Anschlags-Opfer im NSU-Prozess "Ich bin froh, dass es nur uns getroffen hat"

Am 19. Januar 2001 öffnete eine 19-Jährige in einem Kölner Getränkeladen eine Dose, ein Sprengsatz explodierte. Die junge Frau überlebte schwer verletzt. Nun sagte im NSU-Prozess ihre Familie aus - ein bewegender Auftritt.

Von , München

Tatort in Köln (2001): Sprengsatz war in Christstollen-Dose
DPA

Tatort in Köln (2001): Sprengsatz war in Christstollen-Dose


"Ich kann nur von Glück sagen, dass sich die Explosion ereignete, ehe die Schulkinder kamen. Ich bin froh, dass es nur uns getroffen hat", sagt Djavad M. Er ist am Donnerstag Zeuge im NSU-Prozess - seine Tochter Mashia M. war bei einem Sprengstoffanschlag des NSU schwer verletzt worden. Ihm gehörte der "Lebensmittel Getränkeshop Gerd Simon" in der Kölner Probsteigasse, in dem sich am 19. Januar 2001 eine schwere Explosion ereignete.

Djavad M. war an jenem Tag nach einem "Riesenknall" mit seiner Frau in den an den Laden angrenzenden Aufenthaltsraum gestürzt. Das Licht war ausgegangen. Alles war voller Rauch, Funken sprühten, die Decke brannte. Jemand schrie. "Unsere Tochter war dort. Ich habe sie erst gar nicht gefunden", sagt seine Frau im Zeugenstand.

In dem Inferno lag blutüberströmt Mashia, damals 19 Jahre alt. In einem halben Jahr hätte sie Abitur machen sollen. Heute ist sie Ärztin für Chirurgie. "Ihre Haare waren verbrannt, ihre Augen geschlossen. Mit Hilfe meiner Frau habe ich sie aufgehoben und hinausgetragen", erinnert sich der Vater. Dann seien auch schon Feuerwehr und Krankenwagen gekommen. Die Tochter habe noch sagen können: "Passt auf euch auf!"

Täter sei "davongerannt"

Man brachte Mashia damals mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik, wo schwerste Verbrennungen behandelt werden. "Ich habe sie nicht mehr erkannt", sagt die Mutter. Sie sei zusammengebrochen, als sie ihr Kind sah. "Alles war geschwollen. Nur noch ein verbranntes Gesicht. So etwas habe ich noch nie gesehen. Am schlimmsten war eine Schnittwunde vom Ohr bis zur Nase, alles voller Schmutz von dem Sprengstoff."

Das Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse öffnete damals schon um 7 Uhr früh. Außer anderen Kunden deckten sich dort viele Schulkinder mit Pausenbrot ein. Doch an jenem Tag, als eine blecherne Christstollen-Dose hochging, befanden sich noch keine Kunden im Laden, nur die Mutter, die jüngste Tochter und Mashia im Nebenraum. "Zu uns kamen hauptsächlich Deutsche", berichtet die Mutter, denn man habe relativ teure Waren verkauft. Ausländer hätten sich das nicht leisten können. "Es kauften auch Ärzte und Rechtsanwälte bei uns ein."

Ein Unbekannter hatte die Dose wenige Tage vor Weihnachten samt einem Korb in dem Laden zurückgelassen mit der Begründung, er habe sein Portemonnaie vergessen und wolle es rasch holen. Dann sei der Mann "davongerannt", berichtete Djavad M. nun. Das sei ihm suspekt vorgekommen. Er habe noch hinter dem Mann hergeschaut. Denn er kenne die meisten Bewohner der Gegend. Diesen Mann aber habe er noch nie gesehen. Der Mann hätte auch später zahlen können, man habe den Kunden vertraut, sagt Djavad M. Aber er habe den Korb unbedingt stehenlassen wollen.

Die Polizei ließ unmittelbar nach dem Anschlag, also rund vier Wochen nach dem Besuch des seltsamen Kunden, zweimal Phantombilder von jenem Mann anfertigen. Merkwürdig, dass Djavad M., der ihn ja genau gesehen hatte, bis heute beteuert, die Bilder hätten "von vorn bis hinten" keine Ähnlichkeit mit dem Unbekannten. Selbst intensives Nachfragen des Vorsitzenden Manfred Götzl und die Vorlage von Vergleichsfotos klärte die Frage nicht, wieso es dann zu derlei Zeichnungen kommen konnte. Hatte M. sich aufgrund seiner holprigen Deutschkenntnisse nicht genau genug ausgedrückt? War seine Erinnerung durch den Schock des Anschlags getrübt? Oder wollte die Polizei - aus welchem Grund? - den Verdacht auf eine andere Person lenken? Denkbar ist im Fall NSU vieles.

Die jüngere Schwester der Verletzten Mashia M., damals 14 und heute Studentin der Ingenieurswissenschaften, spricht akzentfrei Deutsch. Sie sagt, auch sie habe den Unbekannten gesehen, wie er damals den Korb im Laden zurückließ. "Er war nett und höflich und sah mich an. Ein Gewissen wird nicht vorhanden sein", fährt sie fort, "wenn man kein Problem damit hat, dass schließlich auch ein Kind die Stollendose hätte öffnen können."

"Man hat jede Lebensfreude von uns weggenommen"

Sie erinnert sich, dass das Phantombild, das einst aufgrund der Angaben des Vaters angefertigt wurde, sie seinerzeit an einen Kunden erinnerte - einen Mann, der dann tatsächlich auch festgenommen wurde. Nach dem Auffliegen des NSU habe sie sich auf Wunsch der Polizei einer Hypnose unterziehen müssen, um ihre Erinnerung an den Mann mit dem Korb aufzufrischen. Sie habe sich jedoch nur noch an seine blonden welligen Haare, an ein "knochiges Gesicht" und einen "ziemlich fiesen Blick" erinnern können; eine genaue Erinnerung sei nicht gekommen. Dem Phantombild, das dann nach ihren Angaben gezeichnet wurde, ist dem ihres Vaters nicht ganz unähnlich.

Auf einem der Vergleichsbilder ist der Mitangeklagte Holger G. zu sehen - ohne Brille und mit längeren Haaren. Es lässt bei ihr die "gleichen Emotionen" hochkommen. Oder war es Böhnhardt? Sicher sei sie sich nicht. Wie verlässlich ist ihre Erinnerung?

Die Mutter macht sich heute noch Vorwürfe, den Korb nicht gleich der Polizei übergeben zu haben. Doch sie habe dem Unbekannten vertraut. Sie glaubt, der oder die Täter hätten ihre Existenz zerstören wollen. "Herzlichen Glückwunsch", sagt sie in Richtung der Angeklagten. Ihr Leben sei wirtschaftlich zerstört. "Man hat jede Lebensfreude von uns weggenommen", fährt sie fort. Das verstehe nur, wer selbst Kinder habe. "Lieber wäre es mir gewesen, ich wäre tot gewesen, als dass meine Kinder zu Schaden kommen."

Sie habe sich immer wieder gefragt, ob es im Vorfeld des Anschlags etwas Ungewöhnliches gegeben habe. Einmal sei eine Frau gekommen, die habe unbedingt auf die Toilette gewollt. "Ich habe normalerweise nie jemanden in unsere Privaträume gelassen. Aber ob das Frau Zschäpe war?" Erst Ende 2011 habe man erfahren, dass Rechtsradikale hinter dem Anschlag steckten. "Ich bin überhaupt nicht auf eine solche Idee gekommen."

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