Schöne Männer, schwüle Nächte
Von allen Wänden blickt Lotti herab. Lotti liederlich, als Heldin eines Melodrams, Lotti als Punk, Lotti nabelfrei als Bauchtänzerin; Lotti 17 Jahre alt, splitternackt tanzend am Strand. Leicht unscharf ist dieses Bild, ein Jugendfreund hat die Aufnahme gemacht vor mehr als 60 Jahren. Lotti Huber ist jetzt 78.
Gewisse Gewohnheiten hat sie beibehalten. Nicht, daß sie heute noch vor Publikum die Kleidung ablegt; mag sein, daß sie manchmal noch den bloßen Hintern zeigt, wenn es der Regisseur verlangt; mehr nicht. Der Dramatik aber, den großen Gesten, mit denen der nackte Backfisch auf dem Foto die Arme gegen den Himmel wirft, ist sie treu geblieben; Lotti liebt Attitüden.
Die Hände flattern, schweben, schreiben große Gefühle in die Luft. Sie ist 1,50 Meter klein und bewegt sich meist trippelnd fort; der Oberkörper ist ständig in Aktion. Wallende Gewänder trägt sie, und das eisengraue Haupthaar hat sie zu einem Dutt nach Ballerina-Art aufgetürmt. Dazu dicke Klunker an Fingern und Ohren, schwarzer Nagellack und die Lippen knallrot - ein Ensemble, das nach Aufmerksamkeit schreit. Lotti Huber, Gesamtkunstwerk.
Während »die Putze«, ein junger Mann in Lederjeans, die Berliner Pfannkuchen serviert, sorgt Lotti für Atmosphäre. Kerzenlicht und Rosenduft braucht sie um sich herum; wehende Portieren und hohe Altbau-Wände, im Halbrund gebaut, geben ihrem »Studio«, dem Herzstück ihrer Charlottenburger Gründerzeit-Wohnung, den gewünscht theatralischen Effekt.
Die Hausherrin hält, was das Studio verspricht. Lotti Huber, Sängerin-Tänzerin-Schauspielerin, hat beschlossen, daß der Dichter Shakespeare recht hat, wenn er sagt, daß »die ganze Welt eine Bühne« ist. Sie glaubt es. Das Dekor wechselt, die Inszenierung bleibt gleich: Lotti, die Gauklerin, die greise Femme fatale, Lotti, die Lebenslust in Person.
Höchst erfolgreich stellt die singende Seniorin aus Berlin die Gesetze der Showbranche auf den Kopf. Sie ist multimedial tätig und bestens im Geschäft. Als Schauspielerin hat sie selbst in den USA hymnische Kritiken bekommen; als »große Entdeckung« mit »unglaublicher Ausstrahlung« feiert sie Variety, das Branchenorgan des Show-Business, und das New Yorker Kulturblatt Village Voice findet sie »unwiderstehlich komisch« obendrein.
Ein Mann, der alte Damen liebt, Rosa von Praunheim, hat sie vor neun Jahren zum Kinostar gemacht. In »Unsere Leichen leben noch« mimte Lotti eine von fünf fidelen alten Frauen; der Streifen brachte ihr die erste Publicity, dem Filmemacher den ersten Kassenknüller und den beiden den Beginn einer fruchtbaren Freundschaft ein.
Nun hat die Mimin mit dem biederbayerischen Namen ihre erste Platte aufgenommen, ihre Autobiographie* verfaßt, und zum Jahreswechsel bringt sie ihre nächste Koproduktion mit Praunheim, ein Lotti-Porträt, in die Kinos.
Sie tourt durch die Talkshows und präsentiert sich brillant als Selbstdarstellerin; mit leichtem Lispeln und zuckersüß geflöteten Frechheiten ist sie selbst harten Gegnern wie dem RTL-Unterhaltungsmonster Karl Dall gewachsen.
Nicht grau, nicht leise, nicht unauffällig: Für ihr Publikum ist Lotti Huber weit mehr als eine Schauspielerin. Sie verkörpert ein Lebensprinzip, das offenbar den Wünschen moderner Menschen entgegenkommt: die unwürdige Greisin, den Gegenentwurf zu Inge Meysel.
Wenn die fast 80jährige das Mikrofon ergreift und von wilden Träumen und Trieben singt, der Tristesse der zwanghaften Zweisamkeit den fröhlich begangenen Seitensprung gegenüberstellt, wenn sie mit rollendem Ufa-Rrr die Errrotik beschwört, spricht sie, bei Frauen zumal, verdeckte Sehnsüchte an: daß es jenseits von Friedhofsbesuch und Butterfahrt im Alter etwas anderes geben kann - Spaß.
Frohsinn kommt besser als Ideologie: eine Überzeugung, die auch die Dramaturgie von Lottis Buch bestimmt. »Diese Zitrone hat noch viel Saft!« besteht aus Schwänken, farbig aneinandergereiht - schöne Männer, schwüle Nächte, Liebe, Triebe, Eitelkeit. Selbst das Tragische, Grausame nimmt anekdotische Züge an: Wie ich verhaftet wurde. Wie ich ins Konzentrationslager kam. Wie ich die Prostituierte, die Verrückte, _(* Lotti Huber: »Diese Zitrone hat noch ) _(viel Saft!« Edition dia, Berlin; 174 ) _(Seiten; 24,80 Mark. ) die Spionin traf. Wie ich entkommen bin.
Lotti wächst in Kiel in einer großbürgerlich-jüdischen Familie auf; der Vater ist Textilkaufmann. In ihrem Elternhaus verkehren allerlei Künstler, und das Kind Lotti, liberal erzogen, strebt eine Bühnenkarriere an; ihre Idole sind die berühmten Tänzerinnen der wilden zwanziger Jahre, Isadora Duncan, Mary Wigman, die Pawlowa. Große Gefühle, dramatische Gesten sind plötzlich en vogue; die begeisterte Schülerin erlebt diesen Aufbruch als Lebensgefühl und die »freie Liebe« als logische Fortentwicklung aus dem freien Tanz.
Sie zieht nach Berlin, lebt unverheiratet mit dem Mann, den sie liebt. Er ist »arisch«, sie ist es nicht. Verraten von einer Schulkameradin, wird Lotti verhaftet und wegen »Rassenschande« ins Konzentrationslager Lichtenburg deportiert. Ihr Freund wird in der Untersuchungshaft erschossen.
Ein Jahr verbringt sie im KZ. Die politischen Hintergründe versteht sie nicht. Freigekauft von einer jüdischen Hilfsorganisation, bringt sie aus dieser Zeit ein »unglaubliches Mißtrauen gegen alle Ideologien« mit. Daß »erst das Fressen, dann die Moral« kommt, ist für sie das einzige Prinzip, das noch zählt.
Lotti Huber lebt einige Jahre in Palästina, in Ägypten, in London, auf Zypern, sie betreibt ein Restaurant, arbeitet als Nachtklubtänzerin. Sie hat eine Vorliebe für englische Militärs und heiratet zweimal: einen britischen Major, von dem sie sich später scheiden läßt, dann einen Colonel, mit dem sie in den sechziger Jahren nach Berlin übersiedelt.
Sie liebt das Groteske, erzählt mit Vorliebe Geschichten, in denen das Pathos in Komik umschlägt: die von dem nicht mehr ganz jungen Lover, der am Morgen nach der rauschenden Liebesnacht erst nach seinen Zähnen fahndet, bevor er der Bettgefährtin artig Komplimente macht. Oder die von dem strammen Gardeoffizier, den sie hinreißend findet, der sich im Schlafzimmer jedoch als Flop entpuppt - er ist ein Masochist, der nach der Peitsche winselt.
Das Erzählen, nicht das Schreiben ist ihre Stärke; Praunheim hat sich dieses Talent zunutze gemacht. »Affengeil. Eine Reise durch Lottis Leben« nennt er seinen Porträt-Film und hält sich an die Dramaturgie, die seiner betagten Heldin am liebsten ist: das Leben als Nummernrevue. Lotti tanzend, Lotti flirtend, Lotti mit Kamera auf der Pirsch nach nackten Männern im Park; Interviews, Gespräche, Bühnenauftritte montiert Praunheim zu einer Collage, die seinen Star in seiner stärksten Rolle zeigt: als Lotti Huber live.
Als »verkappte Liebesgeschichte« zwischen Macher und Darstellerin bezeichnet die Diva den Film. Nun allerdings hat sie Pläne, in denen für Praunheim kein Platz mehr ist. »Wie wohl jeder Clown«, sagt sie, träume sie von der Medea, der Antigone, der großen tragischen Rolle.
Ehrgeiz steckt dahinter und ein bißchen Angst. Denn das wäre das Schlimmste für sie: daß sie vielleicht doch nur als schrille Alte, meschugge Oma, überkandidelte Greisin verstanden werden könnte; daß ihre Rolle vom Komischen ins Tragische kippt.
Wie schmerzhaft das ist, hat die Berlinerin kürzlich bei einem Auftritt in der ehemaligen DDR erfahren. In Meiningen, einer thüringischen Kleinstadt, präsentierte sie sich zum erstenmal der ostdeutschen Provinz; Gastgeber war der Deutsche Fernsehfunk, der von dort aus seine Samstagabendunterhaltung »Showkolade« übertrug.
Sie sang Frivoles und warf Küßchen in die Ränge, sie trug pikante Anekdoten vor und kokettierte mit dem Moderator, der 32 Jahre jünger ist; sie gab die üblichen Lotti-Huber-Nummern und wurde zusehends schlechter dabei. Die Meininger Zuschauer, brave Bürger und auf gepflegte Unterhaltung eingestellt, verfolgten ihre Darbietung höchst befremdet und klatschten müde, lediglich aus Pflichtgefühl.
Sie wollten nicht Lotti, die war für sie nur Vorprogramm. Der Star, auf den sie warteten, sang von ewiger Liebe, zeigte schöne Beine, hieß Sandra und war 28 Jahre alt. o
* Lotti Huber: »Diese Zitrone hat noch viel Saft!« Edition dia,Berlin; 174 Seiten; 24,80 Mark.