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Dallas und DDR

aus DER SPIEGEL 36/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Schild »Anerkannter Bereich vorbildlicher Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit und Disziplin« hängt noch immer fest verschraubt am Stavener Gemeindeamt. Mit der blechernen Auszeichnung für preußische Tugenden ehrte die SED einst Landarbeiter, die auf dem Volkseigenen Gut (VEG) in der mecklenburgischen Einöde Schweine züchteten.

In dem Gemeindeamt, einem heruntergekommenen Schuppen mit vergilbten Tapeten, sitzt jetzt der neue Bürgermeister. Es ist der alte. Bis zur Wende wirkte Bernhard Stiller für die SED. Vergangenes Jahr wählten die Dörfler ihn als parteilosen Kandidaten auf PDS-Ticket wieder in sein Amt zurück.

Der wendige Bürgermeister ist mittlerweile im Hauptberuf Unternehmer: Mit Frau Monika kaufte er von der Treuhand die alte VEG-Gärtnerei im Ort. Nun wachsen dort Tomaten in neuen Gewächshäusern, auf dem Feld nebenan blühen Astern lila, pink und weiß. »Langsam und schleppend, aber immerhin vorwärts«, charakterisiert Monika Stiller, habe sich das Geschäft entwickelt.

Das Unternehmerpaar mit Hang zu sozialistischen Idealen gilt als erfolgreiche Ausnahme in dem 620-Einwohner-Flecken. Noch vor zwei Jahren lag die Arbeitslosenquote in Staven bei rund 60 Prozent, das triste Dorf nahe Neubrandenburg galt als einer der chancenlosesten Orte in der Ex-DDR. Mittlerweile hat sich die Rate gebessert, auf etwa 20 Prozent. Aber noch einmal so viele schlagen sich mit Umschulungen oder ABM-Stellen durch.

Im alten Gutshaus inmitten des Ortes hat sich ein westdeutscher Alt-Eigentümer niedergelassen. Nikolaus von Badewitz pachtete Hof und Ackerflächen, die einst seinen Vorfahren gehörten, von der Treuhand. Mit dezentem Understatement begreift er sich als Dörfler unter Dörflern: »Den bösen Wessi gibt's nicht mehr.«

Doch so harmonisch ging es nicht immer zu. Für die Stavener war der Westler lange Zeit der Buhmann, den sie für den wirtschaftlichen Niedergang ihres Dorfes verantwortlich machten. Gegenseitige Ressentiments beleben noch heute den Tratsch: »Rote Säulen« grummeln die einen, »arrogante Junker« die anderen.

Doch mittlerweile tragen Bürgermeister Stiller und Alt-Eigentümer Badewitz ihren Streit über die Stavener Grundstücke nur noch mit gebremstem Schaum aus. Im Clinch liegen sie beispielsweise wegen des Gutsparks, den der Edelmann aus dem Westen für sich beansprucht. Denn die Gemeinde pocht auf ihr Vorkaufsrecht.

Der Bürgermeister will erst nachgeben, wenn Badewitz den Stavenern unentgeltlich ein Seegrundstück gibt. Um das ungewöhnliche Tauschgeschäft juristisch durchzusetzen, plant Stiller, notfalls bis zum Bundesgerichtshof zu gehen.

Zugleich lobt der einstige SED-Mann den Landadeligen: »Unsere Auseinandersetzungen sind sachlich.« Und Kontrahent Badewitz räumt ein: »Der Bürgermeister ist nett und umgänglich.«

Auch im Stavener Jugendzentrum ist längst der aggressive Dampf raus. Viele der jungen Leute haben eine Lehr- oder Arbeitsstelle gefunden. So enttäuscht und wütend wie kurz nach der Wende, als die vorher sicheren Jobs nur so wegbröckelten, ist kaum einer mehr: »Wenn du als Ossi in den Westen gehst«, wetterte einer damals, »ist das so, als ob ein Neger mit Lumpen kommt.«

»Wir haben die D-Mark«, bilanziert heute Malerlehrling Olaf nüchtern, »Meinungsfreiheit und 'ne größere Auswahl an Autos.« Was braucht es da noch? Das vereinte Deutschland, längst Alltag, kostet die jungen Leute nur ein müdes Achselzucken. »Wenn das gefeiert wird«, sagt Olaf, »mach' ich keine Flasche Bier auf dafür.«

Ein neu errichteter Spielplatz mit Klettergerüsten, Wippen und Schaukeln zeugt in Staven vom Aufbau Ost. Auch in den monoton aufgereihten Mietskasernen hat sich was getan, Heizungen, Wasser- und Elektrizitätsleitungen wurden modernisiert.

Die Runderneuerung ihrer Wohnung betrachtet Heidemarie Trottnow jedoch mit gemischten Gefühlen - ihre Miete verdreifachte sich. Zwei Jahre lang ließ sich die ehemalige Dokumentaristin des volkseigenen Schweinegutes zur Hauswirtschafterin umschulen. Umsonst, nur 2 von 25 Frauen aus ihrem Lehrgang bekamen einen Job. »Aber es war schön, wieder unter Leuten zu sein«, sagt die 47jährige: »Als Hausfrau komme ich mir so nutzlos vor.«

Einige der ehemaligen VEG-Arbeiter haben ihre Häuser und Wohnungen, die früher nur vermietet wurden, jetzt kaufen können. Zu Preisen um 20 000 Mark schien das erschwinglich. So ist die Tristesse, die wie Mehltau auf Staven lastete, jetzt etwas gemildert: Viele Häuser blitzen nun mit frischer, pastellfarbener Tünche. »Alles ist schöner geworden«, sagen die Stavener.

Mancher hat sich auch schon ein neues Haus gebaut. Als einer der ersten hatte Landwirt Karl Siewert die neue Zeit kapiert. Manchmal steigt er noch nachts um eins auf seinen Mähdrescher, selbst nach einem 16-Stunden-Tag. Kurz hinter dem Stavener Ortseingangsschild hat er sich einen weißgeklinkerten Prachtbungalow auf die Wiese gesetzt. Daneben parkt der alte gelbe Wartburg.

Die merkwürdige Mischung aus Dallas und DDR hat mit Siewerts Frau Marlies zu tun. Die kann sich, trotz Mallorca-Urlaub und Alno-Küche, nicht recht anfreunden mit der Marktwirtschaft - deshalb bestärkte sie ihren Mann, wenigstens den alten Wagen zu behalten.

Zwar macht die blondgelockte Frau jetzt die bäuerliche Buchhaltung. Raps, Rüben und Getreide baut Siewert auf seinen Feldern an, das bringt erheblich Umsatz. Aber die Gewinnzahlen zusammenzurechnen lastet seine Frau nicht aus.

Früher, lobt Marlies Siewert die vergangenen Zeiten, da sei ihr Alltag ausgefüllt gewesen, weil sie gebraucht wurde, als Buchhalterin im VEG und beim Frauenbund. Selbst die Erinnerung, daß sie endlos lange auf den heute so klapprigen Wartburg warten mußte, löst eher nostalgische Gefühle aus: »Das hat 15 Jahre gedauert, deshalb hängen wir ja so dran.«

Neulich, berichtet die Bauersfrau voll Stolz, habe sie es mit der alten Kiste auf der Autobahn noch auf 160 Stundenkilometer gebracht.

Ihre Augen blitzen, als wolle sie sagen: Wertarbeit, made in DDR.

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