Datenbrille: Google Glass im Kurztest

Von Thomas Schulz, San Francisco

Der erste Gedanke: Google Glass ist viel leichter, als es aussieht. Der breite Rahmen mit dem davor gespannten Glasprisma wirkt wuchtig und schwer. Doch das Gerät sitzt so leicht auf der Nase wie eine Sportbrille. Der zweite Gedanke: Wo sind die Brillengläser? Es fühlt sich seltsam an, eine Brille zu tragen, die keine ist - sondern nur Gestell.

Datenbrille: Google Glass im Praxistest Fotos
Thomas Schulz

Noch ungewohnter ist wie erwartet der transparente Kunststoffklotz vor meinem rechten Auge. Wenn Google Glass richtig sitzt, soll sich das Display eigentlich nicht direkt vor dem Auge, sondern eher auf Höhe der Augenbraue befinden. Ich muss also nach oben blicken, um zu sehen, was mir Google Glass vor das Auge projiziert. Allerdings rutscht das Gestell immer wieder nach unten - und damit das Display ins Sichtfeld.

Das irritiert und macht es schwer, sich auf Personen zu fokussieren. Ob man sich mit der Zeit daran gewöhnt, kann ich nicht beurteilen: Eine halbe Stunde konnte ich am Rande der Entwicklerkonferenz Google I/O in San Francisco mit Google Glass spielen. Die vorangehende Einführung durch einen Konzernmitarbeiter ging dabei schneller als erwartet. Auch, weil es bislang nicht allzu viel zu entdecken gibt. Noch fehlt ein reichhaltiges App-Angebot, die Funktionen von Google Glass sind limitiert: E-Mails lesen, Fotos und Videos machen, Navigation und eine eingeschränkte Websuche. Das Gerät, das ich ausprobieren konnte, ist eine Version für Entwickler.

Ich aktiviere das Gerät, indem ich den Kopf kurz in den Nacken lege. Ein schwarzes Rechteck mit weißer Schrift springt in die obere Hälfte meines Sichtfelds, es zeigt die Uhrzeit und das Startkommando, das vor allen weiteren Eingaben gesprochen werden muss: "Okay, Glass." Zur Auflösung gibt es keine klaren Angaben. Google sagt lediglich, es sei wie ein Bildschirm mit einem Durchmesser von umgerechnet rund 63 Zentimetern Diagonale, betrachtet aus rund 2,50 Meter Entfernung.

Zum Anfang probiere ich es mit einer einfachen Suchanfrage per Sprachbefehl: "Google: Champions-League-Finale." Das Ergebnis wird umgehend in mein Sichtfeld eingeblendet, ist mit einer normalen Websuche aber nicht zu vergleichen. Auf gerade vier Zeilen wird der Beginn eines Artikels aus dem "Guardian" angezeigt - der ersten Meldung, die dazu auf Google News gefunden wurde. Für weitere Ergebnisse muss ich nun das Touchpad am Rahmen nutzen, so lässt sich per Wischbewegung durch weitere Ergebnisse scrollen. Google Glass ist besser darin, Antworten auf simple, präzise Fragen zu liefern. Etwa: Wie heißt der Präsident von Frankreich?

Noch ein Versuch. "Google: Weather." Der Bildschirm zeigt mir sofort die aktuelle Wetterlage an meinem Standort an. Dazu flüstert mir eine Stimme ins Ohr: "Sunny, 61 degrees." Flüstern ist durchaus das richtige Wort, denn so hört, eher sogar: fühlt es sich an. Denn die Sprachausgabe von Google Glass funktioniert nicht über einen Lautsprecher, stattdessen werden akustische Signale ähnlich wie bei manchen Hörgeräten direkt über den Schädelknochen zum Ohr geleitet. Die Konsequenz: Niemand in der Umgebung hört, was Google Glass mir sagt. Insgesamt klappt die Sprachsteuerung ausgezeichnet, viel besser als die iPhone-Steuerung Siri.

Jetzt die Kamera: "Take picture." Bei einer Auflösung von fünf Megapixel gibt das einen ganz guten Schnappschuss, aber auch nicht viel mehr. Dafür können die Fotos direkt mit Freunden geteilt werden. Ein Video wird mit 720p aufgenommen. Es gibt 16 Gigabyte Speicher, das Gerät synchronisiert aber auch mit dem eigenen Google-Account in der Cloud.

Macht das alles Spaß? Ja. Ist es eine technisch beeindruckende Leistung? Auf jeden Fall. Braucht man das? Eher nicht. Wird Google Glass - oder ein ähnliches tragbares Gerät - in absehbarer Zeit das Smartphone ablösen? Ganz sicher nicht. Gegenüber der reichhaltigen Welt des Smartphones mit seinen komplexen Anwendungen ist Google Glass derzeit noch ein Witz. Das ist, als würde man einen Atari 2600 mit einer Playstation 3 vergleichen. Die beschränkten Möglichkeiten des Glasprismas wirken gegenüber den gewohnten brillanten Farb-Displays zwangsweise enttäuschend. Den besten Eindruck macht Google Glass deswegen bei E-Mails und Textnachrichten - solange sie kurz sind.

Das Potential von Google Glass ist trotzdem nicht zu unterschätzen. Mir hat die halbe Stunde noch einmal gezeigt, wie umständlich und einschränkend die normale Interaktion mit PC und Smartphone über Maus, Touchscreen oder Tastatur oft ist. Die im Test sehr gut funktionierende Sprachein- und -ausgabe, die Bewegungssteuerung über Kopfnicken (und gerüchteweise bald auch über Augenblinzeln) - all das ist so viel direkter, schneller und intuitiver. Google Glass könnte zumindest in diesem Sinne ein wesentlicher technologischer Wegbereiter sein. Denn am Ende ist es wie mit allen neuen Technologien: Am Ende setzt sich nur durch, was einen Mehrwert bietet, wirklich nützlich ist.

Im Moment lässt sich darüber aber noch kein Urteil fällen, denn es fehlt Google Glass dazu schlicht an Apps. 2000 externe Entwickler arbeiten daran, das bis zum offiziellen Verkaufsstart - wahrscheinlich Anfang 2014 - zu ändern.

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
SirRobin 16.05.2013
Alter Schwede... Widerstand ist zwecklos ;)
2.
M. Michaelis 16.05.2013
Im Ernst wer wollte sich mit einem solch affigen Technikgadget in der Öffentlichkeit bewegen wollen. Die meisten wohl eher nicht.
3.
metalslug 16.05.2013
Guter Kurztest, danke!!
4.
joint 16.05.2013
Sollte mir in Zukunft irgendwer auf der Straße begegnen, der mich mit so einer Brille anguckt, bekommt er massiv Ärger. Es ist nämlich immer noch so, daß ich gefragt werden muss, bevor ich gefilmt oder fotografiert werde.
5.
openminded 16.05.2013
Wow, Google kennt schon das Ergebnis des CL-Finales. Ob die hinter der Wettmafia stecken? ...;-)
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    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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