Frankfurter Buchmesse GROßE SONNE
Die Helden der neueren deutschen Literatur sind gerne seltsam. Patrick Süskinds Monsieur Grenouille ("Das Parfum") erschnüffelt den Sinn der Welt - ein olfaktorisches Faktotum. Der skurrile Nordpol-Erkunder John Franklin macht bei Sten Nadolny »Die Entdeckung der Langsamkeit«. Und der anachronistische Lesewurm-Knabe Bastian rettet in Michael Endes »Unendlicher Geschichte« das Abendland vor dem vernichtenden Nichts massenmedialer Verblödung.
Alle diese sonderbaren Figuren stehen für die poetische Erkenntnis, dass die Welt mehr ist, als sich die kulturgängige Weisheit vom Vorherrschen der Gut-, Schön- und Starkmenschen träumen lässt.
Auch der Physiker David Mahler, Held des zweiten Romans, den der in Wien lebende Jungschriftsteller Daniel Kehlmann, 24, in diesem Bücherherbst vorlegt, ist aus dem Geschlecht der Unzeitgemäßen - und dies im wörtlichen Sinne.
Denn diesem David, einer, wie die Psychiater leichtfertig sagen würden, »Border-Line«-Persönlichkeit an der Grenze zum Psychotiker, widerfährt eine Entdeckung, die Raum und Zeit durcheinanderrüttelt: Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik stimmt nicht.
Das hätte gewaltige Konsequenzen: Denn wenn Daniel Recht hätte, würde sich das All nicht ständig weiter ausdehnen und würden alle Sonnen letztlich verglühen. Die Materie hätte ein anderes Ende, als unter dem Diktat der fortfließenden Zeit dermaleinst in differenzloser Verteilung im dunklen Raum zu wabern.
»Mahlers Zeit«, so der Romantitel, dieser Einspruch gegen die Thermodynamik, kommt dem Außerkraftsetzen der Vergänglichkeit gleich: Vergangen wäre nicht vergangen, morgen war gestern, was gewesen ist, kommt erst noch, die Zeit ist nicht mehr linear, sondern zyklisch.
Geschickt und mit einer kräftigen, unprätentiösen Sprache lässt der Autor seinen Helden nicht nur diese Entdeckung machen. Der Gang der Erzählung, die Beschreibungen der Orte revolutionieren sich gleichsam physikalisch: Für einen Moment erstarrt ein Tanklaster bewegungslos, ehe er zerschellt und eine Katastrophe auslöst. Im Gewittersturm drehen sich Straßen um sich selbst. Schon erzählte Beschreibungen drängen plötzlich wieder ins Geschehen, nur dass es nun andere Personen sind, die sie bemerken. Die Welt ist aus den Fugen.
Und in dieser aus allen chronologischen Gewissheiten gefallenen Erzählung wird die Tragödie eines Hochbegabten sichtbar: Dieser David Mahler war ein zu dickes Kind mit einer enormen mathematischen Begabung, bestimmt für lebenslange und selbstgewählte Einsamkeit.
Der Fußballtrainer sortiert den Knaben aus der Mannschaft, die Eltern können mit David so wenig anfangen wie die Schule oder später die Universität oder seine Freundin - der Mann ist zu seltsam.
Die Schwester wurde von einer Kehrmaschine erfasst und zerstückelt - eigentlich eine traumatische Erfahrung, die David mit Trauerarbeit zu überwinden hätte, um den Verlust zu besiegeln.
Doch in der (thermo-)dynamisch gewendeten Seele geht es anders herum: Die Schwester wird zum Symbol für Zukunft, die Toten stehen auf. David sehnt sich nicht nach psychologischem Verständnis, er ist von seiner physikalischen Theorie besessen. Sie bestimmt sein Leben, und nur ein Nobelpreisträger kann seine Entdeckung würdigen.
Wie hier der geniale und dem Herztod entgegentreibende Held den geheimnisvollen Meister verfehlt, gehört zum furiosen Finale des Romans: Da wird die Sonne immer größer und die Landschaft um den Sterbenden immer irrealer - die Physik spielt erbarmungslos Ball mit den Menschen.
Unter den vielen merkwürdigen Helden der neueren deutschen Literaturgeschichte ist David Mahler einer der sonderbarsten. NIKOLAUS VON FESTENBERG
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Daniel Kehlmann: Mahlers Zeit Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 160 Seiten; 29,80 Mark.