Fall Peggy Knobloch So aussagekräftig sind Genanalysen

BKA-Chef Münch bestätigt den Zusammenhang zwischen zwei spektakulären Kriminalfällen - dem Mord an Peggy und dem NSU. Dabei stützt er sich auf eine DNA-Spur. Doch was ist das genau?

Untersuchung in einem kriminaltechnischen Institut
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Untersuchung in einem kriminaltechnischen Institut

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Es ist eine Spur, die zwei Kriminalfälle zueinander bringt, die noch bis vor Kurzem nichts miteinander zu tun hatten: In der Nähe des Fundortes der im Jahr 2001 verschwundenen Peggy Knobloch haben Ermittler ein kleines Stück Stoff gefunden, auf dem eine DNA-Spur des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt nachgewiesen werden konnte.

Der am Waldboden gefundene Stofffetzen könnte von einer Decke stammen - doch die Details sind bislang unklar. Er lag nicht unmittelbar neben dem Skelett und wurde auch erst bei einer späteren Untersuchung des Tatorts entdeckt. Doch die Ergebnisse der Genanalyse scheinen eindeutig: Böhnhardts genetischer Fingerabdruck - oder zumindest Teile davon - sind auf dem Material zu finden. Was wird bei solchen Genanalysen genau untersucht und welche Aussagen lassen sie zu:

Was genau ist ein genetischer Fingerabdruck?

Für einen forensischen DNA-Test wird nicht das komplette menschliche Erbgut analysiert. Das wäre viel zu aufwendig und würde zu lange dauern. Stattdessen werden in einem standardisierten Verfahren ausgewählte Orte im Genom untersucht. Sie stammen aus dem sogenannten nicht codierenden Bereich des Erbguts - damit aus Datenschutzgründen keine Rückschlüsse auf persönliche Merkmale oder Aussehen des Spurenverursachers möglich sind.

Über die Jahre ist die Zahl der bei der Analyse betrachteten Genabschnitte gestiegen. Zunächst basierte die Auswertung in Deutschland auf fünf Merkmalen, später waren es acht, mittlerweile sind es 16. "Wenn diese 16 Merkmale bei einer Probe identisch sind zu denen in einer anderen Probe, gibt es statistisch keine Irrtumsmöglichkeiten", sagt Bernd Brinkmann, Chef des Instituts für Forensische Genetik in Münster - und schränkt ein: "außer bei eineiigen Zwillingen."

Wie viel genetisches Material braucht man für eine Analyse?

Jede Körperzelle eines Menschen enthält sein gesamtes genetisches Material. Dennoch sind nach Auskunft von Experten für eine Analyse normalerweise mindestens zehn kernhaltige Zellen nötig - mehr sind im Zweifelsfall immer besser. Das DNA-Material kann nämlich durch Umwelteinflüsse leicht Schaden nehmen. Feuchtigkeit, Sauerstoff, UV-Licht reichen schon.

Deswegen ist es auch relevant, welche Art von Spur Ermittler an einem Tatort finden. In Hautschuppen oder Haaren ist nach einiger Zeit oft nur noch sehr fragmentiertes Genmaterial zu bekommen. Besser sieht es normalerweise bei Blut- und vor allem Spermaspuren aus, wo die Chancen auf das Vorhandensein von genug Genmaterial besser sind. Durchgeführt werden die Analysen in Deutschland übrigens von rund 30 Rechtsmedizinischen Instituten, den Landeskriminalämtern und einer Handvoll von den Behörden beauftragten Privatlabors.

Kann eine Verunreinigung im Labor schuld daran sein, dass Böhnhardts DNA nun im Fall Peggy auftaucht?

Da sowohl die sterblichen Überreste des NSU-Terroristen (im November 2011) als auch die des Mädchens Peggy Knobloch (im Juli 2016) in der Rechtsmedizin Jena untersucht wurden, wurde die Frage einer möglichen Verunreinigung diskutiert.

Das Institut für Rechtsmedizin in Jena verweist allerdings darauf, dass die Untersuchung der gesicherten Spuren im Fall Peggy, also auch des Stofffetzens, nicht dort stattgefunden habe: "Insofern ist eine etwaige zufällige Übertragung von DNA zwischen beiden Fällen durch das Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Jena ausgeschlossen." Auch der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, erklärte, sein Haus habe aktuell keine Hinweise auf eine Verunreinigung oder Verwechslung der DNA-Probe.

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Tod eines Mädchens: Der Fall Peggy Knobloch

"Es gibt mehrere Möglichkeiten der Verunreinigung", sagt wiederum der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel aus Bayreuth. Details nennt er aber vorerst nicht. "Wir wollen den Weg der Spur genau und sicher überprüfen", so der Ermittler.

Der seit 2009 emeritierte Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger aus München sagt: "Wenn man betrachtet, welche Sicherheitsvorkehrungen betrieben werden, ist man sprachlos über die aktuellen Meldungen und tappt völlig im Dunkeln." Der Experte ist skeptisch, dass eine Verunreinigung die beiden Fälle miteinander verknüpft hat.

Denn in DNA-Analyselabors gelten strenge Regeln, um Kontaminationen zu vermeiden. Gerade eine Expertin aus Jena hatte beim letzten Branchentreffen einen vielbeachteten Vortrag zum Thema gehalten, wie sich der Transfer von Genmaterial von einer zur anderen Probe im Labor verhindern lässt. "Natürlich ist nichts unmöglich", so Eisenmenger. "Aber mir fehlt die Fantasie zu erklären, wie es dazu hätte kommen sollen."

Eine Panne lässt sich im Grundsatz nie ausschließen - so hatten verunreinigte Wattestäbchen zur Abnahme des Genmaterials Ermittler jahrelang nach einer Kriminellen suchen lassen, die es gar nicht gab. Eisenmenger verweist aber darauf, dass das Problem hier bei der Polizei und nicht bei den Rechtsmedizinern aufgetreten sei.

Wo werden DNA-Spuren gespeichert?

DNA-Profile werden in Deutschland zentral gespeichert - und zwar in der vom Bundeskriminalamt betriebenen DNA-Analysedatei, kurz DAD. Zugriff haben alle Polizeibehörden über das zentrale Informationssystems der Polizei (Inpol). In der Datenbank waren zum Ende des dritten Quartals 2016 genau 1.161.304 Datensätze registriert.

Die Zahl setzt sich zusammen aus 861.641 genetischen Fingerabdrücken von Menschen, deren Identität bekannt ist ("Personendatensätze") und 299.663 Tatortspuren unbekannter Herkunft ("Spurendatensätze"). Personendatensätze kommen von Beschuldigten und Verurteilten. Wer freiwillig bei einem Massengentest mitmacht, kommt nicht in die Datenbank. Dessen Profil wird nur mit der entsprechenden Tatortspur verglichen.

Pro Monat kommen etwa 8300 Datensätze in der Datei dazu. Gelöscht werden können Daten auch. Das wird im Fall von Erwachsenen nach zehn Jahren geprüft, im Fall von Jugendlichen nach fünf Jahren.

Welche Erfolge gab es durch den Einsatz der DNA-Datenbank?

Das Bundeskriminalamt rechnet vor, dass es seit Start der DNA-Analysedatei immerhin 181.674-mal geklappt hat, eine Tatortspur einer Person zuzuordnen - und damit "vermutlich" eine Tat aufzuklären, wie die Behörde schreibt. Die übergroße Zahl von Treffern betraf Diebstahlsdelikte, bei denen es 142.002 DNA-Treffer gab. Im Bereich Raub und Erpressung waren es 11.839, bei den Straftaten gegen das Leben gab es 1982 Übereinstimmungen.

Welche DNA-Spuren sind bisher aus den NSU-Ermittlungen bekannt?

An keinem der 27 Tatorte des NSU haben Ermittler eine DNA-Spur von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos oder Beate Zschäpe finden können - dafür allerdings zahlreiche andere Spuren, die bisher nicht zugeordnet werden konnten. Auch an den Tatwaffen ließ sich kein Genmaterial der Terroristen nachweisen.

Carsten Proff, DNA-Experte beim Bundeskriminalamt, nannte das im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags "ungewöhnlich". Womöglich sei die Sache aber trotzdem erklärbar: Die NSU-Mitglieder könnten Handschuhe, Masken und Sturmhauben eingesetzt haben, so Proff. Man müsse sich aber sehr anstrengen und extrem vorsichtig sein, um gar keine Spuren zu hinterlassen.

Verwertbare DNA-Rückstände gab es dagegen im Schutt der ausgebrannten, von dem Terrortrio genutzten Wohnung in Zwickau. Auch in dem Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt und Mundlos töteten, wurden Genspuren gefunden. In der Wohnung und im Wohnmobil gab es auch Genmaterial von Beate Zschäpe - und von einer weiteren weiblichen Person. Das BKA hat aber inzwischen klargestellt, dass es keine DNA von Peggy Knobloch an Asservaten aus dem Wohnmobil nachweisbar ist.

Der Chef des NSU-Untersuchungsausschusses, Clemens Binninger (CDU), fordert in jedem Fall neue Untersuchungen der DNA-Spuren im Zusammenhang mit der NSU-Terrorserie: "Der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt müssen sich noch mal den vielen anonymen Spuren an den NSU-Tatorten widmen", sagte er.

Video: Spektakuläre Wende im Fall Peggy?

Mit Material von dpa

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