverstärkte Vorgänger "Years of Refusal". Melancholische, mediterran durchwehte Pop-Hymnen wie "Istanbul", "Mountjoy" oder "Kiss Me A Lot" gehören zu den besseren Morrissey-Songs der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre (Sie können das komplette Album in unserer exklusiven Vorabpremiere hören - Sie finden den Audio-Stream am Ende dieses Artikels).

Der Weltfrieden geht dich nichts an - das gilt natürlich nicht für Morrissey selbst, sondern richtet sich voller Verachtung an den kleinen Mann, der sich von Politikern an der Nase herumführen und ausbeuten lässt: "Work hard and sweetly pay your taxes/ Never asking 'what for?'/ Ooh you poor little fool", höhnt er im Titelsong, um einige Stücke weiter zu postulieren: "Earth Is The Loneliest Planet", das Leben ein endloses Jammertal, "and they always blame you, you, you". Konstruktive Hilfe hat der 55-Jährige nicht anzubieten, lieber badet er mit pathossattem Tremolo im Weltschmerz. So war es schon, als er noch die bis heute fanatisch verehrte Gitarrenpop-Band The Smiths anführte.

Der Nachruhm aus den Achtzigern, die nostalgische Verklärung seiner mit ihm alt gewordenen Fans, darunter eine Generation an Musikkritikern, ist mitverantwortlich dafür, dass man einen Rabulisten wie Steven Patrick Morrissey noch ernst nimmt. Zugegeben: In seinen besten Momenten entfaltet seine narzisstische Schmerzenslyrik so viel Charme, dass man nicht anders kann, als ihm, dem alternden Dandy, zu Füßen zu liegen.

Elegante Bestie

Dann lächelt man milde über verbale Ausfälle hinweg, mit denen Morrissey in den letzten Jahren immer häufiger für Irritationen sorgte. Über das Massaker des irren Anders Breivik in Norwegen sagte er, dessen Greueltat sei "nichts im Vergleich zu dem, was jeden Tag bei McDonald's oder Kentucky Fried Scheiße (sic) passiert". Der Hardcore-Vegetarier ("Meat Is Murder") setzt sogar Pädophilie und Fleischkonsum gleich: "Beides ist Vergewaltigung, Gewalt, Mord."

Passend dazu fantasiert er sich auf seinem neuen Album ein invertiertes Stierkampf-Spektakel herbei: "The bullfighter dies/ And nobody cries/ Because we all want the bull to survive", singt er in "The Bullfighter Dies", einem Lied mit hübsch beschwingtem Flamenco-Swing. Der Stier, das im Grunde unschuldige, aber in der Arena gequälte, zur Mordlust getriebene Tier, das ist natürlich auch der mit seiner Männlichkeit ringende Morrissey selbst. Eine elegante Bestie.

Mit dem fein- und freigeistigen Eklektizismus eines Oscar Wilde, Morrisseys ewigem Vorbild, hat das nicht mehr viel zu tun, schon eher mit dem Machismo Ernest Hemingways, Misogynie inklusive: In "Push The Bride Down The Isle" beschwört er, selbst zwischen homo und hetero oszillierend, potentielle Bräutigame, sich nicht am Altar versklaven zu lassen: "She just wants a slave/ To break his back in pursuit of a living wage/ So that she can laze and graze/ For the rest of her days/ Write down every word I say". Nur einer wie Morrissey vollbringt das Kunststück, dass man Widerwillen empfindet, während man den Refrain dieser Hass-Hymne fröhlich mitschmettern möchte.

Ist ja egal, ob die Welt zuhört

Für seine aktuellen Videoclips, in denen er die Texte ohne Musik als Spoken-Word-Performance rezitiert, lud der Eitle sich dennoch weibliche Ikonen als Schmuckwerk ein: Mal durfte Ex-Sexbombe Pamela Anderson ihm beim Herunterbeten von "Earth Is The Loneliest Planet" zuhören, mal ließ er Sixties-Star Nancy Sinatra als Muse neben seinem Flügel posieren, während er im Frack "World Peace Is None Of Your Business" vortrug.

Nicht so viel Gnade fand die amerikanische Sängerin Kristeen Young, die Morrissey mehrfach auf Tournee begleiten durfte und sich über langjährigen Support des Sängers freuen durfte. Bis jetzt. Denn seine aktuelle US-Tour musste er unlängst wegen einer fiebrigen Grippe abbrechen. Die Infektion, so behauptete Morrissey, habe er sich von der rücksichtslosen Young eingefangen, die das vehement bestritt, aber wohl trotzdem nicht mehr auf weitere Auftritte mit dem Meister hoffen darf.

Was für ein größenwahnsinniger Arsch! Was für ein Ekelpaket! Und dann wiederum macht ihn eben genau jene Maßlosigkeit und Selbstbezogenheit so attraktiv. Nichts wäre langweiliger als ein weiterer, weicher Gutmensch wie Coldplay-Sänger Chris Martin.

So beliebt wie Martin wird Morrissey nicht mehr, so poppig seine neuen Songs auch daherkommen. Ums Anbiedern geht es ihm eben schon lange nicht mehr. Weil er seinen Superstar-Rausch mit den Smiths bereits erlebt hat, nimmt er sich heraus, so unbequem, theatralisch, selbstgerecht, divenhaft und misanthropisch zu sein, wie es ihm passt. Ist ja egal, ob die Welt zuhört oder nicht. So lange er damit so unterhaltsam bleibt wie auf "World Peace Is None Of Your Business", klebt man fasziniert an seinen Lippen.

Abgehört-Wertung: 7.9

Prelistening: Morrissey - "World Peace Is None Of Your Business"

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ekel?
misscecily 07.07.2014
Wie bitte? Deutsche die wieder mal gar nichts verstehen.
2. Return of
wernerwenzel 07.07.2014
Mr. "Trübe Tasse"
3. Nobody cries...
GSYBE 07.07.2014
Nobody cries... Because we all want the bull to survive http://www.youtube.com/watch?v=lI0pLsemLy4 Das kann nur Morrissey...
4. Jämmerliches Geheule
neuronensalat 07.07.2014
Schon in den 80igern konnte ich das selbstmitleidige Geheule kaum ertragen. Jetzt ist er nur noch peinlich.
5. Oh, wie schön!
sr.pablo 07.07.2014
Die Kommentarfunktion ist ja freigeschaltet! Dann kann ich ja meiner Abneigung gegen Morrissey freien Lauf lassen: "The Smith" waren/sind eine der langweiligsten Bands, die ich je gehört habe! Seit jeher ein Mysterium für mich, wie man sich dieses Gejammer von Morrissey freiwillig anhören kann, egal ob nun live oder als Studioalbum. Das ist kein Gesang, mehr eine Art Wehklagen. Aber Geschmäcker sind halt nunmal verschieden, muss man akzeptieren. Das ist ja auch das Schöne an einer pluralistischen Gesellschaft, gell?
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