Autoindustrie im Silicon Valley Krieg der Köpfe

Über die Zukunft des Automobils wird längst nicht mehr in den Konzernzentralen nachgedacht, sondern vor allem im Silicon Valley. Um die besten Mitarbeiter für die Entwicklungszentren ist ein harter Kampf entbrannt

Aus Sunnyvale berichtet

Daimler

Im Forschungszentrum von Mercedes in der North Pastoria Avenue in Sunnyvale ist die Zukunft fast schon alltäglich.Vor der Tür stehen fast ausschließlich elektrifizierte B-Klassen und während die Besucher ankommen, fährt eine autonome S-Klasse vom Hof.

In der Nachbarschaft sieht es kaum anders aus: Auf dem Dach von Google-X in Mountain View drehte erst kürzlich ein weiterentwickelter Prototyp des autonomen Google-Autos seine Runden. Und auf der anderen Seite der San Francisco Bay feierte das elektrische Tesla Model X Premiere. In den heiligen Hallen von Apple am Infinite Loop in Cupertino soll unter dem Codenamen "Titan" mit Hochdruck am Apple-Auto gearbeitet werden.

Während in Stuttgart, Wolfsburg oder Detroit weiterhin Blech gebogen wird und Motorblöcke wie seit mehr als einem Jahrhundert gegossen wird, entwickelt sich das Silicon Valley südlich von San Francisco zunehmend zum zweiten Nabel der Automobilwelt. Vernetzung und Digitalisierung gelten als Megatrends im Automobilbau, das macht IT-Konzerne wie Google und Apple zu neuen Konkurrenten für Audi, BMW oder Daimler. Wer das Wettrennen um das Auto von Morgen macht, gilt längst noch nicht als ausgemacht. Als Schlüssel zum Erfolg gilt vor allem gutes Personal. Deshalb tobt jenseits des Atlantiks der Kampf um die besten Köpfe.

Harter Wettbewerb ums Personal

Daimler-Manager Arwed Niestroj, einer der Pioniere im Valley, nennt das "War For Talents". Daran musste sich der Mercedes-Mann erst gewöhnen. Während der Stern in Stuttgart eine Strahlkraft hat, der sich kaum ein Berufsanfänger entziehen kann, ist die Personalsuche im Valley ein schweres Geschäft. Dort konkurrieren gleich mehrere Unternehmen ähnlichen Kalibers um die besten Talente. An wenigen Orten der Welt herrscht ein so harter Wettbewerb ums Personal.

Die IT-Unternehmen konnten bei den Personalien vorlegen: Sie bauten in den vergangenen Monaten massiv automobile Kompetenz auf. So hat Google den Ex-Chef von Hyundai Amerika, John Krafcik, zum Chef seines Projekts für selbstfahrende Autos ernannt. Er bringt das mit, was Google noch fehlt: automobiles Wissen. 14 Jahre lang war Krafcik als Ingenieur in mehreren Führungspositionen von Ford tätig.

Kein anderes Unternehmen sei so bemüht, gute Mitarbeiter zu finden wie Google. Mehr als 30 Kantinen locken mit kostenlosen Delikatessen, kostenlose Mietwagen und Firmenfahrräder stehen zur Verfügung. Diesen Versuchungen ist gerade erst wieder ein hochrangiger Mitarbeiter eines Konkurrenten erlegen: Robert Rose, bislang Tesla-Chefentwickler in Sachen Autopilot, arbeitet künftig für die Robotics-Abteilung des Internet-Giganten google. Das gab er via LinkedIn bekannt.

Es winkt das große Geld

Natürlich wechseln die Leute nicht nur wegen des Wohlfühlangebots, sondern wegen des Geldes und der Aktienoptionen den Arbeitgeber. Laut einem Bericht des Magazins Brandeins liegt das Durchschnittsgehalt der technischen Mitarbeiter im Valley mit 100.000 Dollar im Jahr rund 20 Prozent über dem, was in den USA sonst in der Branche gezahlt wird. Da es in Kalifornien in Verträgen keine Klauseln über Konkurrenzausschluss gibt, wechseln die Arbeitnehmer mit ihrem Spezialwissen munter hin und her.

Auch die Autoindustrie konnte im Streit um die besten Spezialisten jüngst gleich zwei Siege erringen: Seval Oz, zuletzt Marketing-Chefin beim Google-Autoprojekt, führt jetzt für den deutschen Zulieferer Continental eine Tochter-Firma im Silicon Valley. Intelligent Transportation Systems heißt die und soll den Verkehrsinfarkt verhindern, indem Daten erhoben werden und Fahrzeuge in Echtzeit miteinander kommunizieren.

Johann Jungwirth, einst Entwicklungsleiter von Apple und Leiter des Forschungs- und Entwicklungszentrum von Mercedes in Sunnyvale, wechselte überraschend zu VW. Er leitet für den Konzern seit dem 1. November den neugeschaffenen Fachbereich "Digitalisierungsstrategie" bei Volkswagen. Wie wichtig den Autoherstellern das Thema ist, zeigt Jungwirths Position im Organigramm: Er berichtet direkt an den VW-Chef Matthias Müller.

Oz findet die Entwicklung der Autokonzerne im Kampf um das Auto von morgen derzeit spannender als bei den IT-Firmen. Die IT-Welt nehme jetzt das Tempo raus, sagt sie. Wichtige Entwicklungen seien angestoßen und müssten nun weiterentwickelt werden. Dagegen komme die vermeintlich alte Industrie gerade so richtig in Fahrt. Das muss sie auch, meinen Branchenexperten wie der Berater Martin Stahl: "Sobald sich Apple und Google erst einmal im Automobilmarkt mit eigenen Produkten etabliert haben, wird es sehr schwer sein, sie wieder zu verdrängen", sagt er. Die Mengen, die Google und Co. bereits an Daten gesammelt haben, besitzte sonst niemand, so Stahl.

Die Übernahme des Nokia Kartendienst Here durch Daimler, Audi und BMW ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Denn selbstfahrende Autos sind auf detailgenaue Karten angewiesen. Und Autohersteller auf das dort beschäftigte, spezialisierte Personal.

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Loddarithmus 02.12.2015
1. Ichfreumichdrauf!
Sind das nicht herrliche Aussichten? In 15 Jahren sind dann auf den Straßen von Islamabad oder Lagos nur noch selbstfahrende Elektroautos zu sehen. Welch rosige Aussichten für die Menschheit. Nie wieder Gefälle zwischen den heutigen Industriestaaten (ersatzweise Großaktionären) und der drittetsten Welt (ersatzweise besitzlose Hungerleider). Ewiger Friede wird herrschen dank des heutigen weitsichtigen Managements. Die wissen Prioritäten zu setzen!
johannesraabe 02.12.2015
2.
Es wird der Tag kommen, an dem Apple oder Google soweit sind. Dann kaufen sie VW als Hardwarefabrik und die deutsche Industrie guckt in die Röhre.
Rubyconacer 02.12.2015
3. Seit hundert Jahren
Nicht umsonst existieren Automobilfirmen u.a. seit ca. hundert Jahren. Die müsste eine IT-Firma mal nachmachen. Nokia, Digital Equipmemt, Compaq etc. etc. Eine Kooperation ist wichtig umd nützlich. Aber: Ein Automobil ist weitaus komplexer als eine Software oder ein Tablet-Computer.
Frank Zi. 02.12.2015
4.
Zitat von LoddarithmusSind das nicht herrliche Aussichten? In 15 Jahren sind dann auf den Straßen von Islamabad oder Lagos nur noch selbstfahrende Elektroautos zu sehen. Welch rosige Aussichten für die Menschheit. Nie wieder Gefälle zwischen den heutigen Industriestaaten (ersatzweise Großaktionären) und der drittetsten Welt (ersatzweise besitzlose Hungerleider). Ewiger Friede wird herrschen dank des heutigen weitsichtigen Managements. Die wissen Prioritäten zu setzen!
Fehlen nur noch die Konsumenten, die sich ein selbstfahrendes Elektroauto kaufen, statt den gebrauchten 8 Jahre alten Opel ohne elektrische Fensterheber und mit manuellen Getriebe.
kenterziege 02.12.2015
5. Seit 40 Jahren höre ich nur Cassandra-Rufe inbezug.....
.....auf die deutsche Automobilindustrie. Zuerst war es das Öl, was jeweils in 20 Jahren zur Neige gehen soll. Dann waren es die Japaner, die uns an die Wand fahren. Nach den Japanern kamen die Chinesen, die alles überspringen und gleich nur Elektro-Autos bauen. Das war dann auch der Grund für den Pseudo-Hype hier, der in dem Projekt unserer Kanzlerin mündete: 2020 werden wir Leit-Markt der E-Mobilität mit 1 Mio. zugelassenen E-Autos sein. Dann war aufeinmal Car-Sharing angesagt. Nicht Beszitz sondern Gebrauch sollte die Mobilität bestimmen. Daimler hat seine Smart-E-Flotte aus dem Car-Sharing zurückgezogen. Dann kommt BetterPlace mit dem Batterie-Wechsel-Konzept und reitet die Investitionen in den Sand. Ich stehe nur dauernd im Stau, weil ein 30 Jahre altes System der Verkehrsnachrichten auf Steinzeitniveau ist. Wenn so etwas von Primitiv-Infrastruktur noch nicht mal minutengenaue funktioniert, muss mir niemand mit den Spinnereien aus Cupertino kommen. Mit meinen jetzigen Autos komme ich überall hin. Am weitesten wahrscheinlich mit dem unverwüstlichen Oldtimer, den ich habe.
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