Brisante ARD-Projekte "Woher kommt diese Menschenverachtung?"

Für "Babylon Berlin" betreibt die ARD einen Rekordaufwand - mit Beate Zschäpe geht sie auf Tuchfühlung: Programmdirektor Volker Herres spricht über die gewagten Serienprojekte seiner Anstalt und die lieben Kollegen.

Ein Interview von

Stephan Rabold/ SWR

Zur Person
  • ARD/ Herby Sachs
    Volker Herres, 58, ist Programmdirektor der ARD. Mitte der Achtzigerjahre arbeitete er als Journalist für das ZDF, 1987 wechselte er zum NDR, wo er 1995 zum Chefredakteur aufstieg und 2004 schließlich Programmdirektor wurde. Oberster Programmverantwortlicher der ARD ist er seit 2007.
SPIEGEL ONLINE: Herr Herres, sind Sie erleichtert, dass es jetzt endlich nach zweieinhalb Jahren Planung mit dem Mammutserienprojekt "Babylon Berlin" losgeht? Man hat ja zwischenzeitlich schon nicht mehr dran geglaubt.

Herres: Ich habe immer daran geglaubt.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht alle Ihre Kollegen. Der WDR-Intendant Tom Buhrow begrub das Projekt schon mal vor laufender Kamera.

Herres: Da müssen Sie genauer zitieren. Tom Buhrow sagte, das Projekt wackle. Das will ich nicht kommentieren. Aber bei einem Unterfangen wie "Babylon Berlin" ist es eben wichtig, dass man es immer wieder kritisch hinterfragt. Schließlich geht es um hohe Summen. Wir wollen in der internationalen Liga mitspielen, dem Zuschauer hohe Production Values bieten. Als Tom Tykwer im Oktober 2013 zu mir kam, war da ja erst einmal nur eine Idee. Und die musste dann ausgearbeitet werden und immer wieder innerhalb des Konsortiums, das das Projekt finanziert, abgestimmt werden.

SPIEGEL ONLINE: TNT Serie und RTL haben im gleichen Zeitraum, in dem Sie über "Babylon Berlin" brüteten, die großartigen Serien "Weinberg" und "Deutschland 83" produziert, gesendet und sogar schon ins Ausland verkauft. Deprimiert Sie die Schnelligkeit der privaten Konkurrenz?

Herres: Deprimiert haben mich vor allem die schlechten Einschaltquoten von "Deutschland 83". Die wünscht man keinem, auch nicht der Konkurrenz. Schnelligkeit an sich ist im fiktionalen Bereich ja kein Wert. "Babylon Berlin" spielt in der Weimarer Republik, die Zwanzigerjahre bleiben die Zwanzigerjahre. Da können wir uns erlauben, den Stoff sorgfältig zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Hat es nicht auch deshalb ein wenig länger gedauert, weil Sie zum ersten Mal mit dem Pay-TV-Anbieter Sky zusammenarbeiten? Ein Novum in der deutschen Fernsehgeschichte.

Herres: Wir beteiligen uns an dem Projekt mit einem finanziellen Volumen, das wir für vergleichbare Sendestrecken ausgeben. Wenn man aber international konkurrenzfähig sein will, stellt man schnell fest, dass man mit der Summe nicht weit kommt. Deshalb haben wir uns nach Partnern umgeschaut. Ein Pay-TV-Sender bot sich an, da er eben nicht wie ein Free-TV-Sender aufs ganz große Publikum schielt, wir einander also nicht unsere Stammzuschauer wegnehmen.

Mammutprojekt "Babylon Berlin"
SPIEGEL ONLINE: Aber könnten sich nicht gerade daraus auch Probleme ergeben - weil Sky mit seinem jüngeren, moderne Serien schauenden Publikum ganz andere ästhetische und inhaltliche Anforderungen stellen muss als die ARD mit einem gesetzteren Mainstream-Publikum?

Herres: Unterschätzen Sie bitte nicht das ARD-Publikum! Es repräsentiert unsere Gesellschaft. Und die will moderne Serien schauen.

SPIEGEL ONLINE: Ob 60-Jährige in großer Zahl mit Serien nach internationalem Vorbild zu gewinnen sind, muss sich noch erweisen. Die ARD-Politserie "Die Stadt und die Macht" ist ja gerade erst gefloppt.

Herres: Manchmal wundere ich mich über das Bild, das über ältere Menschen kursiert. Ich bin ja inzwischen selber einer und stelle fest, dass die heute Älteren eine mediale Prägung haben, durch die sie sich visuell leicht unterfordert fühlen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Diesen visuellen Anspruch lassen Sie sich einiges kosten. Fast 40 Millionen sind angesetzt. Haben Sie keine Angst, dass diese gigantische Summe wieder zur Diskussion über die Haushaltsabgabe führt - zumal ja ARD und ZDF einen Mehrbedarf angekündigt haben? Stimmt es übrigens, dass man darüber nachdenkt, 25 Cent mehr pro Haushalt für die Pensionsrücklagen einzufordern?

Herres: Ich bin ARD-Programmdirektor. Und will hier jetzt nicht einzelne Positionen im laufenden KEF-Verfahren kommentieren. Aber ich kann nicht nachvollziehen, was der Finanzbedarf für die Versorgungsrücklagen mit dem Projekt "Babylon Berlin" zu tun haben soll, das ja aus anerkannten Programmgeldern finanziert wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man einerseits als Haus die teuerste deutsche Serie aller Zeiten produziert und andererseits mehr Geld fordert, könnten die Menschen schon einen Zusammenhang herstellen.

Herres: Das ist doch ein geordnetes Verfahren: Die ARD meldet einen Finanzbedarf strukturiert nach einzelnen Positionen und Projekten an, die KEF gibt dann eine Empfehlung und die Politik entscheidet, in welchem Umfang sie dieser Empfehlung folgt. Wir müssen uns dann im Rahmen dieses Etats bewegen. Auch wenn wir ein Großprojekt wie "Babylon Berlin" angehen. Das kostet also den Zuschauer dann ja nicht einen Cent mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Großprojekt ist der Dreiteiler über den NSU, der Ende März laufen soll. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Tätern - Ausschnitte, die man schon sehen konnte, legen nahe, dass Zschäpe aus der Nahperspektive gezeigt wird. Keine Sorge, die falschen Leute anzusprechen?

Herres: Nein. Das Besondere an dem Film ist tatsächlich, dass wir uns sehr intensiv den Figuren annähern. Man kann Empathie empfinden, allerdings kaum Sympathie. Schnarrende Nazi-Figuren in Filmen haben mich noch nie überzeugt, so lässt sich Extremismus nicht erklären. Wir zeichnen die Entwicklung junger Menschen nach - bis zu ihrer Metamorphose hin zu skrupellosen, brutalen Mördern. Vielleicht empfindet man anfangs sogar einen Moment Fürsorge, wenn man nachempfindet, wie sie sich radikalisieren. Dann aber - im weiteren Verlauf - vor allem Abscheu für die Menschenverachtung der Figuren. Die Frage ist doch: Woher kommt diese Menschenverachtung? Wir spüren diesem Phänomen der Radikalisierung nach, das sich ja auch in anderen Bereichen der Gesellschaft beobachten lässt. Das gilt für die Fiktion wie gleichermaßen aktuell für den Journalismus. Wir müssen so nah ran an die Wirklichkeit wie nur möglich. Man muss die Vertreter des neuen Rechtspopulismus zu Wort kommen lassen - nicht damit sie die Zeit für sich propagandistisch ausschlachten, sondern damit klargemacht wird, wofür diese Leute stehen. Wenn eine bislang nicht verbotene Partei den Schießbefehl an der Grenze fordert, dann entlarvt sie sich ja selbst.

SPIEGEL ONLINE: Aber müssen deshalb tatsächlich AfD-Politiker in den Talkshows sitzen?

Herres: Wir müssen abbilden, was ist. So kritisch, so neutral wie möglich. Gerade in Zeiten, in denen die Menschen verunsichert sind. Man muss fragen: Wo liegen die Probleme? Aber vor allem auch: Wo liegen sie nicht? Ängste sind Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie gehören reflektiert. Sie gehören aber auch widerlegt, wenn sie unbegründet sind. Wir werden dieses Jahr sehr viele Dokumentationen und Reportagen zu den Themen Flucht und Integration im Programm haben. Es werden darin Probleme gezeigt, aber auch Lösungsvorschläge. In unserer dreiteiligen Reportage "Die Flüchtlingskrise: Schaffen wir das?" haben wir das gerade sehr minutiös getan - der erste Teil lief im Dezember, die zwei weiteren folgen in diesem Jahr im Mai und im September.

SPIEGEL ONLINE: Der erste Teil lief um 22.45 Uhr. Müssten solche Produktionen, mit denen man den gesellschaftlichen Diskurs positiv beeinflussen will, nicht zu einer populäreren Zeit gezeigt werden?

Herres: Wir haben im letzten Jahr ja auch Themenschwerpunkte zur Flüchtlingskrise gehabt, uns also schon ab 20.15 Uhr mit dem Thema beschäftigt. Das wird auch dieses Jahr so sein. Außerdem stellen wir die Dokumentation schon um 18.00 Uhr in die Mediathek. Der Glaube, dass sich Dokumentationen beim Publikum durchsetzen, wenn sie um 20.15 Uhr gezeigt werden, wird leider von der Empirie widerlegt. Generell ist der Platz in der zweiten Primetime ein guter Platz, weil Dokumentationen im harten Wettbewerb der Primetime einfach keine Chancen haben.

SPIEGEL ONLINE: Das hat man ja auch bei "#Beckmann" gesehen, dessen Presenter-Reportagen um 20.15 kein großes Publikum gefunden haben.

Herres: Die Marktanteile sind für alle Beteiligten unbefriedigend. Deshalb werden wir auch Konsequenzen ziehen und die Sendung eher in Staffeln am Dienstag um 22.45 Uhr bündeln.

SPIEGEL ONLINE: War es nicht vermessen, Reinhold Beckmann und seiner Produktionsfirma ein solch großes Paket an Sendungen zukommen zu lassen? Letztendlich hat seine Präsenz andere Dokumentarfilmer verdrängt. Und aus den versprochenen harten Themen wurden weiche. Zuletzt ging es um Liebe und Sex.

Herres: Ich finde nicht, dass Reinhold Beckmanns Präsenz im Programm unverhältnismäßig ist. Zehn Folgen pro Jahr sind notwendig, wenn man ein solches Format durchsetzen will. Und Themen wie "Liebe und Sex" haben ihren berechtigten Platz im Programm. Interessiert ja die meisten Menschen, oder?

SPIEGEL ONLINE: Man könnte die massive Bevorzugung von Beckmann aber auch als weiteren Beleg dafür lesen, dass beim verantwortlichen NDR feudale Strukturen herrschen.

Herres: Feudale Strukturen?

SPIEGEL ONLINE: Die Sonderregelungen beim Schweiger-"Tatort", die Selbstüberschätzungen bei der ESC-Ausrichtung, die ins Xavier-Naidoo-Debakel geführt haben - solche NDR-Alleingänge sind doch eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht würdig. Sind Sie genervt, wenn Sie Richtung Hamburg schauen?

Herres: Ich richte meinen Blick gerne Richtung Süden, schon allein des Wetters wegen. Aber der NDR ist in allen Genres ein Leistungsträger in unserer Gemeinschaft. Denken Sie an den Sport, an Innovationen im Bereich der Unterhaltung, an die jüngsten Erfolge im Vorabend und die herausragenden Programme im Journalistischen und im Bereich Feature, Dokumentation und Reportage.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hauschildbrutillot 11.02.2016
1. Bloß arrogant
Zu dem Projekt Babylon Berlin kann ich mich nicht äußern. Was aber auffällt, ist die unglaublich Arroganz von Volker Herres, besonders, was die letzte Frage und Herres' Antwort angeht. Soll das witzig sein? Eine solche Antwort von Seiten eines ARD-Verantwortlichen wäre weder zu den Zeiten von Dietrich Schwarzkopf und schon gar nicht bei seinem Vorgänger Hans Abich möglich gewesen. Und wenn, dann Herr Buss, hätte ich sie mir nicht gefallen lassen.
akosia 11.02.2016
2. eine schallende Ohrfeige
für den öffentlich-rechtlichen Auftrag der ARD und eine Verhöhnung all derer, die als Autoren und Regisseure mit mickrigen Etats auskommen müssen: "Wir wollen in der internationalen Liga mitspielen, dem Zuschauer hohe Production Values bieten." Nix gegen Tykwer, aber mit solchen arroganten Äußerungen haut sich die ARD selbst ins Abseits. Erinnert mich irgendwie auch an die baden-württ. Filmförderung, die einen amerikanischen Blockbuster unterstützt hat.
denkdochmal 11.02.2016
3.
ist sicher prinzipiell notwendig aber nicht zwangsläufig "gut". Nicht nur, daß es unterschiedliches Klientel für bestimmte Sendungen "Formate" gibt, was entsprechende Beurteilungen zu Folge hat. Es gibt auch eine gewisse objektive Qualität, die es zu bewerten gilt. Als Beispiel nehme ich die "Krimi-Seuche", die nahezu auf allen Kanälen wütet. Man kann diesen geistigen Schrott 24 Std. am Tag "genießen", so man nicht bessere Ideen hat. Dennoch, sie sind Fiktion. Dazu gesellt sich eine gnadenlose Berichterstattung die leider vonnöten ist, dennoch in ihrer Brutalität und Häufigkeit ihre Spuren bei Betrachtern hinterläßt. Die Folge: Selbst bei den schlimmsten Bildern, gleich ob Fiktion oder Berichterstattung kann man allein des Umfangs wegen kaum noch Empathie entwickeln, man würde dies auf Dauer nicht aushalten. Und das Ergebnis? Abstumpfung.
ed_tom_bell 11.02.2016
4. Babbelon Programmdirektor und andere Bumerangs
Zitat von hauschildbrutillotZu dem Projekt Babylon Berlin kann ich mich nicht äußern. Was aber auffällt, ist die unglaublich Arroganz von Volker Herres, besonders, was die letzte Frage und Herres' Antwort angeht. Soll das witzig sein? Eine solche Antwort von Seiten eines ARD-Verantwortlichen wäre weder zu den Zeiten von Dietrich Schwarzkopf und schon gar nicht bei seinem Vorgänger Hans Abich möglich gewesen. Und wenn, dann Herr Buss, hätte ich sie mir nicht gefallen lassen.
Das ist allerdings auch für mich der vorherrschende Eindruck dieses Interviews. Es ist natürlich nicht so, dass man das nicht mittlerweile gewohnt wäre. Das ist dieses Pressesprecher-Syndrom: Menschen, die gelernt haben trickreich zu sprechen und auf alles irgendwas zu haben, was im weitesten Sinne wie eine Antwort verstanden werden könnte, verkaufen für einen gut dotierten Job ihr Rückgrat, grinsen dabei selbstgefällig und fühlen sich womöglich noch gut damit. Und ihre Auftraggeber sind sicher auch zufrieden damit, besonders wenn sie die selbst sind. Dem Leser solcher Interviews drängt sich allerdings die Frage auf, wozu diese eigentlich überhaupt noch stattfinden, in denen außer aalglattem Gelaber kaum was rüber kommt. Und letztlich stellt sich dann auch schon wieder die Frage, ob der Auftraggeber zufrieden sein kann - wenn die Leser nicht mehr drauf reinfallen.
tkoehler 11.02.2016
5.
Wir haben den teuersten öffentlich rechtlichen Rundfunk der Welt, der ein größeres Budget als die meisten Staatshaushalte diese Welt hat und er kriegt es nicht gebacken international zu bestehen. Die eigentlichen Idee der Grundversorgung wird damit doch adabsurdum geführt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.