

Politiker-Dienstwagen: Macht und PS
Baden-Württemberg Grün-Rot verordnet sich PS-Diät
Berlin/Stuttgart - Politik und Autos, das gehört zusammen. Dicke Staatskarossen sind Machtsymbole, und nirgendwo wurde dieses Bild bisher so gepflegt wie in Baden-Württemberg, selbsterklärte Heimat der besten Autobauer der Welt. Hunderttausende verdienen bei Mercedes, Porsche und all den Zulieferbetrieben ihr Geld. Der scheidende CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus hatte vor seinem Dienstsitz in der Villa Reitzenstein zuletzt eine S-Klasse mit 517 PS stehen - kein anderer Regierungschef in Deutschland fährt eine derart mächtig motorisierte Limousine.
Auch die Mappus-Minister leisteten sich im Land von Mercedes und Porsche hochmotorisierte Dienstwagen mit dem Stern auf dem Kühler - frei nach dem Motto: "Wir können alles, außer Sprit sparen."
Und nun kommt da ein Grünen-Politiker, der am Donnerstag von der Mehrheit des Landtags zum neuen Ministerpräsidenten gewählt wurde - und bricht mit all dem: Porsche-Fahren ist für Winfried Kretschmann "pornografisch", mit mächtigen Mercedes-Karossen kann er ebenso wenig anfangen. Die Automobilindustrie in Stuttgart und Umgebung graust es. Auch deshalb, weil der künftige Regierungschef sein "Weniger Auto ist besser denn mehr"-Credo bereits öffentlich machte.
Weniger PS, weniger Protz, weniger Vollgas: Die neue grün-rote Koalition will mit gutem Beispiel vorangehen - an erster Stelle der künftige Ministerpräsident. Vorgänger Mappus hatte eine neue Dienstkarosse geordert, sie sollte noch mehr als seine aktuelle verbrauchen (rund 14 Liter auf hundert Kilometer) - Kretschmann hat die Bestellung bereits abgesagt. Stattdessen wird nun im Juli ein deutlich schlanker motorisierter Mercedes vor dem Ministerpräsidenten-Sitz in der Villa Reitzenstein stehen, mit einem Verbrauch von rund zehn Litern.
Verkehrsminister Hermann sucht den genügsamsten Mercedes
Auch andere treten auf die Bremse: Der neue Verkehrsminister Winfried Hermann, eingefleischter Ökomann, hat seinem neuen Haus aufgetragen, für Überland-Trips einen genügsamen Mercedes aufzutreiben. "Das wird wohl eine C-Klasse sein", sagt er. Für kürzere Fahrten möchte Hermann ein reines Elektro-Auto aus dem Hause Mercedes nutzen. Hermann stellt klar: "Ich habe kein libidinöses Verhältnis zum Autofahren."
"Das hat starke Symbolwirkung", sagt der künftige Regierungssprecher Rudi Hoogvliet - und es soll nur der Anfang sein. Man werde mittelfristig die komplette Dienstwagen-Flotte der Landesregierung umrüsten. Das haben Grüne und SPD sogar im Koalitionsvertrag festgehalten. "Wir werden bei der ökologischen Modernisierung der Fahrzeugflotte vorangehen", heißt es dort auf Seite 19, "mit elektrisch betriebenen bzw. mit alternativen Antriebsarten". Und auf Seite 25 ist zu lesen: "Die Landesverwaltung muss Vorbildcharakter bei der Umsetzung nachhaltiger Mobilität haben."
Für die Autobauer sind das keine guten Nachrichten. Der Trost für die bangenden Mercedes-Leute: "Es sollten schon Fahrzeuge aus heimischer Produktion sein", sagt Hoogvliet. Die neue Landesregierung setze auf die Ingenieure im Südwesten. "Was VW kann, kann Mercedes schon lange."
Aber die neue Landesregierung will nicht nur an die Pkw-Flotte ran - sie erwägt auch den Aufbau eines Fahrzeugparks auf zwei Rädern, allenfalls elektromotorisiert. Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer, ein enger Kretschmann-Vertrauter, schwört auf sein Dienstfahrrad mit E-Motor. "Für den Stuttgarter Innenstadt-Verkehr wäre das optimal", sagt Palmer.
Radelnde Minister
Ein Verkehrsminister auf dem Rad? Winfried Hermann hat bereits angekündigt, dass er innerstädtisch per Rad unterwegs sein will. Hermann ist ein passionierter Radfahrer, in seinem Wahlkreis nutzte er schon als Bundestagsabgeordneter ein E-Bike.
Für längere Strecken dürfen die künftigen Minister auch gerne auf die Schiene. Kretschmanns Leute erinnern an den früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel, der am liebsten per Bahn zwischen seinem Wohnort Spaichingen und der Landeshauptstadt pendelte.
Tübingens OB Palmer kann sich auch Solaranlagen auf Gebäuden der Landesregierung vorstellen. Da könnte der Strom für die E-Mobile der Minister gewonnen werden. Nächster Punkt im Vorbild-Programm der neuen Landesregierung: "Handfeste Maßnahmen zum Einsparen von Ressourcen und Energie", sagt der künftige Sprecher Hoogvliet, "beispielsweise bei der energetischen Sanierung der landeseigenen Gebäude".
Man solle sich aber nicht vertun, heißt es in Stuttgart. "Wir werden hier keine Latzhosen-Optik einführen, sondern einen Haufen Hightech", sagt Hoogvliet. "Und wir wollen nichts übers Knie brechen - ein Blitzstart ist nicht immer ein guter Start, das hat man 1998 bei Rot-Grün im Bund gesehen."
Winfried Kretschmann ist übrigens weder Auto- noch Rad-Fan: Der Mann vom Rand der Schwäbischen Alb geht am liebsten zu Fuß.