12.04.1999

„Um Studenten kämpfen“

Zehn Jahre nach der Wende bringt das erste gesamtdeutsche Uni-Ranking des SPIEGEL eine herbe Enttäuschung für die Traditionshochschulen im Westen: Das größte Ansehen bei den Studenten genießen die kleinen Ost-Unis und die Neugründungen der vergangenen drei Jahrzehnte. Allein die Professoren glauben noch an die Qualität der Massenuniversitäten.
Sie waren die Bollwerke des Systems, die Kaderschmieden für Ideologen und Funktionäre. Noch im Herbst 1989 verteidigten die DDR-Universitäten den Status quo. Nicht in der Leipziger Karl-Marx-Universität, sondern 200 Meter weiter, in der Nikolaikirche, versammelten sich Bürgerrechtler, um für Menschenrechte und Demokratie zu kämpfen.
Studenten und Dozenten hingegen paukten unverdrossen die wirren Lehren des Historischen Materialismus; ihre Idole hießen nicht Walesa oder Gorbatschow, sondern Marx und Engels, Lenin, Ulbricht und Honecker.
Marxismus-Leninismus stand im Wochenplan jedes Kommilitonen, ganz gleich, ob er nun Jurist, Chemiker oder Pädagoge werden wollte. Prämiert wurden nicht Innovation und Kreativität, sondern Planerfüllung und Linientreue. Das akademische Niveau der Ost-Universitäten war, so das Urteil von Gelehrten aus aller Welt, teilweise miserabel.
Jetzt, zehn Jahre später, scheint der finstere Spuk fast vergessen. In den neuen Instituten und Seminaren der Ost-Unis ist der realsozialistische Muff perdu. Kleine, überschaubare Einheiten schaffen ein Klima von Spontaneität und Gründergeist. Die alten Hierarchien haben ausgedient. "Der Kontakt zu den Professoren ist erstklassig", lobt etwa der Chemnitzer Anglistik-Student Dirk Schmerschneider, 28. Der Innenstadt von Chemnitz sagen Spötter zwar immer noch den "Charme von Nowosibirsk" nach. In der Plattenbau-Architektur der Technischen Universität aber hat High-Tech Einzug gehalten. "Der Computer-Pool ist bestens ausgestattet und hat bis nachts um zwei Uhr geöffnet", schwärmt Schmerschneider.
Stefan Fietz, 25, studiert an der Universität Greifswald, einer Provinz-Uni im deutschen Nordosten, und findet die Bedingungen dort "schlicht ideal". "Die Betreuung ist phantastisch, ein Seminar mit 20 Studenten gilt hier schon als voll. Und die Dozenten kann man auch mal privat anrufen, ohne daß sie sich belästigt fühlen."
Die TU Ilmenau am Rand des Thüringer Waldes genießt inzwischen ebenfalls einen ausgezeichneten Ruf. "In Saarbrücken waren die Profs entrückte Götter, hier wird man als Student ernst genommen", sagt der Maschinenbaustudent René Staut, 26, der 1996 von der Universität des Saarlandes nach Ilmenau wechselte.
Ob in Chemnitz, Greifswald oder Ilmenau: Die Unis im deutschen Osten entsprechen bereits annähernd jenem Idealbild, das Helmut Kohl einst mit seiner Vision von "blühenden Landschaften" beschworen hatte. Milliarden wurden investiert, die meisten Professoren neu berufen, alte Fakultäten abgewickelt und neue Universitäten gegründet: Inmitten von Arbeitslosigkeit, DDR-Nostalgie und Rechtsradikalismus haben sich Inseln des universitären Fortschritts herausgebildet.
Dokumentiert wird der Erfolg des akademischen Aufbaus Ost in der dritten SPIEGEL-Rangliste der deutschen Universitäten. Unter den fünf bestplazierten Unis finden sich mit Chemnitz, Greifswald und Magdeburg allein drei aus den neuen Ländern. Westdeutsche Massenhochschulen wie die in Frankfurt am Main (37 000 Studenten), Hamburg (41 000), Köln (63 000) und Bonn (38 000) landen dagegen auf den hintersten Plätzen.
Beim ersten SPIEGEL-Ranking im Herbst 1989 war von den Ost-Unis noch keine Rede gewesen; 1993, beim nächsten Wettbewerb, liefen sie außer Konkurrenz. Nun, in der dritten SPIEGEL-Rangliste, stehen sie plötzlich ganz oben. "Es überrascht mich nicht", urteilt Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie. "Daß Studenten sich an den kleineren Universitäten des Ostens wohler fühlen als an den großen Flaggschiffen des Westens, scheint mir plausibel" (siehe Interview Seite 102).
Das SPIEGEL-Ranking beruht auf den Urteilen von mehr als 12 000 Studenten aus 81 Hochschulen in ganz Deutschland. Sie alle wurden im Februar und März von Interviewern des Meinungsforschungsinstituts Emnid zu ihren Studienbedingungen befragt. Studierende aus zwölf verschiedenen Fachrichtungen mußten die pädagogischen Fähigkeiten ihrer Dozenten beurteilen, aber auch das Angebot an Vorlesungen und Seminaren, die Ausstattung von Bibliotheken, Labors und Computerräumen.
Gefragt wurden zudem die Professoren. Mehr als 1600 Gelehrte sollten Empfehlungen für ihr eigenes Fachgebiet abgeben - und zugleich vor jenen Fakultäten warnen, die sie für ungeeignet halten. Das Ergebnis deckt sich nur im Ausnahmefall mit dem Studentenvotum. Während die Professoren vor allem die Erfolge in der Forschung honorieren, bewerten die Studenten die Qualität der akademischen Lehre.
So rangieren Traditionsuniversitäten wie München, Bonn, Köln oder Heidelberg ganz vorn in der Professoren-Gunst, dagegen bei den Studenten unter "ferner liefen". Das Klischee von der roten Kaderschmiede Bremen scheint überdies unter Hochschullehrern unverwüstlich zu sein. Was Experten schon lange wissen, wollen viele Professoren nicht wahrhaben: Bremen ist deutlich besser als sein Ruf - steht aber gleich siebenmal auf Platz eins der Negativ-Liste.
Eine Novität der Uni-Rangliste '99: Neben den Umfragen unter Studenten und Professoren veröffentlicht der SPIEGEL auch objektive Daten zur Lage an den Hochschulen. Auf der Basis umfangreicher Auswertungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden läßt sich das Zahlenverhältnis von Studenten und Professoren in jedem Fach darstellen, dazu die durchschnittliche Studiendauer der Absolventen sowie - eine Premiere - die Bilanz von Zu- und Abwanderern je Studienfach und Hochschule.
So aufschlußreich die Ergebnisse der Statistik und die Meinungen der Professoren auch sind: Für die Aufstellung der einzelnen Fachranglisten wurden allein die Urteile der Studenten berücksichtigt - eine Vermengung harter und weicher Faktoren wäre methodisch fragwürdig. Zudem sind die Angaben des Statistischen Bundesamtes nicht immer vollständig.
Bezeichnend sind freilich die Analogien zwischen studentischem Ranking und Statistiken in vielen Fächern: Ob in Medizin, Informatik, im Maschinenbau oder in den Wirtschaftswissenschaften - die Meinungen der Studenten decken sich häufig mit den meßbaren Zahlen. Da, wo die Studienzeiten kurz, die Betreuung gut und die Zahl der Studienabbrecher gering ist, steigt oft auch die Zufriedenheit des akademischen Nachwuchses.
Die SPIEGEL-Studie macht damit klar: Nicht an jeder Universität herrschen jene katastrophalen Zustände, über die Uni-Rektoren und Dekane seit Jahren unisono klagen. Wer sich seinen Studienort bewußt aussucht, findet trotz Studentenschwemme hervorragende Studienbedingungen.
Auch an kleinen und mittelgroßen Universitäten Westdeutschlands urteilen die Studenten durchaus positiv. Die besten Zensuren vergaben die angehenden Akademiker an der Katholischen Universität Eichstätt. Die kleine, unter der Obhut eines Bischofs stehende Hochschule im Altmühltal (4000 Studenten) landet auf Platz eins der SPIEGEL-Rangliste der deutschen Universitäten (siehe Seite 68).
Die aktuelle Uni-Studie weist eine deutliche Kontinuität auf zu den SPIEGEL-Ranglisten aus den Jahren 1989 und 1993: Bonn landete schon 1993 auf dem letzten Rang, die Unis München, Hamburg und Frankfurt am Main standen damals ebenfalls weit hinten.
Bayreuth (8000 Studenten), Konstanz (7000) und Siegen (11 000) hingegen belegten stets Spitzenplätze. An diesen kleineren Universitäten, so urteilen die Studenten, stimmen die Bedingungen für ein erfolgreiches Studium; vor allem kümmert sich die Professorenschaft nicht nur um karrierefördernde Forschungsprojekte, sondern auch um ihre Studenten.
"Die Studierenden bevorzugen überschaubare Universitäten", erklärt Hans-Dieter Daniel, Direktor des Zentrums für Berufs- und Hochschulforschung an der Universität Kassel. Daniel betreute die aktuelle SPIEGEL-Studie - wie schon die Untersuchung im Jahr 1993. Seine Bilanz: "Den jungen Leuten ist vor allem guter Kontakt zu den Dozenten und ein effektives Lernklima wichtig."
Dieser Wunsch charakterisiert einen modernen Studenten-Typus, der im deutschen Hochschulsystem eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Während angelsächsische Universitäten schon immer auf eine intensive Betreuung jedes einzelnen Studenten großen Wert gelegt haben, galt in Deutschland von jeher das Ideal des Einzelkämpfers. Wissen und Methodik mußten im Alleingang erarbeitet werden, sei es in der Vorlesung, sei es im Seminar.
Bis in die frühen sechziger Jahre hinein war dieses Modell deswegen so erfolgreich, weil die Zahl der Studenten gering und jeder Hochschullehrer im Bedarfsfall ansprechbar war. In den westdeutschen Massenuniversitäten der achtziger und neunziger Jahre dagegen findet mancher Student womöglich erst im fünften Semester einen ersten Kontakt zu einem Professor.
Aus Sicht der Dozenten haben viele ihrer Studenten allerdings an einer Universität gar nichts verloren: Jedem, der eher betreutes Lernen wünsche, stehe der Weg in eine Fachhochschule frei. Zumindest der Blick in die Statistik bestätigt diese Empfehlung: Im Fach Maschinenbau zum Beispiel kommen an den Unis nach den Daten des Statistischen Bundesamtes bestenfalls 8 Studenten auf einen Professor, schlimmstenfalls sind es 90. Bei den Fachhochschulen reicht die Quote von nur 3 Studenten pro Professor bis zu 38 pro Prof (siehe Fachhochschul-Ranking Seite 98).
Die neue Studentengeneration an den Universitäten mag sich mit solchen Unterschieden nicht mehr abfinden. Sie sucht nach Orientierung und Hilfestellung, nach Geborgenheit, nach akademischer Nestwärme. Und genau das scheinen die meisten Ost-Unis zu bieten.
Offenbar kommt diesen Hochschulen, trotz aller Brüche und Veränderungen, auch die eigene Tradition zugute. Das weitgehend verschulte Studium an den DDR-Universitäten hatte immerhin den Vorteil einer engen Bindung von Lernenden und Lehrenden. Der radikale Neuanfang nach der Wiedervereinigung hat dieses Erfolgsrezept demnach weniger gefährdet als allgemein angenommen.
Mit einem "Kraftakt ohne Beispiel", so der sächsische CDU-Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer, bauten Bildungspolitiker und Professoren nach der Wende die Hochschulen in den neuen Ländern um. Zwei Drittel der einstmals 140 000 Beschäftigten des Wissenschaftsapparats der DDR mußten gehen, Hunderte von West-Professoren wurden neu berufen.
Annähernd 40 Milliarden Mark pumpten Bund und Länder bisher in die 64 Universitäten und Fachhochschulen der neuen Länder. Gebäude wurden renoviert oder neu errichtet, Bibliotheken aufgebaut, Computer und Labors installiert - oft moderner als im Westen. Eine vergleichbar radikale Erneuerung hat es in der deutschen Hochschulgeschichte noch nie gegeben.
Das Angebot an Studienplätzen ist im Verhältnis zur Zahl der Studienberechtigten im deutschen Osten mehr als doppelt so hoch wie im Westen. Und doch sind die meisten Ost-Unis von überschaubarer Größe. Zuweilen ist die Nachfrage der Studenten gar so gering, daß die Wirtschaftlichkeit der Institute und Fakultäten in Frage gestellt scheint.
Nur wenige West-Abiturienten ziehen allerdings freiwillig gen Osten; die West-Unis sind beliebter (siehe Grafik Seite 106). In der Regel erzwingt die ZVS, also die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, einen West-Ost-Transfer. In Numerus-clausus-Fächern wie Medizin oder Jura werden jährlich Tausende von Studienanfängern in die neuen Bundesländer verschickt - viele flüchten spätestens nach dem Vordiplom wieder nach Westen.
Die Studiosi nehmen nur Plattenbau-Wüsten, vermeintlich mufflige Ost-Studenten und kulturelle Ödnis zur Kenntnis. Tatsächlich sind attraktive Städte wie Hamburg, München oder Frankfurt/Main für Studenten zwar deutlich teurer als Jena, Chemnitz oder Rostock. Aber dafür gibt es in den West-Metropolen eine Menge gutbezahlter Jobs, die das Leben leichter machen. Auch das gute Wohnungsangebot - im Osten erhalten fast 30 Prozent der Studenten einen Platz im Wohnheim, im Westen nur jeder zehnte - beeinflußt die Nachfrage kaum, solange es an Kinos, Theatern und Freizeitangeboten fehlt.
So steigt die Zahl der westöstlichen Grenzgänger nur langsam: In Greifswald kam vor fünf Jahren etwa jeder fünfte Student aus dem Westen, heute jeder dritte, in Leipzig galt dies 1994 für 15 Prozent, heute für knapp 20 Prozent.
Die im Ranking viertplazierte Universität Magdeburg zählt lediglich 6200 Studenten, davon rund 700 Informatiker. "Jeder Dozent kennt seine Leute beim Namen", schwärmt Claus Rautenstrauch, Professor für Wirtschaftsinformatik. "Ich selbst habe in Dortmund studiert, saß mit 450 Kommilitonen in einer Vorlesung und sah den Professor vorne als winziges Männchen." In Magdeburg sei das "völlig anders, wir beraten die Studenten persönlich, vermitteln Praktika und sprechen Empfehlungen aus - oftmals kommt das einer gezielten Begabtenförderung gleich".
Der Magdeburger Student Alexander Lazarevi, 30, findet zudem die Ausstattung mit Computern und Software "vorbildlich": "Man kann sich zu jeder Zeit an einen Rechner setzen. Darauf müssen Studenten an anderen Unis oft Stunden warten." In Magdeburg laufe eben "nicht so eine Massenabfertigung wie etwa in Köln", wo Lazarevi zuvor studierte.
Von einem produktiven Lernklima lassen sich die meisten Studenten weit mehr beeindrucken als von der Zahl möglicher Nobelpreis-Aspiranten unter ihren Dozenten. Günther Grünthal, Professor an der Philosophischen Fakultät in Chemnitz, verspricht den Studierenden: "Wir sind für euch da und nicht ihr für uns."
Soviel Altruismus weckt nicht nur Bewunderung, sondern auch Kritik. "Warum", so stichelte kürzlich eine Hochschulpolitikerin der Grünen, "haben die denn so wenige Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs im Osten?" Mit anderen Worten: Wer in der Lehre so fleißig ist, hat in der Forschung wohl wenig vorzuweisen.
Tatsächlich müssen sich die meisten Ost-Unis Ansehen in der Forschung erst erringen. Mit Ausnahme der mit Fördergeldern schon gut ausgestatteten Technischen Universitäten in Dresden und Ilmenau fließen die sogenannten Drittmittel der Industrie vor allem in die Universitäten Westdeutschlands.
Um sich im Wettbewerb der Hochschulen zu behaupten, bemühen sich die Hochschulen in den neuen Ländern um eigene Profile und attraktive Angebote. Das soll nicht nur Studenten und angesehene Forscher, sondern auch Sponsoren und Partner aus der Industrie anlocken:
* So pflegt die Uni Greifswald besondere Kontakte zu den baltischen Ländern und bietet als einzige deutsche Hochschule das Fach Ukrainistik an. Der Schwerpunkt "Communi-
ty Medicine" in der medizinischen Fakultät gilt bei Kennern als bundesweit vorbildlich.
* Von den etwa 3000 Studenten der erst 1991 gegründeten Europa-Universität in Frankfurt (Oder) stammen knapp 1000 aus Polen. Entsprechend international ist das Programm: 130 Kooperationsvereinbarungen mit Hochschulen in aller Welt, dazu fächerübergreifende Studiengänge in den Bereichen Rechts-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften.
* Auch die TU Chemnitz hat sich der Interdisziplinarität verschrieben. In den Magisterstudiengängen des sogenannten Chemnitzer Modells werden geisteswissenschaftliche mit naturwissenschaftlichen Fächern verknüpft, beispielsweise Germanistik und Grafische Technik.
* In Erfurt baut der sozialdemokratische Vordenker Peter Glotz eine kleine Elite-Universität nach amerikanischem Modell auf. Glotz will weg vom Gremien-Chaos der West-Unis, von lähmender Bürokratie und Massenbetrieb.
"An den kleinen Universitäten hier sind Veränderungen viel eher möglich als an den Unis in den alten Bundesländern mit ihren verkrusteten Strukturen", begründet Heinrich Kern, Professor für Maschinenbau und Prorektor für Bildung in Ilmenau, den Erfolg der Ost-Hochschulen.
Dabei ist auch in Westdeutschland die Erkenntnis, daß der akademische Unterricht sträflich vernachlässigt wird, durchaus verbreitet. Heinrich Legewie, Psychologieprofessor an der Technischen Universität Berlin, stellt mit Blick auf seine Kollegen fest: "Die Professoren müßten sich mehr um die Qualität der Lehre kümmern." Seine Universität stelle sich diesem Problem nicht konsequent genug, "man kann nicht alles auf die Finanzmisere schieben". "Für viele Professoren und für das Selbstverständnis einer Hochschule", kritisiert auch Klaus von Trotha, Wissenschaftsminister in Baden-Württemberg (CDU), "spielt die Lehre noch immer eine zu geringe Rolle."
Vielerorts herrschen Zustände, wie sie etwa die Zentrale Evaluationsagentur Niedersachsens im Fach Sozialpädagogik an der Uni Bremen aufdeckte. Im Dezember vergangenen Jahres stellten die Gutachter fest, "daß das Verhalten einzelner Personen des hauptamtlichen Lehrkörpers hinsichtlich der Lehre nicht korrekt ist. Die extensive, private Auslegung der Lehrfreiheit" sei in Einzelfällen so weit gegangen, daß die Professoren "einen Großteil" des "Stundendeputats mit fachfremden Themen" verbrächten. "Die haben gelehrt und geforscht, was ihnen privat gefällt, und nicht, was das Curriculum vorschreibt", so Hermann Reuke, Geschäftsführer der Zentralen Evaluationsagentur.
Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es zahlreiche Versuche, der Lehre an den Hochschulen höheren Stellenwert zu geben. Unter anderem in Brandenburg, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Bayern zeichnen die Wissenschaftsminister Professoren für besonderes Lehr-Engagement mit Urkunden und Preisgeldern aus. Studenteninitiativen wie "Prüf den Prof" existieren an einer Vielzahl von Hochschulen.
Evaluation heißt das Zauberwort, mit dem die Bildungspolitik die Hochschulen aus der Krise führen will. In den meisten Bundesländern sind bereits Gutachter beauftragt worden, regelmäßig die Leistungen einzelner Fakultäten und Fachbereiche in Forschung und Lehre zu beurteilen. Zuweilen werden dabei auch die Urteile von Studenten einbezogen.
Wirkungsvoll sind diese Qualitätskontrollen aber nur, wenn die Ergebnisse veröffentlicht werden und Einfluß auf die Mittelvergabe an die Unis haben. In Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt sind die Hochschulen schon heute verpflichtet, regelmäßig "Lehrberichte" vorzulegen. Christoph Helm, Abteilungsleiter Hochschulen im Magdeburger Kultusministerium, räumt allerdings ein, daß man in solchen Berichten "zwischen den Zeilen lesen" müsse, weil nicht zu erwarten sei, "daß die Hochschulen selbst dezidiert auf ihre Schwachstellen hinweisen".
Solange sich die großen Universitäten nur langsam reformieren, werden die kleinen und mittleren schon deswegen hohes Ansehen bei den Studenten haben, weil sie durch überschaubare Verhältnisse glänzen. Die Hochschullehrer, so glaubt Arved Carl Hübler, Direktor des Instituts für Print- und Medientechnik der TU Chemnitz, müßten sich diese Spitzenposition durch besondere Anstrengungen in der Lehre erkaufen: "Niemand kommt nach Chemnitz der Stadt wegen. Die Uni kann sich nie bequem zurückziehen, sie muß immer um Studenten kämpfen."
Der aus Bonn stammende Hübler wünscht sich allerdings auch eine aktivere Studentenschaft. "Mir fehlt der Widerspruch, der Oppositionsgeist", so der mit 38 Jahren jüngste Professor in Chemnitz. "Ich predige denen die Revolution, aber die machen es nicht."
Steffi Herold, 24, eine seiner Studentinnen, entgegnet nüchtern: "Die Leute hier wollen doch nur eines: schnell studieren und dann Geld verdienen."
JÜRGEN DAHLKAMP, FLORIAN GLESS,
ALMUT HIELSCHER, JOACHIM MOHR,
BETTINA MUSALL, IRINA REPKE,
ANDREA STUPPE, HANS-JÖRG VEHLEWALD
GRAFIK: TIINA HURME
Von Jürgen Dahlkamp, Florian Gless, Almut Hielscher, Joachim Mohr, Bettina Musall, Irina Repke, Andrea Stuppe und Hans-Jörg Vehlewald

DER SPIEGEL 15/1999
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