15.05.1989

„Wir müssen an Mütter und Bräute ran“

Eine Spezialabteilung des Bonner Verteidigungsministeriums, einst für den Kalten Krieg gegen den Osten gegründet, soll das schwindende Bedrohungsgefühl der Zivilbevölkerung neu erwecken. Offiziere spüren prominenten Friedensbewegten nach, getarnte Vereine versuchen, mit Filmen und Zeitschriften „schwierige Gruppen“ gezielt zu beeinflussen. Die Hardthöhe will in Zeiten der Entspannung wieder „Wachsamkeit an den Mann bringen“.
Der Bau in Hanglage ist von herausragender Häßlichkeit: eine mächtige Freitreppe, schmale, hochaufragende Fenster wie überdimensionierte Schießscharten. Das Monstrum wurde einst von den Nazis erbaut, um Kraft durch Freude abzustrahlen.
Der Versuch, in der Eingangshalle die Optik des Dritten Reiches zu entschärfen, ist deutlich mißlungen. Riesenmosaike prangen an den Wänden, hier blond-fleißiges Landvolk, dort ein kraftstrotzender Jüngling, aus dessen Hand ein Falke aufsteigt, dazwischen - gerahmt - Astrid Lindgrens Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels: "Nie wieder Gewalt".
Das eigentümliche Gebäude am Stadtrand von Waldbröl im Oberbergischen gehört der Bundeswehr. Unter dem Befehl von Oberst Horst Prayon führt hier eine "Akademie für psychologische Verteidigung" die "geistige Auseinandersetzung" im Frieden.
Rund 1500 Soldaten, vom Feldwebel aufwärts, lernen alljährlich im Lehrgang "Argumentation und Gesprächsführung", das Banner der Streitkräfte dienstlich und privat "auftragsgerecht" (ein Oberstleutnant) hochzuhalten. In kleineren Gruppen ("Psychologische Verteidigung als Führungsaufgabe") präparieren sich Offiziere auch für härtere Schlachten: Diskussionen in Schulklassen und auf dem Podium größerer Säle.
Jugendoffiziere, an Schulen eingesetzt, bei Pennälern das ramponierte Ansehen der Streitkräfte zu reparieren, werden im Feuer der Kritik gestählt, um auch in Streßsituationen wehrkraftfördernde Worte zu finden. Drei Videokameras filmen die uniformierten Botschafter beim Üben. Selbst die richtige Körperhaltung wird vorgegeben: Ein Repräsentant der Bundeswehr steckt die Hände nicht in die Hosentaschen, fläzt sich auf keinen Stuhl.
Doch nicht der korrekte Auftritt, die zündende Botschaft ist das Hauptproblem der Bundeswehr. "Der Gorbi-Effekt", das räumen Psycho-Dozenten in Waldbröl offen ein, wirkt nicht eben belebend auf Kampfesmut und Argumentationskraft der Soldaten. Da gehen schon mal die Begründungen aus.
Er befinde sich "in einer Sackgasse", klagt einer der Offiziere, "draußen in der Truppe" könne er "nicht so argumentieren". Die Bevölkerung, befürchtet ein anderer, lasse "sich etwas blenden von den guten Worten des Herrn Gorbatschow" - und "auch die Politiker", ergänzt sein Nachbar. "Für mich", resümiert ein Lehrgangsteilnehmer verzweifelt-kategorisch, "besteht die Bedrohung aus dem Osten nach wie vor." Die verkörpere schlicht "der Russe".
Der Seminarleiter, selbst Offizier, steuert mit kräftiger Stimme einen "kameradschaftlichen Tip" bei: Mit markigen Drohungen vor der Gefahr des "Weltkommunismus holen wir heute keinen mehr hinterm Ofen vor", rät er, "da müssen wir etwas vorsichtig sein".
Die ratlose Runde, die sich über den Sinnschwund der Streitkräfte den Kopf zerbricht, weiß um das Ansehen ihrer Truppe im Volke. Es mangelt an Verständnis für teure militärische Projekte: Atomare Abschreckung ist out, gut zwei Drittel der Bundesbürger wollen auch in konventionelles Geschütz nicht noch mehr Geld stecken.
Bei einer Emnid-Umfrage im vergangenen Herbst - Auftraggeber: das Bundesverteidigungsministerium - landete die politische Aufgabe "Schutz der Bundesrepublik gegen äußere Bedrohung" auf dem letztmöglichen Platz. Die Angst vorm übermächtigen Osten, seit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik anno 1955 sinnstiftend fürs Militär, hat sich offenkundig ersatzlos verflüchtigt.
Da sehen sich jene wieder gefordert, die schon kurz nach Gründung der Bundeswehr, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, die neue Armee gegen Widerworte abzuschirmen hatten. Die Psychologische Verteidigung, auf der Bonner Hardthöhe kurz PSV genannt, muß ins Gefecht.
Die Psycho-Kämpfer, koordiniert vom Führungsstab I 9 im Bonner Verteidigungsministerium, beschäftigen mit ihrer "spezifischen Art von Information" (Prayon) einen umfänglichen Apparat:
die PSV-Akademie in Waldbröl, die neben der Schulung von Offizieren und willigen Zivilisten auch "Bedarfsforschung" über interessante Zielgruppen betreibt;
die PSV-Truppe, ein Spezialbataillon in Andernach, das, ausgestattet mit mobilen Lautsprecheranlagen, Rundfunkstudios, Sendegerät, Druckerei und "Ballonzug", für die "Aufrechterhaltung der Operationsfreiheit" sorgen und "Argumente von Störergruppen" nach Kräften "neutralisieren" soll;
PSV-Stabsoffiziere in den Territorialkommandos, Wehrbereichskommandos und Korps, die "psychologische Maßnahmen" planen und durchführen, um zaudernde Zivilisten in ihrem Wehrwillen zu stärken;
Vereine und Zeitschriften, die unter neutralem Etikett jene Bundesbürger anzusprechen suchen, die nach Einschätzung der Militärs "wirksamer erreicht werden, wenn die Bundeswehr nicht in Erscheinung tritt".
All dieses ist in einer vertraulichen Dienstvorschrift "ZDv 1/200 VS-NfD Psychologische Verteidigung", im November 1983 erlassen, festgeschrieben. Das umfangreiche Regelwerk hat nicht nur den "Feind", sondern vor allem die zu schützende Bevölkerung im Visier. PSV-Stabsoffiziere sollen auch "im Frieden" alle "Erkenntnisse über Motive von Gruppen, die dem Wehrdienst indifferent" oder gar "feindlich gegenüberstehen", auswerten.
Das gilt es zeitig anzupacken. Seit Jahrzehnten liefern PSV-Lauscher der Akademie und dem Verteidigungsministerium detaillierte Berichte zur "psychologischen Lage". Akribisch wird über Info-Tische und Flugblätter Buch geführt, über Podiumsdiskussionen und Plakate an Bushaltestellen, auch schon mal über eine Kreisdelegiertenkonferenz der DKP. Zuweilen zeigen die Soldaten-Reporter dabei unfreiwillige Komik: "Die psychologische Lage", resümiert der Düsseldorfer PSV-Beauftragte in seinem Januar-Report 1989, "war im Berichtszeitraum im Wehrbereich III stabil."
Wie ein Nachrichtendienst sammeln die Psycho-Verteidiger Informationen über alle verdächtig erscheinenden Umtriebe im Lande. Da wird, ob unter SPD- oder CDU-Verteidigungsministern, die Verteilung der Betriebszeitung "Roter Hobel" vor einer Dortmunder Zeche ebenso vermerkt wie der Verkauf des "Roten Morgen" in der Innenstadt von Münster. Die PSV-Berichterstatter melden, wer Kriegsdienstverweigerer berät oder eine "Chile-Sammelwoche in der Bielefelder Innenstadt" veranstaltet. "Eine selbstgenähte Fahne", referiert eine "PSV-Information" des Wehrbereichskommandos III im Februar 1974, "brachte 60 Mark ein."
Schon damals wurden GEW-Demonstrationen und Wahlergebnisse an Hochschulen notiert, auch "wehrkritische und wehrfeindliche Veröffentlichungen im Medienbereich", darunter eine komplette Sendereihe im dritten WDR-Fernsehprogramm. Besonders diensteifrige PSV-Offiziere abonnieren heute linkslastige Zeitungen unter ihrer Privatadresse. Der Militärische Abschirmdienst (MAD), der von der PSV bisweilen einen Tip bekommt, steuert seine Quartalsberichte bei.
Halbjährlich destilliert die Abteilung I 6 im Streitkräfteamt daraus einen Bericht über "Bestrebungen gegen den Verteidigungsauftrag der Streitkräfte" (Auflage: 650 Stück), herausgegeben vom Führungsstab I 9 der Hardthöhe.
Stets zielen diese Berichte darauf ab, durch häufige Nennung von aktiven DKP-Mitgliedern den Nachweis zu führen, die Friedensbewegung - von der PSV stets in Anführungsstrichen geschrieben - sei kommunistisch gesteuert. Aber auch Christen, Grüne und Wissenschaftler, Tieffluggegner und Weltbank-Kritiker sind in der neuesten "Lagefeststellung" über das zweite Halbjahr 1988 vermerkt.
Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für den Datenschutz, die einen Prüfbesuch bei den Berichtschreibern im Arbeitsbereich "Psychologische Verteidigung West" machten, entdeckten Anfang dieses Jahres in den Karteien auch die Namen prominenter Sozialdemokraten wie Herta Däubler-Gmelin, Egon Bahr oder Freimut Duve. In einem speziellen Ordner hatte die PSV besonders wichtige Stammkunden vermerkt, etwa die Grünen Petra Kelly und Alfred Mechtersheimer, den Arzt Karl Bonhoeffer, den Theologen Hans Küng, den Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker oder die Schriftstellerin Christa Wolf.
In der Spezialakte, so ermittelten die Datenschützer, waren Daten erfaßt, die offenkundig "in keinerlei Beziehung zum Verteidigungsauftrag stehen" - etwa die Notiz "alleinerziehende Mutter". Eine Kartei mit Daten über Rechtsextremisten dagegen "wurde seit ca. acht Jahren nicht mehr fortgeführt".
Die Schnitzeljagd im Streitkräfteamt, bilanzierte Bundesdatenschützer Alfred Einwag im April, verstoße mehrfach gegen das Datenschutzgesetz. Die Sammelei habe weder eine Rechtsgrundlage noch "Datenpflege- und Löschungsregelungen". Der Prüfer rügte die unklare Abgrenzung zur Arbeit des MAD und empfahl den Militärs in ungewohnter Schärfe, "auf eine Verarbeitung personenbezogener Daten - soweit irgend möglich - ganz zu verzichten".
Dem Rat wird die Hardthöhe nicht folgen wollen. Auch bundeswehrinterne Kritik an der geheimdienstlichen Attitüde der Psycho-Verteidiger wurde ruppig abgebügelt.
Schon im Sommer letzten Jahres hatte der Chef des Amtes für Studien und Übungen der Bundeswehr, Flottillenadmiral Elmar Schmähling, beim Ministerium schriftlich gegen PSV-Aktivitäten protestiert. Mit der Erfassung sogenannter "Aktivitäten gegen die Bundeswehr", meist nur "die Wahrnehmung von Grundrechten unbescholtener Bürger", so der Admiral, werde ein "völlig schiefes Bild" gezeichnet. Schmähling bat den damaligen Verteidigungsminister Rupert Scholz, diese Praxis, schon mit Blick auf das "Ansehen der Bundeswehr", schnell "abstellen zu lassen".
Die Bonner Kameraden sahen das ganz anders. Statt Scholz antwortete, nach über zwei Monaten, Generalmajor Jürgen Schnell. Er stellte klar, daß Bürger, die sich über Tiefflugbelästigungen beschwerten, auch ein potentielles Sicherheitsrisiko darstellten, weil schließlich "jede Bestrebung, Einfluß auf die Ausgestaltung der militärischen Ausbildung zu nehmen, eine sicherheits- und verteidigungsrelevante Komponente" besitze. Die Bundeswehr dürfe sich nicht hindern lassen, so Schnell, "darzustellen, welche Gruppierungen mit welchen Mitteln möglicherweise negative Einflüsse auf die bewaffnete Sicherung des Friedens haben".
Im Auswertungsraum des Andernacher PSV-Bataillons 850 hängt der Gegner von der Decke herab. Eine rote Fahne und das Banner der DDR zieren die sonst schmucklose, mit Aktenschränken vollgestellte Arbeitsstube. "Wir haben", meint Kommandeur Bernhard Ickenroth, "nichts zu verbergen."
Sein PSV-Trupp ist wohl der einzige Bundeswehrverband, der schon Krieg geführt hat. Unter strengster Geheimhaltung bezog 1959 die erste Einheit, die Radio-Kompanie 993, ein Hotel im Luftkurort Rengsdorf im Westerwald, um gegen Feindpropaganda aus der DDR anzufunken.
Das westliche Sendungsbewußtsein weitete sich schnell aus. Psycho-Kampfkompanien, stationiert in Münster, Koblenz und Ulm, ließen an der Ostgrenze bald zigarrenförmige Plastikballons aufsteigen, die, vom vorherrschenden Westwind getragen, tonnenweise Flugblätter, Zeitungen und Büchlein über die Grenzanlagen auf DDR-Gebiet verbrachten. "Das war", erinnert sich der Grünen-Abgeordnete Alfred Mechtersheimer, damals Angehöriger einer Psycho-Kompanie, "Antikommunismus, der sich gewaschen hatte."
Getarnt als "Mitteldeutsche Arbeiterzeitung" oder als "Presse-Rundschau für die bewaffneten Organe" wurde grobschlächtige West-Werbung auf Volksarmisten wie Zivilisten abgeworfen - bis 1965 rund 100 Millionen Flugschriften. "Neckermann macht's möglich", verkündete die Luftpost und riet zum "Großen Sprung". Die Psycho-Kämpfer versprachen "Arbeit, Lohn und Freizeit", dazu Autos und Konsum in Fülle: "Äußerst schlecht zu parken hier".
Der skurrile Papierkrieg lag im Trend. Auch die CDU und das "Ostbüro" der SPD ließen Texte nach drüben aufsteigen, selbst Jehovas Zeugen klemmten ihre Heilsbotschaft an Luftballons. In der Gegenrichtung plärrten Lautsprecherwagen über den Zaun; um Aufmerksamkeit für ihre nach Westen geschleusten Soldatenzeitungen zu erreichen, schreckten die prüden Einheitssozialisten selbst vor dem Abdruck von Pin-up-Girls nicht zurück.
Die psychologischen Kampfhandlungen an der deutsch-deutschen Grenze endeten erst 1972, als die Bundesrepublik und die DDR mit dem Grundlagenvertrag ihre Beziehungen zu normalisieren begannen. Das Andernacher PSV-Bataillon, noch heute mit 400 Mann für den sofortigen Einsatz gerüstet, muß sich seither meist mit Übungen begnügen. An einem Interview mit Johannes Mario Simmel etwa, wegen der vielen Versprecher als hartes Training beliebt, lernen die "Redaktionssoldaten" im Studio den richtigen Bandschnitt.
Nur deutsche Soldaten in Kanada und den USA werden von "Radio Andernach" allwöchentlich mit "herzlichen Grüßen von daheim" beschallt. Durch Interviews mit Popstars und Fußballprofis sollen die "Truppenbetreuungssendungen" (Ickenroth) für Entspannung am fernen Einsatzort sorgen. Zu Weihnachten spricht der Kanzler oder der Präsident ein Grußwort.
Unter CDU-Verteidigungsminister Manfred Wörner durften die Bundfunker 1987 erstmals auch wieder daheim aktiv werden. PSV-Kämpfer strahlten auf einem Sender des Bayerischen Rundfunks zum Manöver "Kecker Spatz" ein Unterhaltungsprogramm für Soldaten und Zufallshörer ab und bekamen dabei, berichtet Ickenroth, richtig "Nässe unter den Armen". Das würde der Kommandeur künftig "gerne öfter machen".
Doch Funk- und Flugblattkampf, bei den Psycho-Strategen auf der Hardthöhe einst hochbeliebt, gelten längst nicht mehr als durchschlagendste Abwehrwaffe gegen falsche Gesinnung. Zwar lehren die Einwirkungsspezialisten an der Akademie in Waldbröl noch immer, die Kampfkraft des Gegners mittels Flugblatt ("Blauland will Frieden") und Lautsprecherdurchsage ("Sie verletzten das Völkerrecht") zu schmälern. Das Schwergewicht der Arbeit jedoch, resümiert der Ende März pensionierte Akademie-Leiter Oberst Horst Matzeit, liegt heute "zu zwei Dritteln im Innern".
Das war schon 1958 so, als beim Bonner Führungsstab ein Referat "Psychologische Kampfführung" eingerichtet wurde: Auch damals gab es Protest gegen Streitkräfte und Atombewaffnung. Die "Absicht unseres Gegners, Verwirrung, Angst und Zweifel zu verbreiten", erklärte Strauß mit Blick auf die "zahlreichen kommunistischen Tarngruppen" im Lande, "muß mit allen Mitteln verhindert werden".
Als Einflüsterer in frühen Tagen agierte in der Umgebung von Strauß seinerzeit Eberhard Taubert, der seine Karriere in Goebbels' Propagandaministerium, zuständig für "Aktivpropaganda gegen die Juden", begonnen hatte. Taubert, Autor des 1940 produzierten Film-Machwerks "Der ewige Jude", Beisitzer in Freislers Volksgerichtshof und Propagandachef des "Generalreferats Ostraum", hatte seine Fähigkeiten zuvor auch dem Gesamtdeutschen Ministerium zur Verfügung gestellt. "Taubert ist ein Mann, den wir brauchen", beschied dort 1955 ein Ministerialer auf Anfrage, "Taubert hat Erfahrungen." Noch 1972 organisierte der Agitationsexperte mit alten Kameraden Anzeigenkampagnen gegen die sozialliberale Koalition.
Die düstere Frühgeschichte des ministeriellen Psycho-Kampfes gilt der Hardthöhe heute als Störfaktor. "Einen Zusammenhang zwischen der NS-Propaganda und der PSV herzustellen ist abwegig", erklärte Verteidigungsstaatssekretär Willy Wimmer (CDU) letzten Monat auf Anfrage von Mechtersheimer. "Experten der Hardthöhe" streuten via "Welt" sogar, Taubert habe "niemals Verbindungen zu dem Bereich der psychologischen Verteidigung gehabt".
Das Gegenteil ist wahr. Denn auch nach seinem Einsatz im Strauß-Ministerium blieb Taubert in Verbindung. Ortwin Buchbender, heute ziviler PSV-Chef im Ministerium, dankte ihm in einem 1978 erschienenen Buch ausdrücklich für seine "Hilfsbereitschaft". Kurt Klein, Leitender Wissenschaftlicher Direktor der PSV-Akademie, versuchte sich 1980 - Taubert war schon tot - mit einem Leserbrief an den SPIEGEL an einer Teilrehabilitierung Tauberts.
Der "Ministerialrat a. D. Dr. Eberhard Taubert", führte Klein aus, sei schließlich "an erster Stelle leidenschaftlicher Antikommunist" gewesen, erst "von hier aus fand er zum Nationalsozialismus und Antisemitismus". Ausgerechnet Taubert, zeitweise untergetaucht und für die Verwendung diverser Decknamen berüchtigt, habe, behauptet Klein, "nie einen Hehl aus seiner Vergangenheit" gemacht, und ihm, Klein, sogar "vertraulich" eröffnet, "er sei Mitglied der SPD, kenne und schätze Herbert Wehner und fühle sich der Partei loyal verbunden".
Der "Kreis für konservative Politik" lädt ein. Im Großen Mozartsaal eines Hamburger Logenhauses doziert PSV-Wissenschaftler Klein unter imposanten Kronleuchtern in aller Breite über "Politische und Soziale Ursachen des Terrorismus". Alles kommt zur Sprache: die eigene Kriegsgefangenschaft in Sibirien, sein Zorn über gewisse Wochenblätter aus der Hamburger "Meinungsfreiheitsszene", über laschen Liberalismus und linke Socken wie den Schriftsteller Günter Graß. "Diesen Intellektuellen", findet Klein, müsse ohnehin "mal klargemacht werden, daß es gegen den Rechtsstaat kein Widerstandsrecht gibt".
Heftigen Beifall spendet das hochbetagte Publikum vor allem für Kleins Anmerkungen zur deutschen Geschichte. "Ich kenne kein dümmeres Wort als das von der Vergangenheitsbewältigung", tönt der Redner, genau die habe auch die "Linksterroristen geprägt". Ob es nicht nur noch "Feigheit" sei, daß die Grünen nicht endlich verboten werden, wird aus dem Publikum gefragt. Man müsse mit solchen "Verboten vorsichtig sein", meint Klein, die Staatsschutzbehörden könnte eine solche Maßnahme "leicht überfordern".
Die fundamentale Gesamtbotschaft scheint symptomatisch zu sein für jene verdeckte Einflußarbeit, die von der PSV seit Jahren aus Steuermitteln geleistet wird. Durch "indirekte Vorgehensweise", sagt PSV-Chef Oberst im Generalstab Günter Hoffmann vom Bonner Führungsstab, sollen vor allem "schwierige Gruppen" erreicht werden, "die nicht mit offenen Armen auf die Bundeswehr zugehen".
Schaltzentrale solcher Aktivitäten ist eine "Studiengesellschaft für Zeitprobleme e.V." in Bonn-Bad Godesberg, Ubierstraße 88, die sich laut Satzung der "Förderung des demokratischen Gemeinwesens" verschrieben hat. Mittels Vorträgen, Seminaren und "publizistischen Maßnahmen der geistig-politischen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus" sollen, so das Vereinsstatut, "in erster Linie junge interessierte Staatsbürger angesprochen werden". Tatsächlich ist der vorgeblich private Verein, der nur gut 30 Mitglieder hat, eine Dependance des Verteidigungsministeriums. Führende PSV-Leute, darunter Oberst Hoffmann und sein Kollege Buchbender, gehören dem Klub ebenso an wie altgediente PSV-Kameraden. Als Schatzmeister fungiert der stramm rechte Politikwissenschaftler Günther Wagenlehner, 65, der seinen "eigentlichen Geburtstag" auf den 9. Oktober 1955 datiert, den Tag seiner Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Zur "geistigen Landesverteidigung" (Staatssekretär Wimmer) reihen sich auch zivile Mitstreiter helfend ins Vereinsleben ein. Den Vorsitz der "Studiengesellschaft" führt der Reutlinger Politikprofessor Klaus Hornung, 61, ein in "Bayernkurier", "Welt" und "Rheinischem Merkur" bewährter Vielschreiber gegen die "hysterische Atomkriegsfurcht", für eine "nationale und patriotische Perspektive". Die Zeitschrift "Mut", vom Bundesamt für Verfassungsschutz bis 1984 als "rechtsradikal" eingestuft, führt den Professor als "ständigen Mitarbeiter" im Impressum.
Rund eine Million Mark erhält die Gesellschaft jährlich aus dem Verteidigungshaushalt, Kapitel 1401, Titel 53504. Der Verein bezahlt davon allerlei Druckerzeugnisse, etwa die Vereinszeitung "Beiträge zur politischen Bildung" oder die Buchreihe "Demokratische Verantwortung". Um die Produkte gezielt verteilen zu können, kauft der Verein Adressensammlungen von Lehrern und anderen Multiplikatoren.
Eigene Filmproduktionen wie "25 Jahre Berliner Mauer", "Wehrdienst - Zivildienst" oder "Friedensbewegung - Wege aus der Gefahr" werden über Landesfilmdienste, Landesbildstellen und die Landeszentralen für politische Bildung feilgeboten. Der Gesellschaftsstreifen "Angst macht mobil" klärt darüber auf, daß die 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete "Vereinigung der Ärzte zur Verhinderung des Atomkrieges" wie überhaupt "viele Prominente" letztlich "auf Anregungen aus Moskau reagieren"(Prospekt).
In Spezialfällen gibt es noch ein Extra aus dem Staatshaushalt. Der Alt-Agitator Helmut Bärwald zum Beispiel, Mitglied "seit anno Tobak", wie ein Vereinskamerad berichtet, erhielt 1983 für sein Buch "Mißbrauchte Friedenssehnsucht" 12 000 Mark Honorar vom Bundesinnenministerium, dazu noch eine stattliche Summe vom Verlag, weil das Ministerium obendrein fast die gesamte Auflage aufkaufte.
Über den Aufkauf von Druckwerken protegiert auch die PSV genehme Gesinnung. "Es gibt eine Reihe von Verlagen, mit denen wir zusammenarbeiten", räumt PSV-Chef Hoffmann ein.
Flaggschiff solcher PSV-Bemühungen sind die "Beiträge zur Konfliktforschung" aus dem Kölner Markus-Verlag, in deren Beirat neben dem Kölner Soziologen Erwin K. Scheuch auch PSV-Manager Buchbender sitzt. Die PSV nimmt den Großteil der Auflage ab.
Das Organ, vor allem an Wissenschaftler gerichtet, hat sich in den letzten Jahren mit eigenwilligen Beiträgen am bundesdeutschen Historikerstreit beteiligt. Kritische Forscher im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg wurden scharf attackiert. Breiten Raum erhielten neokonservative Geschichtsinterpreten, die den Krieg Hitlers gegen die Sowjet-Union in einen Präventivschlag gegen einen bevorstehenden Einfall der Roten Armee umzudeuten versuchen. Mit solchen Thesen, notierte einer der angegriffenen Freiburger Historiker, "werden die Nazis gar zu Rettern des europäischen Abendlandes vor dem Bolschewismus hochstilisiert".
Die Ausfälle sind erwünscht. Einer der vehementesten Vertreter der These vom Präventivschlag, der Grazer Philosoph Ernst Topitsch, der den Zweiten Weltkrieg überhaupt "als Angriff der Sowjetunion gegen die großen Demokratien" begreift, wurde im letzten Jahr in die PSV-Akademie geladen, um über "Werthaltungen und sicherheitspolitische Konzeptionen" zu referieren.
Unter gleicher Bonner Adresse wie die Studiengesellschaft residiert auch eine "Deutsche Gesellschaft für Sozialbeziehungen e.V.", die Mitglieder sind zum Teil identisch. Der Verein, von PSV und Familienministerium gemeinsam finanziert, sucht seit Anfang der sechziger Jahre die Rückwanderungsquote geflüchteter DDR-Soldaten und -Polizisten niedrig zu halten. Ganz nebenbei erfährt die Psychologische Verteidigung von den bislang 2197 betreuten Flüchtlingen Details über die gegnerischen Streitkräfte, die sich im Ernstfall an der Front nutzen lassen.
Der Verein, als gemeinnützig anerkannt, "damit er Spendenquittungen ausstellen kann", so Mitglied Buchbender, büßte Prestige ein, als einer seiner führenden Mitstreiter, der Fregattenkapitän Wilhelm Reichenburg, vom Bayerischen Obersten Landesgericht 1985 als "gefährlicher Spion" der DDR zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Der Kapitän, PSV-Mann seit 1963 und im Wehrpolitischen Arbeitskreis der CSU tätig, hatte scharfmacherische Töne so perfekt beherrscht, daß er in diesen Kreisen nur angenehm aufgefallen war.
Buchbender selbst fiel unlängst einer Enttarnung anderer Art zum Opfer, als er versuchte, der PSV ein weiteres Betätigungsfeld zu erschließen. Drei Semester lang hatte sich der Hardthöhen-Mann nebenberuflich als Dozent am Münsteraner Institut für Publizistik verwirklicht. Die Tätigkeit endete jäh, als dort auffiel, daß die im Vorlesungsverzeichnis als Regierungsdirektor ("Reg. Dir.") aus Köln geführte Lehrkraft in Wahrheit vom Bonner Verteidigungsministerium kam.
Zusätzlicher Aufruhr entstand, weil der Institutsdirektor gemeinsam mit seinem Dozenten für ein Forschungsprojekt über "Glasnost und Perestroika im sowjetischen Fernsehen" eine getarnte Finanzierung aus dem Verteidigungshaushalt arrangiert hatte. Um 70 000 Mark an das Institut zu lenken, gründete die Hardthöhe eigens eine "Arbeitsgemeinschaft für Medienauswertung" - eine Briefkastenfirma mit Konto unter falscher Adresse. Als Leiter sprang der Geschäftsführer der "Studiengesellschaft für Zeitprobleme" ein.
Die Transaktion flog auf, das "Dienstleistungsorgan" (Wimmer) wurde eilig aufgelöst. Das Ministerium zahlt nun ohne Umweg ans Institut.
Doch Pannen dieser Art können psychologische Verteidiger nicht verdrießen. Die Erschließung neuer Zielgruppen für "kommunikative Einflußnahme" (Hoffmann) durch Spezialisten der Streitkräfte heiligt manches Mittel.
Für dieses große Ziel, findet auch PSV-Oberst Matzeit, müßte die Akademie eigentlich in jedem Bundesland "flächendeckend" tätig werden. Schließlich sei noch unendlich viel zu tun, um alle Skeptiker "durch Information" vom segensreichen Wirken der Bundeswehr zu überzeugen und "Wachsamkeit an den Mann zu bringen".
Große Bevölkerungsteile sind noch nicht wachsam genug - die Frauen etwa. Dem weiblichen Umfeld der Soldaten, findet der PSV-Pensionär, müßte sich die Bundeswehr dringend "vertrauensbildend nähern" und "zu schönen Informationsnachmittagen auf Staatskosten in gute Hotels" einladen. "Die Mütter und Bräute", schwärmt Matzeit, "das wäre eine neue Zielgruppe, an die wir ran müßten." #
Spezialakten und Schnitzeljagden
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"Nazis als Retter des Abendlandes"

DER SPIEGEL 20/1989
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