Ex-Bundestagspräsident Thierse "Hass und Gewalt sind im Osten stärker sichtbar"

Im sächsischen Clausnitz bepöbelt ein Mob Flüchtlinge, in Bautzen brennt eine geplante Asylunterkunft. Nun hat Wolfgang Thierse erklärt, warum ausgerechnet im Osten Hass und Gewalt gedeihen.

Wolfgang Thierse in Berlin (Archivbild 2013): "Radikale Umbrüche der vergangenen Jahre"
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Wolfgang Thierse in Berlin (Archivbild 2013): "Radikale Umbrüche der vergangenen Jahre"


Nach den jüngsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Sachsen hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Menschen im Osten als "empfänglicher für menschenfeindliche Botschaften" bezeichnet. "Hass und Gewalt sind im Osten stärker sichtbar und hörbar", sagte der SPD-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dies erkläre er sich mit den "radikalen Umbrüchen der vergangenen Jahre".

"Wer in den vergangenen 25 Jahren so viele Veränderungen überstehen musste, ist offensichtlich weniger gefestigt in seinen demokratischen und moralischen Überzeugungen", sagte Thierse. Er war von 1998 bis 2005 Bundestagspräsident und von 2005 bis 2013 Vizepräsident.

Er bezog sich mit seinen Äußerungen auf zwei Vorfälle der vergangenen Tage.

  • Am Donnerstagabend hatte sich im sächsischen Clausnitz ein fremdenfeindlicher Mob vor einem Flüchtlingsheim versammelt. Die Teilnehmer der Demonstration grölten "Wir sind das Volk" und versuchten, die Ankunft der Asylbewerber mit einer Blockade zu verhindern. Bildaufnahmen zeigen, wie verängstigt die Menschen in dem Bus sind und wie die Polizei die Flüchtlinge teils mit körperlicher Gewalt zum Aussteigen zwingt.
  • In der Nacht zu Sonntag brannte im sächsischen Bautzen eine geplante Flüchtlingunterkunft, die Ermittler gehen von Brandstiftung aus.

Neben Thierse haben sich auch zahlreiche weitere Politiker zu den jüngsten Vorfällen in Sachsen geäußert. Hier lesen Sie die Reaktionen in Zitaten:

"In Bautzen und Clausnitz ist die Integration mancher Deutscher in unsere Leitkultur, die für Humanität, Respekt und Anstand steht, gescheitert." (Armin Laschet, Stellvertretender CDU-Vorsitzender, in der "Welt").

"Wer unverhohlen Beifall klatscht, wenn Häuser brennen, und wer Flüchtlinge zu Tode ängstigt, handelt abscheulich und widerlich." (Justizminister Heiko Maas, SPD, auf Twitter)

"Es ist unerträglich, wie offen und respektlos der Hass auf Ausländer zur Schau getragen wird. Wir stehen vor einer großen gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, diesen Hass aus den Köpfen der Menschen zu bekommen." (Sachsens Innenminister Markus Ulbig, CDU)

"Die menschenverachtenden Attacken gegen Flüchtlinge und deren Kinder sind völlig inakzeptabel. Ich schäme mich dafür, dass sich Deutschland von einer derart hässlichen Seite zeigt." (Thomas Oppermann, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag)

"Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher." (Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, CDU, zu Zeitungen der Funke Mediengruppe)

"Da läuft etwas sehr verkehrt in Sachsen. Ich bin entsetzt, dass es in Deutschland wieder zu Szenen kommt, in denen ein Mob applaudiert, weil ein Flüchtlingsheim brennt." (Aydan Özoguz, SPD, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung)

"In Deutschland darf jeder seine Ängste und Sorgen äußern - das gilt auch für politische Meinungen, die einem nicht gefallen. Aber es gibt eine Schwelle des Anstands und des Rechts, die nicht überschritten werden darf - und bei den Geschehnissen in Sachsen wurden diese Schwellen deutlich überschritten." (Innenminister Thomas de Maizière, CDU)

"Sachsen muss aufpassen, dass es sich nicht allmählich zu einer Art 'failed state' (einem gescheiterten Staat, Anm. d. Red.) in Sachen Rechtsextremismus entwickelt." (Burkhard Lischka, Innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, in der "Welt")

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aar/AFP

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