VERBRECHEN Eigentum des Mannes
Eine Woche nach ihrem Tod wird Morsal beerdigt. Am Morgen waschen die Frauen den Körper, reinigen ihn von irdischen Sünden, so will es die Tradition.
Schmal ist er, ein Mädchenkörper noch, zerschunden von Messerstichen, wild in den Leib gejagt. Die Frauen wickeln den Körper in ein Leinentuch, betten ihn in den Sarg aus hellem Holz.
Am Mittag nehmen sechs Männer den Sarg auf ihre Schultern. Sie laufen vorneweg, gefolgt von 200 Männern und Frauen in Schwarz. Ghulam-Mohammed Obeidi, der Vater, der in einer Nacht seine Tochter und wohl auch seinen Sohn verloren hat, geht in der Mitte. Sie kommen einen Weg entlang, der zum muslimischen Teil des Friedhofs Hamburg-Öjendorf führt, ganz hinten, zum neuen Teil, dort, wo ein paar Bauarbeiter an einem Bagger lehnen. Dann bleiben die Frauen stehen, und die Männer gehen mit dem Sarg bis ans Grab, das ausgeschlagen ist mit Brettern. Ein rechteckiges Loch in der Erde. Oben heller Sand.
Das ist der Endpunkt der Geschichte. Ein erstochenes Mädchen in einem Grab. Morsal Obeidi, 16 Jahre alt. Geboren in Afghanistan. Gestorben vor ein paar Tagen in Hamburg, auf einem Parkplatz.
Zwischen Geburt und Tod versuchte Morsal Obeidi ein Leben zu führen, wie sie es für richtig hielt. So, wie die anderen Mädchen auf der Schule. Sie versuchte vielleicht genau das, was Politiker und Sozialarbeiter ständig fordern, nämlich sich zu integrieren.
Ihre Eltern waren dabei ein Problem, die Familie. Ihr Bruder vor allem, Ahmad, der älteste. Zum Schluss wurde Morsal Obeidi zerrieben, von einem Leben in zwei Welten, vom täglichen Kampf darum, so sein zu dürfen, wie sie es wollte.
Am Abend des 15. Mai, einem Donnerstag, traf sich Morsal mit Mohammed, ihrem Cousin. Sie saßen in einem McDonald's-Restaurant. Morsal war seit ein paar Monaten wieder in der Stadt, nach einer längeren Zeit bei Verwandten in Afghanistan. Es war Frühling in Hamburg. Sie aßen, und Mohammed hatte einen Plan, den er Morsal nicht verriet. Der Plan schien harmlos. Mohammed sagt später, Ahmad, Morsals Bruder, habe ihn gebeten, die Schwester an den S-Bahnhof Berliner Tor zu führen. »Er sagte zu mir: Du triffst dich doch heute mit Morsal. Danach kommt ihr am Berliner Tor vorbei. Du sagst ihr einfach nichts. Ich will nur mit ihr reden.«
Reden klang nicht nach einem Problem.
Kurz nach 23 Uhr kamen Morsal und Mohammed am Bahnhof an. Sie gingen um die Ecke zu einem kleinen Parkplatz, direkt an einem Wohnhaus. Sie setzten sich hin, rauchten. Um 23.20 Uhr tauchte Ahmad aus der Dunkelheit auf. Morsal erstarrte, als sie ihn erkannte. Ahmad ging auf sie zu. Dann stieß er wortlos mit einem Messer auf sie ein. Ein paar Stiche. »Ich schätze, er hatte vorher was genommen. Drogen. Oder hatte was getrunken. Ich wollte ihn zurückhalten. Aber er schubste mich weg«, so sagt es Mohammed.
Ahmad Obeidi ist 23 Jahre alt, ein kräftiger, sportlicher Typ. Morsal versuchte wegzulaufen, stolperte, schlug hin. Ahmad war über ihr, stach weiter auf sie ein. 5 Stiche, 10 Stiche. Er sagte nichts dabei. Nur der rechte Arm arbeitete. Wie im Rausch. Später sollte die Polizei über 20 Stiche zählen. So heftig ausgeführt, dass Ahmad später einen Verband am rechten Unterarm trug.
Morsal schrie, die Leute im Wohnhaus wurden wach. Passanten riefen die Polizei. Ahmad flüchtete, zur nahen U-Bahn, Mohammed folgte ihm. Dann saßen sie sich schweigend im Zug gegenüber. Der Täter und der Lockvogel.
Morsal starb.
Mohammed irrte kurze Zeit durch die Nacht, dann meldete er sich bei der Polizei, sagte: Ahmad war's. Er hat sie umgebracht. Auf dem Polizeirevier verhörten sie Mohammed sechs Stunden lang.
Am 16. Mai gegen Mittag, rund zwölf Stunden nach der Tat, standen Polizeibeamte an der Wohnungstür Ahmad Obeidis. Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Er gestand die Tat. Es schien den Polizisten, als habe Ahmad, der Schwesternmörder, auf sie gewartet.
In den nächsten Tagen ist von einem »Ehrenmord« die Rede. Ein Mord um der Ehre willen? Kann es so etwas überhaupt geben? Verliert nicht derjenige alle Ehre, der eine Wehrlose meuchelt, die eigene Schwester, sieben Jahre jünger, ein Kind fast noch?
Sicher, es hat Probleme gegeben in der Familie. Aber es gab einen Unterschied: Morsal wollte nur frei sein, Ahmad dagegen war kriminell. Ihm blieb Deutschland immer fremd. Er taumelte durch sein Leben, haltlos, ein Versager. Er tötete seine Schwester, der er vorwarf, sie sei schon viel zu sehr angekommen im Westen. Er warf ihr die offenen Haare vor, die Schminke, die kurzen Röcke.
Wenn man Morsals Leben rekonstruiert, dann erfährt man etwas über die unterschiedlichen Wege, sich einzufügen. Irgendwie anzukommen in Deutschland. Man spürt die verschiedenen Anpassungsgeschwindigkeiten. Morsal war immer einen Schritt voraus. Ihr Bruder Ahmad immer hinterher.
Morsal hatte einen deutschen Pass, genauso wie ihr Bruder und der Rest der Familie. Ghulam-Mohammed Obeidi war als Erster nach Deutschland gekommen. Im Jahr 1992 - damals war Helmut Kohl noch Kanzler. Der Vater war knapp 30 Jahre alt, ein gutaussehender junger Mann, ein Pilot. In der Sowjetunion war er zum Kampfpiloten ausgebildet worden, er steuerte die legendäre MiG-21, einen Düsenjäger, zweimal so schnell wie der Schall. Obeidi flog Kampfeinsätze gegen die religiösen Mudschahidin, er war Mitglied der kommunistischen Partei, deren Herrschaft bald zu Ende ging. Die Mudschahidin zogen in Kabul ein. Obeidi flüchtete. In Hamburg lebten bereits viele Afghanen, es schien ein guter Ort, um neu anzufangen. Hier war man nicht allein.
Rund 20 000 Menschen afghanischer Herkunft wohnen heute in Hamburg - mehr als in jeder anderen europäischen Stadt. Fast 7000 haben einen deutschen Pass. Dass sie bis zum Mord an Morsal selten als Volksgruppe wahrgenommen wurden, liegt nicht zuletzt daran, dass sie schon in der Heimat mehr trennte, als sie in der Fremde einen kann.
Als die Kommunisten 1978 an die Macht kamen, waren es zuerst die Anhänger des Königs, die das Land verließen. Ab 1989 flohen dann die Kommunisten vor den siegreichen Mudschahidin. Deren Anhänger suchten ab 1996, nach der Niederlage gegen die Taliban, den Weg ins Ausland. Jede Gruppe floh also vor der, die ihr später ins Exil folgen sollte.
In Deutschland angekommen, gab es wenig Gemeinsamkeiten. Die alten Feinde wohnten jetzt nebeneinander, in derselben Stadt. Man besann sich auf das höchste Gut, über alle ideologischen Grenzen hinweg: die Familie.
Die Familie war der Fluchtpunkt und auch das, was es jetzt zu verteidigen galt. Sie durfte nicht auseinanderfallen in dieser neuen, fremden Welt.
Der Konformitätsdruck ist hoch. Jeder soll die Regeln beachten. Morsal Obeidi wurde auch das zum Verhängnis. Der Vater holte die Familie 1994 nach Deutschland. Ahmad war knapp zehn Jahre alt, Morsal erst drei. Der Vater konnte mit seiner Pilotenausbildung in der neuen Heimat nichts mehr anfangen. Niemand brauchte in Deutschland einen afghanischen Elitesoldaten. Der Pilot wurde Busfahrer. Die deutsche Sprache erlernte er nie richtig. Alle schienen ihn hier zu überholen - sogar seine eigene Tochter.
Obeidi eröffnete einen Handel für gebrauchte Autobusse im Stadtteil Rothenburgsort. Auf dem Hof der Obeidi-Auto-Export stehen noch drei heruntergekommene Busse und ein alter Mazda. Ahmad, der Messerstecher, war hier der Geschäftsführer. Ein Händler, der kaum etwas hat, was er verkaufen könnte.
Die Familie wohnte im selben Stadtteil, in einer anderen Straße. Keine gute Gegend, aber kein Brennpunkt, in einem fünfstöckigen Neubau, gegenüber verläuft die Autobahn.
Obeidis Familie wuchs. Er hatte bald eine Frau und fünf Kinder. Vielleicht hatte er draußen in der Welt keinen Erfolg, aber zu Hause war er immer noch das Oberhaupt. Ein Mann. Daraus wuchs sein ganzer Stolz. Niemand sollte sich beklagen über seine Familie. Niemand aus der afghanischen Gemeinschaft sollte sagen, seine Kinder brächten Schande. Aber es sah ganz danach aus. Ahmad, der Älteste, wurde kriminell. Morsal, die hübsche Tochter, wurde zu deutsch. Die Polizei führte Ahmad bald als Intensivtäter. Morsal flüchtete immer wieder zum Kinder- und Jugendnotdienst vor den Schlägen des Vaters und des Bruders.
In dieser neuen Welt sind die stolzen Männer die ersten Verlierer. Verlorene Existenzen, die sich nur noch auf ihr Mannsein berufen können. Auf Kraft, Muskeln. Die sich an alte Begriffe von Ehre klammern. Weil jeder Verlierer wenigstens Ehre braucht.
Morsal besuchte die Schule Ernst-Henning-Straße, eine Haupt- und Realschule in Hamburg-Bergedorf mit Schülern aus 18 Nationen. Hier in der Gegend traf sie sich auch nachmittags öfter mit Freunden. Am Rande einer Fußgängerzone. Kein besonders schöner Platz, aber hier hatte man seine Ruhe, die Familie war weit genug weg. Man konnte abhängen, rauchen, Musik hören, auch mal Alkohol trinken. Morsal mochte HipHop und Afghan-Pop. Sie war 16, und die Jungs fanden sie nicht uninteressant.
»Sie war sprachlich gewandt und temperamentvoll«, sagt Helmut Becker, der stellvertretende Schulleiter. »Sie hat sich nie gescheut zu widersprechen.« Morsal machte mit bei einem Projekt, bei dem Schüler andere Schüler erziehen sollen. Sie erhielt ein »Streitschlichter-Zertifikat«, das sie als Konfliktlöserin auswies. Es gibt einen Haufen Akten über Morsal Obeidi, gefüllt mit dürren Sätzen von all den Hamburger Behörden, die über Jahre mit ihr zu tun hatten - Jugendamt, Schulbehörde, Polizei. Morsal, das sagen die Akten, war keine besonders gute Schülerin. Im Januar 2007 teilte ihr Schulleiterin Dorit Ehler mit, dass sie in diesem Schuljahr unmöglich den Hauptschulabschluss schaffen könne. Sie kündigte an, Morsal zurückzustufen. Die Eltern wurden informiert, vielleicht ließe sich ein Weg finden. Aber sie hatten sich längst entschieden - und nahmen Morsal von der Schule.
Anders als ihre ältere Schwester war Morsal widerspenstig. Sie war 14, als sie begann, den Anweisungen des Vaters und der Mutter nicht mehr bedingungslos nachzukommen. Sie wollte nicht nach den alten afghanischen Regeln leben, die ihr in Hamburg sinnlos erschienen. Sie stritten um ihr Äußeres. Um ihre offenen Haare, die Schminke, die engen Jeans, Zigaretten, Alkohol. Sie stritten um ihre Freunde und Bekannten. Es ging um das Ansehen der Familie, das Einzige, was Ghulam-Mohammed Obeidi, ehemaliger Kampfpilot, noch zu verlieren hatte.
Der Vater, so die Polizei, habe zugeschlagen. Ahmad, der Bruder, ebenso. Sie verloren die Kontrolle. Über Morsal. Und über sich selbst. »Du bringst der Familie Schande«, sagten sie.
Morsal flüchtete immer wieder.
Mit 14 Jahren wurde sie Dauergast in Hilfseinrichtungen, insbesondere beim Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) in der Hamburger Feuerbergstraße. Ein roter Klinkerbau, drei Stockwerke, kein Ort, wo man hingeht, wenn man nicht wirklich muss. Es gab hier nebeneinanderliegende Einzelzimmer. Mit Bett, Spiegel, Waschbecken. In den Vermerken ähneln sich die Abläufe: »Aufnahme im KJND« und »Morsal verlässt die Einrichtung« sind zwei häufig verwendete Sätze.
Die größte Angst hatte Morsal vor ihrem Bruder Ahmad. Während sie in Deutschland heimisch wurde, verlor er die Balance zwischen alter und neuer Welt. Die Schule brach er ohne Abschluss ab. Sein Deutsch ist schlecht, er trank, mit 13 fiel er der Polizei zum ersten Mal auf. Seitdem ist Ahmad rund 30-mal strafrechtlich in Erscheinung getreten. Körperverletzung, Bedrohung, Diebstahl.
Am 20. Januar 2007 etwa setzte er sich morgens, im Suff, in sein Auto. An einer Ampel ging er auf vier Männer los, einen schlug er mit einem Schlagstock zusammen, einen anderen stach er mit dem Messer in den Oberschenkel. Als Polizisten eingriffen, stand er ihnen gegenüber, eine Flasche mit abgebrochenem Hals in der Hand.
In den Polizeiakten sind auch einige Angriffe auf Morsal vermerkt. Die meisten aber blieben, mangels Anzeige, unbemerkt. Laut Polizeiakten schlug Ahmad am 1. November 2006 seine Schwester zusammen. Die ältere Schwester habe der am Boden liegenden Morsal dann noch das Gesicht zerkratzt. Am 8. November 2006 gab es wieder Schläge. Ahmad habe mit einem Messer gedroht, aber nicht zugestoßen. Er brüllte Morsal an, die Ehre der Familie nicht zu verletzen. Morsal zeigte ihn an, sie wird dem Kinder- und Jugendnotdienst übergeben. Am 19. Januar 2007 habe Ahmad sie im Büro des Autohandels zusammengeschlagen. Seine Schwester kleide sich wie eine verdammte Schlampe, sagte Ahmad den Polizisten.
Womöglich ahnte Ahmad bereits, dass er es nicht mehr schafft. Sein Leben war verpfuscht. Aber er habe Morsal geliebt, sagt eine Verwandte. In den Akten der Jugendhilfe ist von einem »sehr ambivalenten Verhältnis« die Rede. Morsal fürchtete Ahmad - aber er war auch ein Fluchtpunkt. Manchmal übernachtete sie bei ihm in der Wohnung. Beide einte die Angst vor dem Vater. Einer KJND-Mitarbeiterin vertraute Morsal an, dass »sie sich ihrem Bruder am nächsten fühle, obwohl sie auch viel Streit mit ihm habe«.
Anfang März 2007 brachte die Familie Morsal nach Afghanistan, zu Verwandten nach Masar-i-Scharif, oben im Norden. Sie sollte hier den Koran studieren, sich mit Gebeten vertraut machen. Sie sollte Deutschland abstreifen, all die Einflüsse, das angeblich unwürdige Leben. Die Reise war als Urlaub angekündigt. Die Eltern fuhren bald zurück. Morsal aber blieb fast neun Monate - zur Umerziehung.
In Afghanistan wohnte sie bei ihrem Cousin Jussuf Obeidi. Ein stattlicher Mann, Mitte fünfzig. Morsal sollte das Tschemak erleben. Das Erwachen als Frau. Sie besuchte eine Koranschule, ein Notizbuch füllte sie mit heiligen Suren, die sie lautmalerisch in deutschen Buchstaben niederschrieb. »Morsal war hier, weil sie es wollte«, behauptet der Cousin.
Die Obeidis sind keine auffallend konservative Familie. Aber es gibt Werte, und dazu gehört, den Besitz der Familie zu verteidigen: Zar - das Gold. Zamin - das Land. Zan - die Frau. Sie sind unverrückbar das Eigentum des Mannes.
Im Januar dieses Jahres durfte Morsal zurück nach Hamburg. Vor der Polizei sagte sie später aus, sie sei nach Afghanistan gebracht worden, um dort zu heiraten. Sie konnte nach Deutschland zurück, als sie versprach, sich der Familie unterzuordnen.
Es ist die Aussage eines 16-jährigen Mädchens. Der Vater möchte dazu nichts sagen. Er steht an der Wohnungstür in Rothenburgsort, ein blasser, hagerer Mann.
Eine Freundin wird später behaupten, Morsal habe in Afghanistan ein Kind zur Welt gebracht. Die Polizei aber sagt, sie habe über eine Geburt keine Erkenntnisse. Sieben Wochen vor Morsals Tod spitzte sich die Lage zu. Die Leute vom Jugendnotdienst versuchten, Morsal aus der elterlichen Wohnung zu holen. Am 11. April stimmten Morsal und auch ihre Eltern einer Unterbringung außerhalb Hamburgs zu. Sie sollte in ein Heim bei Flensburg. Für Morsal sei »Hamburg ein in jeder Hinsicht gefährlicher Ort gewesen«, heißt es in den Akten des Jugendamts.
Am 25. April entschloss sich Morsal, das Flensburger Heim zu verlassen. Sie »will wieder in der Familie leben«, heißt es. »Allerdings nur dann, wenn die Eltern das täten, was sie wolle«, wird angefügt. Das Jugendamt hält Rücksprache mit der Familie. Der Vater sagt, dass er Morsal wieder aufnehmen würde. Allerdings »müsse sie sich an die Vorgaben der Familie halten«.
Der Vater hoffte auf eine neue Morsal.
Morsal auf einen neuen Vater.
Sie wurden beide enttäuscht.
Morsal blieb über Nacht fort. Als sie am 11. Mai nach dreitägiger Abwesenheit zu den Eltern zurückkehrte, so die Erkenntnisse der Polizei, habe der Vater sofort auf sie eingeschlagen. Morsal flüchtete in ihr Zimmer. Mit verknoteten Bettlaken seilte sie sich aus dem Fenster ab. Unten habe ihr 13-jähriger Bruder sie gewürgt und geschlagen, ihr Schneidezahn brach ab. Morsal landete wieder beim Jugendnotdienst.
Dort versuchte man, sie zu überzeugen, dauerhaft in dem Flensburger Heim zu bleiben. »Es soll ihr kein Ausweg gelassen
werden, als sich wieder in die Mädcheneinrichtung zu begeben«, so heißt es in der Akte des Jugendamts. Doch Morsal lehnte ab - und wurde entlassen.
Nach Hause ging sie nicht. Die Eltern erstatteten Vermisstenanzeige. Morsal sei in einer Wohnung in Hamburg-Billstedt, hörten sie von einer Freundin.
Die Obeidis fuhren dort hin, es kam wieder zum Streit. Der Vater habe die Tochter geschlagen, schlimm. »Es endet mit einem Polizeieinsatz«, heißt es in den Akten des Jugendamts. Wieder kam der Jugendnotdienst.
Vielleicht fasste Ahmad, der Bruder, an diesem Tag seinen tödlichen Plan. Am Abend des 15. Mai machte er sich auf den Weg zum S-Bahnhof Berliner Tor. Dabei hätte er eigentlich im Gefängnis sein müssen: Im Oktober 2007 war Ahmad zu einem Jahr und fünf Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Am 2. Mai 2008 wurde ihm die Ladung zum Haftantritt zugestellt. Am 9. Mai aber beantragte sein Anwalt Aufschub des Haftantritts. Am 15. Mai wurde der Antrag abgelehnt.
Zu spät für Morsal Obeidi.
In dieser Nacht traf sie auf Ahmad, auf dem kleinen Parkplatz gegenüber den Bahngleisen. Zwei Geschwister, die nicht mehr genau wussten, wo sie eigentlich hingehörten.
Auf dem Betonboden vor der Garage blieben Morsals Blutspuren zurück, die Tage später nur noch dunkle Flecken sind, schwarz, als wären sie Motoröl.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH, PER HINRICHS,
SUSANNE KOELBL, GUNTHER LATSCH, SVEN RÖBEL, ANDREAS ULRICH
* Am vergangenen Donnerstag auf dem Friedhof Hamburg-Öjendorf.