Entspannungspolitik  Einladung vom Folterer

Südkoreas Präsident Moon Jae hat eine Einladung nach Nordkorea erhalten. Er steht nun vor einem Dilemma: Folgt er dem Konfrontationskurs seines Bündnispartners USA oder der in Südkorea lebendigen Tradition deutscher Ostpolitik?

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Seit heute Morgen liegt auf dem Tisch des Blauen Hauses in Seoul die Einladung des nordkoreanischen Führers Kim Jong Un. Dessen Schwester hat sie während ihres Besuchs in Südkorea bei den Olympischen Spielen überbracht. Ein historischer Gipfel könnte das werden. Doch der erst seit neun Monaten im Amt befindliche südkoreanische Präsident Moon Jae In wird es schwer haben, die Einladung anzunehmen.

Denn die Großmächte dürften nicht erfreut sein über soviel Annäherung. Zwar gibt es medialen Applaus über die im Schatten von Olympia aufkeimende Entspannung. Aber auch lange Gesichter. US-Vize-Präsident Mike Pence und der japanische Premierminister Shinzo Abe saßen bei der Eröffnung der Spiele nur einen Platz vom südkoreanischen Präsidenten Moon Jai In entfernt, als dieser Kim Yo Jong, der Schwester des nordkoreanischen Führers Kim Jong Un, ausgesprochen herzlich begrüßte. Das Bild der Szene ging sofort um die Welt.

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Pence und Abe aber schauten starren Blicks weg. Beim offiziellen Empfang nach der Zeremonie blieb Pence nur sechs Minuten und schlug auch die Einladung zum Abendessen der Gastgeber aus. Er hätte am Tisch gegenüber von Kim Yo Jong Platz nehmen sollen.

Viele westliche und japanische Korea-Beobachter gratulieren Pence für seine harte Haltung, weil sie entsetzt sind, wie die südkoreanische Regierung unter Moon ohne Gegenleistung den großen nordkoreanischen Auftritt bei den Spielen finanziert und inszeniert.

"Zeremonie-Meister der Spiele", titelte am Freitag die Tageszeitung "Libération" in Paris - mit einer Fotomontage von Diktator Kim auf Schlittschuhen. "Während der Spiele wird die Folter in Nordkorea weitergehen, werden die Gefangenenlager dort geschlossen bleiben, die Kinder immer noch Hunger leiden und die nordkoreanischen Wissenschaftler unaufhörlich weiter ihre Atomwaffen verfeinern", warnte der französische Kommunismus-Experte Pierre Rigoulot.

"Haben Sie den Mut, sich diese Hoffnung zu bewahren"

Seiner Einschätzung nach bezweckt Kim Jong Un mit seiner plötzlichen Kehrtwende nur ein Ende der internationalen Sanktionen gegen Nordkorea, um die weitere Aufrüstung des Landes besser finanzieren zu können. In Washington und Tokio teilen viele diese Meinung. Trotz Entspannung wollen die USA die Sanktionen gegen Nordkorea nächste Woche weiter verschärfen.

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Entspannungspolitik zwischen Nord- und Südkorea: Einladung vom Folterer

Dagegen lässt sich Moon von der Tradition seiner Vorgänger Kim Dae Jung und Roh Moo Hyun inspirieren, die in den Jahren 2000 und 2007 jeweils Begegnungen mit dem nordkoreanischen Führer Kim Jong Il (dem Vater Kim Jong Uns) wagten - allerdings ohne daraus entscheidenden Gewinn zu schlagen.

Der 2009 verstorbene Friedensnobelpreisträger Kim Dae Jung war der Urheber dieser "Sonnenscheinpolitik", er berief sich dabei regelmäßig auf die Ostpolitik Willy Brandts. Nicht zufällig war daher auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der Spiele in Südkorea zu Gast und forderte Moon auf, weiter an einer friedlichen Konfliktlösung mit dem Norden zu arbeiten: "Haben Sie den Mut, sich diese Hoffnung zu bewahren", sagte Steinmeier.

Es klang, als hätte Moon nun die Wahl zwischen dem Rat aus Berlin und dem Rat aus Washington. Ein Koreaner, der die deutsch-koreanischen Beziehungen in den letzten 20 Jahren maßgeblich mitgestaltete und seinen Namen aus diplomatischen Gründen nicht nennen kann, sagte dem SPIEGEL: "Ich gehe davon aus, dass Moon die Einladung aus dem Norden trotz der Kritik aus den USA annehmen wird. Moon hat das Gespräch mit Nordkorea immer gewollt. Ohne Dialog gibt es kein Verständnis. Man muss immer versuchen, miteinander zu sprechen. Und unter vier Augen geht es viel besser. Das haben wir von der deutschen Ostpolitik gelernt."

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