Trends der Benachteiligung Jung, erfolgreich, diskriminiert

Respektlos geduzt: Heute reicht schon ein jugendliches Alter, um einen Platz unter den Benachteiligten zu beanspruchen. Das beweist nur: Manche Leute nimmt man zu Recht nicht ernst.

Juso-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert auf dem SPD-Sonderparteitag
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Juso-Bundesvorsitzender Kevin Kühnert auf dem SPD-Sonderparteitag

Eine Kolumne von


Ich bin seit drei Wochen mit der Familie in Südafrika unterwegs. Sie haben hier Sommer statt Winter. Auf der Straße herrscht Linksverkehr. Auch sonst ist vieles anders. Um nicht ganz den Anschluss zu verlieren, lese ich regelmäßig deutsche Zeitungen und konsultiere SPIEGEL ONLINE.

Es scheint sich in der Heimat nicht viel getan zu haben, das ist irgendwie beruhigend. Angela Merkel sucht weiterhin nach einem Partner, mit dem sie regieren kann. Die SPD rückt in den Umfragen immer näher an die AfD. Und die Autoindustrie hat mal wieder einen neuen Skandal am Hals.

Eine neue Gruppe von Opfern

Dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man Schweinen in den Kopf schießt, um sie anschließend in Teile zu schneiden, oder ob man Affen Autoabgase einatmen lässt, hätte ich den Leuten bei VW gleich sagen können. Einige Tiere stehen dem Menschen näher als andere, so ist es nun einmal. Ein Glück, dass sie bei VW nicht Delfine benutzt haben. Dann hätte der ganze Vorstand ausgetauscht werden müssen.

Die einzige Sache, die mich sofort elektrisiert hat, ist, dass man in meiner Abwesenheit eine neue Gruppe von Diskriminierungsopfern entdeckt hat. Ich dachte, das Gebiet sei erschlossen. Aber weit gefehlt!

Jetzt haben die Jungen zu dem Kreis derer aufgeschlossen, die bei uns als benachteiligt gelten. Den unter 30-Jährigen werde mit Herablassung begegnet, konnte ich lesen. Man nehme sie nicht richtig ernst, junge Menschen würden belächelt und klein gehalten. Bei meinem Lieblingskanal bento, bei dem ich mich regelmäßig über aktuelle Trends informiere, haben sie sogar einen eigenen Hashtag ins Leben gerufen: #diesejungenleute - verbunden mit der Forderung nach einer Jugendquote im Bundestag.

Wenn ich es richtig rekonstruiert habe, dann hat alles mit dem Aufstand der Jusos gegen die Große Koalition begonnen. Dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert wurde nicht der Respekt entgegengebracht, den man bei einem Mann in seiner Position erwarten darf. Bei "Maybrit Illner" wurde er von einem der Gäste geduzt. Markus Lanz hat ihn gefragt, ob er alles mit seinen Eltern bespreche.

Man muss lange zurückdenken, bis man einen Juso-Vorsitzenden findet, der so in den Medien herumgereicht wurde wie Kühnert. Der letzte war vielleicht Gerhard Schröder, aber nicht mal der hat es in die Talkshows gebracht. Trotzdem gilt Kühnert als Beispiel, wie man auf keinen Fall mit jungen Leuten umspringen darf.

Selten am Rand der Gesellschaft

Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Grad an Privilegien, die man genießt, und der Fähigkeit, Diskriminierung geltend zu machen. Man kann es das Diskriminierungsprivileg nennen. "Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht", heißt es in der Dreigroschenoper bei Brecht. Daran hat sich in den vergangenen neunzig Jahren nicht viel geändert.

Für mein Gefühl hat die arme Frau, die jeden Tag acht Stunden bei Lidl an der Kasse sitzt, mehr Recht, darüber zu klagen, dass man sie nicht angemessen wahrnimmt, als Leute wie Kühnert. Aber die Einzigen, die sich um diese Frau kümmern, sind die braven Gewerkschafter bei Ver.di. Niemand käme auf die Idee, ihr ein Mikrofon unter die Nase zu halten, um sie zum Koalitionsvertrag zu fragen. Dabei wäre ihre Meinung für das weitere Schicksal der SPD deutlich aussagekräftiger als der Protest so mancher Juso-Amsel.

Interessanterweise finden sich die Diskriminierungsopfer selten dort, wo man sie erwarten sollte, nämlich am Rand der Gesellschaft. Um Gehör zu finden, braucht es ein paar Voraussetzungen, die man nur mit einer höheren Bildung erwirbt. Man sollte wissen, wie man sich in Szene setzt, um bei sozial sensiblen Menschen Aufmerksamkeit zu wecken. Und man muss den Jargon beherrschen, der einem Zutritt zu den Medien verschafft. Kurz: Man muss genau zu dem akademisch geprägten Publikum gehören, von dem man mit einer gewissen Berechtigung erwarten darf, dass es bald selber an den Schaltstellen der Gesellschaft sitzen wird.

In Österreich haben sie mit Sebastian Kurz gerade den jüngsten Kanzler aller Zeiten gewählt. Emmanuel Macron gehört auch nicht gerade zum alten Eisen. Das spricht alles nicht dafür, dass Jugend ein Manko wäre. Tatsächlich wurde keiner Generation so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie jener der heute 25- bis 30-jährigen. In den Personalabteilungen raufen sie sich die Haare, weil die erste Frage, die Berufsanfänger stellen, die nach der Work-Life-Balance ist. Aber statt den Bewerbern einen Vogel zu zeigen, stellt man die Vorzüge heraus.

Wenn ich 20 Jahre alt wäre, würde ich mich auch aufregen. Es gibt kaum etwas ungerechteres als das Rentensystem, das dafür sorgt, dass nichts mehr übrig ist, wenn die Jungen das Rentenalter erreicht haben, weil die Alten vorher alles aufgezehrt haben. Der einzige Weg, das System zu stabilisieren, ohne dass man immer mehr Steuergeld hineinpumpt, besteht darin, die Leute länger arbeiten zu lassen. Dennoch wollen auch die Jusos, dass wir nicht erst mit 67 in Rente gehen. Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, dass man die Jusos nicht so ernst nimmt.

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sgk43 01.02.2018
1. Ganz schön krude Thesen
Die Bewegung der Schwarzen um Martin Luther King in Amerika ist ein besonders prominentes Beispiel für Privilegierte, die sich diskriminiert fühlten. Oder auch die Feminismus-Bewegung. Alle diese Frauen durften schon immer in der küche stehen und plötzlich machen sie Stress. Wirklich komisch. Die jungen Leute fühlen sich übrigens nicht im Alltagsleben diskriminiert (unpassender Vergleich mit einer kassiererin), sondern im politischen Geschäft. Ich glaube nicht, dass die Kassiererin in ihrem beruflichen Umfeld geduzt überhaupt nicht ernst genommen wird.
mprme 01.02.2018
2.
Vielen Dank für den schönen Beitrag, Herr Fleischhauer. Zur Causa Kühnert passt folgendes Helmut Schmidt Zitat: "Die heutige politische Klasse in Deutschland ist gekennzeichnet durch ein Übermaß an Karrierestreben und Wichtigtuerei und durch ein Übermaß an Geilheit, in Talkshows aufzutreten."
unzensierbar 01.02.2018
3. Altersdiskriminierung
Ich finde es schon armselig wie das hier ins lächerliche gezogen wird. Es ist nichts neues. Diskriminierung der jüngeren Generation hat es schon immer gegeben. Der Unterschied heute ist, dass mit steigender Lebenserwartung das Durchschnittsalter und der Anteil an "Älteren" weitaus den der Jüngeren übersteigt. Die wahre Alterdiskriminierung findet doch noch immer in der Wirtschaft und der Politik statt. In der Wirtschaft will man natürlich jemanden in seinen 20ern, aber am besten mit schon mindestens 10 Jahren Erfahrung und Studium. Natürlich geht das nicht und dann wollen Unternehmen lieber die Personen mit mehr Erfahrung haben. In der Politik wird nur Politik für die Alten gemacht, da diese die wichtigste Wählergruppe darstellen. Das sieht man ja schon am Rentensystem und sämtlich anderen System, die auf Dauer nicht funktionieren werden. Und man sollte mal ein Alter auf die Politiker und den Bundestag werfen. Sowas wie Macron und Kurz sind dennoch die Minderheit, wenn man mal einen Blick auf die fast 200 anderen Staatsoberhäupter wirft, oder selbst auf den Altersdurchschnitt im Bundestag. Im Prinzip betreiben wir schon immer rückwärtsgewante Politik, die sich an einer alten Generation orientiert und nicht an der jetzigen.
Einweckglas 01.02.2018
4. Man liest heraus ....
Man liest heraus, dass der Artikel zwischen Tür und Angel geschrieben wurde. Auch wenn Fleischhauer den einzigen Lichtblick bei SPON bildet, hätte er ruhig das Thema der gesellschaftlichen Spaltung entlang den Trennlinien Jung vs. Alt mehr vertiefen können. Das Thema wird uns in Zukunft noch sehr beschäftigen und meiner Vorhersage nach wird der oft eingeforderte Respekt gegenüber den "Alten" berechtigterweise sehr darunter leiden.
Dr. Kilad 01.02.2018
5. Manche machen das..
Und interessieren sich mehr für die Meinung einer Lidl-Verkäuferin als für die von Herrn Fleischhauer. Aber schön, dass Herr Fleischhauer endlich die Interessen der abhängig Beschäftigten bei den Supermärkte entdeckt hat, statt die einer Koalition, die die Arbeitsbedingungen immer weiter ausgehölt hat. Ich lasse mich überraschen...
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