Berlinale-Bilanz Ganz schwacher Puls

Auch die würdigen Preisträger können nicht darüber hinwegtäuschen: Die Berlinale hat sich in eine Sackgasse manövriert, aus der sie nicht ohne Veränderungen herauskommt. Beginnen sollte man mit Festivalchef Dieter Kosslick.

Berlinale

Eine Bilanz von und


Im letzten Wettbewerbsfilm die Erlösung: Endlich eine Sexszene! Mit Brüsten, Schamhaaren, Stöhnen und Ejakulation. Hallelujah! Die Szene kommt in der Mitte des Beziehungsdramas "Ana, mon amour" von Calin Peter Netzer. Der rumänische Regisseur blickt in die intimsten Winkel der psychischen Ko-Abhängigkeit eines jungen Paares und schreckt nicht zurück, wenn er dort Ejakulat und Exkremente findet.

So eine Lebendigkeit, in den Figuren und in der Form, suchte man in diesem 67. Festivaljahrgang meist vergebens. Vielen der 18 Wettbewerbsfilme hätte man gern zwei Finger an den Hals gelegt, um zu spüren, ob sie noch einen Puls haben. Wer offensichtliche Vitalzeichen zeigte, wurde prompt mit einem Bären bedacht - allen voran die hinreißende Liebesgeschichte "Teströl és lélekröl" ("Körper und Seele") der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, die sehr verdient mit dem Goldenen Bären für den besten Film geehrt wurde.

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Berlinale 2017: Die Filme im Wettbewerb

Genauso aber auch Aki Kaurismäkis Tragikomödie "Toivon tuolla puolen" ("Die andere Seite der Hoffnung"), bei dem die Flüchtlingsintegration mit einem Hieb ins Gesicht beginnt (Silberner Bär für die beste Regie), Sebastián Lélios Drama "Una mujer fantástica" ("A Fantastic Woman"), in dem eine Transgender-Frau nach dem Tod ihres Geliebten schon wieder ein neues Leben aufbauen muss (Silberner Bär für das beste Drehbuch), und eben "Ana, mon amour", dessen Cutterin für die beste künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde. Allein das scharfe, grandios gespielte Kammerspiel "The Party" von Sally Potter, der große Publikumserfolg in diesem Wettbewerb, ging unverdientermaßen leer aus.

Nach der Hälfte geht die Puste aus

Der Großteil dieses Jahrgangs aber hatte einen viel zu niedrigen Ruhepuls, allen voran die drei deutschen Wettbewerber, Thomas Arslans Norwegen-Stagnation "Helle Nächte", Volker Schlöndorffs Altmänner-Exkulpierung "Rückkehr nach Montauk" und die andächtige Beuys-Doku von Andres Veiel. Viele Filme verloren nach einer leidlich spannenden ersten Hälfte komplett den Fokus, darunter das kongolesische Frauenschicksal "Felicité", Oren Movermans gesellschaftskritisches Psychospiel "The Dinner", der eigentlich charmante, letztlich aber verstolperte Vegetarier-Rachethriller "Pokot" ("Spoor") von Agnieszka Holland oder das sich in quälender Goldsuche im Hinterland verlierende Revoluzzer-Porträt "Joaquim" des Brasilianers Marcelo Gomes.

Symptomatisch für das Dahinsiechen des diesjährigen Wettbewerbs ist der Beitrag der Portugiesin Teresa Villaverde, einer renommierten Filmemacherin, die vor 20 Jahren mit ihrem Straßenkinder-Sozialdrama "Os Mutantes" weltweit schockierte und begeisterte. In ihrem Berlinale-Film "Colo" geht es erneut um Erwachsene, die an der Verantwortung für ihre Kinder scheitern. Erzählt wird das Auseinanderbrechen einer dreiköpfigen Familie, nachdem der Vater in der Wirtschaftskrise seinen Job verloren hatte: Der Mann spielt mit Suizidgedanken, die Teenagertochter fühlt sich vernachlässigt und ritzt sich, die Mutter versucht mit zwei Jobs und starken Nerven alles zusammenzuhalten - vergeblich.

Filmszene aus "Colo" mit Alice Albergaria Borges und Joao Pedro Va
Berlinale/ Alce Filmes

Filmszene aus "Colo" mit Alice Albergaria Borges und Joao Pedro Va

Es ergeben sich empörende neue Konstellationen, die weit über das tradierte Dogma des Familienzusammenhalts in Krisenzeiten hinausdeuten. Aber Villaverde inszeniert diesen vielleicht dringlichsten Stoff der gesamten Berlinale in lethargisch langen Einstellungen und mit einer verschleppten Dramaturgie, die dem Film fast sein gesamtes Energiepotenzial entzieht. Die Krise, ein langsamer, melancholischer Fluss, dessen Lauf im Nirgendwo endet.

Bewegte Zeiten rufen nicht automatisch nach bewegtem Kino, im Gegenteil: In der Vielfalt der Tonalitäten, der thematischen Zugänge, der filmischen Logiken liegt die politische Kraft des Kinos - weil es so zeigt, dass es immer Alternativen gibt, im Denken, im Fühlen, im Sehen, im Handeln. In ihrer Eintönigkeit scheiterte die Berlinale an ihrem Anspruch, ein politisches Festival zu sein, in diesem Jahr deshalb noch grundlegender als sonst.

Der richtige Film, nur falsch geparkt

Was also anders machen? Wie das Publikum wach halten, den Puls hochtreiben? Das Ärgerliche in diesem Jahr war auch, dass die Alternativen im Festival selbst zu finden waren - buchstäblich naheliegend sogar im deutschen Kino.

Nicolaus Wackerbarths Spielfilm "Casting" über den Entstehungsprozess eines TV-Remakes vom Fassbinder-Klassiker "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" zum Beispiel hatte schlicht Format: eine feine Grundidee (was kann das deutsche Fernsehen heute noch mit jemand so Radikalem wie Fassbinder anfangen?) mit den richtigen Mitteln (der Film wurde größtenteils improvisiert) und den richtigen Schauspielern (allen voran Andreas Lust und Andrea Sawatzki) umgesetzt in etwas, das meta und lebendig zugleich war. Dass "Casting" in der Sektion Forum falsch geparkt war, dort aber trotzdem der interessanteste Film war, sagt etwas über die ganz eigenen Probleme aus, die die Sektion in diesem Jahr hatte.

Filmszene aus "Casting" mit Nicole Marischka, Ursina Lardi und Milena Dreissig
Berlinale

Filmszene aus "Casting" mit Nicole Marischka, Ursina Lardi und Milena Dreissig

Genauso hätte Jakob Lass' "Tiger Girl" über zwei junge Frauen, die der Welt eine reinhauen wollen, dem Wettbewerb eine Energie injiziert, aus der sich zahllose Diskussionen hätten speisen können - wie Gewalt in diesem Film funktioniert, wie viel männliches Wunschdenken in den Frauenfiguren steckt. Und es hätte mit Jakob Lass dem internationalen Publikum (und wahrscheinlich auch dem nationalen, denn Lass' Debütfilm "Love Steaks" haben hierzulande viel zu wenige Menschen gesehen) einen Filmemacher vorgestellt, dessen Handschrift einerseits schon unverwechselbar ist, sich andererseits aber noch entwickelt.

Solche Filmemacher und Filmemacherinnen zu entdecken und sie dann dem Publikum zum Selbstentdecken anzubieten, ist die wohl schönste Aufgabe, die sich ein Festival stellen kann - und auch die dankbarste, denn es sind die Entdeckungen, gemeinsam im Dunkel des Kinos gemacht, die ein Festival unvergesslich machen und von denen man noch lange nach den zehn aufgeregten Tagen im Februar spricht.

Gesund schrumpfen

So gesehen kamen allein die Reihen Perspektive deutsches Kino und Generation ihrem Entdeckungsauftrag nach. Wer Julian Radlmaiers verschmitzte Satire "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" (Perspektive) gesehen hat, wird schon jetzt mit den Füßen (oder Pfoten) scharren, wann sein nächster Film kommt. Und genauso hofft man darauf, dass Neil Triffet ("EMO The Musical"), Dash Shaw ("My Entire High School Sinking Into The Sea") sowie Mathieu Denis und Simon Lavoie ("Ceux qui font les révolution…", alle aus der Sektion Generation) in zwei Jahren mit ihren nächsten Filmen vor der Tür stehen.

Es sind also nicht Prominente, die für die Relevanz eines Festivals sorgen, sondern das klare künstlerische Profil. Statt weiterhin zu versuchen, große Namen und große Themen auf den roten Teppich zu holen, sollte sich das Festival gesund schrumpfen, indem es junges, radikales und wuchtiges Kino aus den Sektionen in den Wettbewerb zieht. Die Nebenreihen würden kleiner, aber vielleicht auch fokussierter. Mit Glück und einer beherzten Kuratierung könnte die Berlinale so auch wieder zu einem Gesprächsthema außerhalb der Festivalblase werden.

Ob das mit der jetzigen Festivalleitung aber zu schaffen ist, ist fraglich. Bei der Eröffnungsfeier sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick vor versammeltem Premierenpublikum, dass er nicht mehr ins Kino gehe, weil ihn andere Zuschauer meist störten. Er habe ja zum Glück sein Privatkino. Das sollte lustig sein, ging aber daneben. Denn gerade das Publikumsfestival Berlinale sollte von jemandem geleitet werden, der oder die vor dem Kino nicht zurückschreckt - vor dem Kino als Raum, in dem Platz für andere Meinungen, andere Visionen, schlicht: andere Menschen ist.

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Bärenvergabe: Prämierte Liebe im Schlachthaus


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