16.02.2009

EXTREMISMUSZur Rechten Gottes

Die Grenzen zwischen katholischen Eiferern und politischen Rechten sind fließend. Gemeinsam träumen Fundamentalisten von einer „Gegenrevolution“. Die Kirche sieht bisher weg.
Der Gastgeber war durchaus angetan von dem Mann, den ein Bekannter mitgebracht hatte. David Irving fand Richard Williamson auf Anhieb sympathisch: "sehr englisch, ausgesprochen intelligent".
Etwa 70 Gäste hatten sich Mitte Oktober vergangenen Jahres zu einer Gartenparty in Windsor, unweit des Schlosses der englischen Königin, im 400 Jahre alten Landhaus des rechtsradikalen Historikers eingefunden. Irving war sich mit dem Gottesmann sofort einig, dass man die Messe am liebsten auf Lateinisch höre.
Irving, der wegen "nationalsozialistischer Wiederbetätigung" in Österreich 13 Monate im Gefängnis saß, ist dieser Tage voll des Mitgefühls für den Bischof der ultrakonservativen Piusbruderschaft, der in Interviews den Holocaust leugnet und damit die katholische Kirche und den Papst in eine schwere Krise stürzte. "Der arme Mann", sagt Irving, "wird jetzt für seinen Glauben gekreuzigt."
Bei so viel Mitleid war es ein selbstverständlicher Freundschaftsdienst, dass Irving das Foto, das den Bischof mit Sektglas in der Hand auf der Party zeigt, sofort von seiner Website nahm. Die Verbindung zwischen dem Kirchenmann und dem Historiker, die beide die Existenz von Gaskammern in Auschwitz angezweifelt haben, sollte nicht bekannt werden.
Die Vertreter der politischen und der religiösen Rechten pflegen ihre Kontakte gern abseits der Öffentlichkeit. Stärker noch als im anglikanischen England schmieden Rechtsextreme und katholische Eiferer in Deutschland in einer religiös-reaktionären Parallelwelt Pläne für eine umfassende "Gegenrevolution".
So vertonte die rechte Gothicband "Von Thronstahl" eine Predigt des hessischen Piusbruders und Priesters Hans Milch. "Es gibt kein finsteres Mittelalter, aber es gibt sehr wohl das geistesfinstere zwanzigste Jahrhundert", wettert Bruder Milch im Stück "Pontifex solis" gegen die Moderne. Zu düsteren Gitarrenklängen heißt es: "Wehe uns, wehe dir, wehe mir, wenn dich, wenn mich die Welt nicht hasst."
Die deutschen Bischöfe der katholischen Kirche haben die unheilige schwarz-bräunliche Allianz bislang geflissentlich ignoriert. Alles andere werte sie nur unnötig auf, meinen sie. Doch kritische Katholiken zweifeln angesichts der Untätigkeit der Kirchenführung am Willen zur freiwilligen Selbstkontrolle und fordern den Einsatz von Spionen. "Wir stellen uns die dringende Frage, ob der Verfassungsschutz diese Bruderschaft genauer beobachten müsse", erklärten die Laien des Diözesankomitees im Erzbistum Paderborn.
Solche Observationen könnten sich zu einer größeren Operation auswachsen, denn die katholische rechte Szene hat sich über die Jahre zu einer schillernden Subkultur entwickelt. Da finden sich die Sedisvakantisten und die Petrusbruderschaft, beides Abspaltungen der Piusbruderschaft, das Engelwerk oder Opus Angelorum, die Katholische Pfadfinderschaft Europas, die Legionäre Christi oder der Orden Servi Jesu et Mariae.
Die Eiferer zur Rechten Gottes kommunizieren vorzugsweise über die Internet-Plattform "Kreuz.net - katholische Nachrichten". Als Betreiber fungiert ein "Sodalicium", eine "Kameradschaft für Religion und Information". Der Versuch der Strafverfolgung scheiterte bisher immer daran, dass die Server vermutlich in Kalifornien stehen. Auf Kreuz.net agitieren Abtreibungsgegner des Engelwerks, hetzen Homophobe gegen Schwule als "Sodomisten", und der Holocaust wird als "eine Erfindung jüdischer Kreise in den USA" entlarvt. Die Überschriften des vielgenutzten "Nachrichtenportals" sind eindeutig: "Schlimmer als Neger" oder "Den Holocaust hat es nie gegeben".
Im fahrlässigen Umgang mit der kirchlichen Rechten hat sich besonders der Kölner Kardinal Joachim Meisner hervorgetan. Der Zentralrat der Juden hatte ihn und die anderen deutschen Bischöfe aufgefordert, sich von dem antisemitischen vorweihnachtlichen Rundschreiben des deutschen Pius-Chefs Franz Schmidberger deutlich zu distanzieren. Doch Meisner antwortete nicht dem Zentralrat, sondern dem Piusbruder. Und zwar mit einem "freundlichwohlwollenden Brief" ohne Kritik am Antisemitismus, wie sich Schmidberger freute.
Meisners Erzbistum im Westen der Republik ist zum Sammelbecken rechtsgläubiger Katholiken geworden, von Anhängern des Opus Dei bis hin zu den Legionären Christi. Dem emeritierten Weihbischof Max Ziegelbauer erlaubte der Kardinal, die lateinische Messe im alten Ritus in der Kölner St.-Kunibert-Kirche zu zelebrieren. Dabei sprachen die Gläubigen antisemitische Gebete gegen "die verworfene Judenschar". Ein Kölner Pfarrer war "erschrocken über etliche kahlgeschorene Mitbeter in den Kirchbänken".
Meisner und andere deutsche Bischöfe stellen auch Priestern aus der Petrusbruderschaft Kirchen in ihren Bistümern zur Verfügung. Dort zelebrieren diese mit Erlaubnis der römisch-katholischen Kirche ihre Messen nach dem Werk "Das vollständige römische Messbuch" in der Fassung von 1962 - antisemitische Passagen inklusive. Gebetet wird "für die Bekehrung der Juden", wegen der angeblichen
"Verblendung jenes Volkes". In den Karfreitagsgebeten, die von Meisner toleriert werden, heißt es über die Juden: "Gott möge den Schleier von ihren Herzen nehmen. Mögen sie das Licht Deiner Wahrheit erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden."
Wer so betet, versteht sich offenbar gut mit weltlichen Judengegnern. Im Juni vergangenen Jahres hatte die Piusbruderschaft in Stuttgart, dem Sitz ihrer Deutschland-Zentrale, den Rechtsextremisten und NPD-Dauerreferenten Richard Melisch zu einem Vortrag in das Priorat St. Athana-sius gebeten. Kontakte dieser Art sind nicht auf Deutschland beschränkt. Französische Piusbrüder begrüßten bei einer Dankesmesse für den Pius-Gründer Marcel Lefebvre die Vorstandsriege des rechtsextremen Front National.
Bereits 1994 formierte sich in Stuttgart nach einem Auftritt des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider bei der örtlichen FDP ein "Cannstatter Kreis". Die rechte Truppe avancierte rasch zum Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes, der ihn als "Plattform" einstufte, "um sich im rechtsextremistischen Lager über alle Grenzen hinweg zusammenzuschließen".
Aus den Reihen der Piusbrüder stellte sich der damalige Distriktobere Markus Heggenberger der Gruppe als Referent zur Verfügung. Den Schulterschluss mit der neuen Rechten demonstrierte der Katholik - wie andere Piusbrüder auch - mit einem Interview in der "Jungen Freiheit".
Niklaus Pfluger etwa, der Mann, der vor gut einer Woche nach Argentinien zu Williamson reiste, um den Holocaust-Leugner im Auftrag der Pius-Oberen zum Widerruf zu bewegen, ist regelmäßig in dem Zentralorgan der Neuen Rechten vertreten. Die rechte Hand des Pius-Welt-Chefs Bernard Fellay schrieb dort im Juni 2007 einen programmatischen Aufsatz. Der "Grund-Impetus des Konservativismus" sei "die Ablehnung der Moderne".
Pfluger warnte vor der "demografischen Katastrophe", die er kommen sehe, "die islamische Übernahme der westeuropäischen Ballungsräume", und beschwört einen "heraufziehenden kulturellen Abwehrkampf gegen den Islam auch in unseren Städten". Konservativismus heute sei deshalb "politische Theologie", mit der man "die linke Dominanz" brechen müsse. "Die konservative Gegenrevolution" sei "ohne die Wiederentdeckung der Religion als öffentliche Angelegenheit undenkbar" und müsse "sich geistig auf die katholische Kirche" stützen.
Die ideologische Schnittmenge zwischen fundamentalistischen Katholiken und der Neuen Rechten ist beachtlich. Aus Endzeitstimmung, Paranoia, Verschwörungstheorien, Ablehnung der Aufklärung und der Moderne bauen sich viele am rechten Rand von Kirche und Gesellschaft ein extremistisches, von Hass durchtränktes Weltbild zusammen. Ihre Protagonisten gefallen sich als verfemte Außenseiter, die wie Märtyrer für ihren Glauben und ihre Überzeugungen einstehen.
Während Vordenker Pfluger die Richtung vorgibt, marschieren die Jünger der Katholischen Pfadfinderschaft Europas durch die Straßen. Sie halten Mahnwachen vor Abtreibungskliniken und organisieren "Sühneprozessionen" gegen "blasphemische" Kinofilme. So protestierten im Mai 2008 in München 1200 Demonstranten gegen "Das Gespenst" von Herbert Achternbusch. Dieser mit öffentlichen Mitteln geförderte Film sei "eine nicht zu überbietende Gotteslästerung".
Welche Art von Kultur Katholiken am rechten Rand ins Weltbild passt, demonstriert die Band Von Thronstahl. Sänger Josef Klumb, hat sich nach Gesprächen mit dem charismatischen Piusbruder Milch dem Katholizismus zugewendet. Der Musiker versucht nun, den 1987 verstorbenen "hochwürdigsten Freund" unsterblich zu machen.
"Über das Katholische hinaus", heißt es auf der Thronstahl-Website unter "Ecclesia Militans", genieße der Priester großen Zuspruch in "unserer wehrhaften konservativ wie avantgardistischen Subkultur" - gemeint ist die Szene der Rechtsextremisten.
Das bestehende System, so Milch in seinem Song, sei zu verachten: "Zeit, Mode, Mehrheit, Meinung, Masse, lauter Varianten und Ausdrucksformen des Nichts!"
MICHAEL SONTHEIMER, PETER WENSIERSKI
* Oben: in Schirling, Landkreis Regensburg; unten: bei einer privaten Gartenparty von David Irving am 19. Oktober 2008 im englischen Windsor.
Von Michael Sontheimer und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 8/2009
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