"Herkunft" von Sasa Stanisic Ein Superbuch!

Leben nach der Migration: Sasa Stanisic schreibt mit kindlich-poetischer Weisheit über den Verlust der Heimat und die Angst vor der Ankunft in Deutschland.
Demo in Jugoslawien, 1988.

Demo in Jugoslawien, 1988.

Foto: William STEVENS/ Gamma-Rapho via Getty Images

Was soll das denn schon wieder? Herkunft, Herkunft - wir brauchen doch, wenn alle Welt sich rückbesinnt auf Wurzeln, Identitäten, Nationen, Mikrogrüppchen der Abstammung, Zukunftsbücher, verdammt! Bücher, die sich frei machen, von den Herkunftsfesseln, die ja doch nur dazu genutzt werden, um sie erst zu lösen und sie dann dem Nachbarn anderer Herkunft über den Kopf zu ziehen. Was soll das also, Sasa Stanisic, deutscher Superautor, Jahrgang 1978, Welterfolg mit seinem Romandebut "Wie der Soldat das Grammofon repariert", dass er jetzt sein neues Buch "Herkunft" nennt und genau darüber schreibt: sein Herkommen aus Visegrád, früher Jugoslawien, jetzt Bosnien, und was das für ihn bedeutet? Muss das wirklich sein?

Ja. Muss sein. Denn erstens ist Sasa Stanisic ein Autor, der auch über ein Stück Käse oder das Leben einer Maus oder Verkehrspolitik so präzise, poetisch, politisch und persönlich schreiben könnte, dass man es unbedingt und gerne freiwillig lesen möchte. Zweitens geht es ihm in der Beschreibung seiner Herkunftswelt genau darum: die Fesseln lösen, um sich und andere zu befreien. Sie in Geschichten verwandeln, sodass sie sich in lebendige Erinnerung auflösen und nicht mehr zum Über-den-Kopf-Ziehen von irgendwem verwendet werden können. Ein Superbuch.

Ein Junge im Krieg. Sasa Stanisic ist vierzehn Jahre alt, als er nach seiner Flucht von Visegrád über Serbien, Ungarn und Kroatien, zusammen mit seiner Mutter, in Heidelberg ankommt. Sein Heimatland gibt es nicht mehr. Die Orte seiner Kindheit werden von nun an für immer mit Gräueltaten, Gewalt, Schrecken und den Erzählungen darüber verbunden sein - und nun, nach dem Verlust der Heimat, der Angst und der zerbrechenden Welt ausgerechnet die Ankunft in dieser heilen, von aller Kriegszerstörung magisch bewahrten deutschen Stadt. Wie er das alles beschreibt.

Dieses Ankommen aus einer Welt des schwankenden Bodens dann hier in diesen Straßen der Sicherheit und Geborgenheit und historischen Kontinuität ist großartig. Dann plötzlich, der Blick auf die Hügel, auf die rote Ruine des Schlosses: "Es wirkte, als sei es schon als blassrote Ruine in den Berg eingelassen worden. Als könne es nur so und nur hier, in angenehmer Nähe zum weichen Fluss und den nun unmaskierten Gesichtszügen der alten Stadt, frei von allen Zweifeln existieren." Das Versehrte im Heilen. Das Zerstörte als naturgewordene Selbstverständlichkeit. "Auf einmal waren auch wir uns selbstverständlich. Eine Mutter und ihr Sohn auf einem kleinen Platz in Deutschland."

Autor Sasa Stanisic

Autor Sasa Stanisic

Foto: Katja Sämann/ Luchterhand

Oh, Sasa Stanisic schreibt keine Idylle. Wahrlich nicht. Er beschreibt, wie eine Welt sich auflöst, wenn man nicht aufpasst: "Welten vergehen, stellt man sich denen, die sie vergehen lassen wollen, nicht früh und entschieden in den Weg.

Heute ist der 21. September 2018. Wäre am nächsten Sonntag Bundestagswahl, käme die AfD auf 18 % der Stimmen." Er schreibt mit kindlich-poetischer Weisheit. Und auch Angst. Er war dabei, als ein multikulturelles Land, das für die Ewigkeit gebaut war, sich auflöste in verfeindete Gruppen. Hatten sie nicht eben noch gemeinsam im Stadion für ihren gemeinsamen Fußballverein Roter Stern Belgrad gejubelt? Hatten sie wirklich gemeinsam gejubelt? Wie sicher ist der Boden, auf dem wir alle stehen? Sein Jugoslawien, das ist ihm, was dem späten Joseph sein österreichisches Kaiserreich war: ein untergegangenes Traumreich, in dem ein starker Erzähler alle Gegensätze in sich mit seiner starken Stimme vereinte. Ein übernationales Land. Geschaffen, um gemeinsam Probleme zu lösen, statt sie getrennt erst zu erschaffen. Doch wehe, der große Erzähler stirbt: "Der Kitt der multiethnischen Idee hielt dem zersetzenden Potenzial der Nationalismen nicht länger stand. Tito als wichtigste Erzählstimme des jugoslawischen Einheitsplots war nicht zu ersetzen." Ihm folgten die dumpfen Erzähler des Eigensinns, Milosevic, Izetbegovic, Tudjman. "Sie gingen auf lange Lesereise zu ihrem Volk."

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Stanišić, Saša

HERKUNFT: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 368
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Und schließlich also Deutschland. Heidelberg. Schloss und Sicherheit. Auch hier ist er fern jeder Idylle. Die Familie wird natürlich nicht in der unversehrten Altstadt wohnen. Sondern im Vorort der Ausgespuckten, im Emmertsgrund, Hochhaussiedlung vor den Toren der idealen Stadt. Stanisic beschreibt alles ganz genau, die täglichen Vorurteile und wie sie die so Beurteilten deformiert: "Mit der Zeit kannten wir die Vorurteile und lernten, gemeint zu sein, ohne so zu sein. Aggressiv und primitiv und illegal. Zwiebeln und Keime. Ausgewandert um zu unterwandern."

Er beschreibt die Armut der Eltern, gut ausgebildet in Jugoslawien, in Deutschland dankbar für die erbärmlichsten Jobs, "Mutter starb tausend heiße Tode in der Wäscherei", der Vater zerstört sich den Rücken bei der Arbeit. Aber arbeitet, arbeitet, arbeitet immer weiter. Die permanente Angst vor Abschiebung, die jeden Tag wie ein Schicksalsschlag über sie hereinzustürzen drohte. Keine Vorhänge an den Fenstern. Denn warum - wenn man jeden Tag hier rausfliegen kann? Die Scham des Sohnes. Niemals Freunde einladen zu sich nach Hause. Immer Scham und Mitleid mit den Eltern. Und für ihn, den Sohn schließlich das gigantische Glück, an einen freundlichen Sachbearbeiter der Ausländerbehörde zu geraten, der nicht nur Dienst nach Vorschrift machte, sondern, nachdem der junge Mann ihm gesagt hatte, er würde gern in Heidelberg studieren, antwortete: "Bring mir deine Immatrikulationsbescheinigung, dann sehen wir weiter."

Und er sah weiter. Und er durfte bleiben. Wurde dann irgendwie zu einem der tollsten deutschen Schriftsteller, den wir haben. Der jetzt dieses übernationale, idealjugoslawische, europäische Geschichtenbuch geschrieben hat, das "Herkunft" heißt und dabei doch von der Zukunft erzählt, von einer Zukunft, wie sie sein sollte.