»Fall fürs Sprengkommando«
Nur der Papst war noch nicht in Bitterfeld. Alle anderen, Wichtige und Wichtigtuer, haben den Ausflug in die Chemieregion absolviert, pflichtgemäß und naserümpfend.
Aus Brüssel eilte Jacques Delors, Präsident der EG-Kommission, in das ökologische Notstandsgebiet, aus Amerika kam Demokrat Michael Dukakis gejettet. Der Kanzler und sein halbes Kabinett haben die Kloake von Filmfabrik und Chemie AG beschnuppert. Außenminister Hans-Dietrich Genscher war schon dreimal da.
Greenpeace-Mannen paddelten protestierend über den örtlichen Schwermetall-See. Schriftsteller Günter Graß und Blödel-Barde Jürgen von der Lippe bezeugten den Bitterfeldern ihre »tiefe Betroffenheit«. Die US-Schauspielerin und Vorturntante Jane Fonda streifte eigens ihre Aerobic-Leggings ab, um in Gummistiefeln durch den deutschen Chemieschlick zu stapfen. Keiner erschauerte so schön wie sie.
Die Einheimischen haben für die Ausflügler aus der heilen Welt nur Spott übrig. »Stinketour« nennen sie die Route der Prominenten. Die Gaffer werden als »Trümmer-Touristen« veralbert.
Investoren wären den Bitterfelder Bürgern lieber. Doch die Manager der meisten Westkonzerne winkten angewidert ab. Der Industriestandort zwischen der Autobahn Leipzig-Berlin und der Dübener Heide ist ausgepowert wie kein zweiter in Europa. Die Chemieindustrie hat sich hier selbst vergiftet. Zuerst krepierte die Natur, jetzt sterben die Arbeitsplätze.
Zwei Drittel der Produktion sind bereits stillgelegt. Das Aluminiumwerk, die Chemiefaserherstellung und mehrere Chlorfabriken wurden über Nacht zu Industrieruinen. »Der größte Teil unserer Chemie«, sagt Hans Zimmermann, Umweltsprecher der Kreis-CDU, »ist ein Fall fürs Sprengkommando.«
Am Kraftwerk-Süd der Chemie AG hat die Demontage begonnen. Von jahrzehntelanger Schinderei erlöst, sacken Silos und Schlote in sich zusammen, kaum daß die Abrißbirne sie berührt. Das Kesselhaus III, dessen Gemäuer nur noch Rost und Vogelkot zusammenhalten, ist als nächstes dran. Die Bussarde werden ihren Nistplatz verlieren.
Die Werktätigen bestaunen das Abrißwerk. Einer zuckt die Achseln. Die anderen schweigen. Von Aufruhr keine Rede. »Demonstrieren bringt uns nicht weiter«, sagt der Betriebsratsvorsitzende Konrad Pagels, 53.
Ein Sanierungskonzept müsse her und Geld, schnell soll es gehen und »mit aller Macht«. Pagels spricht so leise, daß es wie die Bitte um Gnade klingt.
Von den ehemals über 100 000 Beschäftigten der drei wichtigsten Arbeitgeber - Chemie AG, Filmfabrik Wolfen AG und Vereinigte Mitteldeutsche Braunkohlenwerke AG - stehen vom Jahresende an noch 37 500 auf den Lohnlisten (siehe Grafik Seite 70). Und auch deren Jobs sind größtenteils überflüssig.
Von 1994 an sollen nur noch rund 15 000 Werktätige in den drei Stammbetrieben arbeiten. Selbst diese Resttruppe behält ihren Arbeitsplatz nur dann, wenn ein Großinvestor sich ihrer annimmt. Die Chancen stehen schlecht.
Für verseuchte Böden und Bürogebäude ist kein Westkonzern zu begeistern. Die Manager des Leverkusener Filmherstellers Agfa eilten im Sauseschritt durch die Hallen der Filmfabrik Wolfen, ihres einstigen Stammbetriebes. Nostalgie mochte nicht aufkommen. Die Herren verabschiedeten sich auf Nimmerwiedersehen.
Der Belgier Pol Bamelis, im Vorstand der Bayer AG für Technik und Investitionen zuständig, beguckte sich das ehemalige Chemiekombinat. Unter den 3000 dort produzierten Grundchemikalien (DDR-Spott: »Wir sind die Apotheke des Sozialismus") konnte er nichts Brauchbares entdecken. »Wir wollen uns mit unseren Produkten doch nicht rückwärts entwickeln«, ließ er einen Firmensprecher verkünden.
Die Chemieindustrie der Ex-DDR ist bis in die Fundamente zerstört. »Unter einer rein betriebswirtschaftlichen Perspektive«, schrieben die in Treuhand-Auftrag nach Bitterfeld gereisten Unternehmensberater der Firma Arthur D. Little in ihr Gutachten, »ist eine Fortführung der Chemie AG nicht gerechtfertigt.«
In den anderen Großbetrieben der Ost-Chemie, 30 Autominuten von Bitterfeld entfernt, sieht es nicht besser aus. Die auf Petrochemie spezialisierte Leuna-Werke AG (einst 30 173 Beschäftigte) und der Kunststoffproduzent Buna AG (einst 27 720 Beschäftigte) sind ebenfalls unrentabel. »Aus betriebswirtschaftlicher Sicht«, sagen gleichlautend die Berater Arthur D. Little und McKinsey, »sind die Standorte nicht haltbar.«
Niemand wagt die brutale Erkenntnis offen zu verkünden. Die Vorstände nicht und auch nicht der Eigentümer Treuhand.
Seit der Kanzler die Ökonomen mit einer Bestandsgarantie für den Standort Bitterfeld überraschte, sind in der Chemieregion die Gesetze der Betriebswirtschaft vollends außer Kraft gesetzt. Das Lamento von FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff über »die großen Schweifträger, die dort rüberfahren und den Leuten Gott und die Welt versprechen«, ändert daran nichts.
Die Chemieregion wird mit Subventionen narkotisiert. Das Sterben des Standortes Bitterfeld wird damit nicht verhindert, nur verzögert. »Am Ende«, sagt ein Vorstandsmitglied der Treuhand, »wird wahrscheinlich nicht mal der industrielle Kern übrigbleiben.«
Für den Braunkohle-Produzenten Mibrag gibt es bis heute keinen Interessenten. In der Filmfabrik stecken die Verkaufsgespräche mit den US-Firmen Ilford und International Paper in der Sackgasse. Nur Mini-Teile der Chemie AG sind privatisierbar.
Die Restbelegschaften in den Restbetrieben arbeiten dennoch munter weiter. Sie produzieren vor allem eines, Verluste in Millionenhöhe. Verkauft die Chemie AG Ware im Wert von 100 Millionen Mark, muß der Staat 38 Millionen draufzahlen. Zu den tatsächlichen Produktionskosten sind die Chemikalien unverkäuflich.
Die Erlöse der Filmfabrik Wolfen decken die Herstellungskosten nur zur Hälfte. Trotz Subvention ist der neue Farbfilm QRS 100 (Werbeslogan: »Ein scharfes Stück Film") im Westen nicht loszuschlagen. Im Lager herrscht Enge.
»Das Geld für die Entwicklung des neuen Farbfilms«, sagt Klaus Schucht, im Treuhand-Vorstand für die Chemie zuständig, »hätte man auch in den Schornstein stecken können.« Treuhand-Neuling Schucht hat das Investment nicht zu verantworten.
Weil die Chemie stirbt, kränkelt auch der Kohlebergbau. Die 20 Tagebaue, die das Bitterfelder Land in eine Kraterlandschaft verwandelt haben, lieferten bis zur Wende die Energie für die Chemieproduktion. Heute sind die Kraftwerke größtenteils dicht.
Die Kohleförderung der Mitteldeutschen Braunkohlenwerke AG (Mibrag) schrumpft l991 auf 55 Millionen Tonnen, im Vergleich zur Honecker-Zeit eine Halbierung.
Mit jeder weiteren Schließung von Chemieanlagen reduziert sich die Fördermenge. Künftig werden höchstens zwei Tagebaue gebraucht. Von den einst 58 000 Bergleuten bleiben maximal 8000 übrig. Fürs Feuern ist im Mibrag-Vorstand der Westler Willi Wessel zuständig. Der Mann versteht sein Handwerk. Er war 17 Jahre lang Betriebsdirektor der Ruhrkohle AG.
Im Schummerlicht des Mibrag-Gästehauses schlägt der 54jährige die Schlacht, die im Ruhrpott schon vor Jahren verlorenging. Er wettert gegen die billige Importkohle, beschwört die nationale Energiereserve, fordert den Beistand der Politik. Nur die Worte »unsere deutsche Steinkohle« hat er ausgewechselt gegen »unsere Braunkohle aus Mitteldeutschland«.
Im Alltagsgeschäft ist Wessel Realist. Er hat alles gekappt, was dem Bitterfelder Kumpel heilig war. Die Werksbusse sind verkauft, die Ferienheime geschlossen, der monatliche Freischnaps, ein Liter Nordhäuser Doppelkorn im Sommer, zwei Liter im Winter, wurde abgeschafft.
Die Grube Goitsche, ein 60 Quadratkilometer großer Tagebau im Bitterfelder Osten, wurde von Wessel in einen ABM-Betrieb umfunktioniert. Für die knapp tausend Bergleute zahlt jetzt die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit.
In der ABM-Grube bleibt die Kohle unberührt, nur Sand und Schotter werden noch bewegt. Jene Steilhänge, die Straßen und Häuser zum Rutschen brachten, werden abgeflacht. Köche und Kumpel bepflanzen die Böschung mit Bäumchen. Spöttisch wird das Kürzel »ABM« als »Arbeiten bis mittags« übersetzt.
Wer in der Grube Goitsche mit »Glück auf« grüßt, macht sich unbeliebt. »Wir sind keine Bergleute mehr«, sagt barsch der Fahrer von Kran 1060. Es klingt, als habe man ihn kastriert.
Im SED-Staat waren die Bergleute Volkshelden. »Im Winter haben wir stündlich nach Ost-Berlin rapportiert«, berichtet stolz der Tagebaudirektor. Im neuen Deutschland taugen sie nur noch als Folklore. Im Tagebau Goitsche veranstaltet die AOK Bitterfeld neuerdings ihren Volkswandertag.
Die Treuhand-Zentrale schaut dem Niedergang der Region ratlos zu. Sie soll sanieren, was nicht zu sanieren ist. Monatelang ließ Vorständler Schucht, früher Chef der Ruhrkohle Westfalen AG, seine Experten alle Varianten durchrechnen. Die Zahlen wurden und wurden nicht schöner.
Rund 14 Milliarden Mark, so das Ergebnis, sind bis 1995 notwendig, nur um laufende Verluste auszugleichen, Altschulden zu tilgen und die nötigsten Investitionen zu tätigen. Das ist mehr Geld, als Deutschlands größter Chemiekonzern, die BASF, in den letzten zwei Jahrzehnten verdient hat.
Das Fatale: Die Alternativrechnung sieht nicht besser aus. Stillegung und Abriß der kontaminierten Werke sind genauso teuer.
Die Treuhand entschied sich für den Mittelweg: ein bißchen stillegen, ein bißchen weiterproduzieren. »Die alte Struktur«, schimpft Cord Schwartau vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, »wird auf einem 20-Prozent-Niveau konserviert.«
Das Niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung vermißt eine »Neuorientierung der Produktpalette«. Das Sammelsurium einfacher Grundchemikalien sei »nicht zukunftsweisend«.
Doch schon für das Konservierungskonzept fehlt der Treuhand das Geld. Weil die Verluste aller Chemieunternehmen 1991 höher ausfallen als von den Experten prognostiziert, wird bei den Investitionen gespart. Die Konkurrenzfähigkeit sinkt weiter.
Der verhängnisvolle Kreislauf, den Ex-Genossen der Ex-Kombinate bestens in Erinnerung, bleibt in Gang. Dieter Raschke vom Vorstand der Chemie AG, ehemals SED-Leitungskader, nimmt es heute so gelassen wie damals: »Uns fehlt halt ein schlüssiges Finanzierungskonzept.«
Von nächster Woche an steht die Abrißfirma Hansa-Chemie GmbH, die erst Mitte März von 22 Ingenieuren der kombinatseigenen Aufbauabteilung gegründet worden war, ohne Aufträge da. Das stillgelegte Aluminiumwerk I, die schrottreifen Elektrolysehallen und die Düngemittelproduktion sollten eigentlich noch in diesem Jahr weggebaggert werden. Daraus wird nichts mehr. Dem Auftraggeber Chemie AG fehlt Bares.
Statt der geplanten zehn Millionen Mark Umsatz kamen bei Hansa im ersten Halbjahr nur knapp zwei Millionen Mark zusammen. Von Gewinn kann keine Rede sein. Selbst die Abrißbirne für den Kran ist geliehen.
Solange die Werksareale nicht vom Industrieschrott der SED-Ära befreit sind, findet Industrieansiedlung nicht statt. Der Traum vom Industriepark, im Osten gerade groß in Mode, ist nirgendwo so irreal wie in Bitterfeld.
Immer montags um 10 Uhr lädt Walter Keddi, Vorstandsmitglied der Filmfabrik Wolfen, seine Direktoren und Abteilungsleiter zur »Standortberatung«. Welche Fläche ist brauchbar? Welche Firma zieht wohin? Die 20köpfige Runde, seit der Wende bunt beschlipst, ist ein Treffen der Ratlosen.
Keddi möchte den Südzipfel des Firmenareals an einen Mittelständler vergeben. »Spricht irgendwas dagegen?« fragt er ahnungslos.
»Da liegt die Erdgasleitung«, sagt einer. Keddi erwidert, die müsse doch sowieso raus.
»Da liegt die Hochstrom-Trasse«, nörgelt ein anderer. Die sei doch längst tot, meint Keddi. Weitere Zweifel?
Und ob. Der Umweltbeauftragte des Werkes ist erregt. Die Häuser auf dem Gelände seien kontaminiert. »Das genehmigt uns keine Behörde«, ruft er in die Runde. Selbst die Straßen seien verseucht, alles ein Fall für die Sanierung.
Keddi gibt klein bei. Das Thema ist auf nächsten Montag vertagt.
In Bitterfeld sind ansiedlungswillige Unternehmen rar. »Nur die Beerdigungsinstitute«, beobachtete Landrat Reinhard Thiel, 40, »schießen wie Pilze aus dem Boden.«
Die meisten Firmen aus dem Westen gehören zur Branche der Abriß- oder Recycling-Spezialisten. Sie werben an jeder Straßenecke für ihren tristen Service. Wie die Aasgeier warten sie darauf, den Industriestandort Bitterfeld endlich zu verschrotten.
Fünf Milliarden Mark will die westdeutsche Chemieindustrie in den nächsten Jahren im Osten investieren. Nur ein Zehntel der Summe fließt nach Bitterfeld.
Von den Großen der Branche ist die Bayer AG als einzige bereit, in der Katastrophenstadt ein neues Werk zu errichten. Gedrängt vom Kanzler, gelockt von den Fördergeldern. Mindestens 33 Prozent der 500-Millionen-Investition zahlt der Staat.
Auf unbebautem Grünland, dicht neben der Gemeinde Greppin, will der Leverkusener Konzern eine Fabrik für die Herstellung von Kosmetika, Lackharzen und Arzneimitteln bauen. Die Anwohner sind empört. »Arbeitsplätze sollen geschaffen werden«, sagt Anke Hendler, die Sprecherin der Betroffenen, »aber nicht wieder zu Lasten von Natur und Umwelt.«
Bayer bleibt stur. Falls man den Grünstreifen nicht bekomme, drohte Vorstand Bamelis, werde Bayer in Italien oder Spanien investieren. »Diese Gönnergeste stört mich«, schimpfte Umweltdezernent Günther Eckstein im kleinen Kreis. Aber er weiß: »Wir können es uns nicht leisten, konsequent zu sein.«
Der 59jährige Physiker hat keinen leichten Job. Früher, als er noch in der Filmfabrik arbeitete, schrieb er fleißig Protestbriefe an den Rat des Kreises. Heute darf er die Briefe der anderen öffnen. Das neuinstallierte Bürgertelefon hält ihn zusätzlich auf Trab. Aus Greppin werden nächtliche Chlorschwaden gemeldet. An der Bundesstraße 100 brannten vergangene Woche ein Dutzend Phosphorfässer. Durch Bitterfeld-Stadt strömten Nitrosegase, in der Chemie AG war offenbar eine Fülleinrichtung gerissen.
Die Rest-Chemie pustet ihren Dreck weiter pur in die Luft. Chlorkohlenwasserstoffe, Ammoniak und Schwefel, alles ohne Filter.
Die gesetzlich zulässigen Höchstwerte von TA Luft und Großfeuerungsanlagenverordnung hat Bonn für Bitterfeld außer Kraft gesetzt. Im Notstandsgebiet darf weiter gegiftelt werden.
Der Schornstein im Kraftwerk Wolfen bläst fünfmal mehr Schwefeldioxid in die Luft als im Westen erlaubt. Beim Kohlestaub übertrifft der Schlot die Werte um das Zehnfache.
Den Chemieanlagen entweicht dreimal mehr Chlor und zehnmal soviel Salzsäuregas wie im Westen erlaubt. Bei organischen Schadstoffen wie Methanol, Benzol und chlorierten Kohlenwasserstoffen werden die Grenzwerte um ein Zwanzigfaches überboten.
Der Bitterfelder Boden ist zwei Jahre nach der Wende so verseucht wie zu Honeckers Zeiten. Die Sanierung hat noch nicht begonnen. Geld steht nicht zur Verfügung.
Nur die Kühe wurden aus dem dioxinhaltigen Weideland im Überschwemmungsgebiet der Mulde vertrieben. Der Silbersee, jahrzehntelang als Abwasserbecken für die Zellstoffproduktion mißbraucht, ist heute umzäunt. Hinweistafeln warnen: »Vorsicht Lebensgefahr«.
Der Giftbrei im Silbersee erstreckt sich auf einer Breite von 50 Metern und einer Länge von anderthalb Kilometern. In 1000 Einzelproben wurden seine Bestandteile untersucht: 10 000 Tonnen Blei, 20 000 Tonnen Zink, 13 Tonnen Silber. Vom Phenol bis zum Schwefelwasserstoff enthält das Gemisch alles, was stinkt und ätzt.
»In dieser Konzentration und dieser Menge gibt es nirgendwo auf der Welt ein vergleichbares Chemie-Gel«, sagt Roland Watzke, 36, der Umweltbeauftragte der Filmfabrik.
An eine Beseitigung der zähflüssigen Brühe ist derzeit nicht zu denken. Die Experten streiten um die Methode. Das Problem: Jeder Eingriff würde die Struktur des Gels zerstören und so die Schadstoffe ins Grundwasser treiben.
Immerhin sind die Einleitungen gestoppt. Die Chemiefaserproduktion liegt still. Die braungelbe Restkloake aus der Filmproduktion fließt künftig durch eine 1100 Meter lange Rohrleitung am Silbersee vorbei, direkt in das Flüßchen Mulde und von dort in die Elbe. Ungeklärt wie immer.
Schon diese Umleitungsaktion kostet 20 Millionen Mark. Die geplante Kläranlage wird frühestens 1994 fertig sein.
Vor allem den Chemiearbeitern ist das exzessive Wirtschaften der DDR nicht bekommen. Im Auftrag von Umweltminister Klaus Töpfer wertete Uwe Thielebeule, Leiter des Hygiene-Instituts in Rostock, erstmals die DDR-Statistik der Berufskrankheiten aus. Bisher waren die Zahlen geheime Verschlußsache.
Das Risiko, im Kreis Bitterfeld berufskrank zu werden, war doppelt so hoch wie im Bezirk Halle. Zur Einstellungsuntersuchung erschienen 80 Prozent der Arbeiter »praktisch gesund« (Thielebeule), zur Wiederholungsuntersuchung kam jeder zweite als Kranker.
Die Bitterfelder Chemieindustrie produzierte in den Körpern ihrer Arbeiter vor allem Darmgeschwüre, Lungenasbestosen und Knochenfluorosen. Das Skelettsystem vieler Werktätiger ist hochgradig verschlissen, dutzendfach sorgten Schwefelkohlenstoff-Vergiftungen für Aufbrüche der Blutgefäße und schädigten so das Nervensystem.
Bronchitis gehörte für die Chemieleute zur Standardkrankheit. Und da selbst für Lärmschutz kein Geld ausgegeben wurde, verließen Hunderte ihren Arbeitsplatz als Schwerhörige.
Fast jeder zweite Mann in Bitterfeld, fand Thielebeule in einer Zusatzstudie heraus, nimmt heute ständig Medikamente ein. Fast jeder dritte litt im letzten Jahr an fieberhafter Atemwegserkrankung. Jeder vierte klagt über Husten mit Auswurf.
Die Arbeitsplätze der Chemie AG sind auch heute die giftigsten in Deutschland. Die am Arbeitsplatz zulässigen Schadstoffkonzentrationen, die sogenannten MAK-Werte, werden ständig übertroffen. Bei den chlorierten Kohlenwasserstoffen, die zu Leber- und Blutbildschäden führen, liegt der Wert fünffach über dem im Westen erlaubten.
Viele fliehen vor der Tristesse in Richtung Westen. »Bei uns«, sagt die 27jährige ABMlerin Cornelia Schulz, »hat die halbe Schicht rübergemacht.«
Wohnten im Wendejahr 1989 noch 126 181 Bürger im Landkreis Bitterfeld, sind es zwei Jahre später 3000 weniger. Bis zum Jahr 2000, so die Prognose im Landratsamt, werden weitere 8000 Menschen die Chemieregion verlassen haben: Bye, bye Bitterfeld.
Landrat Reinhard Thiel hat denen, die noch ausharren, nicht viel zu bieten. Ein neues Krankenhaus will er bauen, vielleicht einen neuen Sportplatz, die rostigen Trinkwasserrohre in den 42 Gemeinden müssen in jedem Fall erneuert werden. Das Land Sachsen-Anhalt hat 530 Millionen Mark in einem »Nationalen Sonderprogramm« bereitgestellt.
Bis die neuen Wasserrohre liegen, wird Thiel die Kinder der Gemeinde Löberitz weiter mit Trinkwasser aus Flaschen beliefern. Und er wird jene Chemiearbeiter beruhigen müssen, die ihre alten Chemiebuden wieder zum Laufen bringen wollen.
»Der Politiker«, sagt der 40jährige Landrat, »muß Optimismus unter die Leute bringen.« Wohl deshalb sind die Schilder »Umwelt-Notstandsgebiet« von den Ortseingängen verschwunden.
Thiel hat das Miesmachen satt. Er spricht nicht gern über die Chemie. Sein Lieblingsthema sind die Biber an der Mulde. »Wo gibt es die noch in Deutschland?« fragt er und starrt wie verzaubert durch sein Sitzungszimmer.
Er fixiert das auf einer Holzleiste abgestellte Weizsäcker-Porträt und erzählt von seiner neuesten Vision: Bitterfeld soll Badeort werden.
Aus der Kraterlandschaft der ausgekohlten Tagebaulöcher sieht Thiel eine Seenplatte entstehen. Das bisher abgepumpte Grundwasser wird wieder steigen, der benachbarte Muldestausee alles überfluten. Die Steilböschungen werden flach gemacht, bis sie zum Badestrand taugen.
Zügig wie beim Diavortrag ruft Thiel die Zukunftsbilder in sich ab. Er sieht »Surfer, Segler, Kanusportler«, wo heute noch Bagger, Trafo-Stationen und Förderbänder stehen. Im Jahr 2000 soll es soweit sein.
»Leben braucht Hoffnung«, schreiben die Autoren des Bitterfeld-Buches »Panikblüte« in ihrem Vorwort. Und fügen, ernüchtert nach acht Monaten der Recherche, hinzu: »Bar von Wissen gerät Hoffnung zur trügerischen Illusion.«
Dabei müßte der Landrat nur seinem Umweltdezernenten Eckstein zuhören. Der fürchtet sich vor abgeschalteten Bergbaupumpen und steigendem Grundwasser. Die unterirdischen Wasserströme könnten die Deponieschadstoffe im Kreisgebiet verteilen, meint er. »Ich bin doch froh«, sagt Eckstein, »daß unsere Deponien trockene Füße haben.«
Doch die Zeit der Mahner ist in Bitterfeld vorbei. Für Eckstein und seine Bedenken interessiert sich niemand. Die Kleingärtner in Greppin wollten die Schadstoffwerte, die in ihrem Obst gemessen wurden, nicht hören. Zum Info-Abend kamen nur 17 Leute. »Da waren mehr Experten als Zuhörer«, wunderte sich Eckstein.
Auch Umweltschützer Hans Zimmermann ("Ich bin vollgefressen mit Dreck") ist bereits ein Mann von gestern. Bei der ersten freien Volkskammerwahl schickten die Bitterfelder den Christdemokraten als Abgeordneten nach Berlin. Heute wird der Wende-Aktivist auf der Straße als Chemie-Gegner diffamiert. Zweimal schon hat man ihn angesprochen, rangewunken und bespuckt.
In Bitterfeld sind Stimmungskanonen wie Landrat Thiel gefragt. Die Redakteure der Mitteldeutschen Zeitung hat Thiel mit seiner Badesee-Vision sogar zum Dichten animiert. Am Samstag vergangener Woche erfreute das einstige SED-Blatt seine Leser mit einer Bitterfeld-Hymne:
»Ist auch vieles ramponiert/ sagen wir doch ungeniert/ macht Euch bitte keine Sorgen/ denn bestimmt, vielleicht schon morgen/ kommen mit und ohne Geld/ viele her nach Bitterfeld/ angelockt vom Zauberwort: Industriepark - Luftkurort!«