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Beckenbauer-Äußerungen zu Katar: Kaiserschmarrn

Ein Kommentar von

Lange konnte man Franz Beckenbauers Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen Problemen als Folklore verharmlosen. Doch seine Thesen zur WM in Katar zeigen: In der Welt des Fußballkaisers ist alles einfach. In diesem Fall zu einfach.

Beckenbauer, der Kaiser: Ja freilich. Warum nicht? Zur Großansicht
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Beckenbauer, der Kaiser: Ja freilich. Warum nicht?

Franz Beckenbauer ist ein Meister darin, komplizierte Sachverhalte auf einfache Formeln zu reduzieren. "Geht's raus und spielt's Fußball", soll er der deutschen Nationalmannschaft in seiner Funktion als Teamchef bei der Weltmeisterschaft 1990 mit auf den Weg gegeben haben. Auch zu den Problemen in Katar, dem WM-Gastgeberland 2022, hat Beckenbauer simple Lösungen auf Lager. Er offenbarte sie im Interview mit der Zeitung "Welt".

In welcher Jahreszeit das Turnier stattfinden solle? Egal; das Geld des Emir wird´s schon richten.
Wie die nationalen Ligen auf die Terminschwierigkeiten im Falle einer Winter-WM reagieren sollten? Einfach ein bisschen anders spielen.
Und wem das alles nicht gefalle? Soll halt zu Hause bleiben.

In der Welt des Fußballkaisers ist alles einfach. Im Falle von Katar aber: zu einfach. Beckenbauer beweist mit seinen Thesen zur WM im Emirat, dass ihm das Bewusstsein für Probleme abseits des Spielfelds fehlt.

Mit einer bemerkenswerten Beiläufigkeit verwirft er - erstens - die medizinischen Bedenken, die es gegen eine Weltmeisterschaft im Wüstensommer gibt. Dass - zweitens - die Wintersportverbände gegen die Idee einer Winter-WM rebellieren, ist für Beckenbauer ebenfalls kein Thema. Der Kaiser interessiert sich nicht für die Sorgen des Fußvolks.

Beckenbauers Welt ist eindimensional: Eine Fußball-WM ist eine Fußball-WM. Dass eine solche Veranstaltung immer auch - und im Falle des Turniers in Katar ganz besonders - eine politische und gesellschaftliche Ebene hat, will er nicht wahrnehmen. Wenn Beckenbauer im Gastgeberland der WM 2022 keine Zwangsarbeiter sieht, wie er neulich sagte, dann gibt es aus seiner Sicht auch keine. Die Berichte über Hunderte Tote auf den Stadionbaustellen scheint er zu ignorieren. Das mag damit zusammenhängen, dass Beckenbauer ein Mitglied der luftdicht versiegelten Fußballwelt ist. Er war Mitglied im Fifa-Exekutivkomitee, ist außerdem als Experte beim Bezahlfernsehen Teil des WM-Betriebs.

Im Gespräch mit der "Welt" ging es auch um die Olympischen Spiele in Sotschi - auch ein Sportevent, das sich nicht von politischen Hintergründen trennen lässt. Ob er guten Gewissens nach Sotschi reisen werde, wurde Beckenbauer gefragt. Ja freilich. Warum nicht?

Beckenbauers Ignoranz hat man ihm lange verziehen angesichts seiner Verdienste um den deutschen Fußball und weil er nun einmal der Kaiser ist. Beim FC Bayern wurde er zur Legende, er führte die Nationalmannschaft zu zwei Weltmeister-Titeln - 1974 als Kapitän, 1990 als Teamchef - und schenkte dem Land 2006 ein Sommermärchen. So jemand kann sich die eine oder andere Verfehlung erlauben.

Mit seinen Thesen zu Katar zeigt Beckenbauer seine Scheuklappenmentalität und beschädigt sich selbst, eine Figur, deren Bedeutung weit über den Sport hinausreicht. Er ist nicht nur Ehrenpräsident des FC Bayern und Ehrenspielführer der Nationalmannschaft - mehrere Bundesländer haben ihm Verdienstorden angeheftet, außerdem ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes. "Der gefühlte Präsident" - so nannte ihn einmal die "Süddeutsche Zeitung". Beckenbauer ist eine Lichtgestalt. Doch das Licht verglimmt.

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